03.01.2014  Beitrag drucken

Welche Krise?

erschienen in: Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität 45, Frühjahr 2013

Olaf Kistenmacher

 

MarxistInnen aller Strömungen, vereinigt euch? Einig sind sie sich jedenfalls nicht, wie der von Hermann L. Gremliza herausgegebene Sammelband No way out? 14 Versuche, die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise zu verstehen zeigt. Dass die Meinungen über die Ursachen der Krise oder über politische Optionen für eine radikale Linke auseinandergehen, ist nicht überraschend. Aber schon bei den einfachsten Fragen besteht keine Einigkeit, z. B. wann die Krise eigentlich angefangen hat. Sahra Wagenknecht schließt sich der landläufigen Auffassung an, wonach diese Entwicklung bereits im Jahr 2008 eingesetzt hat. Für den früheren »Konkret«-Autor Werner Heine begann die Krise hingegen um die Jahrtausendwende. Die Mehrheit der männlichen Autoren setzt, wie Georg Fülberth, Robert Kurz, Moishe Postone oder auch die »Krisis«-Autoren Ernst Lohoff und Norbert Trenkle in ihrem Buch Die große Entwertung. Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind, den Anfangspunkt der aktuellen Entwicklungen in den siebziger Jahren. Demnach hat die derzeitige Krise ihre Ursache nicht im Finanzsektor oder im Finanzkapital, sondern geht auf eine fundamentale Krise der Arbeitsgesellschaft zurück.

Und die Ursachen der Krise? Für die meisten Autoren in No way out? liegt der Fehler im System. Nur Werner Heine schreibt: »Die Krise durch die Ungleichgewichte in der Euro-Zone ist selbstgemacht, ein schwerer handwerklicher Fehler, begangen aus Habgier und Ignoranz. Die Dynamik, die sich aus diesem Fehler entwickelte, wurde deutlich verstärkt durch eine andere handgemachte Krise, und das waren Lehman Brothers und die Folgen.« Vor dieser populären Sichtweise warnt Thomas Ebermann im Gespräch mit Michael Heinrich, Robert Kurz und Joseph Vogl, dem Verfasser der Buchs Das Gespenst des Kapitals: Es gebe, so Ebermann, diese »Sehnsucht«, Schuldige auszumachen; und sie werde »vom Lager der parlamentarischen Linken ganz besonders bedient«: Krisen könnten eben »nur sein, weil jemand Fehler gemacht« haben musste. Im Anschluss daran definiert Joseph Vogl »Krisen« gerade dadurch, dass Wirtschaftsentwicklungen selbst »erratisch« werden. Man müsse also analysieren, wie »durch völlig rationales Verhalten der Akteure, sozusagen durch Akkumulation von Systemvernunft, etwas auftaucht«, das »irrational« ist. Die Finanz- und Wirtschaftskrise sei nicht nur eine Krise des Wirtschaft, sondern, vermittels der Zentralbanken, auch der Staaten, und die »irrationalen Tendenzen«, so JustIn Monday, sind ebenso »Teil des Krisenbewältigungsprogramms«. Die herrschende Klasse weiß auch nicht, was sie tut. Nur Wagenknecht vertritt die marxistisch-leninistische Tradition, die von der Marx’schen Fetischkritik nie viel wissen wollte, mit ihrer Auffassung, in Krisenphasen werde für kurze Zeit »der Schleier gelüftet« und ermögliche einen Einblick in »das Räderwerk der Macht«. Das Grundproblem, für das es, so Lohoff und Trenkle, eben keine rationale Lösung innerhalb des Kapitalismus geben könne, sei, dass die Gesellschaft »zu reich für den Kapitalismus« geworden sei. Die Profite ließen sich nicht mehr gewinnversprechend in der sogenannten Realwirtschaft reinvestieren. Oder wie JustIn Monday es formuliert: »Der entscheidende Punkt in der Krise ist nicht, daß in ihr Verlierer verlieren, sondern daß die Gewinne von der Entwertung bedroht sind.«

In No way out? gehen die Meinungen nicht nur über die Ursachen der Krise auseinander. Uneinigkeit besteht auch in der Frage nach den zu erwartenden Folgen. Robert Kurz wiederholt im Streitgespräch mit Ebermann, Heinrich und Vogl seine Auffassung, es drohe ein totaler Crash, der letztlich auch zur »Stillegungen in der realen Reproduktion« führe. Michael Heinrich geht hingegen von einer Bereinigung in der Finanzindustrie aus: »Ein Teil der Finanztitel muß abgeschrieben und entwertet werden. Wenn das passiert, ist hier noch keine einzige Fabrik zerstört.« Der Kapitalismus werde daran nicht zugrunde gehen, sondern sich erneuern. Nichts spreche dagegen, dass der Kapitalismus »noch 500 Jahre« durchhalten könne, wie es Georg Fülberth einmal ausgedrückt hat. Moishe Postone vertritt eine Mittelposition. Einerseits schließt er sich Kurz, Lohoff und Trenkle an, was das Ende der Arbeitsgesellschaft betrifft: »Was Globalisierung genannt wird, bedeutet nicht einfach, daß Jobs, die es in Europa oder Nordamerika gab, nach China, Indien oder Vietnam ausgelagert wurden. Das Wachstum im Arbeitssektor dort verlangsamt sich.« Andererseits glaubt Postone nicht an den endgültigen Crash. Rainer Trampert warnt noch vor einer ganz anderen Gefahr. Die Zunahme von immer größer werdenden Naturkatastrophen könnte »zur größten Krise des Kapitalismus« werden. Bei allen grundsätzlichen Differenzen ist es bemerkenswert, dass in einem Punkt sich alle einig sind: Innerhalb Europas werde Deutschland, soweit das möglich ist, als Sieger aus der Krise hervorgehen. Alles, was man gegenwärtig über Deutschland als Schuldenlamm höre, sei nur Rhetorik. Oder wie Postone es ausdrückt: »Die Deutschen inszenieren sich am liebsten als Opfer.«

In Die große Entwertung leiten Ernst Lohoff und Norbert Trenkle die These von der finalen Krise des Kapitalismus noch einmal theoretisch und historisch her. Sie verweisen auf den den Selbstwiderspruch der kapitalistischen Wirtschaftsform, den bereits Karl Marx in den Grundrissen benannt hatte: »Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt.« (MEW 42, S. 601) Unübersehbar sei dieser Selbstwiderspruch in den 1970er Jahren geworden, als die Wachstumsraten sanken und die Zahl der Arbeitskräfte in den »Kernsektoren der Wertproduktion« stagnierte. Die scheinbare Lösung für die Krise der Mehrwertproduktion bestand darin, sich gewissermaßen aus der Zukunft Geld zu leihen. Um weiterhin Gewinne machen und investieren zu können, verlagerte sich die Akkumulation von Kapital weg von der Mehrwertproduktion auf das Aktien- und Kreditgeschäft, auf die Erwartung möglicher Gewinne in einer nahen Zukunft. Anders als bei geborgten Bleistiften verdoppelt sich bei diesem Geschäft der Wert des Unternehmensanteils. Lohoff und Trenkle nennen es die »Vermehrung durch Spiegelung«. Auf der einen Seite erwarben die Unternehmen frisches Geld, das sie investieren konnten. Auf der anderen Seite erhielten die AktieneignerInnen für dieses Geld zwar keinen Anteil an dem bereits bestehenden Wert des Unternehmens, aber einen »Vorgriff auf künftigen Wert«. Diese Praxis könne jedoch sich nur selbst tragen, solange in absehbarer Zeit tatsächlich neuer Wert geschaffen wird – was nicht mehr passiert ist. Stattdessen wurden Gewinnerwartungen durch weitere Spekulationen aufgefangen, Kredite durch weitere Kredite, eine Art »Kettenbriefsystem« entstand, in das außer den privaten Banken mehr und mehr die Staatsbanken involviert sind. Lohoffs und Trenkles einfache Darstellung dieser Krisenentwicklung, die sich böse Spekulanten und ohne gierige Banker vollzieht, wünscht man sich als Pflichtlektüre in jedem Occupy-Camp.

Was tun also? Auch bei der Frage nach den Optionen für eine radikale Linke gehen die Positionen weit auseinander. Wagenknecht fordert, die »abstrakte Systemkritik« mit »mittelfristig durchsetzbaren Alternativen« zu kombinieren, die den »unmittelbaren Interessen der lohnabhängigen Bevölkerung« entsprechen. Davon hätten auch die krisengeschüttelten Wirtschaften Griechenlands, Portugals und Spaniens etwas: »Wenn Millionen deutscher Beschäftigte, Rentner und Arbeitslose deutlich mehr Geld zur Verfügung hätten, könnten und würden sie auch mehr Geld für griechische Oliven, Urlaubsreisen nach Portugal oder spanischen Wein ausgeben.« Dietmar Dath, der die Wirtschaftspolitik unter Walter Ulbricht für »genial« hält und als Lektüre Josef W. Stalins Texte aus den 1930er Jahren empfiehlt, träumt von einer internetgestützten Planwirtschaft. Die staatskritische Linke ist pessimistischer. Die kanadischen Marxisten Sam Gindin und Leo Panitch setzen auf eine neue starke Arbeiterklasse. Moishe Postone fordert zwar ebenfalls, die »gesellschaftliche Linke neu zu beleben«, sieht aber zugleich das Problem, dass ein großer Teil der traditionellen und antiimperialistischen Linken »reaktionärer« werde. Das zeige sich an der Popularität der Sichtweise, die Hamas und Hisbollah »zur globalen Linken zu zählen. Das ist wahnsinnig. Und auch der Populismus von Occupy, also ihre Kritik des Finanzkapitalismus, hilft keinen Schritt weiter«. JustIn Monday sieht einen letzten Hoffnungsschimmer, wenn sich die radikale Linke von der Idee der »Rationalität der Herrschaft« emanzipiere. In Die große Entwertung distanzieren sich Lohoff und Trenkle sowohl von dem deutschen Sparkurs als auch von der Hoffnung auf eine »staatliche Kommandowirtschaft«. Doch insgesamt fällt die Kritik an alternativen Konzepten in ihrem Buch sehr kurz aus. Weil in dem Konkret-Sammelband hingegen der Platz für ausführliche Analyse der globalen wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen 40 Jahre fehlt, ergänzen sich No way out? und Die große Entwertung gegenseitig.

 

Hermann L. Gremliza (Hg.): No way out? 14 Versuche, die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise zu verstehen, Hamburg: KVV konkret 2012, zweite Auflage, 190 S., € 19,80.

Ernst Lohoff/Norbert Trenkle: Die große Entwertung. Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht Ursache der Krise sind, Münster: Unrast 2012, 303 S., € 18,00.