31.12.1995
Kann es eine Stabilisierung innerhalb des Zusammenbruchs geben? Wenn der Bezugsraum des Zusammenbruchs groß genug ist, dann ja. Wie schon des öfteren seit dem ersten großen Börsenkrach 1987, der den neuen säkularen Krisenzyklus im Westen selbst eingeleitet hat, ist auch heute wieder von einem neuen »Aufschwung« die Rede, dessen Welle das unverbesserliche Münchner IFO-Institut bereits bis ins Jahr 2000 sich erheben sieht. Der nächste Einbruch kommt bestimmt, aber das Erdbeben macht auch Pausen. Insofern wir es heute mit dem Zusammenbruchsprozeß des nunmehr strukturell vereinheitlichten warenproduzierenden Weltsystems zu tun haben, macht dessen bisher nie dagewesene Größenordnung tatsächlich eine ungleichmäßige Entwicklung möglich; mit regional äußerst unterschiedlichen und sogar entgegengesetzten Verlaufsformen. Dies gilt sowohl für ganze Weltregionen als auch für Regionen innerhalb der langsam sich auflösenden Nationalökonomien. Die Länder der OECD als Kernregionen des Gesamtsystems haben zwar bereits die größten Krisen- und Armutsschübe seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt, und sie haben ihr assoziiertes Mitglied Jugoslawien auf eine bemerkenswerte Weise verloren; aber das »business as usual« läuft weiter, solange der »fordistische Speck« noch nicht abgeschmolzen, die spekulative Riesenblase des Kasinokapitalismus nicht geplatzt und das wackelnde System des Staatskredits und der internationalisierten Finanzmärkte nicht untergegangen ist. Und der offizielle Berufsoptimismus der herrschenden Institutionen nähert sich zwar in seiner Qualität immer mehr derjenigen, sagen wir: des russischen Innenministeriums an; aber dennoch will die Mehrheit sich weiter prognostisch auf den Arm nehmen lassen, und diese Haltung ist durch die Tatsachen noch nicht mit letzter Konsequenz ad absurdum geführt.
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31.12.1995
Vom warenförmigen Gesellschaftsmoloch zur dezentral vernetzten Welt
aus: Krisis 15 (1995)
Norbert Trenkle
1.
Daß das auf unablässige Expansion ausgelegte westlich-marktförmige Gesellschaftsmodell zunehmend die Grundlagen menschlichen Lebens untergräbt, ist längst kein Geheimnis mehr. Bis in die Spalten der Regenbogenpresse ist diese Einsicht mittlerweile vorgedrungen, und dies ist auch nicht weiter verwunderlich. Ob die beschleunigte Erwärmung des Weltklimas, die scheinbar unaufhaltsame Vergiftung der Meere und des Grundwassers, der jährliche Hungertod von Millionen von Menschen in den Ländern des Südens oder der rapide soziale Zerfall in den Zentren der Weltmarktvergesellschaftung nicht weniger als an ihren Rändern: Wo immer der Blick hinfällt, die Katastrophe ist fast schon zum Normalfall geworden.
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31.12.1995
Rosa Luxemburg nach 75 Jahren
Udo Winkel
Die Linke hatte immer schon ihre Probleme mit Rosa Luxemburg(1). Zwar ließen sich ihre Schriften gut als Zitatenschatz mißbrauchen, doch viel schwieriger war es, sie politisch zu instrumentalisieren. Anders als etwa die zum »Leninismus« kodifizierte Theorie des russischen Revolutionsführers taugten ihre Arbeiten einfach nicht zum verbindlichen Kanon. So etwas wie einen »Luxemburgismus« erfanden in den 20er Jahren nur dessen posthume Gegner während der sogenannten »Bolschewisierung«, d.h. der administrativen Zurichtung der damaligen noch sehr heterogenen linksradikalen Bewegungen für die Staatsinteressen der Sowjetunion. Bei diesem pejorativen Konstrukt des »Luxemburgismus« handelte es sich aber lediglich um eine karikaturhafte Verkürzung der unbequemen Ansichten von Rosa Luxemburg. War sie für Lenin trotz ihrer Kritik am Bolschewismus noch ein »Adler« des theoretischen Denkens gewesen, so verglich die »ultralinke« Ruth Fischer, eine Führungsfigur im Apparat der sich bürokratisierenden KPD, die in den fünfziger Jahren schließlich als Direktorin eines Amerikahauses enden sollte, Rosa Luxemburg gar mit einem »Syphilisbazillus«. Anders als etwa Engels oder Lenin wurde Rosa Luxemburg dann später in der DDR-Literatur zwar häufig als Märtyrerin beschworen, aber kaum mehr wissenschaftlich zitiert; sie eignete sich eben nicht dazu, in das Prokrustesbett einer »wissenschaftlichen Weltanschauung« eingespannt zu werden.
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31.12.1995
Theorien über das Ende der Kunst bei Theodor W. Adorno und Guy Debord(1)
Anselm Jappe
Heute ist es schwer, sich der Idee zu entziehen, das in den sechziger Jahren so oft geräuschvoll verkündete und ebenso eifrig zurückgewiesene »Ende der Kunst« habe zuletzt doch stattgefunden, aber »not with a bang, but with a whimper« (T S. Eliot). Mehr als hundert Jahre lang ist die Entwicklung der Kunst gleichbedeutend mit der ununterbrochenen Abfolge von formellen Erneuerungen und »Avantgarden« gewesen, die die Grenzen der Kreativität immer weiter hinausgeschoben haben. Aber nach einer letzten Periode, die nach Glanz zumindest aussah und die am Beginn der siebziger Jahre zu Ende gegangen ist, hat sich keine neue avantgardistische Richtung mehr durchgesetzt, sondern man hat nur eine Wiederholung von isolierten und entwerteten Versatzstücken der Künste der Vergangenheit erlebt. Der Verdacht, die moderne Kunst könne sich erschöpft haben, beginnt sich nunmehr auch unter denjenigen zu verbreiten, die lange Zeit einen solchen Gedanken entschieden abgelehnt hatten. Eins zumindest darf wohl als unbestreitbar gelten: Seit Jahrzehnten ist nichts mit den künstlerischen Revolutionen der Jahre 1910-1930 Vergleichbares mehr entstanden. Natürlich gibt es geteilte Meinungen darüber, ob heute noch Kunstwerke von Wert produziert werden oder nicht. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, daß irgendjemand in der Kunst der letzten Jahre noch das »sinnliche Scheinen der Idee« zu sehen vermag oder zumindest einen so konzentrierten und so bewußten Ausdruck ihrer Epoche, wie es die Literatur, die bildenden Künste und die Musik der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts gewesen sind.
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31.12.1995
Editorial
Roswitha Scholz: Die Maske des roten Todes. Kasinokapitalismus, Frauenbewegung und Dekonstruktion
Norbert Trenkle: Die globale Gesamtfabrik: ein irres Unternehmen. Vom warenförmigen Gesellschaftsmoloch zur dezentral vernetzten Welt
Robert Kurz: Postmarxismus und Arbeitsfetisch. Zum historischen Widerspruch in der Marxschen Theorie
Udo Winkel: Marx hat uns im voraus überholt. Rosa Luxemburg nach 75 Jahren
Anselm Jappe: Sic transit gloria artis. Theorien über das Ende der Kunst bei Theodor W. Adorno und Guy Debord