31.12.1997
Wo Kritik ihren Namen verdient, vereinigt sie in sich stets zwei gegenläufige Momente. Kritik läßt sich ohne Distanz zum Kritisierten gar nicht denken, aber genausowenig ohne das Bewußtsein von Nähe und Verstrickung. Radikale Kritik ist über das, was sie überwinden und abstreifen will, schon hinaus und weiß doch gleichzeitig darum, wie eng die eigene Existenz mit ihrem Gegenstand verschlungen ist. Dementsprechend hat sie keinen festen und eindeutigen Standort, sondern oszilliert beständig zwischen Innen- und Außenperspektive und kann sich überhaupt nur in dieser Pendelbewegung entfalten. Allein indem die Kritik ihren Gegenstand von sich stößt und zum Gegenüber macht, kann sie dessen innere Logik erkennen; und im selben Maße, wie sie ihn verstehen lernt, wird er ihr zusehends fremdartiger.
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31.12.1997
Skizze über Aufstieg und Fall des Nationalstaats
Ernst Lohoff
1. Anmerkungen zur traditionellen Nationalismusforschung
Wer zu Beginn der achtziger Jahre auf die Idee verfallen wäre, sich nach den Perspektiven des Nationalstaats und der nationalistischen Ideologie zu erkundigen, hätte für gewöhnlich sicherlich eine recht eindeutige Antwort bekommen: Bei der Nation, so die vorherrschende Meinung damals, handelt es sich um ein Auslaufmodell. Man nahm an, daß mit der zunehmenden transnationalen wirtschaftlichen Verflechtung und der damit einhergehenden Verallgemeinerung der westlichen Massenkultur die Bedeutung politischer Grenzen und nationaler Identitäten immer mehr verblassen würde und stattdessen supranationale Zusammenschlüsse die nationalstaatlichen Funktionen zusehends übernehmen. Diesem Grundverständnis folgte auch die offizielle Nationalismusforschung. Ihr galten Nation und Nationalismus vornehmlich als historische Probleme. Die Zeitgeschichtler datierten das Ende des »Zeitalters des Nationalismus« einhellig auf das Jahr 1945. Von dieser Zuordnung blieben nur die Länder der 3. Welt partiell ausgenommen. Nach dieser Einschätzung würde der Nationalismus beim Prozeß »nachholender Modernisierung« als Integrationsideologie noch eine gewisse Rolle spielen; auf dem europäischen Kontinent hingegen, wo einst die Wiege der Nation gestanden hatte, und in allen anderen industriell entwikkelten Gebieten habe der nationale Gedanke seine Zukunft schon hinter sich.
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31.12.1997
Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion
Aus: Krisis 19
Gaston Valdivia
Das moderne Individuum klagt ständig über »Zeitmangel«. Vierundzwanzig Stunden am Tag scheinen bei weitem nicht auszureichen, um all die Anforderungen zu bewältigen, die es erfüllen soll und will. Die Ansprüche an den modernen Menschen und sein »Zeitkontingent« sind enorm und drohen, ihn schier zu zerreißen: Pädagogen und Psychologen fordern mehr »Zeit« für die Kinder; Unternehmer erwarten ganz selbstverständlich längere und dabei immer intensivere Arbeit; die »Freizeitindustrie« verlangt verstärkte »Freizeitaktivitäten« von ihren Kunden; die Gebildeteren klagen mehr »Zeit« zum Lesen ein; der Handel will seine »Erlebniswelten« besser auslasten; die Genießer hätten gern mehr Muße und alle zusammen würden gerne etwas länger schlafen.
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31.12.1997
Editorial
Ernst Lohoff: Der Tod des sterblichen Gottes. Skizze über Aufstieg und Fall des Nationalstaats
Robert Kurz: Antiökonomie und Antipolitik. Zur Reformulierung der sozialen Emanzipation nach dem Ende des »Marxismus«
Volker Hildebrandt: Der Dritte Sektor. Wege aus der Arbeitsgesellschaft
Gaston Valdivia: »Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit«. Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion.