29.06.2016  Beitrag drucken

Kapitalismus als regressive Abstiegsgesellschaft

Im Jahre 2009 bekam der unter der Verantwortung von Jason Reitman gedrehte Film Up in the Air den Golden Globe für das beste Drehbuch. In der Hauptrolle agiert George Clooney als Ryan Bingham, der einen ganz bizarren Job ausübt: er reist durch die Welt und kündigt den Mitarbeiter*innen von Firmen, die sich den damit verbundenen emotionalen Stress nicht selber aufbürden wollen. Am Ende nun kommt es, wie es kommen muss: auch seine Stelle wird wegrationalisiert und die Frau, die seine (und die Stelle seiner Kollegen) übernimmt, setzt ihn vor die Tür.

Der Film verweist dabei auf eine gesellschaftliche Entwicklung, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten vor unseren Augen vor sich gegangen ist. Allerdings geht der Trend dabei weniger zum Ausschluss der Menschen aus dem Arbeitsleben (wie die Metapher von der Kündigung nahelegt), sondern zu deren zunehmend prekären Einbindung in Verhältnisse, die immer stärker als verunsichernd und beängstigend wahrgenommen werden.

Auch in den Sozialwissenschaften ist dieser Trend nicht unbemerkt geblieben. Oliver Nachtwey hat nun mit Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne eine Studie veröffentlicht, in der er unterschiedliche Aspekte dieser Entwicklungen zusammenzubringen versucht. Das Ergebnis kann sich lesen lassen.

Das 233 Seiten fassende Buch ist aus einer von wertkritischer Krisentheorie inspirierten Perspektive heraus insbesondere deshalb interessant, weil Nachtwey bei seiner Darstellung der kapitalistischen Modernisierung einen Bruch in den 1970er Jahren verortet. Bis dahin lasse sich der kapitalistische Modernisierungsprozess als Fortschrittsgeschichte verstehen. Insbesondere in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg habe sich eine „soziale Moderne“ herausgebildet, die immer weitere Teile der Menschen integriert und ihnen damit verbesserte Lebenschancen ermöglicht habe. In diesem Sinne beschreibt Nachtwey die Kämpfe der Arbeiter*innen-Bewegung als einen (in weiten Teilen und sehr lange) erfolgreichen Kampf um Integration in diese Gesellschaft. Eine verstärkte tarifliche und gesetzliche Absicherung der Einzelnen ermöglichte eine steigende Lebensqualität mit stetig steigenden Löhnen, Arbeitsschutz auf hohem Niveau, Mitbestimmung über Betriebsräte etc. Im Zuge dessen habe sich ein tarifvertraglich abgesichertes Normalarbeitsverhältnis herausgebildet, das lange Zeit als selbstverständlich galt.

Diese Entwicklung habe in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Knacks bekommen, weil der Kapitalismus aufgrund einer Überproduktionskrise (!) seine eigene ökonomische Basis nicht mehr erhöhen konnte. Die nicht mehr investierbaren Geldern seien daher an die Finanzmärkte geflossen und haben dort zu den Entwicklungen geführt, die heute unter dem Begriff Finanzmarktkapitalismus diskutiert würden. Ganz ausdrücklich betont er, die traditionelle linke Sicht, die in der Ausdehnung der Finanzmärkte die Ursache für die Krise sieht, sei falsch und drehe die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge um. Tatsächlich sei sie die Folge der Überproduktionskrise und somit ein Krisenlösungsversuch innerhalb der kapitalistischen Moderne. Im Zuge dieser Entwicklung seien die Wachstumsraten jedoch zusammengebrochen, so dass wir heute faktisch in einem Postwachstumkapitalismus leben.

Dieser Postwachstumskapitalismus nun zeichne sich (neben den marginalen Wachstumsmargen) durch eine Reihe von Strukturmerkmalen aus, von denen hier drei kurz benannt werden sollen. Zum einen kommt es zu einem relativen Aufstieg von bislang gesellschaftlich marginalisierten Gruppen. Für Frauen, Migrant*innen und Homosexuelle etwa haben sich die Teilhabe-Chancen in den letzten 40 Jahren durchaus verbessert. Diese Entwicklung wird jedoch von der gegenteiligen Dynamik begleitet, dass sich die Unterschiede zwischen Arm und Reich vergrößert haben. Wir haben es also mit dem doppelten Prozess zu tun, dass die soziale Ungleichheit auf einer horizontalen Ebene (zwischen den Geschlechtern, den Ethnien, den sexuellen Orientierungen etc.) abnimmt, während sie auf einer vertikalen Ebene (zwischen Klassen, Schichten und Milieus) zunimmt. Damit einhergehend nimmt auch die soziale Ungleichheit zwischen Frauen zu, während gleichzeitig die soziale Ungleichheit zwischen Frauen und Männern (zumindest relativ) abnimmt.

Ein zweites Strukturmerkmal dieser neuen Epoche stellt die Desintegration dar. Während in der „sozialen Moderne“ gesellschaftliche Institutionen und Sicherheiten aufgebaut wurden, werden diese nun wieder abgeräumt. Die Menschen werden dabei jedoch (zumindest in Deutschland und in der überwiegenden Zahl der Fälle) nicht einfach aus dem Prozess herausgeworfen, sondern bleiben prekär integriert. Dabei sind jedoch die Angst vor der Exklusion und das Bemühen um die Aufrechterhaltung des prekären Inklusionsstatus die vorherrschenden Antriebsmomente der postmodern verunsicherten Arbeitssubjekte.

Das dritte Strukturmerkmal wird in den Politikwissenschaften unter der Überschrift „Postdemokratie“ diskutiert: in weiten Teilen der Gesellschaft hat sich die Wahrnehmung eingeschlichen, dass die Demokratie zwar formal noch existiert, an diese Existenz aber kaum reale Einflussmöglichkeiten gebunden sind. Die integrativen Funktionen der
Staatsbürgerschaft, die aus den Menschen einst einen politischen Souverän machen sollten, werden mehr und mehr durch die vereinzelnden Strukturen der Marktbürgerschaft abgelöst. Das politische Geschehen wird zunehmend als Verwaltung von Sachzwängen wahrgenommen und die Bürger*innen, die als Arbeitssubjekte in zunehmend prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse eingebunden werden, nehmen dies als einen Ausschlussmechanismus wahr: Obwohl sie sich solche Mühe geben und alles tun, was von ihnen verlangt wird, scheint sich doch niemand für sie zu interessieren.

Diese neue soziale Konstitution bezeichnet Nachtwey im Anschluss an Ulrich Beck als „regressive Moderne“: obwohl die allgemeinen (Form-)Bestimmungen der modernen, kapitalistischen Gesellschaft noch immer hegemonial seien, sei es in der Realität immer weniger möglich, die einst daran geknüpften relativen Emanzipationsversprechen zu realisieren. Die Rolltreppe, so veranschaulicht er diese Überlegung, fahre nicht mehr wie in der „sozialen Moderne“ nach oben, sondern nach unten. Sicherlich gebe es noch immer die Möglichkeit von sozialem Aufstieg, aber die sei nur unter erschwerten Bedingungen und in seltenen Ausnahmefällen möglich. Der gesellschaftliche Trend hingegen treibe in Richtung Prekarisierung und einem damit verbundenen gesellschaftlichen Abstieg. Daher nennt Nachtwey diese Gesellschaft auch eine „Abstiegsgesellschaft“.

Da es weniger Ausschluss (Exklusion) als vielmehr die Prekarisierung des Eingebundenseins in die kapitalistische Gesellschaft ist, die Nachtwey problematisiert, tritt der eingangs gezogene Vergleich mit Up in the Air auch nur sehr bedingt zu. Wesentlich anschaulicher finden sich die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die realen Arbeitsprozesse und Lebensweisen der postmodern-verunsicherten Subjekte im 2001 von Ken Loach unter die Titel The Navigators in die Kinos gebrachten Film über die Privatisierung der britischen Eisenbahn dargestellt. Hier führt die zunehmende Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und die allgemeine Verunsicherung der Arbeitenden schließlich zum Tod eines Kollegen – dessen wahre Todesursache diese im Anschluss zu vertuschen suchen, um ihre eigenen prekarisierten Jobs nicht zu gefährden.

Nachtwey erklärt nun aus dem Zusammenwirken der drei Strukturmerkmale dieser Abstiegsgesellschaft (die Widersprüchliche Dynamik gesellschaftlichen Auf- und Abstiegs, die Desintegrationstendenz und die Postdemokratie) die Ausgangssichtuation für eine zunehmende Verhaltensunsicherheit bei den Individuen. Einerseits sei sowohl eine Krise der Demokratie als auch eine Krise der Ökonomie zu diagnostizieren – andererseits gäbe es aber keine emanzipatorische Antwort auf diese Herausforderung. Die neuen Protestbewegungen (er benennt die neue Streikbewegung mit der GdL, den Verdi-Erzieherinnen, Cockpit etc. sowie den Organizing-Kampagnen der Gewerkschaften; Occupy inkl. Podemos und Syriza; die Stuttgarter Wutbürger; Pegida) seien eine Reaktion auf diese Verunsicherung. Hier sei es für die Linke nun wichtig, emanzipatorische Auswege aufzuzeigen, damit die vorhandene Unsicherheit und zunehmende Verzweiflung nicht in reaktionären Krisenlösungsstrategien stecken bleibe.

Vor dem Hintergrund der von der Krisis-Gruppe entwickelten Krisentheorie mag es der Arbeit von Nachtwey an vielen Stellen an begrifflicher Schärfe mangeln, doch trotz allem verweist sie sehr anschaulich auf Brüche in der kapitalistischen Gesellschaft, die ersichtlich auf den fundamentalen Krisenprozess zurückzuführen sind. Zudem stellt sie viele Zusammenhänge zwischen ökonomischen, politischen und ideologischen Veränderungen her und weist so viele Anknüpfungspunkte auch für eine tiefergehende Analyse auf.

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne
Frankfurt am Main : Suhrkamp 2016
264 Seiten