19.04.2012  Beitrag drucken

Without Money

Für die Abschaffung eines substituierten Gewaltverhältnisses

Franz Schandl

„Wer sollte nicht Reichtümer ganz entbehren, die doch nur elend machen und entehren?“
(William Shakespeare, Timon von Athen IV/3, übers. von Erich Fried, Band 3, S. 339)

Gemeinhin gilt Geld als zivilisatorische Errungenschaft schlechthin. Einmal geschaffen kann es nie wieder abgeschafft werden. „Geld ist instituierte Selbstreferenz“, schreibt Niklas Luhmann (Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1988, S. 16). Via Geld bestätigt sich das System seine Läufigkeit. „In diesem System ermöglichen Zahlungen Zahlungen. Dadurch ist eine im Prinzip unbegrenzte Zukunft eingebaut. Alle Dispositionen im System sichern zugleich die Zukunft des Systems. Jenseits aller Ziele, aller Gewinne, aller Befriedigung geht es immer weiter. Das System kann sich nicht beenden, da der Sinn des Geldes im Ausgeben des Geldes liegt.“ (S. 65) Wir leben also in einem System, das „Zukunftssicherheit in der Form der Zahlungsfähigkeit garantiert“ (S. 66).

In der Zahlung vermittelt sich Geld als abstrakter Reichtum (vgl. MEW 42:160), „das Individuum kann das Geld nur brauchen, wenn es sich seiner entäußert, es als Sein für andres setzt“ (MEW 42:154). „Die besondere Ware, die so das adäquate Dasein des Tauschwerts aller Waren darstellt, oder der Tauschwert der Waren als besondere, ausschließliche Ware ist – Geld.“ (MEW 13:34) Es hat nur Realität in der Zirkulationssphäre, aber eben durch diese Sphäre muss der ganze Warenpöbel gejagt werden.

Geld ist lediglich durch Weggabe (Entäußerung, Verleih) zu gebrauchen. Es kann eigenartigerweise nur konsumiert werden, wenn es seinen Besitzer verlässt. Problematisch ist bloß, wenn die Zahlungsketten stetig unterbrochen werden. Das weiß auch Luhmann: „Ein System, das auf der Basis von Zahlungen als letzten, nicht weiter auflösbaren Elementen errichtet ist, muss daher vor allem für immer neue Zahlungen sorgen. Es würde sonst von einem Moment zum anderen schlicht aufhören zu existieren.“ (S. 17) Den Zusammenbruch im Großen kann, weil darf es nicht geben, obwohl die Zusammenbrüche im Kleinen zu den alltäglichen Schönheiten des Kapitals gehören. „Wer nicht zahlen und was nicht bezahlt werden kann, wird vergessen.“ (S. 19) So weit, so obligat, so zynisch.

Geld als Gewalt

Geld trägt Knappheit Rechnung. Es sagt aber weniger, dass etwas knapp ist, als vielmehr, dass etwas knapp zu sein hat. Ist etwas nicht knapp, dann muss Knappheit hergestellt oder simuliert werden. Da der Zugriff auf Ware nur exklusiv durch Geld möglich ist, müssen notfalls auch ganze Gebrauchswertkontingente vernichtet werden, da sie sonst den Preis glattweg ruinieren und das Geschäft empfindlich stören. Stefan Meretz schreibt: „Eine Ware darf nicht frei verfügbar sein, sonst ist sie keine, sie muss knapp sein. Ist sie nicht knapp, wird sie knapp gemacht: weggeschlossen, verschlechtert, vernichtet. Knappheit ist eine geschaffene soziale Form der Warenproduktion, eine Realabstraktion. Sie abstrahiert von wirklichen Begrenztheiten und Vorkommen, um daraus die real wirksame ,Form Knappheit‘ zu machen. Die soziale ,Form Knappheit‘ produziert die Paradoxie des Mangels im Überfluss.“ (Streifzüge 32/2004)

„Geld ist der Triumph der Knappheit über die Gewalt“, sagt Luhmann (S. 253). Er behauptet sogar, dass Geld Gewalt ausschließt (S. 259), und auf einer oberflächlichen Ebene hat das auch was für sich. Geld schließt aber Gewalt nur insofern aus, als es diese bereits integriert hat. Sprich: Geld ist ein kristallisiertes Gewaltverhältnis. Es gibt per Einsatz Verfügung und Fügung vor. Wir erbleichen vor keinem Argument so wie vor diesem. Gewalt ist ausgeschlossen, weil sie eingeschlossen ist. Das heißt aber auch, dass dort, wo diese Integration nicht hält, weil etwa eine Seite sie nicht (mehr) akzeptieren will oder kann, das Gewaltverhältnis wieder unmittelbar aus dem Geld hervorbricht. Geld ist also nicht Überwindung der Gewalt, sondern Kanalisierung. So ist Gewalt nicht etwas, das dem Geld fremd ist, sondern im Gegenteil, es ist das, was seinem innersten Wesen zugrundeliegt. Im Geld wird Gewalt substituiert, keineswegs überwunden. Sie ist aus ihm jederzeit restituierbar. Vor allem dort, wo eins das Privateigentum nicht akzeptieren möchte, wehrt das Geldsystem sich mit dem, was es ist und hat: Gewalt. Dazu hat es ein Monopol herausgebildet, das es seinen jeweiligen Staaten zugeeignet hat.

Gerade Ideologen des Geldes heben den befriedenden Charakter des Geldsystems hervor. Hier scheint sich tatsächlich eine Struktur aufgetan zu haben, die das Kriegen ohne das Bekriegen erlaubt. Doch dieser Schein trügt, und zwar deswegen, weil er nur das Produkt anschauen will und dessen Produktion nicht hinterfragt. Das Werden verschwindet im Resultat. Die Genese hat im Dunkeln zu bleiben. So wird der gesellschaftliche Zwang (Handeln) als ein freies Verhältnis definiert und dessen Vollzug (Kaufen) als freie Entscheidung. Das ist nur möglich, wenn an die Form, in der alles geschieht, kein Gedanke verschwendet werden soll. Denn bloß in der Formierung der Form sind wir frei, die Form selbst ist nicht hintergehbar.

Das Befriedende ist das Unterwerfende. Geld ist also keine Alternative zur Gewalt, sondern deren subtilste Form, dessen gefinkeltstes Substitut, oder in Robert Musils Worten: Das Geld „ist vergeistigte Gewalt, eine geschmeidige, hochentwickelte und schöpferische Spezialform der Gewalt. Beruht nicht das Geschäft auf List und Zwang, auf Übervorteilung und Ausnutzung, nur sind diese zivilisiert, ganz in das Innere des Menschen verlegt, ja geradezu in das Aussehen einer Freiheit gekleidet?“ (Der Mann ohne Eigenschaften I, Reinbek bei Hamburg 1978, S. 508.)

Geld ohne Mensch

„Geld ist aber die selbständige handgreifliche Existenzform des Werts, der Wert des Produkts in seiner selbständigen Wertform, worin alle Spur des Gebrauchswerts der Waren ausgelöscht ist.“ (MEW 24:63) Man sieht dem Geld nie an, woher es stammt, noch, was aus ihm noch wird. Es kann alle möglichen Metamorphosen durchlaufen. „Dem Geld ist es durchaus gleichgültig, in welche Sorte von Waren es verwandelt wird.“ (MEW 24:36) Genau diese demokratische Gleichgültigkeit des Geldes ist unmenschlich, sie entpflichtet uns, sich mit den Anliegen und Wünschen, Zuständen und Leiden der anderen zu konfrontieren, sofern diese nicht vermarktet werden können. Geld lehrt, dass die anderen uns egal sein können. Beim Geld hört bekanntlich auch die Freundschaft auf. Geld ist organisierte Verantwortungslosigkeit. Empathie ist außerhalb und hat daher einen schweren Stand.

„Geld entlastet die Gesellschaft von Menschlichkeiten wie Hass und Gewalt“, schreibt Norbert Bolz (Wo Geld fließt, fließt kein Blut, Der Standard, 20. September 2008, S. 47). Abgesehen davon, dass gerade das Geld permanent Neid und Gier, Geiz und Missgunst hervorbringt, ja vor keinem Verbrechen zurückschreckt, ist die Rendite hoch genug, ist es schon interessant, was so einem Medientheoretiker einfällt, wenn er an Menschlichkeiten denkt. Aber der erste Halbsatz stimmt, Geld will tatsächlich von allen Menschlichkeiten entlasten. Bolz führt das auch aus: „Der Kosmos der modernen Wirtschaft besteht also nur aus Ereignissen der Zahlung – nicht mehr aus Menschen.“

Zweifellos, Menschen sind Störfaktoren, vor allem, wenn sie nicht zahlen können, weiß man gar nicht so recht, was man mit ihnen anfangen soll. Da schnürt man etwa ein Sparpaket, und dann hungern diese Leute. Da senkt man die Sozialleistungen, und auf einmal sitzen diese Undankbaren auf der Straße. Der Vorwurf des Schädlings oder des Parasiten ist da nicht weit. Wer nicht zahlungsfähig ist, ist nicht geschäftsfähig. Das Luhmannsche Modell denkt die bürgerliche Gesellschaft als einen formalistischen Zirkel. Der Inhalt besteht in der Funktion. Zahlen oder nicht zahlen, krächzt der Code. Und immerfort. „Um sich in der Wirtschaft zu orientieren, genügt es ja, die Preise zu kennen“, schreibt ein Pseudoprovokateur wie Bolz. Was ist schon so ein Exemplar von einem Menschen gegen das Ereignis einer Zahlung?

Bei Bolz finden sich überhaupt geile Sätze, denn der „Ressentimentlinken“ muss man es gehörig geigen: „Die sozialistische Politik hat lediglich die Menschen von der Regierung abhängig gemacht. Das macht zwar die Sozialhilfeempfänger nicht lebenstüchtiger, hält aber den Sozialstaat in Gang.“ (Wer hat Angst vor der Freiheit?, Die Presse, 15. November 2009). Hier plaudert wirklich einer in einer Terminologie, die ihm gar nicht mehr auffällt, aber die Aversion gegen die Minderleister, die ist offensichtlich: Lebensuntüchtig sind die. Doch damit ist durchaus eine kapitalistische Wahrheit ausgesprochen: Die Wirtschaft ist nicht für die Menschen da. Und wir sind die verrückte Gattung, die sich das gefallen lässt.

Fairy Tales

Eine alte Geschichte geht so: Das Grundproblem der bürgerlichen Gesellschaften ist die Verteilung der Reichtümer. Die herrschenden Klassen haben zu viel und die beherrschten zu wenig. Geld ist ganz super, wenn alle nur genug davon bekommen. Schließlich gilt es, Kaufkraft zu erhalten, Standorte zu sichern und Wachstum zu ermöglichen. Zentrale Losungen dieser Emanzipation sind Gleichheit und Gerechtigkeit, ihre Mittel sind die ökonomische Umverteilung und die politische Gleichstellung. Es geht um Sozialstaat und Rechtsstaat.

Dieser Kampf war vielfach von Erfolg gekennzeichnet, von der Arbeiterbewegung bis zur Frauenbewegung. Man erstritt sich Zugehörigkeit, und was ist da wichtiger als das Geld, das man dazu benötigt: Es ging darum, mehr zu konsumieren und rechtlich nicht diskriminiert zu werden. Alle anderen gesellschaftlichen Fragen, von der repressiven Produktion und ihren irren Produkten, den schwer belasteten emotionalen Beziehungen bis hin zur Ökologie und ihren Katastrophen waren höchstens Nebenwidersprüche und Nebensächlichkeiten. Die herrschenden Normen waren vorgegeben und wurden nicht angetastet. Alle gesellschaftlichen Bewegungen der Neuzeit blieben letztlich dieser basalen Programmatik verhaftet. Mit Erreichen der Politikfähigkeit wurden überschießende und radikalere Momente und Elemente rechtzeitig gekappt.

Diese alte Geschichte ist brüchig geworden. So richtig begeistern tut sie, sieht man von unentwegten Klassenkämpfern ab, niemanden mehr. Dafür grassiert eine „neue“, die zwar auch nicht so neu ist, aber doch so erscheinen will. Während unsere alte Geschichte das Geld als weitgehend unproblematisch voraussetzte, möchte die neue sich direkt in den Geldprozess einschalten. Geld ist ihr nicht bloß eine Frage von Quantität, sondern auch eine von Qualität. Aber aufgepasst: Die Funktion des Geldes in der Gesellschaft wird in dieser Erzählung dezidiert nicht in Frage gestellt, ja dessen Notwendigkeit wird durch alle Vorschläge frenetisch bejaht. „Über echtes und falsches Geld“, lautet etwa ein prototypischer Artikel unseres Wutbürgers Eugen Maria Schulak in der Wiener Zeitung vom 4. März 2009.

Geldpfuscherei

Wenig hat heute so Konjunktur wie die Geldpfuscherei. Einerseits ist diese objektiver Ausdruck, dass es eben mit der Geldwirtschaft so nicht mehr weitergeht, andererseits aber der subjektive Wunsch, ja geradezu die Besessenheit, dass es nur mit ihr weitergehen kann: Ohne Geld können die Menschen nicht existieren, das ist ein unhintergehbares Dogma. Offensichtlich. Man ist überzeugt, dass die Geldbewirtschaftung die finale Antwort, ja der letzte Heuler der Geschichte sei und bloß einige Fehlkonstruktionen im Finanzsystem beseitigt werden müssten. Dann werde alles wieder gut, und alles kann beim Alten bleiben. Getauscht und gekauft, gearbeitet und verwertet wird nach wie vor. Das steht bei den Geldpfuschern auch nie zur Debatte. Der Kapitalismus, das sei kein übles Spiel, wohl aber gebe es üble Mitspieler: die Banken, die 1 Prozent, Spekulanten, Rating-Agenturen, Politiker, Juden.

Die Geldpfuscher setzen in allen ihren Überlegungen und Vorschlägen Geld unhinterfragt voraus, um dann an bestimmten Punkten, meist am Zins oder an Steuern herumzudoktern. Die fanatische Anbetung des Geldes erfährt darin eine neue Sequenz. Die Geldpfuscherei setzt auf eine umfassende Remonetarisierung und nicht auf eine Demonetarisierung der Gesellschaft. Die Frage nach dem Geld gerät auch hier sofort zu einer Frage nach der richtigen Geldpolitik. Sie dringt nicht nur nicht zum Kern vor, sie will entschieden bewerkstelligen, was abzuschaffen wäre.

Falsches Geld muss durch richtiges ersetzt werden. Darauf scheinen sich viele einigen zu können. „Neue Geldsysteme umsetzen“, heißt es in einem Grundsatzpapier des Konsensfindungsprozesses der austriakischen Occupy-Abteilung, was meint: „Überwindung des zinsbasierten Schuldgeldsystems“. Da ist es wirklich nur noch ein Schritt bis zum Schrei: „Befreit uns aus der Zinsknechtschaft!“. Dazu passt gleich die Buchempfehlung „Neues Geld, neue Welt“. Wenn man etwa die heimischen Occupy-Texte, die da durchs Internet geistern, so ansieht, erinnern diese an Ökonomie-Papiere aus der Frühzeit der Grünen, bloß schlechter. Teilweise tauchen sogar die gleichen Protagonisten wieder auf, etwa Joseph Huber, nun Propagandist der „Monetative“, d.h. dass Geldmengensteuerung und Geldschöpfung ausschließlich beim Staat anzusiedeln wären. Occupy erscheint ziemlich occupied.

Nicht um eine Welt ohne Geld geht es, sondern um die Bedienung eines auf ewig angelegten Kreislaufs des Kaufens und Verkaufens. Man meldet sich zum Dienst: Jetzt übernehmen wir das Werkel. Das Leben hat ganz luhmannisch eine unaufhörliche Kette von Zahlungen zu bleiben. Das scheint gegenwärtig überhaupt die alles entscheidende Frage: Wie bleiben wir zahlungsfähig? Wie halten wir den Zahlungsverkehr aufrecht? Die Geldpfuscherei agiert ausschließlich auf der Ebene des Zahlungsmittels, will einen konstruktiven Beitrag leisten.

Regiogeld

Der größte Hit ist aktuell das Regionalgeld. Dort ein Ulmentaler, da ein Vöslauer, hier ein Chiemgauer, da ein Waldviertler. Wenn das mit dem offiziellen Geld nicht richtig funktioniert, schaffen wir doch unser eigenes. Die Gründungen reißen nicht ab, und selbst wenn einige Versuche scheitern, entstehen stets mehr neue. Die Vertreter des Regionalgeldes wollen das Geld durch ihr Gutscheinsystem (und nichts anderes ist es) sogar noch multiplizieren und nehmen für die beschworenen Vorteile ihrer Region gar einigen bürokratischen Aufwand auf sich. Durch die Negativzinsen im Schwundgeld wird die Kauflust noch einmal um einige Promille gesteigert. Konsumismus, der hier als unproblematisch erscheinen muss, wird geradezu vorausgesetzt und angestachelt. Schwund soll dieses Geld in Schwung halten, der Kaufzwang, bisher implizit gegeben, wird explizit formalisiert. Regionalgeld ist in, von der Krone bis zu Die Zeit finden wir prominent platzierte Artikel. Die Gutscheinerei passt in den Mainstream von rechtspopulistisch bis linksliberal.

„Eine wachsende Zahl von Bürgerinnen und Bürgern ist dabei, das Geld neu zu erfinden“, freut sich etwa ein Kommentar in der Zeitschrift Oya (08, Mai/Juni 2011, S. 12). Im Heft geht es dann auch fast ausschließlich um Geld zum Selbermachen, das Zukunftsmodell Regionalgeld, demokratische Banken mit leistungsgedeckten Einlagen und natürlich eine Vielfalt von Währungen. „In der Zeit des demokratischen Geldes bestimmen die Geldnutzer die Geldregeln“ (S. 14), heißt es da ganz euphorisch. „Der Selbstzweck muss dem Geld genommen werden, es soll ein Werkzeug werden.“ (S. 15.) Christoph Pflugers neues Buch nennt sich „Das nächste Geld“ (S. 60). Und im Juni 2012 ist in Leipzig ein Kongress geplant unter dem Titel „Lust aufs neue Geld“. Alles natürlich unter der Prämisse „Retten wir unser Geld“. Auch Christian Felber will inzwischen den Euro retten und setzt daher die good banks auf die Tagesordnung. Die alte Sparkasse soll rehabilitiert werden: „Banken haben ihre ursprüngliche Funktion – die kostengünstige Umwandlung von Spar- und Kreditgeld sowie die serviceorientierte Abwicklung des Zahlungsverkehrs – verlassen.“ (S.26) Geld soll nicht zur Ware werden, dafür möchte die Gemeinwohlökonomie fortan sorgen.

Margrit Kennedy rehabilitiert schließlich sogar Leistung und Profit: „Ich halte Gewinnstreben nur dann für schädlich, wenn dem Gewinn keine Leistung gegenübersteht, wie auf dem Kapitalmarkt, der wie Raubrittertum funktioniert.“ (S. 16) Für edle Ritter, gegen böse Raubritter, für ehrliche Arbeit, gegen unehrliche Abzocke, für gute Leistung, gegen böse Schmarotzer – geht’s noch übler? Da ist wirklich wieder einmal eine Kronzeugin des gesunden Menschenverstandes ausgeritten, da spukts dann auch von „Zeitbanken“ und „Pflegewährung“ – wahrlich die menschlichen Bedürfnisse, die sind allesamt in Geldkategorien zu denken. Sind sie nur so zu denken?, oder: Müssen sie so gedacht werden? Wahrlich, wir leben im Zeitalter der großen Befangenheit.

Scheinwerfer

Während die Lichter des Marktes verlöschen, drehen die Leuchten noch einmal alle Scheinwerfer auf. Die Geldpfuscher suchen den Resetknopf wie die Ritter der Tafelrunde den Heiligen Gral. Gerade die bornierten Kritteleien, also die Ressentiments, neigen zur schärfsten Affirmation, sodass wir da mehr Glaubensbekenntnisse finden als auf den bürgerlichen Wirtschaftsseiten. Dort herrscht eher Verunsicherung. Wenn heute noch jemand restlos von Wert und Geld überzeugt ist, dann diese Scheinalternative, sie trägt tatsächlich in schierer Akklamation bürgerliche Dogmen wie eine Monstranz vor sich her. Dieser neueste Cocktail aller Abgeschmacktheiten erscheint als das In-Getränk in einer gut frequentierten Bar jeden Gedankens. Es ist wie in einem Saloon, wo Unbedarfte auf Glücksritter treffen und permanent Obskuranten auftreten. Versprochen wird, was nicht gehalten hat. Was aber bedeutet, dass das Versprechen noch immer lebendig ist, bloß seine Fürsprecher abgelöst werden sollen. Der ökonomische Wert mag verfallen, aber die bürgerlichen Werte sind hoch im Kurs.

Wer sich das obskurantistische Panoptikum der Geldkritik anschauen will, der werfe einen Blick auf www.geldmitsystem.org. Dort hat Manfred Gotthalmseder versucht, alle Geldpfuscher aufzusammeln, Kernaussagen zu destillieren und wildesten Rechenbeispielen zu frönen. Schuld sei selbstverständlich das Zinseszinssystem. Und natürlich gehe es um ein nachhaltiges Geld- und Finanzsystem, dessen Rahmenbedingungen die Politik zu schaffen habe. Da ist man ultrakonventionell. Auf dieser Website treffen sich alle, von den Geldausbesserern bis zu den Verschwörungstheoretikern, von den Zinsgesellen bis hin zu versprengten Nazis. Gotthalmseder hat alles aufgeboten.

Die Geldretter, die da auftreten, sind fast ausschließlich Männer, total darauf erpicht und versessen, dem Geld einen Sinn zu stiften. Wie die bürgerlichen Erlöser stellen sie sich an, um dem Geld ja wieder seine angestammte Rolle zu geben. Die sich aufdrängende Frage „Warum Geld?“ haben die Geldpfuscher durch die anschlussfähigere „Welches Geld?“ ersetzt. Was das Geld ist, interessiert vor dem Hintergrund, was denn das gute Geld alles sein und ausrichten könnte, wenig. Geld wie hat Geld warum erschlagen. Mit Geld jedoch lässt sich nur eine Wirtschaft erfinden, die bereits erfunden worden ist.

So gibt es ein unheimlich großes Bedürfnis an obskurer Literatur, sehen wir uns die Auflagen diverser Publikationen an oder folgen wir den Empfehlungen von Amazon. Der Fundus ist unendlich und das Geschäft blüht. Da und dort vermögen die Geldpfuscher schon ins Schwarze zu treffen, aber meist verdunkeln sie die Szenerie, sind Diagnose und Therapie durch und durch esoterisches Geschwätz.

Geldknechtschaft

Abhängigkeit von Geld ist allgemein. Abhängigkeit vom Zins ist eine besondere Ausprägung dieses Umstands. So ist auch die Behauptung einer Zinsknechtschaft nicht einfach nur Lüge oder abgefeimte Projektion. Allerdings versteigt sich diese in penetranter Weise zur ganzen und einzigen Wahrheit. So wird ein Element aus seinen Zusammenhängen gerissen und als abartig punziert, eine „natürliche Wirtschaftsordnung“ verhindernd. Die Zinskumpane verwechseln die Konsequenz des Kapitals mit seinem Ursprung. Zins erscheint nicht mehr als dem Kapital untergeordnet, sondern als jenem übergeordnet, ja es usurpierend. Der gute Markt müsste also von ihm und seinen Nutznießern befreit werden. Gemeingefährlich wird es, wenn man spezifischen Exponaten dann eine außergewöhnliche, sprich: kriminelle Energie unterstellt.

Diese Sicht ist aber auch deswegen anschlussfähig, weil sie zumindest Antworten auf empirische Alltagserfahrungen zu geben scheint. Jeder weiß, wie mühsam es ist, Kredite zurückzuzahlen, Schulden wie Zinsen zu tilgen. Und dass die Schuldenfalle schnell zuschnappen kann. Und dass Schulden Angst erzeugen. Und dass sie nicht bloß die Bonität senken, sondern auch Würde und Ansehen. Das sollte man nicht übersehen. Der bürgerliche Alltag ist voll von verunglückten Geldgeschichten. Man höre den Leuten nur zu, was sie alles bereden, aber auch beschweigen.

Das Problem des ewigen Schuldners ist eines, das realen Abläufen entspricht. Selbst wenn deren Verarbeitung schwer ideologisch sein mag, sind Bedrohung und Furcht doch reale Größen und keine Halluzinationen. Schulden können von den Schuldnern nie locker genommen werden. Sie führen tatsächlich zu schmerzhaften Abhängigkeiten, die man allzuoft nicht mehr los wird. Wie bei der Abpressung des Mehrwerts (und der Zins ist in letzter Instanz nichts anderes, auch wenn in Zeiten des fiktiven Kapitals sich auch hier die Dimensionen verschieben und ins schier Unendliche weiten) handelt es sich beim Zins um ein Verwertungsverhältnis, das dem Kapitalismus immanent ist.

Die Finanzabteilung des Kapitals ist nicht schlimmer als dieses selbst, sie erscheint aber zweifellos irrer, weil an ihr die ganze Verrücktheit der Form sich offener und wuchtiger präsentiert: „Als zinstragendes Kapital, und zwar in seiner unmittelbaren Form als zinstragendes Geldkapital (…) erhält das Kapital seine reine Fetischform G–G’ als Subjekt, verkaufbares Ding.“ „Wie das Wachsen den Bäumen, so scheint das Geldzeugen (τόκος) dem Kapital in dieser Form als Geldkapital eigen.“ (MEW 25:406)

Geldherrschaft meint Geldknechtschaft. Die strikte Zurückweisung der obligaten Zinsschelte darf so nicht mit einer Verteidigung des Zinses oder der Zirkulationssphäre einhergehen. Kritik des Zinses ist eine Teilkritik der Kapitalkritik und macht in sie integriert durchaus Sinn. Man sollte sich darauf einigen können, dass der Zins zwar nicht die Ursache des gesellschaftlichen Übels, sehr wohl aber einen Ausdruck des gesellschaftlichen Übels darstellt. Diesem Umstand ist Aufmerksamkeit zu schenken, es darf nicht so wirken, als rede man der kapitalistischen Rationalität das Wort, nur weil man die Zinshuberei zurückweist. Die ideologiekritische Beschränkung wäre demnach selbst zu durchbrechen. Augenscheinlich liegt da eine theoretische Leerstelle vor, die es gerade diversen Glücksrittern ermöglicht, ihren Geldacker zu bestellen.

Denn das Schuldverhältnis ist allgemein, jeder Kauf baut auf einer Schuld auf, die beglichen werden muss. Der Tilgungszwang von Krediten etwa ist wiederum nur eine Sparte des konventionellen Zahlungszwanges, eine besondere Form, in der durch zeitliche Streckung auch der Preis der Geldware via Zinsen zu zahlen ist. In Wirklichkeit werden wir auch stets übervorteilt, aber nicht weil die anderen böse sind, sondern ganz konventionell, weil wir nicht auf Kooperieren, sondern auf Konkurrieren, also auf Opfer und Täter programmiert sind. In allen wirtschaftlichen Belangen herrscht Krieg, man höre seine Sprache. Und wir verlieren in ihm mehr, als wir gewinnen. Auch die Sieger.

Money?

Alle wollen ins Plus, doch die meisten landen im Minus. Das ist blöd. Sagt doch das bürgerliche Versprechen, dass alle könnten, was nur wenigen gelingt. Das gemeine Finanzprogramm der vereinigten Bürgerschaft lautet: Mehr Einnahmen als Ausgaben! So möchte der gesunde Menschenverstand auf der Ausgabenseite nicht überfordert werden, auf der Einnahmenseite aber durchaus Nutznießer dieses Systems sein, etwa beim Sparen und all seinen Sonderformen, bei den Lebensversicherungen und Bausparverträgen, bei den Pensions- und Fondskassen, ja bis hin zu hochspekulativen Aktiendeals, auf die er freilich eher hineinfällt, als dass er sie bewusst anstrebt. Aber wenn er abstauben kann, ist er dabei, der gesunde Menschenverstand. Und wenn’s ihn erwischt, fühlt er sich betrogen. Aber im Prinzip macht er nichts anders als die andern, und darin liegt auch die große ideelle Entschuldigung für alle Gemeinheiten, die er erleidet wie austeilt.

Er ist ein hausbackener Geselle, in dessen Brust zwei Seelen schlagen. Auf „Dark side of the Moon“ von Pink Floyd (1973) wird diese Haltung besungen. Dort heißt es in der zweiten Strophe von „Money“:
„Money, it’s a crime
Share it fairly
But don’t take a slice of my pie.“

Der Kuchen ist immer ungerecht verteilt. Alle einigen sich darauf, zu wenig davon zu bekommen, weil die anderen zu viel abbekommen haben. Angerufen wird unisono, aber gegeneinander die Gerechtigkeit. Von der sind alle begeistert, ist sie doch multipel interpretierbar, sodass sich an ihr alle Gemüter wärmen können. Gerechtigkeit besteht darin, dass den Nehmern nichts genommen wird, und Ungerechtigkeit darin, dass die Nehmer stets ausgenommen werden. Alle wollen melken, aber nicht gemolken werden. Sinnliche Gewissheit brilliert in bestechenden Schlüssen, ohne ihre Gemeinheit auch nur in Ansätzen zu begreifen.

Geld. Alle wollen es erhalten, auf dass sie es wieder ausgeben können. Moneten, Konten, Kreditkarten, sie haben uns fest im Griff. Obwohl eigentlich niemand es benötigt, brauchen es alle, das Geld. Man kann nichts damit tun, aber alles damit anstellen. Alleine der Umstand, etwas unbedingt einnehmen zu müssen, das wir wiederum unbedingt ausgeben müssen, ist eine Absurdität sondergleichen. Aber darauf sind wir formatiert und fixiert. Das ist unsere Synthese. Geld wurde ja nicht einfach beschlossen und eingeführt, es stellt ein gesellschaftliches Verhältnis her, das über die Menschen und ihre Handlungen verfügt, indem jene diese, ihre gesellschaftliche Funktion erfüllend, ausüben.

Die beiden vorher angeführten Geschichten sind blind für Tragweite und Dimension unserer Aufgaben. Beide meinen, dass mit politischen Regelungen (sei es Umverteilung oder Umoperation) die gesellschaftlichen Probleme gelöst werden könnten. Beide doktern herum, suchen Antworten auf vorgefundenem Boden. Nicht „Geld ist falsch“, sondern „Die Falschen haben es“, lautet das Credo. Sowohl die neue Erzählung wie auch die alte stellen eigentlich nichts in Frage, wollen vielmehr etwas in Gang halten. Um uns nicht misszuverstehen: Wir sind weder gegen Umverteilung und schon gar nicht für den Zins. Aber als Perspektive ist das zu dünn und zu dürftig, arbeitet sich allein an Phänomenen ab. Dafür sind wir uns zu schade. Alle selbst auferlegten Beschränkungen, die den Geldfetisch unangetastet lassen, enden in der Hölle der Immanenz.

Solange Geld Menschen bestimmt, sie subordiniert, sie zu Geldmonaden macht, werden sie nie selbstbestimmt sein können. Geld ist lediglich eine Krücke der Anerkennung. Wenn man darüber nicht verfügt, ist Existenz und Akzeptanz auf Almosen und Barmherzigkeit angewiesen. Geld ersetzt in unserer Zwischenkunft das Ich und das Du durch den Käufer und den Verkäufer. „Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt.“ (MEW, Ergänzungsband 1, S. 564)

Das Ich soll kein Vorhaben, kein Anliegen, keinen Wunsch ohne den entsprechenden Preis denken können. Alles tendiert zur Kostenfrage: „Können wir uns das leisten?“ Wenn heute etwas gemessen wird, dann wird es in Geld gemessen: Preise und Gebühren, Löhne und Ablösen, Mieten und Renten, Spitalskosten, Alimente, Werbeausgaben, Strafmandate, Anwaltshonorare, Steuern und Abgaben, und selbstverständlich das Bruttonationalprodukt. Fast könnte man meinen: Leben ist Geld! Aber es wird wohl so sein, denn es geht darum „für Leistungen zu zahlen“ (Luhmann, S. 47). Egal, wovon wir reden, was wir wollen oder auch los werden wollen, immer geht es um Kohle.

Die elenden Fragen, was was kostet und was was einbringt, sind daher zentral. Bedürfnis und Nutzen werden stets daran gebrochen. Solange es Geld gibt, kann das auch gar nicht anders sein. Dieser Zweck frisst alle anderen Zwecke auf. Gemacht wird nicht, was gemacht werden könnte, und getan wird nicht, was getan werden sollte, sondern gemacht und getan wird, was sich verkaufen lässt. Das kommerzielle Gebot steht über allen anderen. Das Kriterium ist eines, dass außerhalb seines Gegenstandes liegt.

Geld ist eine menschenfeindliche Kommunikationsform, da sie den Zugang zu den Produkten und Leistungen über der Leute Habe bestimmt und somit solche ohne Geld ausschließt. Die sozialstaatliche Korrektur ist das Eingeständnis dieses Missstands, keineswegs Abhilfe, sondern bloß Linderung. Außerdem sowieso immer bedroht. Alleine, dass man das Geld entweder ausgeben oder veranlagen muss, stellt die Mitglieder der Gesellschaft vor absurde Aufgaben. Wie kommen diese mündigen Leute alle dazu, das zu müssen? Oder besser noch: zu wollen? Aber es nicht zu wollen, geht nicht. Geld organisiert Misstrauen und Missgunst, es schneidet uns von unseren Möglichkeiten ab, erlaubt nur Dispositionen, die sich marktwirtschaftlich auszahlen. Wir sind alle auf dem kommerziellen Trip. „We want money“, ist der Kassenschlager aller Konkurrenten.

Geld ist ein gesellschaftliches Verhältnis und kein modellierbares Werkzeug. Eine Kraft, die uns ständig zum Berechnen, zum Kalkulieren, zum Ausgeben, zum Eintreiben, zum Sparen, zum Spekulieren, zum Verschulden und zum Kreditieren zwingt. Vor allem der Zwang zum Kaufen und Verkaufen steht jeder Befreiung und Selbstbestimmung im Weg. Die Organisierung unserer Kommunikation über Geld macht uns zu Tauschgegnern, wie Max Weber die falsch bezeichneten Tauschpartner richtig charakterisierte.

Das wollen wir schlicht nicht sein, und das wollen wir auch nicht reformieren. Unsere Rechnungen gehen nicht so. Leben ist etwas anderes. Wir stehen allen Remonetarisierungsgelüsten (Regiogeld, Demokratische Banken, Zinsabschaffung) ablehnend gegenüber. Geld ohne Geldkapital erscheint uns als eine irrwitzige Vorstellung. Solange man sich aufs Geld als zentralen Gegenstand der sozialen Auseinandersetzung kapriziert, ist keine gesellschaftliche Transformation möglich. Im Gegenteil, das Denken in Geld führt sofort in den Kampf um dieses und nicht gegen dieses.
Mit Sophokles

„Kein ärgrer Brauch erwuchs den Menschen als
Das Geld! Es äschert ganze Städte ein,
Es treibt die Männer weg von Haus und Hof,
Ja, es verführt auch unverdorbne Herzen,
Sich schändlichen Geschäften hinzugeben,
Es weist den Sterblichen zur Schurkerei
Den Weg, zu jeder gottvergessnen Tat!“

Das hat uns Genosse Sophokles vor fast 2500 Jahren in unser Stammbuch geschrieben (Antigone, Vers 295-301, übers. von Wilhelm Kuchenmüller, Stuttgart 1955, S. 16). Das gilt es zu beherzigen. Wir sind also Vertreter einer Spezies, die dezidiert NEIN zum Geld sagt. Eine andere Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die ihre Wirklichkeiten ohne Geld entfaltet. Eine solidarische Assoziation ist eine, die von Markt und Kapital, Geld und Wert befreit ist. Hinter diese Perspektive gibt es kein Zurück. Und eigentlich gibt es auch keine Minimalforderungen mehr, die nicht einfach falsch sind. Mit falsch ist gemeint, dass sie das System mehr stützen als es herausfordern. Selbst dort, wo man sich dem Falschen hingeben muss, sollen entsprechende Handlungen nicht als Schritte in die richtige Richtung interpretiert werden. Das, was wir als bürgerliche Subjekte anstellen, ist falsch, so logisch es unmittelbar auch ist.

Handhabung von Geld ist das entscheidende Kriterium, um in der kapitalistischen Gesellschaft als lebenstüchtig zu gelten. Freude und Freundschaft, Liebe und Lust, Sorge und Bereitschaft, vor allem gegenseitiges Wohlwollen und individueller Genuss, sie alle verunglücken, ja verpuffen an dem von uns praktizierten Imperativen. Nichts kann vorrangiger und dringender sein, als sie daher zu beseitigen. Aber die Menschen sind nicht so!, schreit der gesunde Menschenverstand unentwegt, seine Beschränktheit ausdrückend. Das mag jetzt so sein! Aber ist deswegen Rücksicht zu nehmen? Ist nicht eher die ständige Denunziation dieser Zurichtung angesagt? Allerorts und jederzeit!

Die Geschichte der potenziellen Menschwerdung (nicht zu verwechseln mit einer Apologie des Fortschritts) ist ein unabgeschlossenes und unabschließbares Kapitel. Die Behauptung, dass irgendein Zeitalter der menschlichen Natur entspreche, ist stets die zentrale Ideologie jeder Epoche gewesen. Es gibt keine menschliche Natur außer der, dass Menschen durch Theorie und Praxis sich aus der Natur emporheben, dass sie letztlich ihr eigenes Kunstwerk (aber auch Barbareiwerk) darstellen und herstellen. So wie es gewesen ist, ist es nicht geblieben. Und so wie es ist, wird es nicht bleiben.

Und man erzähle nicht davon, dass die Zeiten noch nicht reif, Übergänge konzipiert oder kleine Schritte angesagt wären, ja die Leute überhaupt abzuholen sind, wo sie stehen. – Nur das nicht! Die Menschen haben ihren Standpunkt in Frage zu stellen, nicht ihn zu erfüllen. Es geht nicht darum, am Charaktermaskenball gute Figur zu machen. Mit diesem Realismus wird Perspektive zerschlagen. Umgekehrt, es gilt dezidiert in den Mittelpunkt zu stellen, was man will. Reife ist auch eine Form der Konsequenz und des Wollens. Die aktuellen Bewusstseinsstände sind hingegen Ausgangspunkte, von denen nichts ausgeht, sie müssen im wahrsten Sinne des Wortes obsolet werden. Hier ist nicht der Ort einer apriorischen Konzession. Introspektion wäre angesagt: Was bin ich? und Was tue ich?, das sind Fragen, die man niemandem ersparen darf. Man muss sich und einander deswegen nicht verurteilen oder gar öffentlich beichten, aber kennenlernen sollte man sich schon. Es ist besser, sich zu kennen als sich zu bekennen. Ohne das keine Entsynthetisierung.

Entsynthetisierung, das klingt etwas schräg. Trotzdem: Sich den Zumutungen des Kaufens und Verkaufens nicht mehr ausliefern zu wollen, das steht an. Wir müssen aufhören, uns in Wert zu setzen. Geld hört nur auf, wenn die Waren verschwinden, Produkte und Dienste einfach als Güter verschenkt und angenommen werden. Der letzte Begriff des Geldes liegt in seiner Abschaffung.

(erschienen in: Streifzüge 54/2012)