13.06.2012  Beitrag drucken

Wie fiktiv ist das Kapital?

Detlef Buchsbaum

aus: junge welt vom 7.6.2012

Zur ökonomischen Krise hat der Kulturbetrieb eine unüberschaubare Menge an Büchern ausgestoßen. Bei aller scheinbaren Vielfalt haben diese Bücher eine ideologische Zielsetzung gemein: Das systemimmanent Unbegreifbare, die Krise des Kapitals, mit der kapitalistischen Ideologie in Einklang zu bringen. Ob es nun gierige Banker, unfähige Manager, korrupte Politiker oder faule Ausländer sind; so ziemlich alles wird verantwortlich gemacht – nur nicht das Kapital.

In dieser Überproduktion von Sachbuchmüll gehen die wenigen lesenswerten Beiträge unter, die sich bemühen, die systemischen Ursachen offenzulegen, anstatt diese vermittels populistischer Bankerschelte und verkürzter Kapitalismuskritik zu verschleiern. Zu dieser seltenen Lektüre-kategorie zählt das Buch »Die große Entwertung«, das Ernst Lohoff und Norbert Trenkle im Unrast Verlag vorlegten. Als Mitglieder der Gruppe Krisis haben sie schon mit der Systemkrise des Kapitals beschäftigt, als deren Erwähnung von den meisten Linken noch müde belächelt und als Apokalyptik abgetan wurde.

Dabei gelingt es Lohoff/Trenkle im ersten Abschnitt ihrer rund 300 Seiten starken Monographie, auch dem unbedarften Leser zumindest ein grundlegendes Verständnis der Widersprüche der Kapitalverwertung zu vermitteln, die nach Ansicht der Autoren das gesamte kapitalistische Weltsystem an eine »innere Schranke« seiner Entwicklungsfähigkeit treiben: Obwohl Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, strebt das Kapital zugleich danach, die Lohnarbeit möglichst weitgehend durch Rationalisierung aus dem Produktionsprozeß zu verbannen. Dieser »prozessierende Widerspruch« des Kapitalverhältnisses könne nur in der fortwährenden Expansion aufrechterhalten werden, indem also neue Verwertungsfelder erschlossen werden. »Insofern befindet sich der Kapitalismus in einem permanenten Wettlauf mit sich selbst«, resümieren Lohoff/Trenkle diese Dynamik, die sie anschließend für den Nachkriegsboom und die Epoche der dritten industriellen Revolution seit den 1970er Jahren nachzeichnen.

So weit, so altbekannt: In diesem Abschnitt – der auch als Einführung in die Wertkritik gelesen werden kann – fassen die Autoren die Grundlagen ihrer Krisenanalyse zusammen und unterlegen sie mit empirischem Material. Spannend, und auch für einen erweiterten Leserkreis von Interesse, dürfte die anschließende theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Fiktiven Kapitals sein, das ja auch innerhalb der linken Krisendiskussion bislang eine eher marginale Rolle spielte.

Der von Marx eingeführte Terminus des Fiktiven Kapitals erfaßt die substanzlose Kapitalakkumulation in der Finanzsphäre, bei der die Vervielfältigung von Wertpapieren unterschiedlichster Art den Anschein erweckt, eine Kapitalverwertung jenseits der Lohnarbeit sei möglich. Bei der Entstehung von Fiktivem – also letztendlich substanzlosem – Kapital wird der Traum eines jeden Kapitalisten scheinbar Realität: Geld heckt durch reine Selbstvermehrung weiteres Geld, ohne sich in die Niederungen der Warenproduktion begeben zu müssen. In einem historischen Exkurs bemühen sich Lohoff/Trenkle, die zunehmende Dominanz des Fiktiven Kapitals innerhalb der Kapitalverwertung aufzuzeigen, das inzwischen zu einem letzten zentralen Stützpfeiler des Kapitalismus avancierte. Für die Autoren ist das Kapital bereits größtenteils fiktiv. Dieser auf den Finanzmärkten in absurde Dimensionen getriebene spekulative Turmbau zu Babel müsse aber letztendlich in einer »Großen Entwertung« zusammenbrechen.

Aufbauend auf diesen Ausführungen plädieren die Autoren in einem abschließenden Resümee, bei den Kämpfen und Protesten gegen die Krisenpolitik bewußt die Frage der Finanzierbarkeit zu ignorieren und statt dessen die konkrete Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse ins Zentrum der Argumentation zu stellen – die nur noch jenseits des Kapitalismus realisierbar sei. Die Produktivitätspotentiale, die der Kapitalismus selbst hervorgebracht hat, seien, so die Autoren, nicht mehr kompatibel mit dessen abstrakten Selbstzweck der Wertverwertung. Ihre Folgerung daraus lautet: »diese Gesellschaft ist zu reich für den Kapitalismus«.

Ernst Lohoff/Norbert Trenkle (Gruppe Krisis): Die große Entwertung – Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind. Unrast Verlag, Münster 2012, 304 Seiten, 18 Euro