31.12.1998  Beitrag drucken

Dispositionen sozialer Emanzipation

Bruchstücke zur Neuorientierung der Sozialkritik

Franz Schandl

In diesem Beitrag geht es darum, einige Akzente für zukünftige soziale Kämpfe zu entwickeln. Denn wie es lief, läuft es nimmermehr, auch wenn zahlreiche Akteure noch immer so tun als ob.

Arm und reich sind allgemeinsverständliche Assoziationen, aber keine auch nur irgendwie positiv festzuhaltende Kategorien: „Der Mensch ist arm oder reich“, sagt Adam Smith, „je nachdem in welchem Ausmaß er sich die zum Leben notwendigen und annehmlichen Dinge leisten und die Vergnügungen des Daseins genießen kann.“(1) Eine Art Symbiose von Leistungsfähigkeit und Genußfähigkeit, die keine genaue Festlegung kennt. Arm und reich gerät so zu einer Frage der Quantität, im Kapitalismus zu einer Frage der Aneignung von Wert, sei es in Form von Geld oder Ware. Maßstab ist das mehr oder weniger.

Infolge ist davon auszugehen, daß wir Reichtum in materieller Hinsicht auffassen wollen, nicht in ideeller. Das mag insgesamt problematisch sein, für unseren Ansatz ist es aber nützlich, da es die Begriffe besser klären hilft. Reichtum berührt zwischenmenschliche Materialisierungen, nicht die Kommunikation überhaupt. Quellen des materiellen Reichtums sind die Stoffe und Tätigkeiten, die ihn erschaffen. Der Reichtum verkörpert die stoffliche Seite des Produkts. Obwohl auch das Verständnis von Reichtum als Reichhaltigkeit sämtlicher Ausdrucksformen Sinn macht, soll er hier als Güterfülle zu lesen sein. Es ist also die Rede vom ökonomischen Befinden, nicht von der individuellen Befindlichkeit. Daß diese miteinander zu tun haben, ist evident, daß sie nicht gleichzusetzen sind, ebenso.

Umverteilung als Unverteilung

Wären die Reichen nicht reich, wären die Armen nicht arm, so das gängige Urteil über die Verhältnisse der Ungleichheit. Doch stimmt das so? Armut ist keine Folge von Reichtum, auch wenn sie so erscheint. Die Diskrepanz ist bloß Ausdruck, zur Erklärung grundlegender Differenzen taugt sie nicht. Reich und arm sind lediglich oberflächlich aus dem Gegenteil bestimmbar und ableitbar, sie sind beide nur spezifische Ausdrucksformen ungleich verteilter Möglichkeiten von Menschen. Arm und reich sind Resultate kapitalistischer Wirtschafsdynamik, nicht umgekehrt.

Die gesellschaftliche Dialektik geht so: Reichtum schafft nicht Armut, aber sie positionieren sich gegenseitig als Realisierungen ein und desselben Prinzips. Marx schreibt diesbezüglich über Sismondi: „Was aber bei ihm zugrunde liegt, ist in der Tat die Ahnung, daß den im Schoß der kapitalistischen Gesellschaft entwickelten Produktivkräften, materiellen und sozialen Bedingungen der Schöpfung des Reichtums, neue Formen der Aneignung dieses Reichtums entsprechen müssen; daß die bürgerlichen Formen nur transistorische und widerspruchsvolle sind, in denen der Reichtum immer nur eine gegensätzliche Existenz erhält und überall zugleich als sein Gegenteil auftritt. Es ist Reichtum, der immer die Armut zur Voraussetzung hat und sich nur entwickelt, indem er sich entwickelt.“(2)

Die Hegelsche Vorwegnahme desselben Zusammenhangs findet sich im § 243 der Rechtsphilosophie: „Wenn die bürgerliche Gesellschaft sich in ungehinderter Wirksamkeit befindet, so ist sie innerhalb ihrer selbst in fortschreitender Bevölkerung und Industrie begriffen. – Durch die Verallgemeinerung des Zusammenhangs der Menschen durch ihre Bedürfnisse und der Weisen, die Mittel für diese zu bereiten und herbeizubringen, vermehrt sich die Anhäufung der Reichtümer – denn aus dieser gedoppelten Allgemeinheit wird der größte Gewinn gezogen – auf der einen Seite, wie auf der andern Seite die Vereinzelung und Beschränktheit der besonderen Arbeit und damit die Abhängigkeit und Not der an diese Arbeit gebundenen Klasse, womit die Unfähigkeit der Empfindung des Genusses der weiteren Freiheiten und besonders der geistigen Vorteile der bürgerlichen Gesellschaft zusammenhängt.“(3)

Es ist empirisch nicht haltbar, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, auch wenn bestimmte Reiche immer reicher und bestimmte Arme immer ärmer werden. Im Prinzip sind die Verteilungsverhältnisse in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger gleich geblieben, im historischen Längsschnitt hat es keine eklatanten Abweichungen gegeben. Bis weit in die achtziger Jahre können wir sogar feststellen, daß nicht nur die Reichen reicher, sondern auch die Armen reicher geworden sind. Die Verteilung ist also kein unzweideutiges Indiz für Not und Elend in der Gesellschaft, sie ist nur eine Größe, keinesfalls die bestimmende.

Die allgemeine soziale Liturgie führt nicht weiter. Sie ersetzt Argumentation durch Moral, Kritik durch Skandal. Uns ist der Positiv „arm“ negativ genug, wozu braucht man eigentlich die Steigerungsstufen? Wer zuviel mit den Steigerungsstufen hantiert, setzt sich zumindest dem Verdacht aus, an der Ausgangsstufe nichts auszusetzen zu haben, verbliebe die soziale Diskrepanz nur in einem vernünftigen Rahmen.

Was heute stattfindet ist vielmehr die Deklassierung, die der Armut (von den Arbeitslosen bis hin zu Konkursfällen im privaten und im unternehmerischen Bereich) Vorschub leistet und neue Dimensionen „eröffnet“. Deklassierung meint aber, daß Menschen auch ihre Zuordnungen verlieren, sie einfach aus dem System als überflüssig hinausfallen. Zu einer Reservearmee werden, die freilich kein Arbeitssektor mehr anwenden will.

Eine einfache Division der Güter oder der Arbeitsplätze, wie sie die Umverteilung vorschlägt, ist auf der Basis kapitalistischer Verhältnisse gar nicht machbar, denn es ist schließlich stets so, daß die „Verteilungsverhältnisse wesentlich identisch mit diesen Produktionsverhältnissen, eine Kehrseite derselben sind.“(4) Jene können von diesen nicht abheben.

Die Umverteilung ist eine Unverteilung. Sie ist nicht möglich. Der Klassenkampf mag nur äußerst geringfügige und kurzzeitige Abweichungen vom Wertgesetz vorzunehmen. Er bildet keine Gegenkraft, sondern ist nur eine Regelungsvarianz. Damit sind aber auch alle linken und radikalen Reformversprechungen der Illusion anheimgegeben. Schon Marxens Kritik des Gothaer Programms der deutschen Sozialdemokratie zielte in diese Richtung. Marx warf ihr vor, „den Sozialismus hauptsächlich als um die Distribution sich drehend darzustellen“.(5)

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Damit ist aber auch das Grundproblem der heutigen Sozialbewegung bereits ausgesprochen. „Umverteilen – was sonst?“(6), ist eine falsche Suggestivfrage. Die Hoffnung auf die Umverteilung trägt nicht. Umso eifriger wird sie plakatiert. Der Klassenkampf versucht sich in trotzigen Reinkarnationen. Es kann doch nicht sein, was nicht geht. Wenn es nur irgendwo ein bißchen flackert, ist er bereits Feuer und Flamme, glaubt an die Wiederkunft alter Zeiten. Die Enttäuschung folgt prompt, ohne daß die Enttäuschten aber Folgen ziehen. Das reflexionslose Festhalten vieler Traditionssozialisten korrespondiert geradezu mit der unreflektierten postmodernen Verwerfungen.

Wert und Reichtum

Von vorrangiger Bedeutung ist uns die analytische Auseinanderhaltung von Wert und Reichtum. Sie ist Grundlage jeder seriösen Kritik der politischen Ökonomie. Die Verwechslung von Form und Stoff führt auch immer wieder dazu, Reichtum und Geld identisch zu setzen und zu vorschnellen Losungen wie „Geld ist genug da“ zu greifen. Was zweifellos stimmt, ist, daß genug Reichtum für alle vorhanden wäre, was aber keineswegs für den Wert und seine letzte Erscheinungsform, das Geld zutrifft.

Zur Differenzierung: „Der Wert unterscheidet sich also grundsätzlich vom Reichtum, denn der Wert hängt nicht vom Überfluß, sondern von der Schwierigkeit oder Leichtigkeit der Produktion ab.“(7) David Ricardo weiter: „Durch die beständige Erhöhung der Leichtigkeit der Produktion wird der Wert verschiedener bereits früher produzierten Waren fortgesetzt vermindert, obwohl wir auf diesem Wege nicht nur den nationalen Reichtum, sondern auch die Kraft der zukünftigen Produktion erhöhen.“(8) „Reichtum kann also nicht an dem Quantum Arbeit, das er zu kaufen vermag, gemessen werden“,(9) (…) „denn der Reichtum hängt immer von der Menge der produzierten Güter ab, ohne Rücksicht auf die Leichtigkeit, mit der die für die Produktion verwendeten Mittel vielleicht beschafft worden sind.“(10) „Reichtum ist nicht vom Wert abhängig. Jemand ist reich oder arm je nach der Fülle an notwendigen und angenehmen Dingen, über die er verfügen kann.“(11)

Marx stimmt dem zu, korrigiert aber den letzten Punkt: „In anderen Worten sagt Ricardo hier: Reichtum besteht nur aus Gebrauchswerten. Er verwandelt die bürgerliche Produktion in bloße Produktion für den Gebrauchswert, was eine sehr schöne Ansicht einer durch den Tauschwert beherrschten Produktionsweise ist. Die spezifische Form des bürgerlichen Reichtums betrachtet er als etwas nur formelles, ihren Inhalt nicht Ergreifendes.“(12) Tritt der Reichtum als Warensammlung auf, dann ist klar, daß die stoffliche Materialisierung der Produkte nicht um ihrer selbst willen erfolgte, sondern zum Zweck der Realisierung des Werts. Marx folgt Ricardo zwar in der Nichtidentifizierung von Wert und Reichtum, streitet aber gleichzeitig ab, daß der bürgerliche Reichtum unabhängig vom Tauschwert begriffen werden kann.(13) Der bürgerliche Reichtum ist durch den Wert dimensioniert, ohne mit ihm gleich zu sein.

Die Problematik liegt weiters aber auch darin, daß Marx selbst mit einem doppelten Reichtumsbegriff arbeitet: der erste faßt den kapitalistischen Reichtum als eine „ungeheure Warensammlung“;(14) der zweite anthropologisiert Reichtum als die Entwicklung menschlicher Möglichkeiten (auf der materiellen Ebene) schlechthin. „Der Reichtum besteht, stofflich betrachtet, nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse.“(15) Reichtum wird hier von den bürgerlichen Fesseln abgekoppelt und mit der Potenz der Produktivkräfte gleichgesetzt: „Alle bisherigen Gesellschaftsformen gingen unter an der Entwicklung des Reichtums – oder, was dasselbe ist, der gesellschaftlichen Produktivkräfte.“(16) In seiner vehementen Verteidigung Ricardos gegen dessen sentimentale Kritiker bekennt Marx sich schlußendlich zur „Entwicklung des Reichtums der menschlichen Natur als Selbstzweck“.(17) Der Kritiker des besonderen Reichtums ist ein großer Affirmatiker des allgemeinen. Diese dialektische Position erlaubt zweifellos eine Perspektive, die über unmittelbare Interventionen hinausreicht. Genau diese gelte es zu entwickeln und zu konkretisieren.

Die Vergrößerung der Reichtümer ist nicht identisch mit der Vergrößerung der Werte. Was aber nicht meint, daß in der Epoche des aufsteigenden Kapitals das Gesamtwertprodukt nicht gestiegen wäre, weil die einzelnen Produktenwerte gefallen sind. Die Wertprodukte sind zweifellos gestiegen, auch wenn die Produktenwerte gesunken sind. Dies erfolgte durch die stete Ausdehnung der Warenproduktion und die Einbeziehung der Arbeitskräfte auf immer neuen Gebieten und Feldern. Diese den Kapitalismus charakterisierende Korrespondenz ist heute erstmals umfassend in Frage gestellt.

Eine finale Krise des Kapitalismus kann erst dann eintreten, wenn auch der Wert insgesamt nicht mehr wachsen kann, so sehr er die stoffliche Produktion auch auszudehnen versteht. Über das Ende der Arbeit schreibt Marx: „Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit bricht die auf den Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozeß erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individualitäten und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit, um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht.“(18)

Fetisch Wert

Wichtig ist aber noch etwas anderes. Nämlich die entschiedene Abgrenzung des Werts von dem, was der Volksmund so alles darunter versteht.(19) Wert ist dem gesunden Menschenverstand eine in all seinen Verästelungen positive Kategorie – wertvoll eben! -, in der Kritik der politischen Ökonomie hingegen eine äußerst kritische Größe. Doch das inflationäre Gerede vom Wert und den Werten hat auch in die marxistische Literatur Eingang gefunden und dort heillose Verwirrung gestiftet. Auf jeden Fall ist es gänzlich dem Marxschen Opus widersprechend, die zentrale Kategorie des Werts in die bürgerliche Alltagssprache hinein aufzulösen, und gerade aus ihr etwa eine „Hypothese über eine marxistische Theorie der Werte“(20) abzuleiten. Nichts irrer als das. Am Beispiel von Agnes Heller sei das hier dargestellt.

Der Begriff des Werts hat sich ausgehend vom ökonomischen Sektor über alle gesellschaftlichen Bereiche ausgeweitet. Wert ist dahingehend zu einem unhinterfragten Terminus geworden. Wenn etwas etwas wert ist, ist etwas etwas wert. Wert gilt als die positive Abstraktion par excellence. Heller spricht ganz unbefangen von einer Wertorientierung, von moralischen und reinen Werten, von Persönlichkeitswerten etc. „All das (und ausschließlich das) ist Wert, worauf unsere Orientierungskategorien in bezug auf die gesellschaftliche Regelung, auf die Normen allgemein anwendbar sind.“(21) „Die primäre Kategorie der Wertorientierung ist das Kategorienpaar gut-schlecht.“(22) Gut ist etwas, was Wert enthält, schlecht ist etwas, was keinen oder wenig Wert enthält. Heller wird hier zur Propagandistin des Alltagspositivismus. „Unser Wertesystem hat seinen Ursprung in transzendenten Mächten,“(23) schreibt sie andernorts gar.

Der Hellersche Kauderwelsch läßt wirklich nichts aus: „Marx erarbeitete zwar keinen allgemeinen Begriff des Werts, er operierte aber mit einem grundlegenden Wertbegriff (dem Reichtum (sic!, F.S.)(24)); er gebrauchte universelle Wertaxiome, aus denen sich all seine Werturteile axiologisch ableiten lassen. Unsere Aufgabe ist es nun, die Konturen einer allgemeinen Theorie der Werte aufzuzeigen, die mit der Marxschen Gesellschaftsontologie (sic!, F.S.) im Einklang und auf den Fundamenten der Marxschen Wertorientierung (sic!, F.S.) steht.“(25) „Die ontologisch primäre (aus anderem empirisch nicht ableitbare) Kategorie, ist die Kategorie des gesellschaftlichen Reichtums. „Reichtum“ ist die allseitige Entfaltung der gattungsmäßigen Wesenskräfte. Das erste Wertaxiom lautet: Wert ist alles, was zur Bereicherung der gattungsmäßigen Wesenskräfte gehört, was diesen Vorschub leistet. Das zweite Wertaxiom lautet: Der höchste Wert besteht darin, daß die Individuen sich den gattungsmäßigen Reichtum aneignen können.“(26)

Fast könnte man meinen, Frau Heller habe Marx und Ricardo nie gelesen. Das ginge ja noch an. Aber Marx, dessen Werk gerade darin besteht, die Kategorie des Werts zu kritisieren und zu entzaubern, den eigenen Sermon eines auffrisierten gesunden Menschenverstandes einzuverleiben, ist schon ein starkes Stück. Heller inflationiert den Begriff Wert wie eine protestantische Pastorin. Sie verwandelt den Kritiker des Werts in einen Philosophen der Werte, zu einem Dutzendaxiologen. Günther Anders setzte wohl nicht zu Unrecht die Begriffe Werte und Wertordnung überhaupt auf die schwarze Liste. Diese Worte, so schreibt er in seinen „Ketzereien“ seien nur von Konservativen benutzbar.(27)

Reaktionärer Bodensatz?

Der Wert setzt die Werte. Er ist die zentrale Instanz des Selbstwerts, der Reflektor des Individuums. Bürgerliches Selbstbewußtsein verläuft auf einer Skala der Ab- und Aufwertung am Markt. Einkommen ist die quantitative Zugangs- und Beteiligungsgröße, die auch über verschiedene Formen von Integration und Desintegration (Was haben? Wo sein? Wie viel dürfen?, Was darstellen?) entscheidet. Das hat schon seine bürgerliche Logik. Bereits Marx wußte, daß „im selben Maß, wie das Geld in seinen verschiednen Bestimmungen sich entwickelt, (…) der Reichtum als solcher der allgemeine Maßstab des Werts des Individuums wird.“(28)

Das Einkommen ist (weil löst) die Eintrittskarte, die über den Rang in der Gesellschaft befindet. Um irgendwo dazu zu gehören, bedarf es einer adäquaten Geldbörse, um sich in Realität und Symbolik anpassen zu können. Es ist das Einkommen (wo immer es auch herkommt), das über die Auslese des Minderwertigen bestimmt. Dementsprechend sind Arbeiter minderwertig, Textilarbeiterinnen noch minderwertiger und ausländisches Dienstpersonal am allerminderwertigsten. Keine Lohnerhöhung, so sehr sie jedem und jeder individuell zu gönnen ist, kann diesem bürgerlichen Übel abhelfen. Soziale Diskriminierung hat ökonomische Gründe. Sie wird nicht mutwillig hergestellt, sie liegt am System. Die sozial Schwachen (Arbeitslose, Hausfrauen, Mütter, Tagelöhner, Hilfsarbeiter) leiden an ihrer mangelnden Markttauglichkeit.

Viele wollen sich nun vor der Konkurrenz dahingehend schützen, indem sie andere Markt- und Sozialkonkurrenten (Ausländer, Sozialschmarotzer, Beamte, Politiker, Spekulanten, Juden) stigmatisieren und diese aus der Konkurrenz bzw. den sozialen Leistungen ausschließen oder doch abdrängen wollen. Sie möchten ihren sozialen Status sichern oder verbessern, indem sie nach politischer Abwertung anderer Gruppen schreien. Deren Möglichkeiten sich wiederum zu wehren, sind gänzlich unterschiedlich, manche Konkurrenten sind so leichter erledigbar als andere. Nichtsdestotrotz verfolgen die Konkurrenzsubjekte andere Konkurrenzsubjekte als Sündenböcke, deren hauptsächliches (wenn auch nicht einziges) Kriterium zusehends das nationale Kennzeichen darstellt. Rassistische Faustregel: Je weniger ein Ebenbild, desto größer das Feindbild.

Dem Entwertungsdruck wird nicht entgegengetreten, es wird hingegen versucht, ihm auszuweichen und ihn weiterzureichen. Die Drangsalierten spielen Schwarzer Peter. Jene, denen etwas weggenommen wird, trachten permanent danach, jemanden anderen etwas wegzunehmen. Sie beherbergen somit eine Tendenz, die selbst restriktiv ist. Genau das ist der Punkt, wo reaktionäre Bestrebungen auf fruchtbaren Boden fallen.

Daß Subjekte andere Subjekte, Teile andere Teile entwerten müssen und deshalb entwerten wollen – verschärft noch in der Krise! -, demonstriert die ganze Tragik der Bedingungen, aber auch die Notwendigkeit, hier anders einzugreifen als dies bisher durch die moralische Entrüstung geschehen ist. Die Verhaltensweisen sind Folge der Verhältnisse, Ausgrenzung somit Folge von Demokratie und Marktwirtschaft. Sie ist deren Konsequenz. Wer sie nicht will, muß ihr die Grundlagen entziehen.

Die Ausgrenzung ist jedenfalls der Nucleus der Ausmerzung. Diese muß sich nicht automatisch aus jener ergeben, aber sie ist denn doch möglich. Sie ist der negative Affekt des jeder Warenmonade inkooperierten Betriebssystems der Konkurrenz. Überflügeln, Wettmachen, Ausschalten, Erledigen. Damit soll nichts entschuldigt, aber doch einiges erklärt werden. Die Täter bleiben Täter, auch wenn sie zur Tat getrieben werden. Damit aber keine Tat mehr betrieben wird, reicht es nicht aus, gegen die Täter zu sein, sondern gegen das, was ihre Taten hervorbringt. Der Täter realisiert die Tat, er schafft sie nicht.

Vor dem Geld sind alle Menschen gleich, aber durch das Geld erhalten sie verschiedene Wertigkeiten. Natürlich ist die monetäre Differenz einer radikalen Kritik zu unterziehen. Aber eben einer radikalen, diese ist nur sinnvoll, wenn sie verlängert wird zu einer umfassenden Abrechnung mit der bürgerlichen Selbstverständlichkeit verschiedener Wertigkeiten menschlicher Tätigkeit. Bedingungen sind zu thematisieren, nicht bloß deren Auswüchse. Die Kritik an den Einkommensdifferenzen (etwa gar noch als unsägliche Privilegiendebatte) hat zu einer des Einkommens, ja zu einer Kritik von Arbeit und Geld aufzusteigen. Bleibt sie darunter, dann ist sie der Bodensatz, der es ermöglicht, die soziale Frage als populistische Veranstaltung zu inszenieren. Man denke an Haider und all seine (auch linkspopulistischen) Nacheiferer. Das Spiel „Wem schneiden wir was weg?“ hat kannibalistische Züge. Doch alle spielen es.

Pro toto?

Die Bescheidenheit der Erkenntnis darf nicht länger Grundlage des Handelns sein. Was heute betrieben wird, ist Gesellschaftskritik ohne explizite (und schon gar nicht explifizierte) Sozialkritik einerseits, und andererseits sozialer Kampf ohne differenzierte Analyse, am besten ausgedrückt im populistischen Vokabular von Umverteilung oder Privilegienabbau. Dimensioniert wird diese Praxis durch ein ganz engstirniges politisches Interesse.

Der soziale Kampf muß sich heute jedoch auf das Ganze richten, was meint gegen das bestehende Ganze und für ein neues anderes Ganzes. Er darf nicht mehr die partiellen Interessen bestimmter Gruppen in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen rücken. Es ist daher nicht mehr Parteiergreifung im alten Sinne gefordert, sondern Theorie und Praxis beanspruchen Totalität gegen die einzelnen Interessen der gesellschaftlichen Destruktivität. Das ist freilich schon jenseits der Politik. Doch genau darauf soll es ja hinauslaufen. Nicht gegen unverhältnismäßige Verteilungen geht es, sondern gegen das (Un)Verhältnis schlechthin.

Interesse und Resultat des Kapitals sind übrigens nicht zwangsweise eins. Man sollte seinen Apologeten schon glauben, daß sie interessiert sind, die Arbeiter in Wert zu setzten, nicht sie zu entwerten, was vielmehr Effekt ist. „Ist diese Verbesserung der Lebensumstände der unteren Schichten auch für die Gesellschaft als ganzes vorteilhaft oder nachteilig?“, fragt Adam Smith, um die Frage sogleich eindeutig zu entscheiden: „Die Antwort scheint auf den ersten Blick äußerst einfach zu sein. Dienstboten, Taglöhner und Arbeiter bilden die Masse der Bevölkerung eines jeden Landes, so daß man deren verbesserte Lebenslage wohl niemals als Nachteil für das Ganze betrachten kann. Und ganz sicher kann keine Nation blühen und gedeihen, deren Bevölkerung weithin in Armut und Elend lebt. Es ist zudem nicht mehr als recht und billig, wenn diejenigen, die alle ernähren, kleiden und mit Wohnung versorgen, soviel vom Ertrag der eigenen Arbeit bekommen sollen, daß sie sich selbst richtig ernähren, ordentlich kleiden und anständig wohnen können.“(29)

Das Programm der aufsteigenden Arbeiterbewegung ist hier bereits im Kern vorweggenommen. Das Elend der Arbeiterklasse, wie es zurecht in vielen Schriften des 19. Jahrhunderts angeprangert wurde, ist jedenfalls objektives Ergebnis des Kapitalverhältnisses, nicht die subjektive und sodann verwirklichte Absicht der Kapitalisten.

Robert Kurz schreibt: „Insbesondere seit der fordistischen Ära eines flächendeckenden Vollkapitalismus mit hochorganisierter Massenproduktion ist die Massenkaufkraft eine conditio sine qua non für eine gelingende Akkumulation des Kapitals. Wird die Massenkaufkraft durch Massenarbeitslosigkeit, Abbau der Sozialleistungen und Zurückfahren öffentlicher Dienste bzw. staatlicher Investitionen radikal abgeschmolzen, dann ist nicht nur die soziale Reproduktion, sondern auch die ökonomische Existenz- und Funktionsfähigkeit des Kapitalismus selber grundsätzlich in Frage gestellt.“(30)

So „will“ das Kapital die Arbeiter sowohl verwerten als auch entwerten. Was ein grundsätzlicher Widerspruch ist, der aber solange belanglos bleibt, solange auf das Gesamtkapital bezogen, ersteres letzterem überwiegt, oder sie sich zumindest die Waage halten. Ist das der Fall, besteht an der ökonomischen Funktionstüchtigkeit des Kapitalismus kein Zweifel.

Arm gegen reich für reich

Ein Kennzeichen des Kapitalismus ist „die Verwandlung dessen, was überflüssig erschien, in Notwendiges, geschichtlich erzeugte Notwendigkeit – [dies] ist die Tendenz des Kapitals. Die allgemeine Grundlage aller Industrien wird der allgemeine Austausch selbst, der Weltmarkt und daher das Ganze der Tätigkeiten, Verkehrs, Bedürfnisse etc., woraus er besteht. Luxus ist Gegensatz zum Naturnotwendigen. Notwendige Bedürfnisse sind die des Individuums, reduziert selbst auf ein Natursubjekt. Die Entwicklung der Industrie hebt diese Naturnotwendigkeit wie jenen Luxus auf – in der bürgerlichen Gesellschaft allerdings nur gegensätzlich, indem sie selbst wieder nur bestimmten gesellschaftlichen Maßstab als den notwendigen gegenüber dem Luxus setzt.“(31) Was aber bloß meinen kann, daß in einer befreiten Gesellschaft Luxus und Notwendigkeit als soziale Gegensätze überhaupt verschwinden, sich auflösen in einer allgemeinen mannigfaltigen Möglichkeit.

Soziale Kritik und sozialer Kampf müssen sich freilich abseits der geforderten Restriktion an der möglichen Fülle des Lebens und seiner Annehmlichkeiten orientieren. Der Konsumismus mag verwerflich sein, nicht jedoch der Konsum. Ebensowenig die Begehrlichkeit und das Verlangen nach den möglichen Produkten. Dazu sind sie ja da. Zu den Dingen gilt es ein ganz profanes Verhältnis zu entwickeln, abseits von metaphysischen Tücken der Ware und ihrer Fetischismen.

„Nicht das Auto ist repressiv, nicht das Fernsehgerät ist repressiv, nicht die Haushaltsutensilien sind repressiv, sondern das Auto, das Fernsehgerät und der technische Kleinkram, der gemäß den Erfordernissen des gewinnbringenden Austauschs einen wesentlichen Bestandteil der Existenz der Menschen, ihrer eigenen „Verwirklichung“ ausmacht.“(32) In der Zurückweisung des postmodernen Hedonismus liegt bei aller Berechtigung auch ein Moment der Abwehr des Vergnügens überhaupt. Es sind oft gerade die Linken, die in (ihren) Entbehrungen mehr Tugend als Not sehen. Doch nichts sollte ferner liegen, als die aktuelle gesellschaftliche Nötigung in ein subjektives Bekenntnis zu verwandeln.

Eines jedenfalls sollte klar sein, sogar der ganz junge Engels wußte schon davon: „Aber die bloße Demokratie ist nicht fähig, soziale Übel zu heilen. Die demokratische Gleichheit ist eine Chimäre, der Kampf der Armen gegen die Reichen kann nicht auf dem Boden der Demokratie oder der Politik überhaupt ausgekämpft werden. Auch diese Stufe ist also nur ein Übergang, das letzte rein politische Mittel, das noch zu versuchen ist und aus dem sich sogleich ein neues Element, ein über alles politische Wesen hinausgehendes Prinzip entwickeln muß. Dies Prinzip ist der Sozialismus.“(33) Was an dieser Stelle deutlich rauskommt, das ist diese explizite Fundamentalkritik der Politik. Der Sozialismus wurde jedenfalls nicht unter diesen Begriff subsumiert, sondern als über ihn hinausgehend bezeichnet. Kommunismus und Politik sind sich wesensfremd. Kommunismus bedeutet Überwindung der Politik.

Sogleich war freilich nicht sofort, der politische Kampf sollte länger im Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung stehen als der junge Engels vermutete. Viel länger. Im Zeitalter des Klassenkampfs (1848-1989) war es geradezu zu eine Symbiose von politischem und sozialem Kampf gekommen. Es ging dabei aber auch um die Realisierung des Klassenverhältnisses, nicht schon um seiner Überwindung. Die steht erst heute an.

Der soziale Kampf muß aus seiner defensiven Haltung (Verteidigt die…, Hände weg von…) ausbrechen und offensive Strategien entwerfen. Mit der krampfhaften Orientierung auf den Arbeitsplatz muß Schluß sein. Ein radikaler Bruch mit dem Arbeitsfetisch ist der Gordische Knoten einer emanzipatorischen Sozialbewegung. Kommunismus meint nicht Befreiung der Arbeit, sondern Befreiung von der Arbeit. „Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des Reichtums.“(34)

Der Kommunismus wird höchst vergnüglich sein, oder er wird nicht sein.

(1) Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen (1776), München 1978, S. 28.

(2) Karl Marx, Theorien über den Mehrwert.(1906/11) Dritter Teil, MEW, Bd. 26.3, S. 51.

(3) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), Werke 7, Frankfurt am Main 1986, S. 389.

(4) Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band (1894), MEW, Bd. 25, S. 885.

(5) Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms (1875), MEW, Bd. 19, S. 22.

(6) Stellvertretend für viele dazu: Rainer Klien, „Umverteilen – was sonst?“, Die Alternative 7-8/97, S. 8-13.

(7) David Ricardo, Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung (1821), Marburg 1994, S. 231. Weiter heißt es aber unrichtigerweise: „Die Arbeit von einer Million Menschen in den Manufakturen wird stets den gleichen Wert, aber nicht den gleichen Reichtum produzieren.“ Zur Kritik Marxens an dieser Passage siehe: Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW, Bd. 26.2 (1906/11), S. 537-541; 554f.

(8) David Ricardo, Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, S. 232.

(9) Ebenda, S. 235.

(10) Ebenda, S. 236.

(11) Ebenda, S. 233.

(12) Karl Marx, Theorien über den Mehrwert. Dritter Teil, MEW, Bd. 26.3, S. 49.

(13) Vgl. dazu auch: Franz Schandl, Vom Fortschritt in der Geschichte über den Wert zum Gut, Weg und Ziel 1/1997, S. 61-63.

(14) Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie (1859), MEW, Bd. 13, S. 15; bzw.: Das Kapital, Erster Band, MEW, Bd. 23, S. 49.

(15) Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), MEW, Bd. 42, S. 433.

(16) Ebenda, S. 445-446.

(17) Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW, Bd. 26.2, S. 111.

(18) Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 601.

(19) Vgl. bspw. unser konkretes Fallbeispiel anhand der Präsidentschaftskandidatur von Gertraud Knoll: Franz Schandl, Kreislauf der Ignoranz, Streifzüge Nr. 2/98, S. 1ff.

(20) Agnes Heller, Hypothese über eine marxistische Theorie der Werte, Frankfurt am Main 1972. Ähnlich verfahren auch Peter Moeschl/Reinhold Sturm, Allgemeine Werttheorie, Der Streit Nr. 41/42, November 1991.

(21) Agnes Heller, Hypothese über eine marxistische Theorie der Werte, S. 17.

(22) Ebenda, S. 18.

(23) Agnes Heller, Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion, Frankfurt am Main 1978, S. 144.

(24) Wenn man vor allem bedenkt, daß es bei Marx wie bei Ricardo um eine strikte Trennung von Wert und Reichtum gegangen ist, dann muß man sich schon fragen, ob die nicht alle Tassen im Schrank hat.

(25) Agnes Heller, Hypothese über eine marxistische Theorie der Werte, S. 15.

(26) Ebenda, S. 9.

(27) Günther Anders, Ketzereien, München 1991, S. 130f.

(28) Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 157.

(29) Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, S. 68.

(30) Robert Kurz, Die letzten Gefechte. Ein Essay über den Pariser Mai, den Pariser Dezember und das Bündnis für Arbeit, KRISIS 18 (1996), S. 40.

(31) Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 434.

(32) Herbert Marcuse, Versuch über die Befreiung, Frankfurt am Main 1969, S. 27-28.

(33) Friedrich Engels, Die Lage Englands (1844), MEW, Bd. 1, S. 592.

(34) Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 604.