06.10.2017  Beitrag drucken

Wishful Reading

von Ernst Lohoff

Der Titel Zwei Bücher – ein korrekter und ein kritikabler Standpunkt verrät es schon: Die Reaktion der Karlsruher wertkritischen Gruppe auf meine Überlegungen in dem Text Zwei Bücher – zwei Standpunkte fällt zwiespältig aus. Was die Theorie des fiktiven Kapitals angeht, schlagen sich die Autoren auf die Seite der in Die große Entwertung entwickelten Position; auch sie halten die Theorie der Waren 2ter Ordnung und des inversen Kapitalismus für einen entscheidenden Fortschritt gegenüber dem Kurz‘schen Umgang mit der Kategorie des fiktiven Kapitals. Dagegen trifft meine Kritik an der methodologischen Wendung, die Robert Kurz in seinem letzten Buch vollzogen hat, auf Unverständnis. Die Vertreter der Karlsruher Gruppe halten die Behauptung von Robert Kurz, Marx sei im Kapital über die Fallstricke des „methodologischen Individualismus“ gestolpert, für zutreffend.

Dass ich mit meinen methodologischen Bemerkungen offene Türen einrennen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Schon die Art und Weise, in der Robert Kurz seine Marx-Kritik präsentiert, verschleiert deren Tragweite. Nicht nur, dass er wohlweislich einen moderaten Ton anschlägt – Robert Kurz knüpft an tatsächliche Mehrdeutigkeiten in den Marx´schen Schriften an und erhebt für sich den Anspruch, diese auflösen zu wollen. Vor allem für Leser, die in Geld ohne Wert (mehr oder minder das erste Mal) mit methodologischen Grundsatzfragen konfrontiert sind, bleiben die Implikationen der Kurz´schen „Nachbesserungen“ im Dunkeln. Um diese in den Blick zu bekommen und um zu erkennen, wie willkürlich Robert Kurz verfährt, wenn er Marx das Etikett des „methodologischen Individualismus“ aufklebt, muss man schon auf ein unabhängig von Geld ohne Wert gewonnenes methodologisches Grundverständnis zurückgreifen können. Angesichts des derzeitigen Diskussionsstandes dürften die wenigstens Rezipienten in dieser glücklichen Lage sein. Die bisherige wertkritische Publizistik liefert in dieser Hinsicht kaum etwas. Die Frage der „Methodologie“ war, bis Robert Kurz zu seiner Wirrfahrt antrat, in den wertkritischen Veröffentlichungen nie explizit ein Thema. Wer über den wertkritischen Tellerrand hinausschaut, muss seinen Blick weit in die Vergangenheit schweifen lassen, um Orientierungshilfe zu finden. In den 1960er und 1970er-Jahren, in den Anfängen der Neuen Marx Lektüre, gab es zwar schon einmal eine relativ breite und qualifizierte Methodendiskussion, die jedoch vollständig abgerissen und so gut wie vergessen ist. Heute geben auf dem kaum mehr beackerten Feld der Methodologie Autoren wie Michael Heinrich oder Ingo Elbe den Ton an, die mit dem Kern der Kritik der Politischen Ökonomie, der Fetischanalyse, auf Kriegsfuß stehen und einer VWL-kompatiblen Reformulierung der Marx´schen Theorie das Wort reden. In Personalunion von Erbverwalter und Totengräber der Neuen Marx Lektüre liefern sie Robert Kurz einen wunderbaren Abstoßungspunkt für sein eigenes, anders gelagertes Entsorgungsunternehmen.

Vor diesem Hintergrund können meine kritischen Randbemerkungen nicht mehr sein als ein Einstieg in einen längeren Klärungsprozess. Allerdings beginnt der etwas holprig. An der Replik der Karlsruher Gruppe fällt jedenfalls vor allem auf, dass die zentralen Argumente meines Textes offenbar nicht so ganz angekommen sind. Zumindest fällt es mir schwer, in der Antikritik meine Gegenposition zur Kurz´schen „neuen Methodologie“ noch wiederzuerkennen.

Schon wie Zwei Bücher – ein korrekter und ein kritikabler Standpunkt mit meinen Überlegungen zum logischen Status der Ware verfährt, die am Anfang der Darstellung in das Kapital stehen, ist wenig zielführend. Gleich mit dem ersten Satz fällt das Kind in den Brunnen: „Anders als in den Grundrissen beginnt – wie bekannt – das Kapital mit der Analyse der idealtypischen Ware“, heißt es einleitend in der Antwort auf meine Kritik. Dass am Anfang des Kapitals die idealtypische Ware steht, ist weder allgemein bekannt noch verbindlicher Konsens im wertkritischen Lager. Meine Kritik an Robert Kurz ist vielmehr ganz wesentlich eine Kritik dieser aus dem traditionellen Marxismus übernommenen Vorstellung. Nach Karlsruher Lesart werfe ich Robert Kurz vor, er habe Marx unterstellt, von der empirischen Einzelware auszugehen statt von der idealtypischen Ware. Die Unterscheidung von idealtypischer (Einzel)Ware und empirischer (Einzel)Ware ist aber sekundär und spielt für meine Argumentation keine Rolle. Diese setzt grundsätzlicher an:

Wenn Marx im ersten Kapitel seines Hauptwerkes von Ware spricht und die Mysterien der Warenform anhand von Rock und Leinwand untersucht, dann verengt er die Bedeutung dieses Begriffs auf einen spezifischen Typus von Ware. Ware im Sinne des ersten Kapitels sind ausschließlich Waren, die das Produkt „getrennter, selbständiger und voneinander unabhängig betriebener Privatarbeit“ sind. Von sämtlichen Waren, die dieser Bestimmung nicht Genüge tun (z.B. die Ware Arbeitskraft, in Waren verwandelte Naturressourcen, die Ware Geldkapital usw.) wird auf dieser Stufe der Darstellung noch konsequent abstrahiert. All diese verschiedenen Warenformen sind logisch nachgeordnet, weil ihr Auftreten bereits die Verwandlung der stofflichen Produktion in die Verrichtung von Privatarbeit und Auflösung der Gesellschaft in isolierte Warenbesitzer voraussetzt. Deshalb können sie erst nach und nach im Verlauf der Konkretion der Darstellung eingeführt werden. Dass Marx im ersten Kapitel des Kapital den Begriff Ware extrem selektiv verwendert, hat also seinen guten Grund: Weil sein Blick zunächst einmal auf die Kernstruktur der kapitalistischen Gesellschaft, auf die Konstitution des Werts, fokussiert ist, kann die Ware bis auf Weiteres ausschließlich insofern Untersuchungsgegenstand als sie Wert repräsentiert und damit als dingliche Darstellungsform die Kernstruktur der kapitalistischen Gesellschaft verkörpert.

Eine solche (vorläufige) Engführung der Kategorie der Ware ist aber etwas völlig anderes, als das, was Kurz in Anlehnung an ein traditionsmarxistisches Missverständnis als Marx´schen Methode verkauft, nämlich das Ausgehen von der „empirischen“ oder „idealtypischen Einzelware“. Eine empirische Durchschnittsware, müsste sich durch Eigenschaften auszeichnen, die quer durch alle Abteilungen allen Waren zukommen. Genauso wenig kann aber angesichts des Marx´schen Selektionsverfahrens von einer idealtypischen Ware die Rede sein. Ein idealtypische Ware, wäre eine Ware, in der die wesentlichen gemeinsamen Grundzüge aller Waren in Reinkultur hervortreten. Auch hier stellt sich wieder das gleiche Problem: Was soll das für eine idealtypische Ware sein, deren Kernbestimmung sich nur bei den Angehörigen eines einzigen Segments des gesamten Warenuniversums finden lässt?

Robert Kurz hat seinen Vorwurf, Marx sei über die Fallstricke des „methodologischen Individualismus“ gestolpert, vor allem am Problem des Anfangs in der Kritik der Politischen Ökonomie festgemacht. Dementsprechend habe ich meine Antikritik auf den logischen Status der im ersten Kapitel des Kapitals behandelten Ware fokussiert. Auf meine Überlegungen zu diesem Punkt geht die Replik mit keinem Wort ein. Um einen Beleg zu finden, dass Robert Kurz Marx zu Recht „methodologischen Individualismus“ vorwirft, wechseln die Autoren das Thema und wenden sich einem sehr speziellen Problem, dem Extramehrwert. Sie zitieren „exemplarisch“ die „Marxschen Ausführungen im 10. Kapitel des Kapitals“, das die Wirkung von Produktivkraftsteigerungen auf den Wertmaßstab behandelt. Dort stoßen sie sich an der „Benutzung des Begriffs ‚individueller Wert‘“ und schreiben Marx ins Stammbuch: „Entweder ist der Wert ein gesellschaftliches Verhältnis der durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit oder er ist individuell.“ So viel ist an diesem Einwand richtig: Einem Leser, der die Marx´sche Wertkritik als Spielart der klassischen positiven Werttheorie interpretiert, wie das im Arbeiterbewegungs-Marxismus gang und gäbe war, entgeht aller Wahrscheinlichkeit nach, dass es sich beim Ausdruck „individueller Wert“ um eine paradoxe Begriffsbildung handelt. Trotzdem ist nicht so recht nachvollziehbar, warum der Ausdruck „irreführend und komplett unnötig“ sein soll. Von irreführend kann insofern schwerlich die Rede sein, als Marx den Begriff des „individuellen Werts“ – in der Replik wird das dankenswerterweise mitzitiert – immer nur in Kontrast zum „wirklichen gesellschaftlichen Wert“ verwendet. Dass für den Wertmaßstab der durch den herrschenden technologischen Standard bestimmte gesellschaftlich notwendige Arbeitsaufwand maßgeblich ist, bleibt keinen Augenblick im Dunkeln. Vor allem wäre der Begriff „individueller Wert“ nur dann „komplett unnötig“, wenn man die neue Kurz´sche Methode so weit triebe, dass man die Kategorie des Extramehrwerts für obsolet erklärte. Wenn man wie die Autoren der Replik an dieser Kategorie festhält, dann muss man die Wirkung der exzeptionellen Produktionsbedingungen der Pionierunternehmen auf die Wertproduktion begrifflich fassen, und das leistet die Unterscheidung zwischen fiktivem „individuellem Wert“ und realem gesellschaftlichem Wert. Selbstverständlich könnte man sich einen Alternativbegriff aus den Fingern saugen, der das böse Wort „individuell“ vermiede; in der Sache führte das aber keinen Millimeter weiter.

Der Haupteinwand der Replik gegenüber der Marx´schen Extramehrwerttheorie hat mit dem Problem des methodologischen Individualismus erst einmal wenig zu tun. Im Zentrum der Kritik steht, wie Marx den Begriff der „notwendigen gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit“ fasst. In der Marx´schen Darstellung bleibt beim ersten Auftreten eines Pionierunternehmens, das produktiver arbeitet, das etablierte Wertniveau erst einmal unverändert gültig. Erst mit der sukzessiven Verallgemeinerung der neuen Produktionsmethoden sinkt das Wertniveau. Die Karlsruher Gruppe will den Ausdruck „notwendige gesellschaftliche Durchschnittsarbeit“ wortwörtlich und damit empiristisch verstanden wissen. Das Wertniveau sinkt mit dem ersten Auftreten des Pionierunternehmens auf dem Markt: „Das Ausmaß dieses Absinkens hängt ab vom Marktanteil der neuen Methode, aber es erfolgt ad hoc.“ Von den krisentheoretischen Konsequenzen her betrachtet, ist es sicherlich eine zweitrangige Frage, ob das Wertniveau sofort sinkt oder erst verzögert im Gefolge der Verallgemeinerung der neuen Produktionsmethoden. Methodologisch hat es die Argumentation in der Replik allerdings in sich. Das Verhältnis von grundlegenden Bestimmungen und erscheinender Oberfläche hat sich nämlich auf den Kopf gestellt. Während bei Marx das Wertniveau, vermittelt über das Zwangsgesetz der Konkurrenz, letztlich die Zusammensetzung der Gesamtarbeit reguliert, ist es nach Karlsruher Lesart die tatsächliche, empirisch feststellbare Zusammensetzung der gesellschaftlichen Arbeit, die das Wertniveau bestimmt.

Robert Kurz vertritt in Geld ohne Wert die These, man müsse die konkrete Totalität zum Ausgangspunkt der gedanklichen Rekonstruktion des kapitalistischen Gesamtprozesses machen; denn alles andere liefe auf einen „methologischen Individualismus“ hinaus. Ohne das offenzulegen , formuliert Robert Kurz damit, wie ich in meiner Kritik dargelegt habe, ein Antiprogramm zur Marx´schen Methodes des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten. Die Karlsruher Replik macht sich den Kurz‘schen Standpunkt zu eigen, will aber gleichzeitig die Reichweite der Differenzen zwischen Geld ohne Wert und der Marx´schen Methodik kleinreden. Dementsprechend stößt meine Einschätzung, das Methodenverständnis von Kurz und Marx seien unvereinbar, auf wenig Gegenliebe. Das Ausgehen vom konkreten Ganzen und das sukzessive Aufsteigen vom „Abstrakten zum Konkreten“ soll vielmehr laut Replik dasselbe sein: „Die abstrakt-allgemeinste Bestimmung ist nämlich das Kapitalverhältnis im ´dialektischen Totalititätsverständnis` und nicht wie Ernst Lohoff formuliert ´… die Auflösung der gesellschaftlichen Produktion in Privatarbeit … als die abstrakteste Bestimmung der kapitalistischen Produktionsweise, deren noch völlig unentfaltete Totalität, deren Totalität in nuce´.“ Die Replik kann die Kurz´sche und die Marx´sche Methode aber nur dadurch gleichsetzen, dass sie ein terminologisches Chaos anrichtet und die Bedeutung von „abstrakt-allgemeinster Bestimmung“ in ihr Gegenteil verkehrt. Was soll das für eine abstrakt allgemeine Bestimmung sein, die im Kapitalverhältnis insgesamt besteht? Entsprechend merkwürdig ist die offenbar kritisch gemeinte Anmerkung, ich würde ja selber einräumen, dass es sich bei der Auflösung der Gesellschaft in getrennte Privatproduzenten nur um die „Totalität in nuce“ handle. Das ist kein Zugeständnis, vielmehr liegt es nun einmal im Begriff der abstrakt allgemeinsten Bestimmung, dass sie etwas völlig anderes ist als die entfaltete Totalität. Dagegen mangelt es dem Gegenstandpunkt, der in der Replik vertreten wird, an logischer Konsistenz: „Die Totalität in toto und damit tatsächlich die abstrakteste Bestimmung der kapitalistischen Produktionsweise ist jedoch das Kapital, von welchem Ausgang zu nehmen ist, und nicht von einer von dessen Metamorphosen.“ „Die Totalität in toto“ als „die abstrakteste Bestimmung der kapitalistischen Produktionsweise“ zu bezeichnen, ist schlicht ein Widerspruch in sich. Dementsprechend läuft der zweite Teil des Satzes auf eine kontrafaktische Einordnung meines zentralen Arguments hinaus. Die Behauptung, meine These, die Auflösung der Gesellschaft in getrennte Privatproduzenten sei die abstrakteste allgemeine Bestimmung der kapitalistischen Produktionsweise bedeute eine der Metamorphosen des Kapitals, herauszugreifen und den kapitalistischen Produktionsprozess dem Zirkulationsprozess zu hypostasieren, verkennt völlig die logische Ebene, auf der meine Aussage angesiedelt ist. Nicht nur, dass die Auflösung der Gesellschaft in getrennte Privatproduzenten der Trennung von Produktion und Zirkulation logisch vorausgesetzt ist – diese Grundbestimmung ist auf einer Abstraktionsebene platziert, auf der es überhaupt noch kein Kapital gibt, weil der Gegensatz von Kapital und Arbeit noch gar nicht hervorgetreten ist.

Ich halte Marx bekanntlich keineswegs für sakrosankt. Wenn Kurz Marx vorwirft, er argumentiere in seinen Schriften immer wieder überhistorisch, dann legt er namentlich, was die Grundrisse betrifft, den Finger in eine wirkliche Wunde. Kurz führt den Leser allerdings in die Irre, wenn er diese Schwäche auf den angeblichen Marx´schen methodologischen Individualismus zurückführt. Sie hat andere Hintergründe, insbesondere einen noch unvollständigen Bruch mit der Hegel‘schen Geschichtsphilosophie. Dem hält die Replik entgegen: „Eine Stelle, an welcher Kurz behauptete, jede transhistorische Herangehensweise, so die hegelsche geschichtsmetaphysische, transhistorische, ontologisierende Auffassung, verfalle automatisch dem Verdikt des ‚methodologischen Individualismus‘, konnten wir nicht finden.“ Warum mit dieser Aussage meine Kritik entkräftet sein soll, ist mir schleierhaft. Ob Kurz explizit jede transhistorische Herangehensweise einem „methodologischen Individualismus“ subsumiert, ist entscheidend. Es geht vielmehr um zweierlei: Robert Kurz erweitert gleich im 1. Kapitel von Geld ohne Wert den Begriff des methodologischen Individualismus explizit um einen „historischen Komplex“ (vgl. S. 28 f.). Schon das halte ich für wenig hilfreich, weil der Begriff damit überdehnt wird und zu einer Art Allzweckwaffe im Richtungsstreit verkommt. Das Hauptproblem ist aber die Anwendung auf Marx. Gestützt auf sein überdehntes Konzept des methodologischen Individualismus verrührt Robert Kurz das Logische mit dem Historischen. Die transhistorischen Passagen in den Grundrissen werden zum Argument gegen die logische Darstellung im Kapital.

In Geld ohne Wert heißt es: „Nicht mit seinem Substanzbegriff ist Marx im bürgerlichen theoretischen Feld stecken geblieben, sondern allein mit der individuellen Bestimmung der Wertgröße im Sinne des methodologischen Individualismus.“ (S.194) Das sehe ich anders: Es gibt keinerlei Grund, die Marx´sche Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten infrage zu stellen. Dagegen gehört die Überwindung der Zweideutigkeiten im Marx´schen Substanzbegriff und dessen Befreiung von falschen Naturalisierungen zu den vordringlichsten Aufgaben der weiteren theoretischen Arbeit der Krisis-Gruppe.

Diese Aufgabe, die Entwicklung eines genuin fetischismuskritischen Substanzbegriffs, lässt sich nicht en passant erledigen. Dementsprechend habe ich in meinem Text nur auf diesen Unterschied hingewiesen und gar nicht erst versucht, meinen eigenen Substanzbegriff darzustellen und zu begründen. Deshalb war von vornherein klar, dass die wertkritische Gruppe Karlsruhe sich schwerlich meine Sicht zu eigen machen würde. Allerdings wäre es hilfreich gewesen, wenn sich die Replik nicht nur auf ein Bekenntnis zur Kurz´schen physiologischen Arbeitssubstanz-Vorstellung beschränkt hätte, sondern die Autoren auch einen Fingerzeig gegeben hätten, wie sie eigentlich die Brücke vom Kurz´schen Konzept eines „gesamtgesellschaftlichen Energiefonds“ und zu meiner Theorie der Schaffung von abstraktem Reichtum durch Wertantizipation schlagen wollen. Vor allem was das Kernstück meiner Theorie der Waren 2ter Ordnung angeht – die zeitliche Inversion von Wertproduktion und Kapitalbildung – ist es mir rätselhaft, wie man diese auf dem Boden des Kurz´schen Wertkonzepts reformulieren könnte. Bekanntlich ist es unmöglich, auf den Gebrauchswert eines Stuhls vorzugreifen und auf ihm vor seiner Produktion Platz zu nehmen. Hat man beim Wert aber nicht das gleiche Problem, wenn man diesen als Darstellungsform „tatsächlicher Energieverausgabung“ versteht? Wie bekommt man künftige „tatsächliche Energieverausgabung“ in die Gegenwart?

Die Replik zieht eine hermetische Grenze zwischen der konkreten Analyse des fiktiven Kapitals und den methodologischen Grundsatzfragen. Während meine Theorie der Waren 2ter Ordnung dem, was Robert Kurz zum Thema des fiktiven Kapitals zu sagen hat, deutlich überlegen sein soll, sollen meine methodologischen Einwände allesamt ins Leere gehen. In meinen Augen ist diese Aufspaltung alles andere als plausibel. Nicht dass mit dem Verweis auf Matthäus 7,16 („An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen?“) ein bestimmtes Methodenverständnis schon bewiesen wäre. Trotzdem gibt es natürlich einen Zusammenhang zwischen analytischem Ergebnis und methodologischen Basisannahmen.