10.12.2011  Beitrag drucken

Zwischen Kritik und Geschichtsphilosophie

Anmerkungen zu Heinz-Jürgen Voß‘ „Geschlecht. Wider die Natürlichkeit“

Julian Bierwirth

Nicht selten ist es so, das im Untertitel eines Buches das eigentliche Programm vorgegeben wird. So auch in diesem Fall: Natürlichkeit ist der Ausgangspunkt und der zentrale Gegenstand der Argumentation dieses Buches. Denn im Laufe der Jahrhunderte, so stellt Voß gleich zu Beginn des Buches fest, haben sich die Begründungsmuster für gesellschaftliche Herrschafts- und Unterdrückungspraktiken verändert. Während lange Zeit der Wille eines kaum je beweisbaren Gottes als Ursache für die spezifische soziale Stellung einzelner Menschen angegeben wurde, so stehen heute die Naturwissenschaften, allen voran die Biologie, hoch im Kurs der Legitimationsbeschaffung.

Egal ob Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, ob Menschen aus unterprivilegierten Klassen der Zugang zu höherer Bildung verwehrt wird oder Migrant*Innen jedwede Fähigkeit zum zivilisatorischen Miteinander abgesprochen wird: immer werde die biologische Konstitution der jeweiligen Menschen(-gruppen) als Ursache für soziale Ausgrenzung benutzt. Darum, so Voß, muss die wesentliche Anstrengung kritischer Wissenschaft und emanzipatorischen Streitens die Delegitimierung dieser vermeintlichen Natürlichkeit sein.

Um das zu erreichen, betreibt Voß eine Art „Invention of tradition“ („Erfindung einer Tradition“). Neben den hierarchischen und ausgrenzenden Natürlichkeitsdiskursen habe es auch immer Menschen gegeben, die die Natürlichkeit der jeweiligen sozialen „Kategorie“ in Frage gestellt haben. Und so präsentiert er in Bezug auf die Kategorie „Geschlecht“, die das eigentliche Thema das Buches bildet, eine lange Traditionslinie von Denker*Innen, die die biologische Natürlichkeit von Geschlecht, also die Annahme einer vorgesellschaftlichen Existenz von Männern und Frauen, schon immer in Frage gestellt hätten. Zu den Kronzeug*Innen zählen dabei neben der hier zu vermutenden Judith Butler auch Simone de Beauvoir, Karl Marx und Mary Wollstonecraft.

Dabei wird schon aus dem längeren, als Exkurs eingeschobenen Zitat der französischen Feministin Simone de Beauvoir deutlich, das hier wohl eher die Wunsch Mutter des Gedanken ist. Voß zitiert gleich zu Beginn des Buches eine längere Passage aus der Einleitung von de Beauvoirs‘ Das andere Geschlecht, in dem seiner Interpretation gemäß biologische Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt wird. Doch gerade aus dem Kontext des Zitates wird deutlich, dass es ihr weniger um biologische Geschlechtlichkeit im engeren Sinne, sondern vielmehr um soziale Bedeutungszuschreibungen im weiteren Sinne ging. Weniger das es „Männchen“ und „Weibchen“ gibt wird von ihr in Frage gestellt als vielmehr die damit verbundenen weitergehenden Zuschreibungen, die sich im Falle vermeintlich weiblicher Eigenschaften eben nicht aus „den Eierstöcken“ (alle Zitate von de Beauvoir) ableiten lassen.

Um der herrschenden dichotomen Betrachtung von Männlichkeit und Weiblichkeit etwas entgegenzusetzen, setzt Voß darauf, Biologie als Teil von Gesellschaftlichkeit prozesshaft zu denken. Solch ein Entwicklungsdenken, das bei ihm durchweg positiv besetzt ist, findet er bereits bei Hegel und Marx vor – und möchte es ob seiner Betonung von Veränderbarkeit als emanzipatorisches Element bewertet wissen. Die seit Jahrzehnten immer wieder nicht nur in der Wertkritik, sondern nicht zuletzt auch in queer-feministischen und postkolonialen Zusammenhängen (aber auch beispielsweise in der Neuen Marx Lektüre wie etwa bei dem von Voß positiv angeführten Michael Heinrich) angeführte Kritik an derartigen geschichtsphilosophischen Theorien gehörte hier zum gesellschaftskritischen Standard. Die fällt nun aber ungenannt unter den Tisch.

Unabhängig von den theoriepolitischen Problemen, in die sich Voß aufgrund der von ihm angestrebten geschichtsphilosophischen Erzählung und dem Versuch, eine bedeutsame Traditionslinie zu präsentieren, die gleichsam die reale Wirksamkeit von Ausbeutungs- und Subjektivierungspraxen zu verschleiern droht, hat das Buch durchaus einige Stärken. Dazu zählen die lesenswerten Passagen nur Gesellschaftlichkeit von Körpern – auch wenn sie mit seinem Versuch, marxistische Versatzstücke in die Theorie einzubauen eher schwer zugänglich und aus einer an Marx orientierten Perspektive kategorial fragwürdig daherkommen – oder zur Frage, ob die Fortpflanzung der menschlichen Spezies nicht als eine Art Gattungseigenschaft beschrieben werden könne. Hier entwickelt der Autor durchaus tragfähige Thesen und Argumente, die in der einen oder anderen Diskussion von Nutzen sein könnten.

Inwieweit die im Buch vorgenommene Darstellung biologischer Geschlechtertheorien von der Antike bis zur Gegenwart dem diskutierten Gegenstand entspricht, vermag die Autorin dieses Beitrags nicht einzuschätzen. Unklar bleibt hier, gerade auch im Anschluss an die problematische und gut ein Drittel des Buches einnehmende sozialwissenschaftliche Hinführung zu den im engeren Sinne naturwissenschaftlichen Geschlechtertheorien, inwieweit deren Darstellung nicht auch durch das an mehreren Stellen des Buches offensiv ausgeplauderte Darstellungsinteresse des Autors verzerrt wurde.

Heinz-Jürgen Voß
Geschlecht
Wider die Natürlichkeit
Stuttgart:Schmetterling Verlag