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Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft

Die Arbeit hoch?

31.12.1994 Beitrag drucken

Die Arbeit hoch?

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

Erich Ribolits

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur zweiten Auflage

Einleitende Bemerkungen

1. Zum Zusammenhang von Arbeit, Bildung und politisch-ökonomischem System

2. Die Krise des Fordismus und das endgültige “Zur Ware Werden” der Bildung

3. Von der tayloristischen Modernisierung zur heutigen “Postmodernisierung” der Arbeitswelt

4. Unternehmenskultur, Lean production, Ganzheitlichkeit, Flexibilisierung … die Unternehmens-strategien des Post-Taylorismus

5. Schlüsselqualifikationen – der zentrale berufspädagogische Ideologiebegriff des Post-Fordismus

6. Entfremdung – das unveränderte Merkmal der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft

7. Muße – die vergessene Chance

8. Ohne Muße keine (berufliche) Bildung

9. Anstatt einer Zusammenfassung: Heinrich Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

10. Literaturverzeichnis

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Die Arbeit hoch? — Vorwort

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

>> Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur zweiten Auflage

Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches sind knapp mehr als zwei Jahre vergangen. Die Entwicklungen in dieser Zeit haben die dem Buch zugrundeliegende Annahme einer gegenwärtigen, existentiellen “Krise der Arbeitsgesellschaft” leider vollinhaltlich bestätigt. Viele der in diesem Zusammenhang angesprochenen Trends sind in der Zwischenzeit sogar erst zur vollen Deutlichkeit gelangt. Kaum mehr angezweifelt kann heute werden, daß der Arbeitsgesellschaft zunehmend ihr namensgebendes Gut – die Lohnarbeit in ihrer “klassischen” Ausprägungsform – ausgeht. An ökonomische Verwertbarkeit geknüpfte Arbeit wird unübersehbar auch in den Industrieländern zu einem “Luxusartikel”, der für immer weniger Menschen zur Verfügung steht.

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Die Arbeit hoch? — Einleitende Bemerkungen

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

Inhaltsverzeichnis

Einleitende Bemerkungen

Wenn ich nicht im Grunde ein sehr arbeitsamer Mensch wäre, wie wäre ich je auf die Idee gekommen, Loblieder und Theorien des Müßiggangs auszudenken. Die geborenen, die genialen Müßiggänger tun dergleichen niemals. — Hermann Hesse

Der bekannte österreichische Theologe und Religionsphilosoph Adolf Holl meinte vor einiger Zeit in einem Interview, daß der Kapitalismus gewissermaßen als die erste tatsächliche “Weltreligion” bezeichnet werden kann. Er stellt sich als ein weltumspannendes “Glaubensbekenntnis” dar, dem heute mehr Menschen anhängen als jemals in der Geschichte irgendeiner anderen Religion. Und daß alle derzeitigen Gegenbewegungen zum Kapitalismus unter einer im wesentlichen religiösen Motivation antreten – sich zum Beispiel als fundamentalistische, okkultistische oder ähnliche Bewegungen artikulieren -, ist die logische Konsequenz dieses “religiösen Charakters” des Kapitalismus. Wenn man das provokante Bild von der “kapitalistischen Religion” weiterentwickelt, dann müßte die Verausgabung des Menschen durch (ökonomisch verwertbare) Arbeit als der “Gottesdienst des Kapitalismus” bezeichnet werden; und die Opfergaben, die im Rahmen dieses Gottesdienstes dargebracht werden, wären dann wir selbst – die Bewohner der kapitalistischen Gesellschaften – sowie unsere natürlichen Lebensgrundlagen.

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31.12.1994 Beitrag drucken

Die Arbeit hoch? — Kapitel 1

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

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1. Zum Zusammenhang von Arbeit, Bildung und politisch-ökonomischem System

Es gibt kein Land und kein Volk, meine ich, das dem Zeitalter der Muße und des Überflusses ohne Furcht entgegensehen könnte. Denn wir sind zu lange dazu erzogen worden, nach Leistung zu streben; wir haben nicht gelernt, wie man das Dasein genießt. — John Maynard Keynes

Unbestreitbar stellen “Arbeit” und “Arbeiten” in den industrialisierten Gesellschaften heute zutiefst positiv besetzte Begriffe dar. Die Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung gilt als ein ganz wesentliches Kennzeichen eines “achtenswerten” Menschen, und für die Majorität der Bewohner der Industriegesellschaften stellt Arbeit gewissermaßen auch jenes selbstverständliche “Geländer” dar, an dem entlang ihr Leben organisiert ist. Unsere durch Arbeit artikulierte Tüchtigkeit sowie die der Generationen vor uns erscheint uns gemeinhin als die Basis des gesellschaftlichen Wohlstands und dient uns zugleich als Abgrenzung gegenüber Kulturen, in denen Arbeit (noch) nicht jene herausragende Bedeutung genießt wie bei uns. Insgesamt können wir heute konstatieren, daß in unserer Gesellschaft eine Entwicklung ihre Erfüllung gefunden hat, die in der frühen Neuzeit ihren Anfang genommen hatte, mit den bürgerlichen Revolutionen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ihre grundlegende gesellschaftliche Legitimation erhalten hatte und schließlich um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert unter tatkräftiger Unterstützung der Arbeiterbewegung endgültig zum Durchbruch gelangt war – der Sieg des bürgerlichen Leistungsstrebens gegenüber der feudalen, parasitären Faulheit.

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Die Arbeit hoch? — Kapitel 2

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

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2. Die Krise des Fordismus und das endgültige “Zur Ware Werden” der Bildung

Wenn ein Hungernder stiehlt, brauche ich keine Psychologie. Ich benötige Psychologie, schließlich auch Massenpsychologie, um zu erklären, warum ein Hungernder nicht stiehlt, warum die Menschen an der unmittelbaren Wahrnehmung ihrer Interessen von unsichtbaren inneren Barrieren gehindert werden. — Wilhelm Reich

In den sozialwissenschaftlichen Analysen herrscht heute weitgehend Einigkeit darüber, daß sich jene – in der neueren diesbezüglichen Literatur pointiert als “Fordismus” bezeichnete1 – “ökonomisch-gesellschaftliche Formation”, die sich in den USA im Gefolge der Weltwirtschaftskrise ab den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts und in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat, in der Anfangsphase einer tiefgreifenden und grundsätzlichen Veränderung befindet. Dieser Veränderungsprozeß wirft zwar schon seit den siebziger Jahren deutliche Schatten voraus, aber erst seit Mitte der neunziger Jahre sind die Indikatoren des Wandels unübersehbar. Die gegenwärtigen Veränderungen politischer, ökonomischer und technischer Natur sind so umfassend, daß für die meisten Menschen der Sinn für Tempo, Ausmaß und vor allem Zusammenhang der verschiedenen Aspekte des Wandels kaum mehr herstellbar sind. Die fordistische Ausprägungsform der kapitalistischen Gesellschaft, die seit mehr als einem halben Jahrhundert das Leben und die Arbeitsbedingungen der Menschen in der industrialisierten Welt geprägt hat, scheint insgesamt am Ende ihrer geschichtlichen Epoche angelangt zu sein. Ihre tragenden Säulen, tayloristische Arbeitsorganisation, permanente Steigerung der Arbeitsproduktivität, Massenproduktion von Konsumgütern und immer rascherer Warenumlauf durch die Ankurbelung des Massenkonsums, beginnen heute rasant brüchig zu werden.

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Die Arbeit hoch? — Kapitel 3

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

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3. Von der tayloristischen Modernisierung zur heutigen “Postmodernisierung” der Arbeitswelt

… zutreffend ist allerdings, daß wir in einigen Jahren deutlich weniger Arbeitsplätze haben werden. Doch das wird nicht nur Opel betreffen, sondern weltweit in der Industrie zu beobachten sein. [...] Wenn wir [...] wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann brauchen wir dazu weniger Menschen. — David J. Herman, Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG1)

Einen der wesentlichen Gründe für die fordistische “Todeskrise” stellt die aus der technologischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte resultierende Möglichkeit dar, menschliche Arbeitskraft in Produktion und Verwaltung heute in hohem Maß durch datenverarbeitende Maschinen zu ersetzen. Die Folgen, die sich daraus für den Arbeitsmarkt und die Beschäftigungssituation ergeben, wurden im vorigen Kapitel skizziert. Gleichzeitig wurden durch die neuen Technologien aber auch tiefgreifende und in ihrer Tragweite noch gar nicht in vollem Umfang abschätzbare Veränderungen in der bisherigen Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung ermöglicht und ausgelöst. Verschiedentlich wird in diesem Zusammenhang sogar von einer dritten industriellen Revolution2 gesprochen und damit angedeutet, daß die derzeitigen Veränderungen in ihrer Dramatik und ihren Konsequenzen durchaus mit den technologischen Fortschritten und den umwälzenden arbeitsorganisatorischen Neuerungen in den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts zu vergleichen sind. Mit den damaligen – heute vielfach als zweite industrielle Revolution bezeichneten – Entwicklungen war die Grundlage für die endgültige Durchsetzung der Industriegesellschaft und den Fordismus gelegt worden, jener prosperierenden, etwa fünfzig Jahre andauernden Phase des Kapitalismus, in der – auf Kosten einer massiven Ausbeutung und Zerstörung der Natur – eine profitabel funktionierende Verkoppelung von Massenproduktion, Massenbeschäftigung und Massenkonsum erreicht worden war.

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Die Arbeit hoch? — Kapitel 4

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

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4. Unternehmenskultur, Lean production, Ganzheitlichkeit, Flexibilisierung, … — die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus.

Die Aufgabe heißt: Tag für Tag mobilisieren – die Männer und die Frauen im Unternehmen, ihre Intelligenz, ihren Einfallsreichtum, ihr Herz und ihren kritischen Verstand, ihre Freude am Spiel, am Träumen, an Qualität, ihre schöpferischen Fähigkeiten, ihre Kommunikationsfreudigkeit, ihre Beobachtungsgabe, in einem Wort: ihre reiche Vielfalt [...] Der industrielle Konkurrenzkampf wird immer unerbittlicher, und nur diese Mobilisierung wird es erlauben, sich siegreich zu behaupten. — H. Servieyx/G. Archier, Unternehmen der dritten Art1

Wie schon angedeutet wird heute – im Zusammenhang mit den im vorigen Kapitel beschriebenen neuen post-tayloristischen Arbeitsanforderungen, die in den stark der internationalen Konkurrenz ausgesetzten Kernsektoren der Wirtschaft derzeit rasch an Bedeutung gewinnen – zunehmend das klassische hierarchisch-autoritäre Führungsschema, das auf der zentralen Steuerung betrieblicher Abläufe und der Motivation der Arbeitenden primär durch finanzielle Anreize beruht, in Frage gestellt. Die wachsende Komplexität der Probleme in der hochautomatisierten Produktion, die zunehmende Vernetzung der verschiedenen Produktionsbereiche sowie die Notwendigkeit, im Sinne einer ökonomischen Nutzung der extrem kostenintensiven Technologien, rascher auf Schwierigkeiten, Ausfälle und Probleme zu reagieren, legt immer mehr eine Arbeitsteilung auch auf der Ebene der betrieblichen Entscheidungen nahe. Im Hinblick auf einen effektiven Produktionsablauf wird es immer wichtiger, daß bei Problemen nicht erst ein umständlicher innerbetrieblicher “Instanzenzug” durchlaufen wird, sondern daß notwendige Entscheidungen rasch vor Ort gefällt werden.

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Die Arbeit hoch? — Kapitel 5

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

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5. “Schlüsselqualifikationen” — der zentrale berufspädagogische Ideologiebegriff des Post-Fordismus

Das Eigentümliche der quantitativen Bemessung ist nun, daß sie kein Prinzip von Selbstbegrenzung zuläßt. Ihr ist nicht nur die Kategorie des Genug fremd, sondern auch jene des Zuviel. Keine Menge kann, sobald sie zur Bemessung einer Leistung dient, zu groß sein; kein Unternehmer kann zuviel Geld verdienen, und kein Arbeiter kann zu produktiv sein. Indem sie alles quantifiziert, um alles berechenbar zu machen, vernichtet die ökonomische Rationalisierung somit jedes Kriterium, das es ermöglicht, sich zufrieden zu geben mit dem, was man hatte, was man gemacht hatte oder sich zu tun vornahm. — André Gorz1

Schon im dritten Kapitel wurde ausgeführt, daß derzeit nur ein sehr kleiner Teil der Arbeitnehmerschaft tatsächlich schon unter post-tayloristischen Arbeitsorganisationsbedingungen arbeitet. Nur in den Kernbereichen von Produktion und Verwaltung sind dementsprechende Unternehmensstrukturen heute überhaupt in nennenswertem Ausmaß vorfindbar, und es ist (zumindest mittelfristig) auch gar nicht damit zu rechnen, daß die angesprochenen neuen Formen der Arbeitsorganisation zu jenen Rahmenbedingungen der Arbeit werden, von denen alle oder zumindest ein Großteil der Beschäftigten betroffen wird. Auch der überwiegende Teil der “unternehmenskulturellen” Maßnahmen, wie Erfolgsprämien, Mitarbeit in Qualitätszirkeln, individuelle Karrierepläne sowie die meisten Weiterbildungsangebote, kommen den verschiedenen Arbeitnehmergruppen durchaus nicht in gleichem Maß zugute. Vorwiegend profitieren derzeit bloß hochqualifizierte Facharbeiter, Manager und Abteilungsleiter von den diesbezüglichen Entwicklungen. Die “Randbelegschaften”, also leicht ersetzbare Arbeitnehmer, Angelernte, Personen an “auslaufenden Arbeitsplätzen”, Leiharbeiter oder solche mit befristeten Arbeitsverträgen, sind meist “die unkultivierten und unprivilegierten Stiefkinder der Unternehmenskulturbewegung, weil sich bei ihnen unternehmenskulturelle Maßnahmen kaum auszahlen”2. Was heute häufig als Raum für berufliche Selbstverwirklichung gepriesen wird und die Basis für eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen sowie für die entsprechende Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung abgeben soll, betrifft genaugenommen (erst) einen recht kleinen Teil der Arbeitnehmerschaft und überwiegend nur “privilegierte” Arbeitnehmer.

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Die Arbeit hoch? – Kapitel 6

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

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6. Entfremdung — das unveränderte Merkmal der Arbeits-Freizeit-Gesellschaft

I. Die Arbeit hoch? Oder: Die erstaunliche Karriere eines historisch schwer belasteten Begriffs

Vor dem Tor zur Fabrik

Hält der Arbeiter plötzlich an

Das schöne Wetter hat ihn am Rock gezupft

Und als er sich umwendet

Und die Sonne betrachtet

Die rot leuchtet und blendet

Lächelnd im bleigrauen Himmel

Zwinkert er ihr vertraulich zu

Sag Kamerad Sonne

Meinst nicht auch du

Man sollte sich verdammt bedenken

Einen solchen Tag

Dem Chef zu schenken?
“Die verlorene Zeit” von Jacques Prevert

Unsere Gesellschaft, die ja nicht umsonst häufig als “Arbeitsgesellschaft” bezeichnet wird, ist – wie schon im ersten Kapitel skizziert wurde – zutiefst von Arbeit geprägt. An der Arbeit hängen Einkommen und Lebensstandard, Selbstwertgefühl und gesellschaftliche Stellung. Arbeit und arbeiten sind mit hohem gesellschaftlichem Prestige belegt, dementsprechend werden auch viele nicht im Zeichen des Erwerbs stehende Tätigkeiten unter dem Begriff “Arbeit” subsumiert. Da wird von Hausarbeit, von Mütterarbeit, von Nachbarschaftsarbeit oder von Friedensarbeit gesprochen, auch die Beziehungsarbeit, Traumarbeit oder Trauerarbeit gehören neuerdings zu unserem stehenden Wortschatz. Nur weniges am menschlichen Leben scheint vor der Vereinnahmung durch den Arbeitsbegriff sicher zu sein – vielleicht noch die Nahrungsaufnahme, aber auch nur, wenn es sich dabei nicht um sogenannte “Arbeitsessen” handelt, der Austausch von Zärtlichkeiten unter Liebenden und verschiedene Formen der Rekreation und Erbauung.1

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31.12.1994 Beitrag drucken

Die Arbeit hoch? — Kapitel 7

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

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7. Muße — die vergessene Chance

Wer das Lernen übt, vermehrt täglich.

Wer den Sinn übt, vermindert täglich.

Er vermindert und vermindert,

bis er schließlich ankommt beim Nichtsmachen.

Beim Nichtsmachen bleibt nichts ungemacht.

Das Reich erlangen kann man nur,

wenn man immer frei bleibt von Geschäftigkeit.

Die Vielbeschäftigten sind nicht geschickt,

das Reich zu erlangen. — Tao te king, Vers 48 (Köln 1982)

Unter den geschilderten Bedingungen der faktisch totalen Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft sich heute bloß damit zu begnügen, appelatorisch ein “Besinnen” der Menschen zu fordern, erscheint nicht nur wenig zielführend, sondern schlichtweg scheinheilig. Sollensforderungen, die die gegebenen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen und Möglichkeiten nicht mitberücksichtigen, dienen bestenfalls der intellektuellen Selbstbeweihräucherung. Zwar ist es zu einfach, bloß davon auszugehen, daß die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, im Sinne einer Ursache-Wirkungs-Relation, einen bestimmten Bewußtseinsstand der Menschen “determinieren”; dennoch ist evident, daß das Bewußtsein sich nicht unabhängig vom jeweiligen Sein entwickelt. Sein und Bewußtsein stehen zueinander in einer dialektischen Wechselbeziehung, was nichts anderes bedeutet, als daß sie – wenngleich es unserem, in den Entweder-Oder-Kategorien des linearen Weltbilds geschulten Denkens auch schwerfällt, das zu begreifen – für einander jeweils Wirkung und Ursache sind. Dementsprechend ist es aber für ein Wirken unter pädagogischem Anspruch weder akzeptabel, sich nobel auf den – noch so einsichtig begründeten (und wahrscheinlich dennoch viel zu selten verstandenen) – Appell zum (Um-) Denken zurückzuziehen, wie es aber andererseits nur blanken Zynismus bedeuten würde, in Erkenntnis der Katastrophenperspektive unserer “Immer-Mehr”-Gesellschaft, zu warten bis sich die Verhältnisse so zugespitzt haben, daß das gesellschaftliche Sein die Bewußtseinsveränderung der Mehrheit quasi erzwingt.

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