04.12.2011  Beitrag drucken

Wert und Arbeit

Julian Bierwirth

Warum also ist es die Arbeit, die den Wert schaffen soll? Die hier verfochtene Antwort lautet: weil Wert keine Naturkonstante ist, sondern ein spezifisches gesellschaftliches Verhältnis ausdrückt.

Dieses gesellschaftliche Verhältnis ist die Folge der großen Transformation der traditionellen Sozialwesen in moderne Gesellschaften. Durch diese Veränderungen, die im wesentlichen mit der Entbettung der Individuen aus den traditionellen Sozialinstitutionen einhergehen, sind die Einzelnen nun als Einzelne ganz wortwörtlich auf sich selbst gestellt – und damit gegen alle anderen.

Zum eigenen Wohle, aber auch auf eigene Rechnung sind sie gezwungen, ihren Lebensunterhalt in Konkurrenz zu den Anderen zu verdienen. Als eine solche fernab aller Sozietät auf sich selbst zurückgeworfene Monade erhalten die Einzelnen ihr Leben dadurch, dass sie Dinge für andere tun: sie opfern ihre Zeit und produzieren Waren. Diese Arbeitsprodukte stellen sie dann – über den Markt – anderen zur Verfügung. Hier entscheidet sich, welche der vorab geleisteten Arbeiten gesellschaftliche Anerkennung erfahren und welche nicht.

Und weil es eben die Produkte ihrer Arbeit sind, für die die Menschen zuvor ihre Zeit verausgaben mussten, ist es eben auch die Arbeit – gemessen in der Zeit ihrer Verausgabung –, die hier den gesellschaftlichen Reichtum bildet. Nicht weil es in der Natur der Dinge läge, sondern weil die Menschen im Kapitalismus ein spezifisches gesellschaftliches Verhältnis eingehen, das sich dann im getrennten Tätigsein der abstrakten Individuen darstellt – die Arbeit. Dass auch Maschinen und Natur dazu beitragen, stofflichen Reichtum in die Welt zu setzen, soll hier gar nicht bestritten werden, nur gehen Maschinen und Natur eben keine gesellschaftlichen Verhältnisse miteinander ein. Das macht die Besonderheit der Arbeit aus – nicht universell, sondern hier im Kapitalismus.

erschienen in: Streifzüge 53 / Herbst 2011