31.08.2016  Beitrag drucken

Rekonstruktion oder Dekonstruktion? (Krisis 3/2016)

rekonstruktion_dekonstruktionKarl-Heinz Lewed

Rekonstruktion oder Dekonstruktion?

Über die Versuche von Backhaus und der Monetären Werttheorie, den Wertbegriff zu rekonstruieren

Krisis-Beitrag 3/2016

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Zusammenfassung

Ein zentrales Element der Marx’schen Theorie bildet der Begriff des Fetischismus. In diesem Zusammenhang bedeutet Kapitalismus als fetischistische Herrschaftsform, dass sich das Verhältnis zwischen den Menschen als »gesellschaftliches Verhältnis der Sachen« (Marx) darstellt. Im Geld kommt diese versachlichte Beziehung zum Ausdruck. Es ist die Erscheinungsform und gleichzeitig die Verschleierung der sozialen Vermittlung in der Warengesellschaft.

Hans Georg Backhaus hat in den 1970er Jahren den Anstoß gegeben, genau diese Beziehung zwischen dem Geld und einer dahinter verborgenen gesellschaftlichen Struktur näher zu bestimmen. Seine Analysen waren damit wichtiger Ausgangspunkt für eine Reformulierung radikaler Kritik der Warengesellschaft als Kritik versachlichter Beziehungen jenseits des traditionellen Marxismus mit dessen Fixierung auf den Klassenantagonismus.

Auch der vorliegende Text geht davon aus, dass es für eine adäquate Rekonstruktion der Marx’schen Kritik zentral ist, die Frage nach dem inneren Zusammenhang von Arbeit, Wert und Geld zu klären. In ihr liegt der Schlüssel zum Verständnis der historischen Spezifik kapitalistischer Herrschaft und damit auch der Möglichkeit ihrer Überwindung.

Eine plausible Antwort auf diese Fragestellung ergibt sich allerdings nur, wenn die Arbeit als die Substanz des Werts bestimmt wird. Das bedeutet, die Arbeit in ihrer spezifischen Funktion zu begreifen, die darin besteht, überhaupt erst Gesellschaftlichkeit herzustellen.  Genau in dieser Funktion als Zentrum gesellschaftlicher Vermittlung bildet die Arbeit die Substanz des Werts. Im Kapitalismus entstand so historisch eine völlig neue Form gesellschaftlicher Beziehung, die sich von allen vormodernen Formen grundlegend unterscheidet. Wenn sich aber eine Gesellschaft über Arbeit vermittelt, dann heißt dies gleichzeitig, dass sie in einen Zusammenhang von getrennten Privatproduzenten auseinanderfällt. Im Wert jeder Ware, die die Privatproduzenten jeweils herstellen, muss sich die gesellschaftliche Vermittlung durch Arbeit darstellen. Arbeit ist also der Hintergrund oder vielmehr das Wesen jenes gesellschaftlichen Verhältnisses der Sachen. In der kritischen Analyse der Gesamtbeziehung und ihrer einzelnen Momente muss somit die Arbeit den Ausgangspunkt bilden.

Die Notwendigkeit des Geldes entsteht dabei – der logischen Entwicklung der Kategorien nach – erst im Austauschprozess der Waren. Diese nachgeordnete Funktion des Geldes erkennt Backhaus allerdings nicht. Statt in der Arbeit sieht er im Geld die Schlüsselkategorie kritischer Gesellschaftstheorie. Mit seiner »Monetären Werttheorie« und den sich aus ihr ergebenden endlos wiederholten und letztlich ergebnislosen Versuchen, das von ihm so genannte »Geldrätsel« zu entschlüsseln, verharrt Backhaus stets auf der Ebene des Austauschverhältnisses. Auf dieser ist aber eine Bestimmung der gesellschaftlichen Substanz des Werts gar nicht möglich. Mit seiner falschen Fokussierung der Analyse zentriert Backhaus seine Untersuchungen unvermeidlich auf den Austauschprozess und stellt damit zugleich die Weichen weiterer Theorieentwicklung im Kontext der Monetären Werttheorie in eine falsche Richtung. Diese hat unter anderem auch Michael Heinrich eingeschlagen, dessen zirkulationstheoretische Wertlehre vom theoretischen Ansatz her kaum noch eine Differenz zur neoklassischen Volkswirtschaftslehre aufweist. Damit haben sich die Versuche einer Rekonstruktion der Marx’schen Kritik aber in ihr Gegenteil verkehrt.