16.05.2010  Beitrag drucken

„Die mysteriöse Macht des Kapitals wird den Juden zugeschrieben“

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Das nachfolgende Interview von Martin Thomas mit Moishe Postone erschien zuerst in »Solidarity« 3/166 vom 4. Februar 2010, dem Organ der britischen Organisation Alliance for Workers’ Liberty und wurde auf deutsch zunächst in der Jungle World veröffentlicht.

Für viele Linke scheint heute Antisemitismus nur eine andere Form von Rassismus zu sein, unerwünscht, aber vorerst ziemlich marginalisiert, und nur deshalb ein viel diskutiertes Thema, weil die israelische Regierung den Vorwurf des Antisemitismus instrumentalisiert, um Kritik abzuwehren. Sie aber argumentieren, dass Antisemitismus sich von anderen Formen des Rassismus unterscheidet und auch heute nicht nebensächlich ist. Warum?

Es stimmt, dass die israelische Regierung den Antisemitismusvorwurf benutzt, um sich vor Kritik zu schützen. Doch das bedeutet nicht, dass Antisemitismus an und für sich kein ernstes Problem ist.

Auf welche Weise sich Antisemitismus von Rassismus unterscheidet und unterschieden werden sollte, hat mit der spezifischen Art von imaginärer Macht zu tun, die den Juden, dem Zionismus und Israel zugeschrieben wird und die den Kern des Antisemitismus bildet. Die Juden stellen in dieser Wahrnehmung eine ungeheuer mächtige, abstrakte und ungreifbare globale Macht dar, die die Welt beherrscht. Nichts dieser Vorstellung Ähnliches steht im Zentrum anderer Formen von Rassismus. Rassismus stellt, soweit ich das beurteilen kann, selten ein geschlossenes Welterklärungssystem bereit. Antisemitismus ist eine primitive Kritik der Welt, der kapitalistischen Moderne. Ich halte ihn gerade deshalb für besonders gefährlich für die Linke, weil Antisemitismus eine pseudo-emanzipatorische Dimension besitzt, die bei anderen Formen des Rassismus selten ist.

Inwieweit, denken Sie, hat Antisemitismus heute mit der Haltung zu Israel zu tun? Uns scheint, dass es im Verhältnis mancher Linker zu Israel antisemitische Implikationen gibt. Das ist jene linke Strömung, die nicht nur eine Kritik und Änderung der Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern anstrebt, sondern die Abschaffung Israels selbst und eine Welt, in der alle anderen Nationalstaaten existieren dürfen, nur nicht Israel. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, bedeutet, Jude zu sein – also irgendeine gemeinsame Identität mit anderen Juden, und so gewöhnlich auch mit den Juden Israels, zu empfinden –, »Zionist« zu sein, und das ist so abscheulich, als wäre man Rassist.

Hier muss einiges auseinandergehalten werden. Es gibt es eine fatale Konvergenz unterschied­licher historischer Strömungen in der gegenwärtigen Form des Antizionismus. Eine davon, deren Ursprünge nicht notwendigerweise antisemitisch sind, hat ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen innerhalb der jüdischen Intelligenz in Osteuropa am Beginn des 20. Jahrhunderts. Die meisten jüdischen Intellektuellen – einschließlich der säkularisierten Intellektuellen – empfanden eine Art von kollektiver Identität als wichtigen Bestandteil der jüdischen Erfahrung. Diese Identität wurde aufgrund des Zusammenbruchs früherer, imperialer Formen von Kollektivität – d.h. mit dem Zerfall der alten Imperien der Habsburger, der Romanows und der Preußen – zunehmend als nationale definiert. Die Juden Osteuropas sahen sich – im Gegensatz zu den Juden in Westeuropa – zumeist als Gemeinschaft, nicht einfach als Religion.

Es gab verschiedene Ausdrucksformen dieses jüdischen Nationalgefühls. Zionismus war eine davon. Es gab andere, wie die jüdischen Kulturautonomisten und den Bund, eine autonome sozialistische Bewegung jüdischer Arbeiter, die viel stärker war als andere Bewegungen und die sich von der russischen sozialdemokratischen Partei während der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts abgespalten hatte.

Andererseits gab es Juden, viele von ihnen Mitglieder kommunistischer Parteien, die jeden Ausdruck jüdischer Identität als vollkommen unvereinbar mit ihrer eigenen Vorstellung von dem ansahen, was ich als eine abstrakt aufklärerische Auffassung der Menschheit beschreiben würde. Zum Beispiel charakterisierte Trotzki den Bund in einer früheren Phase als »seekranke Zionisten«. Es ist bezeichnend, dass die Kritik des Zionismus hier nichts mit Palästina oder der Situation der Palästinenser zu tun hatte, da ja der Bund ganz auf Autonomie innerhalb des russischen Imperiums fokussiert war und den Zionismus ablehnte. Eher implizierte Trotzkis Gleichsetzung von Bund und Zionismus die Ablehnung jeglicher Form kollektiver jüdischer Selbstdefinition. Trotzki, denke ich, hat seine Meinung später geändert, aber eine solche Haltung war recht typisch. Kommunistische Organisationen tendierten dazu, jeden jüdischen Nationalismus entschieden abzulehnen, sei es kultureller Nationalismus, politischer Nationalismus oder Zionismus. Dies ist die eine Spielart des Antizionismus. Sie ist nicht notwendigerweise antisemitisch, lehnt aber kollektive jüdische Selbstdefinition im Namen eines abstrakten Universalismus ab. Allerdings ist diese Form des Antizionismus häufig inkonsequent – sie ist bereit, den meisten Völkern nationale Selbstbestimmung zuzugestehen, nicht aber den Juden. An diesem Punkt wird das, was sich als abstrakt allgemein präsentiert, ideologisch.

Außerdem ändert sich die Bedeutung eines solchen abstrakten Universalismus selbst mit dem historischen Kontext. Nach dem Holocaust und der Gründung des Staates Israel dient dieser abstrakte Universalismus dazu, die Geschichte der Juden in Europa zu verschleiern. Das erfüllt eine sehr nützliche, historisch »reinigende« Doppelfunktion: Die historisch von Europäern an Juden verübte Gewalt wird zum Verschwinden gebracht; gleichzeitig aber werden die Greuel des europäischen Kolonialismus den Juden zugeschrieben. In diesem Fall wird der abstrakte Universalismus, den viele Antizionisten zum Ausdruck bringen, zur Legitimationsideologie, die dazu beiträgt, eine Form der Amnesie hinsichtlich der langen Geschichte europäischer Handlungen, Vorschriften und Ideologien die Juden betreffend zu produzieren, während sie im wesentlichen diese Geschichte fortsetzt. Die Juden sind wieder einmal zum singulären Objekt europäischer Entrüstung geworden. Die Solidarität, welche die meisten Juden gegenüber anderen Juden – inklusive denen in Israel – empfinden, insbesondere nach dem Holocaust nur zu verständlich, wird verurteilt. Diese Form des Antizionismus ist zu einer der Grundlagen des Programms geworden, die tatsächlich existierende jüdische Selbstbestimmung abzuschaffen. Sie konvergiert mit manchen Formen des arabischen Nationalismus – jetzt als beispielhaft fortschrittlich kodiert.

Eine andere Spielart des linken Antizionismus – diesmal eine zutiefst antisemitische – wurde von der Sowjetunion eingeführt, insbesondere während der Schauprozesse in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Dies wurde besonders dramatisch während des Slánský-Prozesses, als die meisten Mitglieder der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei vor Gericht gestellt und dann gehängt wurden. Alle Anklagepunkte waren klassisch antisemitisch: Die Angeklagten seien wurzellos, kosmopolitisch und Teil einer globalen Verschwörung. Weil die Sowjetunion die Sprache des Antisemitismus offiziell nicht benutzen konnte, begann sie, das Wort »Zionist« zu verwenden, um das auszudrücken, was Antisemiten meinen, wenn sie von Juden reden. Diese tschechoslowakischen KP-Führer, die mit Zionismus nichts zu tun hatten – die meisten von ihnen waren Veteranen des spanischen Bürgerkriegs –, wurden als Zionisten ermordet.

Diese Strömung des antisemitischen Antizionismus wurde während des Kalten Kriegs in den Nahen Osten importiert, zum Teil durch die Geheimdienste von Ländern wie zum Beispiel der DDR. Es wurde eine Form des Antisemitismus in den Nahen Osten eingeführt, der für die Linke »legitim« schien und Antizionismus genannt wurde.

Seine Ursprünge hatten nichts zu tun mit der Opposition gegen israelische Siedlungen. Natürlich reagierte die arabische Bevölkerung Palästinas negativ auf die jüdische Einwanderung und leistete dagegen Widerstand. Das ist sehr verständlich. An und für sich ist das sicherlich nicht antisemitisch. Aber historisch sind diese Strömungen des Antizionismus ineinandergeflossen.

Was die dritte Strömung betrifft, gab es während der vergangenen etwa zehn Jahre eine Veränderung der Positionen in Hinblick auf die Existenz Israels, die in der palästinensischen Bewegung selbst begann. Jahrelang lehnten die meisten palästinensischen Organisationen es ab, die Existenz Israels anzuerkennen. 1988 jedoch beschloss die PLO, die Existenz Israels anzuerkennen. Die zweite Intifada, die im Jahr 2000 begann, unterschied sich politisch sehr von der ersten Intifada und bedingte eine Aufhebung dieses Entschlusses.

Ich halte das für einen fundamentalen politischen Fehler, und ich denke, es ist erstaunlich und erbärmlich, dass die Linke sich darin verfangen hat und nun zunehmend die Abschaffung Israels fordert. Allerdings gibt es heute im Nahen Osten grob geschätzt ebensoviele Juden wie Palästinenser. Jede Strategie, die sich auf Analogien zu Situationen wie in Algerien oder Südafrika stützt, wird einfach scheitern, aus demographischen ebenso wie aus politischen und historischen Gründen.

Wie kommt es, dass die Leute die gegenwärtige Situation nicht sehen, wie sie ist, und versuchen, eine Lösung für einen im wesentlichen nationalen Konflikt zu finden, die einen Spielraum für progressive Politik eröffnen könnte? Den Konflikt unter die Rubrik Kolonialismus zu subsumieren, bedeutet, die Lage zu verkennen. Anders als diejenigen, die progressive Politik auf nationalen Kampf reduzieren, denke ich, solange die Auseinandersetzung auf das Existenzrecht beziehungsweise die Existenzfrage Israels oder Palästinas fixiert bleibt, werden progressive Kämpfe unterminiert. Wer den Kampf gegen die Existenz Israels als progressiv betrachtet, verkennt etwas Reaktionäres als fortschrittlich.

Im vergangenen Jahrzehnt gab es eine konzertierte Kampagne mancher Palästinenser, die Existenz Israels wieder zur Disposition zu stellen, die von der Linken in den Westen getragen wurde. Unter anderem hat dies den Effekt, die Rechte in Israel zu stärken.

Zwischen 1967 und 2000 hatte die Linke in Is­rael immer argumentiert, dass das Ziel der Palästinenser Selbstbestimmung sei und dass die Vorstellung der Rechten, jene wollten Israel auslöschen, ein Phantasiegebilde sei. Unglücklicherweise erwies sich im Jahr 2000, dass es sich keineswegs um eine Phantasie handelte, was die Rechte in ihren Versuchen, das Entstehen eines palästinensischen Staates zu verhindern, ungeheuer gestärkt hat. Die israelische und die palästinensische Rechte stärken einander, und die Linke im Westen unterstützt, was ich als die palästinensische Rechte betrachte, die Ultranationalisten und Islamisten.

Die Vorstellung, dass außer den Juden jede andere Nation das Recht auf Selbstbestimmung haben sollte, geht auf die Sowjetunion zurück. Man muss nur Stalins Werk zur nationalen Frage lesen.

Die andere Merkwürdigkeit in der gegenwärtigen Haltung vieler Linker gegenüber Israel ist die projektive Vorstellung einer immensen und mysteriösen Macht Israels. So wird es zum Beispiel oft als selbstverständlich genommen, dass Israel die dominierende Macht im Nahen Osten sei, und oft wird behauptet, Israel verfüge über ungeheure Macht in den herrschenden Kreisen der USA und Großbritanniens.

Israel ist bei weitem nicht so mächtig, wie ihm nachgesagt wird. Und trotzdem gibt es Leute wie meine derzeitigen bzw. früheren Kollegen an der Universität Chicago, John Mearsheimer und Stephen Walt, die, nachhaltig unterstützt von manchen Kreisen in Großbritannien, behaupten, die amerikanische Politik im Nahen Osten werde mittels der jüdischen Lobby von Israel bestimmt. Sie erheben diese pauschale Beschuldigung, ohne irgendeinen ernsthaften Versuch zu unternehmen, die amerikanische Politik im Nahen Osten seit 1945 zu verstehen, die sicher nicht angemessen als von Israel vorangetrieben erklärt werden kann. So ignorieren sie zum Beispiel völlig die amerikanische Politik gegenüber dem Iran während der vergangenen 75 Jahre. Die wirklichen Säulen der amerikanischen Politik im Nahen Osten nach dem Zweiten Weltkrieg waren Saudi-Arabien und der Iran. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert, und die Amerikaner sind sich nicht sicher, wie sie damit umgehen und den Golf für ihre Zwecke sichern sollen. Trotzdem gibt es nun ein Buch dieser beiden Akademiker, die behaupten, die amerikanische Politik im Nahen Osten werde in erster Linie von der jüdischen Lobby vorangetrieben, ohne dass sie sich ernsthaft bemühen würden, die Großmachtpolitik im Nahen Osten im 20. Jahrhundert zu analysieren.

Ich habe anderswo dargelegt, dass eine solche Argumentation antisemitisch ist. Das hat nichts mit der persönliche Haltung der Beteiligten zu tun, aber den Juden eine solche enorme weltweite Macht zuzuschreiben (wie in diesem Fall als die Drahtzieher des gutmütigen, begriffsstutzigen Riesen Onkel Sam) ist typisch für modernes antisemitisches Denken.

Allgemeiner repräsentiert diese Ideologie, was ich eine fetischisierte Form des Antikapitalismus nennen würde. Das heißt, die mysteriöse Macht des Kapitals, die unfassbar und global ist und die Nationen, Regionen und das Leben der Menschen aufwühlt, wird den Juden zugeschrieben. Die abstrakte Herrschaft des Kapitalismus wird in den Juden personifiziert. Antisemitismus ist eine Revolte gegen das globale Kapital, das als die Herrschaft der Juden verkannt wird. Dieser Ansatz könnte auch dazu beitragen, die Ausbreitung des Antisemitismus im Nahen Osten während der vergangenen zwei Jahrzehnte zu erklären. Ich denke, es ist keine ausreichende Erklärung, lediglich auf das Leiden der Palästinenser zu verweisen. Ökonomisch erlebte der Nahe Osten während der letzten drei Jahrzehnte einen dramatischen Absturz. Nur das Afrika südlich der Sahara steht noch schlechter da. Und das fand statt, während andere Länder und Regionen, die man vor 50 Jahren noch der Dritten Welt zurechnete, sich schnell entwickelten. Ich denke, dass Antisemitismus im Nahen Osten nicht nur eine Folge des Israel-Palästina-Konflikts ist, sondern auch Ausdruck eines verstärkten allgemeinen Gefühls der Hilflosigkeit angesichts dieser globalen Entwicklung.

Vor einem Jahrhundert hat die deutsche Rechte die globale Herrschaft des Kapitals als diejenige der Juden und Großbritanniens betrachtet. Nun sieht die Linke sie als die Herrschaft Israels und der Vereinigten Staaten. Das Denkmuster ist dasselbe. Wir sehen uns jetzt einer Form des Antisemitismus gegenüber, der als progressiv und »antiimperialistisch« erscheint, was eine echte Gefahr für die Linke ist. Rassismus stellt selten eine solche Bedrohung dar. Die Linke muss darauf achten, nicht rassistisch zu werden, aber das ist keine andauernde Gefahr, weil Rassismus nicht die scheinbar emanzipatorische Dimension des Antisemitismus besitzt.

Die Identifikation der globalen kapitalistischen Macht mit den Juden und Großbritannien geht zurück auf die Zeit vor den Nazis, auf Teile der britischen Linken, die den Krieg mit den Buren in Südafrika als »jüdischen Krieg« verurteilten, und auf die populistische Bewegung in den USA am Ende des 19. Jahrhunderts.

Ja, und das ersteht jetzt in den Vereinigten Staaten wieder auf. Die sogenannten Tea Parties, die Wut der rechtsgerichteten Basis über die finanzielle Krise hat eindeutig antisemitische Untertöne.

Sie haben argumentiert, dass die UdSSR und ähnliche Systeme keine Formen der Emanzipation vom Kapitalismus waren, sondern staatszentrierte Formen des Kapitalismus. Daraus folgt, dass die allgemeine Haltung der Linken, sich – wenn auch manchmal sehr kritisch – auf die Seite der UdSSR gegen die USA zu schlagen, selbstzerstörerisch war. Sie haben Parallelen aufgezeigt zwischen jener Spielart des heutigen Antiimperialismus, die sich mit dem politischen Islam als Gegenkraft zu den USA verbündet, und dem Kalten Krieg. Was, denken Sie, sind die gemeinsamen Züge dieser beiden politischen Polarisierungen? Und was sind die Unterschiede?

Der Unterschied ist, dass die ältere Form des Antiamerikanismus mit der Unterstützung kommunistischer Revolutionen in Vietnam, Kuba etc. verbunden war. Was immer man damals davon gehalten haben mag, oder wie man es im Rückblick betrachten will, das eigene Selbstverständnis war, dass diese Haltung ein emanzipatorisches Projekt beförderte. Die Vereinigten Staaten wurden nicht einfach nur deshalb scharf kritisiert, weil sie eben die Vereinigten Staaten und eine Großmacht waren, sondern auch, weil sie die Entstehung einer fortschrittlicheren Gesellschaftsordnung verhinderten. Das war das Selbstverständnis vieler, die solidarisch mit Vietnam oder Kuba waren.

Heute bezweifle ich, dass selbst die Menschen, die proklamieren »Wir sind alle Hizbollah« oder »Wir sind alle Hamas«, sagen würden, dass diese Bewegungen eine emanzipatorische Gesellschaftsordnung repräsentieren. Im besten Fall stellt das eine orientalistische Verdinglichung der Araber beziehungsweise Muslime als »Andere« dar, wobei der »Andere« diesmal affirmiert wird. Dies ist noch ein weiteres Indiz für die historische Hilflosigkeit der Linken, für die Unfähigkeit, eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie eine postkapitalistische Zukunft aussehen könnte. In Ermangelung jeglicher Vision einer post-kapitalistischen Zukunft haben viele jede Vorstellung von grundlegender Veränderung durch ein verdinglichtes Konzept von »Widerstand » ersetzt. Alles, was den Vereinigten Staaten »widersteht«, wird als positiv gesehen. Ich betrachte dies als eine äußerst fragwürdige Denkweise.

Sogar in der vorangehenden Periode – als Solidarität mit Vietnam, Kuba, etc. vorherrschten – hatte die Aufteilung der Welt in zwei Lager sehr negative Konsequenzen für die Linke, denke ich. Die Linke fand sich allzu häufig in der Position eines Spiegelbilds westlicher Nationalisten.

Viele Linke wurden zu Nationalisten der anderen Seite. Die meisten davon – es gab einige bedeutende Ausnahmen – hatten eine extrem apologetische Haltung zu dem, was in den kommunistischen Ländern geschah. Ihr kritischer Blick war stumpf. Statt eine Form des Internationalismus zu entwickeln, der alle existierenden Verhältnisse kritisch betrachtet hätte, wurden sie zu Unterstützern einer Seite in einer neuen Version des »Great Game«.

Das hatte katastrophale Folgen für das kritische Vermögen der Linken – und nicht nur im Falle der Kommunisten. Es ist absurd, dass Michel Foucault in den Iran ging und der Revolution der Mullahs progressive Dimensionen zubilligte.

Was das Lagerdenken so verführerisch machte, ist, dass Kommunisten im Westen häufig sehr fortschrittliche – oft auch sehr tapfere – Menschen waren, die für ihre Versuche, eine zumindest ihrer Meinung nach menschlichere und progressivere und vielleicht sogar sozialistische Gesellschaft zu schaffen, große Opfer brachten. Diese Leute wurden völlig instrumentalisiert; aber wegen der zwei Gesichter des Kommunismus war es für manche sehr schwer, das zu sehen. Jene Segmente der sozialdemokratischen Linken, die gegen diese Kommunisten opponierten und die Manipulation erkannten, wurden selbst zu Ideologen des Liberalismus des Kalten Krieges.

Ich denke, die Linke hätte sich auf keine dieser beiden Seiten stellen sollen. Aber ich denke auch, die Linke ist heute in einer noch schlechteren Lage.