02.03.2017  Beitrag drucken

Keine Kritik ist auch keine Lösung

Rezension zu Kapitalismus ist auch keine Lösung

von Julian Bierwirth

Mit Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung hat Ulrike Herrmann einen gut geschriebenen und lesbaren Überblick über die die ökonomische Theoriegeschichte vorgelegt, der mittlerweile in der 11. Auflage erschienen ist. Ihre darin vertretene Kernthese ist, dass ökonomische Theorien mit dem real existierenden Kapitalismus zu rechnen und ihn in ihre Überlegungen einzubeziehen haben. Der Neoklassik und dem Neoliberalismus wirft sie dementsprechend vor, eine Modellwelt ohne Kapitalismus zu konstruieren. In diesem Sinne ist dann auch der Titel des Buches gemeint: Eine Ökonomietheorie ohne Bezug auf die kapitalistische Lebensrealität muss scheitern, weil sie die Dynamik der kapitalistischen Verhältnisse nicht in den Blick bekommt – und ihnen damit blind ausgeliefert ist. Eine vernünftige ökonomische Theorie hingegen kann helfen, den Kapitalismus in die Bahnen zu lenken, in denen er zum Wohle der Menschheit funktionieren kann. In diesem Sinne interpretiert sie dann auch Smith, Marx und Keynes als kluge Denker, die eben diesen Fehler nicht machen und stattdessen auch in der heutigen politischen Situation noch auf Handlungsmöglichkeiten verweisen.

Adam Smith etwa interpretiert sie in dem Sinne als Marktradikalen, als dass dieser den tatsächlichen Wettbewerb zwischen gleichberechtigten Marktteilnehmer*innen zum Ausgangspunkt seiner These von der „unsichtbaren Hand des Marktes“ gemacht habe – weshalb der Staat stets gehalten sei, Monopole zu zerschlagen und den Wettbewerb zu fördern. Gerade der Verzicht auf ihre Privilegien, so fasst sie Smith‘ Argumentation zusammen, könnte die Reichen noch Reicher machen. (S. 44 – 50) Die zentrale Zielrichtung ihrer Argumentation ist dabei eine Methodenkritik der Neoklassik. Während diese mit ihrem methodologischen Individualismus so tue, als sei „eine Stadt wie London von 8,7 Millionen Robinson Crusoes bevölkert, die alle auf ihrer eigenen seperaten Insel sitzen“ (S. 233), sei für Smith stets klar, dass es auf die Beziehungen zwischen diesen Menschen ankomme. Der Clou seiner Argumentation sei es ja gerade, dass die einzelnen Wirtschaftseinheiten durch einen fairen, gleichberechtigten Wettbewerb mehr erreichen könnten als durch Vernichtungskonkurrenz.

Das ist insofern richtig, als dass Smith gegen den Merkantilismus und die Reste der Feudalgesellschaft argumentierend die Freiheit und Gleichheit der Marktteilnehmer*innen einfordert. Dies kann er jedoch nur tun, indem der die verallgemeinerte Marktkonkurrenz als Gegebenheit voraussetzt. Smith kann auf diese Weise die Herausbildung einer eigengesetzlichen Sphäre der Arbeit als Muster für jedes menschlichen Gemeinwesens fassen und gleichzeitig in ihrer Potenz zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse zur Utopie erklären. Damit verklärt er diese historisch spezifische Konstellation jedoch als geradezu naturhafte, anthropologische Konstante.

Karl Marx liest Herrmann, ganz dieser Tradition folgend, sehr stark durch die Brille von Friedrich Engels. Während die Marx-Forschung in den letzten Jahren dazu übergegangen ist, die Differenz der Engels‘schen Marx-Interpretation zu Marxens Werk zu betonen, macht sie Engels zum Kronzeugen dessen, was der zentrale Kern des Marx‘schen Werkes sei. Letzterer habe Marx „in eine verständliche Sprache“ übersetzen müssen, bevor er für die Zeitgenossen verständlich geworden sei. Dabei übersieht sie – ebenso wie Engels – jedoch die zwei zentralen Momente der Marx‘schen Konzeption vom Kapitalismus – obwohl sie in beiden Fällen doch genau die Passagen in den Mittelpunkt rückt, die für das Begreifen dieser Momente notwendig gewesen wäre.

Denn zurecht verweist sie darauf, „dass gerade die ,dialektischen Spitzfindigkeiten‛ in den ersten Kapiteln den Kern der marx‘schen Theorie ausmachen“ (S. 115) – nur um sich dann über die notwendigen Details auszuschweigen. Sie interpretiert Marx stattdessen als klassischen Arbeitswerttheoretiker in der Tradition von Smith und Ricardo. Doch Marx argumentiert differenzierter, indem er die Marktkonkurrenz gerade nicht als selbstverständlich voraussetzt, sondern die Vergesellschaftung der Menschen über die Arbeit als historische Fundsache dechiffriert. Auf diese Weise gelingt es ihm auch, die Widersprüche aufzulösen, in denen sich Smith und Ricardo verstrickt hatten. Damit wird der Kapitalismus für Marx etwas, dass historisch entstanden ist und das ebenso im weiteren Geschichtsverlauf überwindbar wäre. Er kann, mit einem Wort, zwischen Gesellschaften unterscheiden, die auf der Vermittlung über Arbeit und Wert beruhen und solchen, die das nicht tun.

Diese Perspektive fehlt Herrmann jedoch völlig. Dass zeigt sich dann auch, als sie den Marx‘schen Kapitalbegriff diskutiert. Zurecht verweist sie hier darauf, dass für Marx das Kapital „kein Besitz, sondern ein Prozess“ (S. 125) sei. Geld werde erst durch stetige Reinvestition zu Kapital, was eine „ewige Spirale der Verwertung“ mit sich bringe. Aus dieser Anspielung auf die Marx‘sche Formulierung vom Kapital als „automatischem Subjekt“ folgert sie jedoch nicht die blindwütige Dynamik eines sich gegenüber den Menschen verselbständigenden Prozesses, sondern erklärt diese nachträglich und nebenbei zum bloßen Schein (S. 125) und schiebt die Schuld statt den gesellschaftlichen Verhältnissen nun der Technik unter, da diese die „Konkurrenzbedingungen“ (S. 126) verändere.

Statt also die historische Spezifik des irrationalen Selbstzwecks namens Kapital zu beschreiben, kommt sie bei einer bloßen Verselbständigung stofflich-technischer Mittel heraus, die schlussendlich zum Oligopol dränge, weswegen ihr im Namen de Smith‘schen „unsichtbaren Hand“ durch staatliche Regulierung entgegengewirkt werden müsse.

Die bislang ausgefeilteste Theorie einer solchen Regulierung schreibt sie dann John Maynard Keynes zu. Dessen „allgemeine Theorie“ habe gezeigt, dass der Kapitalismus sich durch kluge staatliche Maßnahmen bändigen lasse. Eine Theorie wie die Neoklassik, so ihre Folgerung, die ihre Betrachtung lediglich auf die einzelnen Marktteilnehmer*innen beschränke und das ökonomische Ganze nicht mehr in den Blick bekomme, könne nicht erkennen, wie diese Marktteilnehmer*innen aufgrund des „berühmten Herdentriebs“ dazu neigen, „den Lauf der Herde falsch einzuschätzen“ (S. 194). So komme es immer wieder zu Krisen, die durch eine kluge makroökonomische Planung aber verhindert werden könnten.

Dementsprechend heißt es über die Neoliberalen, diese dächten „nicht makroökonomisch, sondern bleiben in der Mikroökonomie stecken und glaubten naiv, dass die gesamte Volkswirtschaft genauso funktioniert wie ein einzelnes Unternehmen.“ (S. 183) Das ist sicherlich nicht falsch, doch bleibt das von Herrmann im Anschluss an Keynes reformulierte Verständnis von Volkswirtschaft selbst beschränkt. Der Clou soll alleine darin bestehen, eine je gegebene makroökonomische Situation zu nehmen und staatlicherseits korrigierend-planend einzugreifen. Dabei macht sie selbst an der von ihr ausführlich geschilderten Geschichte der deutschen Nachkriegsökonomie deutlich, dass es so einfach nicht ist.

Denn über den damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhardt weiß sie zu berichten, dass dieser kein „besonders befähigter Praktiker, sondern vor allem ein geschickter Opportunist und Lobbyist“ (S. 210) gewesen sei. Sie hält schließlich fest: „Nicht Erhard hat das deutsche Wirtschaftswunder erzeugt, sondern der Aufschwung war so stark, dass sogar ein ahnungsloser Wirtschaftsminister und Kanzler nicht störte.“ (S. 214)

Nicht staatlich-administrative Steuerung, so können wir also mit Herrmann festhalten, sondern eine unabhängig von dieser waltende ökonomische Dynamik hat das sog. „Wirtschaftswunder“ und damit den vermeintlichen Beweis für die Steuerbarkeit des Kapitalverhältnisses hervorgebracht.

In den 1970er Jahren ist diese Konstallation jedoch an ihre historische Grenze geraten. Die Krise des Fordismus hatte ihre Ursache in der Tat in der Steigerung der technischen Möglichkeiten – allerdings nicht im Sinne einer Verschärfung der Konkurrenzbindungen (wie Herrmann im Marx-Kapitel nahelegt), sondern durch eine Aushöhlung der Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaftsformation. Der Kapitalismus beruht, wie oben bererits festgestellt, auf der gesellschaftlichen Vermittlung über die Arbeit, wobei erst eine stetige Ausdehnung der verwerteten Arbeit die „ewige Spirale der Verwertung“  (Herrmann) aufrecht zu erhalten vermag. Durch die industrielle Revolution der Mikroelektronik wurde nun aber so viel Arbeit innerhalb des kapitalistischen Verwertungsprozesses überflüssig gemacht, dass das akkumulierte Kapital  nicht länger produktiv investiert werden konnte.

Die Krise des Fordismus war dann also nicht, wie von Herrmann unterstellt, einer neoliberalen  ökonomietheoretischen Konterrevolution (S. 206ff.) geschuldet , sondern vielmehr selber Ursache für den Aufstieg des Neoliberalimsus. Dessen Politik förderte anschließend, wie Herrmann plastisch darlegt, die ungeheure Expansion der Finanzmärkte, die das postfordistische Zeitalter prägt. Doch da sie die gesamte ökonomische Konstellation nicht als spezifische Gesellschaftsform begreift, übesieht sie, wie es dem Kapitalismus auf diese Weise möglich war, die Basis der Akkumulation zu verschieben: beruhte diese bislang auf der Kapitalisierung bereits verausgabter Arbeitskraft, so konnte nun schrittweise auf die Akkumulation von Fiktivem Kapital umgestellt werden. Mit diesem Begriff bezeichnete Marx die von der Realökonomie losgelöste Akkumulation innerhalb der „Finanzindustrie“. Nur das diese in der historischen Entwicklung nicht die Ursache kapitalistischer Krisenentwicklungen ist, sondern deren schlichte Folge.

Dass Herrmann all dies nicht in den Blick bekommt, liegt zuallererst daran, dass sie die Marx‘sche Erkenntnis übersieht, dass die Grundlagen unserer Ökonomie eben nur die Grundlagen unserer Ökonomie sind, also nur für eine vergleichsweise kurze Zeit der Menschheitsgeschichte überhaupt von Bedeutung sind. Und es liegt darüber hinaus daran, dass sie die spezifisch irrationale Dynamik, der diese Gesellschaftsform unterworfen ist, rationalisiert und naturalisiert. So kann ihr die fundamentale Krise der Arbeit, in die die kapitalistische Ökonomie in den 1970er-Jahren geschlittert ist, gar nicht in den Blick kommen.

Damit blendet sie aus ihrer Betrachtung jedoch den Kapitalismus als das, was ihn zentral charakterisiert, aus: als historisch gewordenes, durch menschliches Handeln geschaffenes, sich diesem Handeln gegenüber aber verselbständigendes System. So wiederholt sie, unbewusst und gewissermaßen auf höheren Abstraktionsebene, eben jenen Fehler, den sie den Neoklassikern (zurecht!) vorwirft: Sie nimmt eine Idealwelt ohne Kapitalismus zum Ausgangspunkt ihrer Argumentation.

 

Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können. Frankfurt am Main : Westend 2016, 287 Seiten