31.12.2007
Wissen – Wert – Maske
Mit kommerzieller Software, Musikdateien und anderen beliebig reproduzierbaren Informationsgütern entsteht ein neue Form kapitalistischen Reichtums: das “privatisierte Universalgut”. Bei solchen Gütern handelt es sich zwar um Bezahlgüter, nicht aber um Waren. Denn die Arbeit im Informationssektor trägt nicht den Charakter einer “Privatarbeit selbständiger Produzenten”. Vielmehr ist sie Teil der per se gesamtgesellschaftlichen Wissensproduktion, deren Ergebnisse erst nachträglich reprivatisiert werden, um sie vermarkten zu können. Einen “Informationskapitalismus” als selbsttragendes Akkumulationsmodell kann es daher nicht geben. Denn die Profite der Informationskapitalien resultieren nicht aus eigener Verwertung, sondern aus der Abschöpfung einer “Informationsrente”. Zugleich aber muss vor diesem Hintergrund die Frage nach einer emanzipativen Aneignung des Wissens neu gestellt werden.
Inhalt
31.12.2007

Erinnert sich noch jemand an die überschwänglichen Hoffnungen, die einst mit dem Heraufziehen des sogenannten „Informationszeitalters“ verknüpft waren? Zunächst, in den 1980er Jahren, wurde vor allem in der linksalternativen Bewegung und ihrem Umfeld darauf spekuliert, mit dem Übergang von der „Industriegesellschaft“ zur „Wissensgesellschaft“ könnten die Grundübel des Kapitalismus überwunden werden. Die mikroelektronische Revolution schien nicht nur eine radikale Arbeitszeitverkürzung und ein Ende der Arbeitsteilung zu ermöglichen, sondern auch Wege aus dem ökologischen Raubbau zu eröffnen und den Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum zu demokratisieren. Während der industriellen Produktionsweise die Zentralisierung von Eigentum und Verfügungsmacht entspreche, sollte mit dem Aufstieg der Produktivkraft Wissen zur wichtigsten gesellschaftlichen Ressource eine Dezentralisierung der Produktions- und Machtstrukturen verbunden sein. Ein gutes Jahrzehnt später jedoch waren diese Hoffnungen weitgehend verstummt. Alternative Zukunftsentwürfe kamen aus der Mode. Stattdessen wurde nun, im Rausch der New Economy, der Dienstleistungs-, Informations- und Mediensektor als Garant einer goldenen kapitalistischen Zukunft abgefeiert. Gutbezahlte Jobs sollten überall entstehen, die Gewinne immer weiter so sprudeln wie an der überreizten Börse, und die Pforten des Paradieses würden sich öffnen, wenn erst alle Menschen einen Internetzugang besäßen und online einkaufen könnten.
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30.12.2007

Kurzfassung des gleichnamigen Artikels aus krisis 31
Ernst Lohoff
Der Kapitalismus schafft sich neue Verwertungsfelder und expandiert, indem er die Reichtumsproduktion in Warenproduktion verwandelt. Rund 200 Jahre stand die gesellschaftliche „Hardware“ im Zentrum dieses Kommodifizierungsprozesses. Das Kapital erweiterte seine Grundlage dadurch, dass es traditionelle Formen der Erzeugung materieller Güter niederkonkurrierte und deren Erzeugnisse durch industriell gefertigte Waren ersetzte (Nahrungsmittel, Bekleidung, ect.) oder indem es bis dato unbekannte materielle Güter auf den Markt brachte, die von vornherein als Waren das Licht der Welt erblickten (Auto, Unterhaltungselektronik, usw.). Kaum zeichnete sich mit der Krise des Fordismus die dem Industriekapitalismus gesetzten Wachstumsgrenzen ab, schien die Nachfolgefrage auch schon geregelt. Frei nach dem Motto „Der industrielle Kapitalismus ist tot – es lebe der Informationskapitalismus“ galt es schon in den 1980er Jahren als ausgemacht, dass jetzt die Kommodifizierung der gesellschaftlichen „Software“ ansteht und sich die Verwertungsfelder der Zukunft vor allem im immateriellen Raum der „Wissensgüter“ auftun und damit dem System der Wertverwertung eine goldene Zukunft eröffnen würde. Die Begründung für diese vorauseilende Geschichtsschreibung fiel eher dürr aus. Sie beschränkte sich im Grunde auf den Satz „Ware ist Ware“. Ob „immaterielle Waren“, oder handfeste konventionelle Wald- und Wiesenwaren die Märkte bevölkern, ist nach diesem Verständnis piepegal: Wo kapitalistische Unternehmen Waren produzieren und verkaufen und dabei Profite erwirtschaften findet Verwertung statt.
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29.12.2007
Peter Samol
Über das Scheitern der „Dienstleistungsgesellschaft“ und wie es mit der Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit zusammenhängt
Einleitung
Die klassische Arbeit im produzierenden Gewerbe wird von einem rapiden Schwund heimgesucht. Damit verschwindet der Löwenanteil der produktiven und mithin wertschöpfenden Arbeit. Ganz offensichtlich kann das Kapital immer weniger Arbeitskraft in sich einsaugen. Aber um zu wachsen, ist es auf eine systematische Ausdehnung der Unterordnung von Arbeitskräften unter die kapitalistischen Produktionsbedingungen angewiesen. Gelingt das nicht mehr, werden also immer mehr Menschen aus dem Produktionsprozess ausgespuckt und nicht mehr wieder in ihn zurückgeholt, dann beginnt das Siechtum des Kapitalismus. Die Einzelkapitale wiederum reagieren darauf mit einer Verschärfung des Problems. Um sich seinen Anteil an den verbleibenden Absatzmöglichkeiten zu sichern, reduziert jedes Unternehmen so weit wie eben möglich die Preise. Das erfolgt in der Regel über die Reduzierung der Wertmasse, d.h. der vernutzten Arbeitskraft. Die einzelnen Kapitale verschaffen sich auf diese Weise zwar kurzfristig größere Absatzmöglichkeiten, aber die Gesamtsumme der Realisierungschancen, sprich der Nachfrage für die produzierten Waren nimmt stetig ab, da immer weniger Menschen Geld erhalten, um als Käufer aufzutreten. So wird der Kuchen der Gesamtwertmasse immer kleiner. Weiterlesen »
29.12.2007
Wie Knappheit bei Universalgütern hergestellt wird
Aus: krisis 31, 2007
Stefan Meretz
In diesem Text geht es um eine aneignungstheoretische Untersuchung der gesellschaftlichen Produktion und Nutzung von Universalgütern. Vor die Diskussion der Frage, wie der Kampf um die Warenform bei Universalgütern ausgetragen wird, stelle ich eine phänographische Vorklärung1 der in diesem Kontext verwendeten Begriffe. Dabei knüpfe ich an den Artikel von Ernst Lohoff „Der Wert des Wissens. Grundlagen einer Politischen Ökonomie des Informationskapitalismus“ (Lohoff 2007, in diesem Heft) an.
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28.12.2007
Sprengversuche am bürgerlichen Subjekt
Franz Schandl
All the world’s a stage, and all the men and women merely players.
(William Shakespeare)1
Das Leben ist ein Film.
(Aktueller Spot)
Was sind das eigentlich für Menschen, die da heute herumlaufen, eben nicht ihr Leben leben, sondern eine oft zufällige Existenz fristen? Gibt es da etwas, das sie verbindet, sie gemeinsam kennzeichnet, so unterschiedlich sie sich auch dünken? Der folgende Beitrag will diese Fragestellungen anhand des Marxschen Begriffs der Charaktermaske näher erläutern. Ob alle Sprengversuche mit diesem Zünder gelingen, sei dahingestellt. Der Maskenbegriff wird jedenfalls extensiv gebraucht, er war aber auch bei Marx nicht auf das Figurenpaar Käufer-Verkäufer oder gar Lohnarbeiter-Kapitalist beschränkt. Explizit spricht er sogar von Charaktermasken vor dem Kapitalismus.2 Weiterlesen »