Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus
Inhaltsverzeichnis
7. Muße — die vergessene Chance
Wer das Lernen übt, vermehrt täglich.
Wer den Sinn übt, vermindert täglich.
Er vermindert und vermindert,
bis er schließlich ankommt beim Nichtsmachen.
Beim Nichtsmachen bleibt nichts ungemacht.
Das Reich erlangen kann man nur,
wenn man immer frei bleibt von Geschäftigkeit.
Die Vielbeschäftigten sind nicht geschickt,
das Reich zu erlangen. — Tao te king, Vers 48 (Köln 1982)
Unter den geschilderten Bedingungen der faktisch totalen Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft sich heute bloß damit zu begnügen, appelatorisch ein “Besinnen” der Menschen zu fordern, erscheint nicht nur wenig zielführend, sondern schlichtweg scheinheilig. Sollensforderungen, die die gegebenen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen und Möglichkeiten nicht mitberücksichtigen, dienen bestenfalls der intellektuellen Selbstbeweihräucherung. Zwar ist es zu einfach, bloß davon auszugehen, daß die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, im Sinne einer Ursache-Wirkungs-Relation, einen bestimmten Bewußtseinsstand der Menschen “determinieren”; dennoch ist evident, daß das Bewußtsein sich nicht unabhängig vom jeweiligen Sein entwickelt. Sein und Bewußtsein stehen zueinander in einer dialektischen Wechselbeziehung, was nichts anderes bedeutet, als daß sie – wenngleich es unserem, in den Entweder-Oder-Kategorien des linearen Weltbilds geschulten Denkens auch schwerfällt, das zu begreifen – für einander jeweils Wirkung und Ursache sind. Dementsprechend ist es aber für ein Wirken unter pädagogischem Anspruch weder akzeptabel, sich nobel auf den – noch so einsichtig begründeten (und wahrscheinlich dennoch viel zu selten verstandenen) – Appell zum (Um-) Denken zurückzuziehen, wie es aber andererseits nur blanken Zynismus bedeuten würde, in Erkenntnis der Katastrophenperspektive unserer “Immer-Mehr”-Gesellschaft, zu warten bis sich die Verhältnisse so zugespitzt haben, daß das gesellschaftliche Sein die Bewußtseinsveränderung der Mehrheit quasi erzwingt.
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