Erstellt von admin am 23. Oktober 2008
Die Arbeit sei »mehr wert«, so begründen Gewerkschaften wie Verdi die aktuellen Arbeitskämpfe. Damit verkehren sie nur ökonomische Kategorien ins Moralische und riskieren, mögliche emanzipatorische Bewegungen im Keim zu ersticken.
Jungle World 8/2008
Roger Behrens
»Soziale Arbeit ist mehr wert!«, »Pflege ist mehr wert!«, »Wir sind mehr wert!« Die Parolen, welche die jüngsten Streikaktivitäten der Gewerkschaften, insbesondere Verdi, begleiten, muten paradox an. Es ist das ABC der Kritik der politischen Ökonomie, dass Lohnarbeitsverhältnisse im Kapitalismus darauf basieren, dass die Arbeit mehr wert ist: Arbeit ist nämlich die einzige Quelle, aus der ein Mehrwert abgeschöpft werden kann. Anders gesagt: Der Mehrwert ist die Kapitalismus-spezifische Form des Mehrprodukts und geht über ein bloßes Äquivalent für den Wert der Arbeitskraft, das ausreicht, um diese zu reproduzieren, hinaus.
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Erstellt von admin am 23. Oktober 2008
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und die Sozialdemokratie noch immer keine Revolution. Trotzdem muss auch wieder über Kommunismus geredet werden
Freitag, 28.03.08
Roger Behrens
In der Freitag-Serie zu den Perspektiven der Linken in Deutschland fragte der Berliner Soziologe Wolfgang Engler Anfang Februar danach, wie die vielen kleinen politischen Meinungen der Menschen und die ganz große politische Orientierung zusammenhängen. Mitte Februar versuchte der Frankfurter Publizist Mario Scalla Umrisse eines neuen linken Projekts zu skizzieren, das die kritischen kulturellen Ansätze der neunziger Jahre aufnimmt und weiterentwickelt. Dem Hamburger Philosoph und Sozialwissenschaftler Roger Behrens ist das alles nicht radikal genug. Im dritten Beitrag unserer Serie plädiert er für eine Linke, die über das bestehende System hinausdenkt.
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Erstellt von admin am 31. Dezember 2007
Streifzüge 41/2007
Roger Behrens
Schon zu Beginn der Neuzeit, mit Shakespeare und Cervantes, galt die Literatur als Leitkunst im Kanon der Künste: Die Sprache war das Material, mit dem die Moderne ästhetisch legitimiert wurde; die bürgerliche Hochkultur entwickelte sich wesentlich als literarische Kultur. Mit der Klassik erreicht das seinen Höhepunkt; über die Literatur formiert sich das bürgerliche Subjekt, wird das individuelle Leben mit dem gesellschaftlichen Leben vermittelt. Schillers Forderung, das Theater als moralische Anstalt einzurichten, legt nicht weniger Zeugnis von der Bedeutung der Literatur ab wie die Selbstmordwelle, die Goethes ‚Werther’ verursachte. In den anderen Künsten sucht man um 1800 sei’s solche Forderungen sei’s solche Wirkungen vergebens: Bildende Kunst, Musik, auch Architektur etc. waren weniger auf die vermittelt-vermittelnde Objektivität sozialer Verhältnisse bezogen, mehr auf “subjektive Innerlichkeit”. Erst im Übergang zur Romantik, die sich wesentlich auf diese Innerlichkeit kapriziert, entfalten sich auch die bürgerlichen Formen von Malerei und Tonkunst in voller Blüte.
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Erstellt von admin am 31. Dezember 2003
Glück und Unglück in Entenhausen
Für Katrin und Gerd
Roger Behrens
„Das Glück ist qualitativ unendlich vielfältig, das Unglück nur quantitativ.“ — Horkheimer, Notizen und Dämmerung, Frankfurt am Main 1974, S. 46
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Erstellt von admin am 31. Dezember 2003
Felicidade e infelicidade em A-dos-Patos
deutsche Version
Roger Behrens
“A felicidade é infinitamente variada em termos qualitativos, a infelicidade é apenas quantitativa.” — Horkheimer, Notizen und Dämmerung [Notas e Ocaso], Francoforte do Meno 1974, p. 46
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Erstellt von admin am 31. Dezember 1998
Oder: Wie die Soziologie die Gesellschaft aus einem Hut zaubert, dessen Krempe ihr offenbar über Augen und Ohren reicht, wenn sie ihn aufhat
Erschienen in: Krisis 21/22
Roger Behrens
Richard Sennetts Buch “Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus” ist, grob gesagt, eine Enttäuschung. Leer bleibt das Versprechen, welches der Autor mit dem Titel seines Buches und nicht zuletzt mit seinem Namen suggeriert, nämlich eine originelle und genaue Reflexion auf gegenwärtige Umbruchsituationen und Verdichtungen kapitalistischer Verhältnisse vorzulegen. Statt dessen ist über weite Strecken des Buches überhaupt fraglich, ob es sich um analytische Reflexion im wissenschaftlichen Sinne handelt, geschweige denn, daß die im Titel sich ankündigende Brisanz des Themas (”. . . neuer Kapitalismus . . .”, “. . . flexibler Mensch . . .”) in irgendeiner Form eingeholt wird. Vielmehr bedient sich Sennett des Beiklangs, der im Titel nun auch mitschwingt; schon die Originalausgabe klang mit ihrem Titel “The Corrosion of Charakter” verdächtig nach Sensation oder nach Ratgeber, also nach Orientierungshilfe, die die Soziologie der Massenleserschaft populär anbietet, aber wohl doch als Popularisierung des Soziologischen für sich selber gedacht hat. Sennett wechselt damit die Fronten - ein konsequenter Schritt, nachdem er ja schon vor rund einem Jahr das “Ende der Soziologie” ausgerufen hatte - und tauscht Forschungspraxis mit Öffentlichkeitsarbeit. Treu bleibt Sennett sich allerdings in dem Gestus der Tatsachengläubigkeit, immer mit der Priese Abenteuerlust gewürzt, die nach wie vor der methodische Abhub des Positivismus ist. Nur statt Foucaultschem “fröhlichen Positivismus” genealogischer Unmittelbarkeit, der problematisch genug war, gilt jetzt der lustige Positivismus journalistisch nachgezeichneter Biographie, mit Hang zum Selbstinszenatorischen - ein Verfahren, das vermutlich bei Richard Rorty sein Vorbild hat. Die Fadheit der Tatsachen, die der Positivismus den Dokumenten entreißt, wird mit dem Erlebnis abgeschmeckt - und als überzogene Erlebnisserei schließlich abgeschmackt.
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Erstellt von admin am 31. Dezember 1998
Zur Frage, wie sich dieses Gesetz unter Bedingungen des tendenziellen Falls der Profitrate verhält
Erschienen in: Krisis 21/22
Roger Behrens
Es heißt im “Vorwort zur Neuauflage” von Peter Bulthaups Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften einleitend: “Unter dem Titel ‘Technikfolgenabschätzung’ wird gegenwärtig eine Diskussion geführt, in der die Folgen der industriellen Entwicklung als Kriterien erscheinen, nach denen diese Entwicklung zu steuern sei . . . Moralische Vertretbarkeit und ökologische Minimalschädigung haben sich an der ökonomischen Standortsicherung zu messen, die im allfälligen Zweifelsfall alle moralischen und ökologischen Bedenken niederschlägt . . . Die Aktualität dieser Schrift verdankt sich dem Fortbestehen eines Zustands, in dem die gesellschaftliche Funktion der Naturwissenschaft nicht darin besteht, ‘die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern’.” (S. 7f.) Das Buch erschien in seiner ersten Auflage Anfang der 70er Jahre bei Suhrkamp; damit griff es seinerzeit in jene Diskussionen ein, die sowohl von kritisch-theoretischer Seite, etwa Marcuses Eindimensionaler Mensch, wie auch von konservativer Seite (genannt seien Schelsky und Gehlen) soziologisch den gesellschaftlichen Stellenwert der Naturwissenschaften im Zuge der Technisierung der Produktion und des Alltagslebens einzuordnen versuchten. Maßgeblich galt dann als Resultat dieser Diskussionen Jürgen Habermas’ Aufsatzsammlung Technik und Wissenschaft als ‘Ideologie’ (Frankfurt/M. 1968), vor allem der gleichnamige Text sowie “Technischer Fortschritt und soziale Lebenswelt”. Obgleich Habermas nur peripher zitiert wird, kann Bulthaups Schrift als heimliche Auseinandersetzung mit der Technik und Wissenschaft als ‘Ideologie’ gelesen werden, also als Diskussion der Thesen, daß erstens eine Verschmelzung von Technik und Herrschaft stattfindet, daß zweitens Wissenschaft und Technik zur entscheidenden Produktivkraft geraten, daß drittens eine Verwissenschaftlichung von Technik stattfindet, die viertens der Technologie eine ideologische und mithin legitimatorische Funktion überantwortet, was fünftens zu einer Eleminierung des Unterschieds von Praxis und Technik führe (freilich sind aus den Habermasschen Texten noch mehr Thesen herauszulesen, doch scheinen die erwähnten fünf für den Kontext der Bulthaupschen Untersuchung die wichtigsten zu sein).
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