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krisis

Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft

Krisis 29 (2005)

31.12.2005 Beitrag drucken

Krisis 29 erschienen!

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe der krisis, Subjekt- und Metaphysikkritik, scheint auf den ersten Blick von allen aktuell brisanten Fragestellungen eher weg zu führen. Wer die Metamorphose der Arbeits- und Warengesellschaft zur planetaren Sekte nicht nur polemisch versteht, sondern analytisch ernst nimmt, dem tut sich indes eine etwas andere Perspektive auf. Die Transformation der kapitalistischen Gesamtgemeinde in einen öffentlichen Sektenzusammenhang verweist auf den metaphysisch religiösen Charakter des Kapitalismus überhaupt, und genau diese Tiefendimension muss gesellschaftskritische Theorie mit ausleuchten, will sie gegen den kapitalistischen Irrsinn auf der Höhe der Krisen-Zeit Front machen.

Inhalt krisis 29

31.12.2005 Beitrag drucken

Krisis 29 – Editorial

Die schlimmsten Einpeitscher des gegenwärtigen kapitalistischen Wahnsinns sind, wie könnte es anders sein, ehemalige Linke. Nirgendwo sonst kommt der kapitalistische Zwang so als aggressive Herzensangelegenheit zu sich wie bei solchen Leuten. Da drehen sie auf, da schlagen sie zu. Einer davon, Matthias Horx, war früher mal Redakteur bei der Frankfurter Spontipostille Pflasterstrand. Nun ist er geläutert und ein gern gesehener und gut bezahlter Gast bei diversen Events der Marktmissionare. Als Trendforscher ist er eine oft bestellte Kurzstreckenrakete der Medienindustrie. Da wird scharf geschossen.

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31.12.2005 Beitrag drucken

Die Verzauberung der Welt

Die Subjektform und ihre Konstitutionsgeschichte – eine Skizze

Ernst Lohoff

1. Entzauberung als Verzauberung

Von Max Weber stammt die bekannte doppelsinnige These, der Prozess der Moderne führe zur „Entzauberung der Welt“. Wer zauberhaft als ein anderes Wort für betörend, schön und anziehend versteht, kann nur beipflichten. Die sukzessive direkte oder indirekte Unterwerfung aller sozialen Beziehungen unter die Herrschaft der Ware macht das Dasein in der Tat arm und abstoßend. Max Weber vertrat bekanntlich die zutiefst pessimistische Prognose, ein „Gehäuse neuer Hörigkeit“ sei im Entstehen begriffen. Dessen Herausbildung interpretierte er dabei als die dunkle Rückseite eines unaufhaltsamen Säkularisierungsprozesses. Das Diktum von der „Entzauberung der Welt“ steht dementsprechend nicht allein für die konsequente Verhässlichung der gesellschaftlichen Existenz, diese Formel sollte zugleich den Übergang von einer magisch-religiös bestimmten Ordnung zur Herrschaft der Ratio bezeichnen.

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30.12.2005 Beitrag drucken

Die Schizophrenie des modernen Individuums

Peter Klein

„Zur Verlassenheit gesellten sich das Misstrauen gegen jede innere Regung, die Feindschaft gegen die Welt und der furchtsame Hass gegen alle Menschen. Klugheit und List dünkten mir die einzigen Waffen, sich gegen alle Anstürme zu wehren. Winzig klein wurde mein Kreis und hieß nur noch: Ich. Ganz plump: Ich.“
(Oskar Maria Graf, Wir sind Gefangene)

1. Alter und neuer Dualismus1

Die Ansicht, die aus der Aufklärung hervorgegangene moderne westliche Gesellschaft sei eine säkularisierte Gesellschaft, ist so weit verbreitet, dass man sie wohl umstandslos als die herrschende Lehrmeinung bezeichnen darf. Weiterlesen »

29.12.2005 Beitrag drucken

Schopenhauer on the Rocks

Über die Perspektiven postmoderner Männlichkeit

Karl-Heinz Lewed

Reinhold Messner am Ende der Welt

„Was es zu erforschen gibt, ist nicht der Berg, sondern der Mensch. Ich bin nicht zum Mount Everest gefahren, um ihn zu bezwingen. … Ich wollte auf dieser höchsten natürlichen Höhe mich selbst erfahren und, wenn möglich, den Mount Everest in all seiner Größe und Härte erfassen“ (Messner, 1978, S. 14).
„Worum es mir … geht, das ist das visionäre Erlebnis, das aus der Tiefe des erweiterten Sehvermögens in der Grenzsituation schöpft und das den Betroffenen zwischen ‚Durchkommen und Umkommen‘ kurzfristig in die Erkenntnis seines wahren Ich schleudert“ (ebd., S. 216).
„Was denn so wichtig sei am Grenzbereich Todeszone? Die Lebenserkenntnis vom Ende, vom eigenen Tode aus gewonnen und manchmal das Gefühl, sich selbst und die Welt zu umarmen“ (ebd., S. 25).
„Ich bin zwar noch nie abgestürzt, aber öfters schon dem Tod nahe gewesen; wenigstens einmal bin ich schon selbst ‚gestorben‘. Ich lebe zwar noch, seit damals aber mit einer anderen Einstellung zur Welt, zum Tod, zu mir selbst“ (ebd., S. 19).
„Oben am Gipfel erlebte ich eine tiefe innere Ruhe, eine Art ‚Nirwana‘. Als ich zurück ins Tal kam, hatte sich meine Einstellung zum Leben stark verändert. Noch stärker empfand ich dies, nachdem ich völlig erschöpft im Diamir-Tal, am Fuße des Nanga Parbat liegen geblieben war. Damals hatte ich den Tod erstmals akzeptiert, und das hatte wesentliche Folgen für mein weiteres Dasein. … Ich habe vor dem Leben eben sowenig Angst wie vor dem Tod und möchte möglichst uneingeschränkt sein, nichts wissen, was ich nicht erlebt habe. Bergsteigen heißt für mich nicht – wenigstens nicht primär – Flucht aus den unerträglichen Bedingungen der westlichen Industriegesellschaft, Bergsteigen heißt für mich, Leben im Sinne von Selbstäußerung, von Sein“ (ebd., S. 23).

Dass in der Postmoderne die Grundstruktur des männlich konstituierten Subjekts bereits als Karikatur erscheint, kann in dem Sinne als Vorzug betrachtet werden, als „der bestimmte Charakter zur Übertreibung gesteigert … gleichsam ein Überfluss des Charakteristischen ist“ (Hegel 1986, S. 35). Dieses karikaturhafte Zuviel hat viele Namen. Wenn hier nun Reinhold Messner gewissermaßen als Hausnummer herausgegriffen wird, so wegen seines expliziten Programms, das Glück der Freiheit im „Nichts“ zu suchen. Das Ziel, das Messner mit seinen Selbstexperimenten am Berg und im Eis zu erreichen sucht, repräsentiert nur einen ins Extrem gesteigerten allgemeinen Grundzug männlicher Subjektivität, wie sie die bürgerliche Gesellschaft hervorgebracht hat. Charakteristisch an diesem „freien“ Willen ist nicht primär seine oberflächliche Beliebigkeit, mit der er sich scheinbar neutral auf jeden Inhalt bezieht. Vielmehr orientiert sich dieser Wille auf eine Erfahrung der „Nichtheit“ (Messner, 1978, S. 218) des menschlichen Daseins. Hinter dem scheinbar so alltäglichen Wunsch nach „Selbstentfaltung“ und „Selbstfindung“ (ebd., S. 215) öffnet sich der Abgrund der modernen männlichen Subjektform. Warum, fragt man sich, muss sich dieses Selbst in Todeszonen und Grenzbereiche1 des Lebens begeben, um wesentliche Erkenntnisse über sich zu gewinnen. Was sucht es in der Nähe zum und der Konfrontation mit dem Tod und weshalb wird es zur Sucht, solche Situationen aufzusuchen oder besser zu inszenieren? Welchen Charakter hat dieses Selbst denn überhaupt, den es im Zustand der höchsten Gefahr zu betätigen und zu bestätigen sucht? „Ich kann … ‚am Ende der Welt‘ ganz ich selbst sein“ (ebd., S. 215), sagt Messner. Doch mit welcher Welt haben wir es denn zu tun, an deren Ende mann sich so leicht und so vollkommen fühlt? Weiterlesen »

28.12.2005 Beitrag drucken

Die metaphysischen Mucken des Klassenkampfs


Über die stummen Voraussetzungen eines merkwürdigen Retro-Diskurses

Norbert Trenkle

Kehrt der Klassenkampf auf die Bühne der Geschichte zurück? Verfolgt man den Diskurs in der Linken, scheint es darüber keinen Zweifel zu geben. „Totgesagte leben länger“, schreibt etwa die Fantômas-Redaktion im Vorwort zur Ausgabe 4/2003 ihrer Zeitschrift und meint damit das Proletariat und den Klassenkampf. „Sollen die Kräfteverhältnisse von unten angefochten werden, … ist es höchste Zeit, auch von links her endlich wieder Klassenfragen zu stellen“ (S. 3). Ähnliches lässt sich in vielen anderen linken Zeitschriften lesen. Im gleichen Maße wie der Krisenprozess des globalisierten Kapitalismus die sozialen Polarisierungen verschärft und sich ein gewisser Widerstand dagegen regt, kommt offenbar auch das traditionelle marxistische Weltbild wieder zu Ehren. Weiterlesen »

27.12.2005 Beitrag drucken

The Metaphysical Subtleties of Class Struggle

On the Unspoken Premises of an Odd Retro-Discourse

Source: Principia Dialectica, Nr. 2/2006 (London) www.principiadialectica.co.uk

Original: Die metaphysischen Mucken des Klassenkampfs, krisis 29, Münster 2005

Norbert Trenkle

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