13.12.2012  Beitrag drucken

Workaholics und Burnout

Peter Samol

In der heutigen Arbeitswelt wachsen ständig die Anforderungen. Und obwohl die Menschen bereits ungeheuer viel arbeiten, wird ihnen immer noch mehr Leistung abverlangt. Das hat seinen Grund im Prozess der unendlichen, selbstzweckhaften Wertschöpfung, in welcher Menschen ihre Existenzberechtigung nur durch Arbeit erhalten. Zugleich werden sie jedoch immer mehr durch den Einsatz von Technologie ersetzt. In dieser Situation dürfen nur noch die Leistungsfähigsten im Beschäftigungssystem verbleiben, um sich dort jeden Tag erneut ihre Daseinsberechtigung zu erarbeiten. Wer nicht mehr mithalten kann, gerät schnell in die Gefahr, dem Aussonderungsprozess zu erliegen und sich anschließend auf den Fluren der Arbeitsagenturen oder in einem schlecht bezahlten prekären Beschäftigungsverhältnis wiederzufinden. Diese ständige Drohung spornt alle dazu an, sich noch mehr anzustrengen. Das wiederum steigert die allgemeinen Anforderungen und das Hamsterrad dreht sich immer schneller. Es ist eine Entwicklung, die kein absehbares Ende hat.

Diese Umstände haben natürlich Auswirkungen auf die Haltung der Menschen zu ihrer Arbeit. Eine Reaktionsweise besteht darin, sich den steigenden Anforderungen zu beugen. Einige hoffen einfach darauf, selbst einen sicheren Platz erreichen zu können, bevor die Leistungsanforderungen für sie unerfüllbar werden. Sei es ein „ruhiger Posten“ – von denen es allerdings immer weniger gibt, da sie selbst immer stärker der technischen Rationalisierung und der Optimierung der Betriebsabläufe zum Opfer fallen – oder sei es die Rente. Andere fügen sich vollkommen affirmativ in die Situation ein und suchen ihr Heil in einer vorbehaltlosen Leistungsorientierung, die sie, so gut es eben geht, zu verinnerlichen trachten. Um beruflich am Ball zu bleiben, werden sie immer strebsamer und tüchtiger, während sie zugleich ihre Schwächen möglichst unterdrücken oder zumindest verdrängen, um mit der ständigen Drohung des eigenen Untergangs fertig zu werden. Dabei werden sie immer mehr zu allseitig verfügbaren Menschen, in denen sich Ruhelosigkeit und Getriebensein zu einem tief im Innersten verankerten Grundzustand verfestigt haben. Häufig ist es ein Prozess der schleichenden Selbstauslieferung: Je mehr Energie den Leistungsanforderungen geopfert wird, um so weniger steht der eigenen Person zur Verfügung und desto weniger bleibt dazu übrig, weitere Anforderungen abzuwehren. So wirft man sich Stück für Stück der Verwertungsmaschinerie zum Fraß vor. Am Ende lebt man kein eigenes Leben mehr, sondern opfert alles den ins Phantastische gestellten Leistungsanforderungen und wird dadurch zum getriebenen, ausgelieferten und völlig unfreien Menschen mit einem Maximum an Außenanpassung und Selbstverzicht.

Workaholics

Wenn das passiert ist, hat man meist schon eine manifeste Arbeitssucht entwickelt. Man ist mit anderen Worten zum Workaholic geworden und sucht seine Anerkennung in nichts anderem mehr als in exzessiver Arbeit. Arbeitssüchtige haben die nicht endende Überforderung restlos verinnerlicht. In Deutschland gibt es etwa 400.000 Erwerbstätige, die unter einer manifesten Arbeitssucht leiden (Poppelreuther zitiert nach Schmidt 2011). Das ist immerhin schon ein Prozent aller Berufstätigen, bei steigender Tendenz. 2008 waren es erst zwei- bis dreihunderttausend (Mierke u. Poppelreuter 2008, S. 245). Arbeitssucht gilt als Krankheit, nämlich als so genannte „nicht substanzgebundene Sucht“. Workaholics brauchen den ständigen Berufsstress mitsamt überlanger Arbeitszeiten von bis zu 100 Stunden in der Woche wie der Junkie den Stoff und nehmen sich selbst dann noch Arbeit mit nach Hause. An den Wochenenden checken sie ständig mit ihrem Smartphone die E-Mails, wenn mal ein Buch gelesenen wird, dann allenfalls ein „spannendes“ Fachbuch und in den seltenen Urlauben werden Programme absolviert, die mit lauter Aktivitäten überfrachtet sind. Ständig erreichbar ist man sowieso. Workaholics sind begeisterte Schufter und Macher, fassen Stress und Überarbeitung als Statussymbol auf und sind in der Regel extrem konkurrenzorientiert. Wer über Zeit verfügt, ist in ihren Augen ein Verlierer.

Früher oder später brechen über die exzessive Arbeitsorientierung die Beziehungen zu Freunden und zur eigenen Familie zusammen. Dann hat man gar keine Kontakte mehr außerhalb der Arbeit und ist als Workaholic gänzlich abhängig vom Erfolg. Man hat nichts anderes mehr, ja man ist im Grunde nichts anderes mehr als reines verinnerlichtes Erfolgsstreben. Daher können Workaholics ihr Verhalten auch nicht einfach abstellen. Im Gegenteil, sie können sich gar nicht mehr vorstellen, auch nur einen Augenblick im Leben ohne Arbeit zu sein. Darin liegt das suchtartige. Ruhepausen sind für sie angstbesetzt. Die Flucht in die Arbeit ist nämlich auch eine Flucht vor der inneren Leere, die ihrerseits durch die absolute Konzentration auf die Arbeit erst erzeugt und aufrecht erhalten wird. Das eigentliche Leben bleibt ungelebt, denn man hat sich selbst und alles, was man war, gegen ein Versprechen auf Erfolg und Karriere eingetauscht, die aber ihrerseits nichts als ein Rennen ohne Ziel und ohne Ende herausstellen. Für etwas anderes als dieses Rennen ist dann kein Platz mehr. Deswegen werden Workaholics auch, so lange es eben geht, dem einmal eingeschlagenen Weg folgen. Und zwar, bis nach durchschnittlich 15 Jahren schließlich der gesundheitliche Zusammenbruch erfolgt. Dann macht entweder das Herz schlapp oder die Psyche (Rippegatter 2012, S. D6, DAK-Gesundheitsreport 2012, S. 118). Letzteres nimmt häufig die Form eines Burnout an.

Burnout

Wer Überarbeitung als besondere Auszeichnung auffasst, dabei eigene Bedürfnisse vernachlässigt und das eigene Privatleben Stück für Stück zu Gunsten des Jobs aufgibt, ist der perfekte Burnout-Kandidat. Der Begriff Burnout wurde im Jahr 1974 von dem amerikanischen Psychoanalytiker Herbert Freudenberg geprägt und soll die gesundheitlichen Folgen von massiven beruflichen Überlastungen beschreiben. Von Burnout spricht Freudenberg, wenn sehr hohe Überlastungen über Monate oder gar Jahre hinweg anhalten, ohne dass ein Ende abzusehen ist, und in einen Erschöpfungszustand hineinführen, der sich selbst nach einem langen Urlaub nicht spürbar bessert (Berger, Falkai u. Maier 2012, S. C602). Burnout ist meistens ein schleichender Prozess. Der große Knall folgt erst ganz am Ende. Bis kurz vor dem Zusammenbruch scheinen die Betreffenden noch ganz normal zu funktionieren. In den meisten Fällen wird ein Burnout aus einem von zwei Anlässen manifest. 1) Entweder in dem Moment, in dem den Betreffenden klar wird, dass sie für ihr Engagement keine auch nur annähernd angemessene Anerkennung erfahren – etwa wenn eine erwartete Beförderung ausbleibt oder auf andere Weise offensichtlich wird, dass Vorgesetzte das aufopferungsvolle Verhalten nicht würdigen. 2) Oder die Workaholics brechen in dem Moment schlagartig zusammen, in dem sie bemerken, dass sie sich nicht mehr vom Dauerstress erholen können. Das ist meistens nach einem längeren Urlaub der Fall, wenn die Aussicht, sich wieder monatelang bis zur nächsten Erholungszeit durchschleppen zu müssen, plötzlich nicht mehr zu ertragen ist. In beiden Fällen fallen die Burnout-Opfer von einem Tag auf den anderen in völlige Erschöpfung und Resignation.

Das Burnout-Syndrom ist in den letzten Jahren zum häufigsten Grund für Krankschreibungen aufgrund arbeitsbedingter psychischer Erkrankungen geworden. Laut einer Studie des wissenschaftlichen Instituts der allgemeinen Ortskrankenkassen WidO (2011, S. 1) wurden im Jahr 2010 bundesweit knapp 100.000 Menschen wegen Burnouts krankgeschrieben. Diese Zahl dürfte weiter anwachsen, denn das WidO stellte außerdem fest, dass im Jahr 2004 auf 1000 Versicherte noch acht Tage Krankschreibung wegen Burnouts entfielen, während diese Zahl im Jahr 2010 bereits stolze 72,3 Tage betrug – innerhalb von sechs Jahren ist sie also um mehr als das Neunfache angestiegen (ebd., Szent-Ivanyi 2011, S. 4). Für viele Ärzte ist Burnout der aussichtsreichste Kandidat für die am weitesten verbreitete Zivilisationskrankheit des 21. Jahrhunderts. Häufig kostet sie die Betreffenden den Job. Wer aus einer längeren burnoutbedingten Auszeit wieder zurückkommt, gilt in vielen Betrieben als gebrandmarkt, denn man hält solche Menschen für „zu schwach“ für den Job. Damit ist ihr Ansehen irreparabel ramponiert. Auch draußen auf dem Arbeitsmarkt hat man mit einem Burnout im Lebenslauf praktisch keine Chance mehr. Obwohl es ja eben dieser Markt war, der einen krank gemacht hat.

Medikalisierung eines sozialen Phänomens

In der öffentlichen Diskussion hat der Burnout-Begriff in den letzten zwei bis drei Jahren eine steile Karriere hinter sich gelegt. Das hat allerdings auch Kritiker auf den Plan gerufen. So weisen einige Mediziner darauf hin, dass Burnout in der Medizin weder als anerkanntes Syndrom noch als eigenständige Erkrankung existiert und daher eher Begriffe wie „Depression“ oder „Angststörung“ zu bevorzugen seien. In der Tat stellt sich die Burnout-Symptomatik rein klinisch betrachtet bei den Betroffenen als Teilmenge der Depressionen dar. Als solche kann sie dann an Ärzte oder Psychotherapeuten delegiert werden. Dabei wird ein gesellschaftliches Phänomen in medizinischen Termini definiert und mit medizinischen Mitteln behandelt. Das mag für die Erkrankten mehr oder weniger hilfreich sein, reduziert aber ein gesellschaftliches Phänomen auf eine rein medizinische und damit verkürzte Perspektive. Wehling und Viehöver (2012, S. 339) kritisieren diesen Prozess und bezeichnen ihn als „Medikalisierung“. Diese verlagere ein Problem, das in erster Linie der Arbeitswelt entstammt, auf die individuelle Ebene und lasse es als rein persönliches Defizit erscheinen. Sie betonen, dass der Begriff Burnout im Gegensatz zu dem der Depression (oder auch der Angststörung) über ein rein subjektives Krankheitsgeschehen hinaus auf einen gesellschaftlichen Zustand weist. Es ist schließlich nicht zu leugnen, dass es die Arbeit ist, welche die Menschen zunehmend in den Zusammenbruch treibt.

Literatur
Berger, Mathias; Falkai, Peter; Maier, Wolfgang: Arbeitswelt und psychische Belastungen: Burnout ist keine Krankheit, in: Deutsches Ärzteblatt 2012, Jg. 109, S. C602.
DAK-Gesundheitsreport 2012: Schwerpunkt: Job, Gene, Lebensstil – Risiko fürs Herz, www.dak.de/content/filesopen/Gesundheitsreport_2012.pdf
Poppelreuter, Stefan; Mierke, Katja: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz: Ursachen – Auswirkungen – Handlungsmöglichkeiten, Berlin 2008.
Rippegather, Jutta: Schlechte Chefs machen krank, in: Frankfurter Rundschau 26.04.2012, S. D6.
Schmidt, Miriam: Hunderttausende Deutsche sind süchtig nach Arbeit, in: die Welt 26.01.2011, www.welt.de/gesundheit/psychologie/article12346865/Hunderttausende-Deutsche-sind-suechtig-nach-Arbeit.html
Szent-Ivanyi, Timot: Volkskranheit Burn-Out, in: Frankfurter Rundschau 20.04.2011, S. 4.
Wehling, Peter; Viehöver, Willy: Medikalisierung und Krankheitsidentität, in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 109, Heft 18, Mai 2012, S. 339-340.
WidO – Wissenschaftliches Institut der AOK: Burnout auf dem Vormarsch, 19.04.2011 www.wido.de/meldungakt+M573e3cbeb9d.h