31.12.2004
Wer mit monströsen Verbrechen Schlagzeilen macht, hat sich für gewöhnlich an Normen vergangen, die als selbstverständlich gelten. Die massenmörderische Tat jenes Kaufhauschefs von Asuncion, der beim Brand Anfang August seiner Sicherheitskräfte anwies, die werte Kundschaft sicherheitshalber an der Flucht vor den Flammen zu hindern, ist aus dem gegenteiligen Grund grauenerregend. Die oberste Maxime seines Handelns: “Zuerst das Geld, dann alles andere” deckt sich vollkommen mit dem kategorischen Imperativ, auf dem die globale Warengesellschaft beruht. Zahlungspflicht geht allemal vor Leben. Das Geschehen in Asuncion spiegelt im Kleinen wie die Warengesellschaft im Großen funktioniert. Die Quintessenz des kapitalistischen Horrors hat sich dort zu einem Einzelereignis zusammengezogen.
Inhalt krisis 28
31.12.2004

„Bei einem Brand in einem Einkaufszentrum in Paraguays Hauptstadt Asunción kamen am Sonntagnachmittag nach Polizeiangaben mindestens 340 Menschen ums Leben, 300 wurden zum Teil schwer verletzt. Wie dutzende Augenzeugen berichteten, hatten Wachleute des Einkaufszentrums nach Ausbruch des Feuers die Türen verschlossen, um Plünderungen zu verhindern. Damit wurde der Komplex der Kette Ykuá Bolaños zur tödlichen Falle. Von draußen warfen Passanten Steine gegen die Glastüren, um die Eingeschlossenen zu befreien. Erst als Polizei und Feuerwehr angerückt waren, öffneten die Wachleute die Türen.“ (taz vom 3. 8. 2004)
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30.12.2004
Anregungen zu einer Typologie des affirmativen Unwesens
Franz Schandl
„Warum Halbgott sein wollen? Warum nicht lieber Vollmensch?“1
(Arnold Schönberg)
Wenn wir den grassierenden Populismus in seinen verschiedenen, nicht nur politischen Varianten analysieren, dann sollten wir uns mehr um dessen kulturindustriellen Kern kümmern (Medien, Vergnügungsindustrie, Mode, Werbung) als vorschnell in historische Analogien flüchten. Die Analogiebildung zählt überhaupt zu den dürftigsten Methoden der Forschung, eben weil sie den Gegenstand aus seiner unmittelbaren Umgebung ablöst und ihn in ein anderes historisches Bezugsfeld stellt; somit in identitätslogischer Reduktion im Seienden und Werdenden primär das Gewesene erkennen möchte. Mit solchen Verkürzungen wollen wir hier nicht dienen. Kritische Analyse darf nicht in den retrospektiven Diskurs flüchten. Weiterlesen »
29.12.2004
Vorläufige Aspekte einer Kritik des historischen und dialektischen Materialismus
Christian Höner
Selten war so viel Einigkeit in der Linken. Dieser Satz klingt angesichts der Auseinandersetzung z.B. um den Antisemitismus recht seltsam. Doch bezogen auf die Aufklärung ist er richtig. Bei allem Negativen, was der Kapitalismus mit sich brachte, so die landläufige Argumentation, mit ihm kam der Fortschritt. So adelt die Linke den Kapitalismus in der Phase seines Niedergangs und spricht ihm eine historische Berechtigung zu, weil er einerseits die „Naturverfallenheit“ der Menschen aufgesprengt, andererseits überhaupt Gesellschaft und damit die Voraussetzungen für Emanzipation hergestellt hätte. Dialektik als positive Erkenntnismethode, materialistische Geschichtsteleologie und Fortschrittsglaube sind das lieb gewonnene Inventar linker Identität. Hier finden linke Antipoden wie antideutsche und traditionelle Linke auf je unterschiedliche Weise zueinander. Weiterlesen »
28.12.2004
Karl-Heinz Lewed
Über Menschenrecht und nationalstaatlichen Zerfall
Tier- und Menschenrecht
Es war nur eine kurze Meldung über eine Migration der etwas anderen Art: 50.000 Schafe auf einem australischen Frachter suchten im vergangenen Jahr in einem der Anrainerstaaten des Persischen Golfs „Asyl“, nachdem Saudi-Arabien, der eigentliche Bestimmungsort der Schafe, wegen Seuchenverdachts das Löschen der Ladung verweigert hatte. Durch das lange Umherirren waren Tausende Tiere schon eingegangen. Daraufhin protestierten verzweifelte TierrechtsaktivistInnen, teils in Ketten, gegen die „inhumanen“ Tiertransporte. Sogar die australische Regierung – sonst eher bekannt für ihren harten Umgang mit Flüchtlingen – bemühte sich um eine Aufnahme in der Region. Dass dieser Vorfall überhaupt publik geworden ist, hängt mit den Ereignissen um das Frachtschiff „Tampa“ im Jahre 2001 zusammen. Damals wies Australien die an Bord befindlichen und zuvor aus Seenot geborgenen afghanischen Menschen-Flüchtlinge trotz des Protests von Menschrechtsorganisationen kurzerhand ab. Irrlichternde Schafe einerseits, asylsuchende Menschen andererseits: Unfreiwillig aber nicht zufällig wirft die Koinzidenz dieser beiden „humanitären“ Katastrophen Licht in einen dunklen Zusammenhang gesellschaftlicher Verhältnisse. Wie kommt es und was bedeutet es, dass Menschen aus staatlich und ökonomisch zerfallenden Weltregionen wie Afghanistan den gleichen rechtlichen Status erhalten wie Tiere, dass das Menschenrecht gewissermaßen auf das Schaf gekommen ist? Weiterlesen »
27.12.2004

Eine Replik auf Kritiken am Manifest gegen die Arbeit
französische Version
erschienen in: Krisis 28 (Oktober 2004)
Norbert Trenkle
Das vor fünf Jahren veröffentlichte Manifest gegen die Arbeit hebt sich zweifellos aus dem Rahmen der sonstigen krisis-Publikationen hervor. Seinem Charakter als Pamphlet entsprechend, zielt es darauf, zentrale theoretische Positionen, die im Laufe der Jahre in dieser Zeitschrift entwickelt wurden, in komprimierter und zugespitzter Form in den öffentlichen Diskurs zu tragen. Dies ist nicht ohne Erfolg geblieben. Wohl keine andere Veröffentlichung der krisis hat so viel Resonanz, auch über den deutschsprachigen Raum hinaus, gefunden – und das heißt nicht zuletzt auch: so viel Kritik auf sich gezogen. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Kritiken quer zu den länderspezifischen und verschiedenen linken Diskursen in vieler Hinsicht überschneiden. Die im Manifest formulierte Kritik trifft also offenbar etwas, das all diesen Diskursen trotz sonstiger Differenzen gemeinsam ist; eine gemeinsame Grundlage, die als so selbstverständlich gilt, dass sie normalerweise nicht einmal mehr ins Bewusstsein rückt.
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