31.12.2000  Beitrag drucken

Kapitulation vorm Kapitalismus


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Dritter Teil einer Stellungnahme zu linken Kritiken am Manifest gegen die Arbeit und am Schwarzbuch des Kapitalismus. Erschienen ist die Artikelreihe in der konkret. Im ersten Teil schreibt Robert Kurz über die Abwehrreaktionen des Arbeitermarxismus „Wir haben in so geliebt, den Klassenkampf“. Im Teil 2 geht es um „Auschwitz als Alibi? Die letzten Gefechte der Restlinken“ ebenfalls von Robert Kurz (Die Texte können wir aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht veröffentlichen. Der Autor hat uns die Veröffentlichung untersagt.).

aus: Konkret 7/2000

Norbert Trenkle

Kaum ein Gedanke ist in der Restlinken so verpönt, wie der an eine absolute historische Schranke des warenproduzierenden Systems der Moderne. Es scheint so, als spiegle sich der eigene unaufgearbeitete Niedergang in der Überzeugung wieder, der Kapitalismus genieße so etwas wie ein ewiges Leben, er sei unendlich flexibel und wandlungsfähig und deshalb prinzipiell in der Lage, jede Krise zu überstehen und jede Opposition durch Integration unschädlich zu machen. Bemerkenswert ist, daß diese Überzeugung die unterschiedlichsten Positionen quer durch das restlinke Spektrum verbindet und daher auch die Ablehnung der Zusammenbruchsdiagnose einen gemeinsamen Nenner der Kritik am „Schwarzbuch Kapitalismus“, dem „Manifest gegen die Arbeit“ dem Buch „Feierabend!“ und anderen Publikationen der Krisis-Gruppe bildet. In seltener Eintracht werfen, um nur ein paar Namen zu nennen, der linksakademische PROKLA-Redakteur Michael Heinrich, Freerk Huisken vom „Gegenstandpunkt“ (beide in Konkret 3/2000) und Bahamas-Autor Martin Janz (Jungle World 8.3.2000) der Krisis vor, sie präsentiere mit ihrer Zusammenbruchsdiagnose ja nun wirklich die älteste Kamelle aus der marxistischen Mottenkiste.

Wenn dieser Vorwurf beim Publikum meistens recht gut ankommt, dann deshalb, weil er ein ebenso gängiges wie hartnäckig sich haltendes Vorurteil über den Marxismus bestätigt, das allerdings (wie es Vorurteile nun einmal so an sich haben) einer ziemlich verzerrten Wahrnehmungsweise entspricht. Es mag überraschend klingen, aber in der Theorie der Arbeiterbewegung spielte die Marxsche Diagnose einer absoluten Schranke des Kapitals so gut wie keine Rolle. Die einzigen ernsthaften Versuche, daran anzuknüpfen, nämlich die von Rosa Luxemburg und Henryk Grossmann, blieben theoretisch isoliert und für die praktische Orientierung so gut wie bedeutungslos; und dies nicht zufällig, denn mit dem aufklärerischen Fortschrittsoptimismus des Marxismus war ein solcher Gedanke einfach nicht kompatibel. Wird nämlich Geschichte als eine aufsteigende Stufenfolge der menschlichen Entwicklung von der Urgesellschaft bis hin zum kommunistischen Reich der Glückseligkeit auf Erden begriffen, dann darf so etwas wie ein katastrophischer Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise einfach nicht gedacht werden. Denn schließlich sollten der Sozialismus bzw. der Kommunismus ja das Erbe der bürgerlichen Gesellschaft in einem durchaus positiv verstandenen Sinne antreten, also deren „zivilisatorische Mission“ fortsetzen und den „Gang der Geschichte“ zu einem glücklichen Ende bringen

Aus Sicht des Bürgertums im späten 19. Jahrhundert mochte diese fromme Hoffnung freilich wie eine „Zusammenbruchsprognose“ klingen, weil sie nun einmal zumindest ideologisch das herrschende Machtgefüge in Frage stellte. Bestärkt wurde diese angstvolle Wahrnehmnung sicherlich noch durch das zumindest in der deutschen Arbeiterbewegung tatsächlich häufig bemühte eschatologische Vokabular(1)); doch darin drückte sich immer nur der quasi-religöse Glaube an den letztlich unvermeidlichen Sieg des Proletariats aus, das angeblich die „objektiven Gesetze der Geschichte“ im Rücken habe. Soweit in diesem Zusammenhang gesagt wurde, die kapitalistische Produktionsweise stoße an ihre Grenzen, war damit lediglich gemeint, sie werde ihrem „historischen Beruf untreu“, der angeblich in der „rücksichtslose(n) Entfaltung der Produktivität der menschlichen Arbeit“ bestehe, und beweise damit „nur aufs neue, daß sie altersschwach wird und sich mehr und mehr überlebt“, wie schon der alte Engels in einer Anmerkung im dritten Band des Kapital schrieb (MEW 25, S. 272 f.).

Ganz offensichtlich wird hier keinesfalls ein katastrophischer Zusammenbruch prognostiziert, sondern eine Legitimationsideologie dafür entwickelt, wieso die Zeit „objektiv reif“ für die proletarische Revolution sein sollte. Kaum verwunderlich, daß diese Weltdeutung von der sich damals gerade formierenden und das Erbe der Aufklärung antretenden Arbeiterbewegung begierig aufgegriffen und im eigenen Sinne weiterentwickelt (d.h. endgültig verplattet) wurde. Sehr schnell erfüllten nun die ökonomischen Analysen des Marxismus in allererster Linie legitimatorische Funktionen. Hatten sie zunächst den Anspruch und die Hoffnung der Arbeiterbewegung auf eine baldige Eroberung der Macht rechtfertigen sollen, so mußten sie später, das Ausbleiben der „Weltrevolution“ erklären. Den Schlüssel dazu lieferte die von Lenin propagierte Imperialismustheorie. Ihr zufolge war vermittelt über die angebliche Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals der Konkurrenzmechanismus weitgehend ausgeschaltet und damit die historische Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft praktisch blockiert. Insofern „verfaulte“ sie zwar, dennoch wurde aber die „Klassenherrschaft“ politisch und militärisch (sowie über die Bestechung der „Arbeiteraristokratie“ und andere Mechanismen) aufrechterhalten. Damit hatte sich theoretisch das „Primat der Politik“ durchgesetzt und das klassensoziologistische Weltdeutungsmuster des Arbeiterbewegungs-Marxismus war gewissermaßen zu sich selbst gekommen. „Objektiv“ war die Welt nun also gewissermaßen immer schon „reif“ für die „Weltrevolution“; ihr Sieg hing nur noch von den politischen und sozialen Willens- und Kräftverhältnisse ab (die aber leider, leider immer ungünstig waren).

Die reflektiertere „westliche Linke“ hat sich zwar später von dieser Legitimationsideologie zumindest partiell distanziert, sie aber dennoch nie wirklich überwunden. Noch in der Kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer treibt sie in negativer Form ihr Unwesen, wenn dort stets pessimistisch die Sistierung der Konkurrenz im „totalen Staat“ oder (nach 1945) in der „verwalteten Welt“ vorausgesetzt und der Untergang des bürgerlichen Zirkulationssubjekts beklagt wird. Auch in den aktuellen Abwehrreaktionen gegen unsere Krisenanalyse wird deutlich, daß der Zusammenhang zwischen „Zusammenbruch“ und „Revolution“ sowie der dazugehörigen aufklärerischen Geschichtsphilosophie mehr oder weniger unbewußt immer noch hergestellt wird – wenn auch zumeist negativ gewendet: Mit den Hoffnungen auf eine revolutionäre Umwälzung ist auch der Gedanke an eine Endlichkeit des Kapitalismus zu Grabe getragen worden (in der Zeitschrift Bahamas und ihrem Umfeld etwa steht dafür die rituelle Beschwörungsformel von der „Aufhebung des Kapitals auf seinen eigenen Grundlagen“). Daher auch Vorwürfe wie, die Krisis verbreite eine „eschatologisch begründete Botschaft vom Ende des Bösen, das ein böses Ende nehmen könnte“ (Huisken, S. 39) oder biete die „modernisierte Variante einer sinnstiftenden Geschichtsphilosophie“ (Heinrich, S. 41) an.

Diese Vorwürfe verraten freilich mehr über die Perspektive der Kritiker, als über den Gegenstand der Kritik. Denn, daß die kapitalistische Produktionsweise an ihre absoluten Grenzen stößt, ergibt sich gerade nicht aus irgendwelchen äußerlich an die Krisentheorie herangetragenen geschichtsphilosophischen Konstrukten, sondern aus der Analyse des fundamentalen inneren Selbstwiderspruchs des Kapitals, also einer ganz spezifischen historischen Formation(2)). In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn Marx feststellt: „Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangs- und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint … Das Mittel – unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte – gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandnen Kapitals“(MEW 25, S. 260).

Um einen immanent unlösbaren Widerspruch handelt es sich dabei insofern, als die Steigerung der betriebswirtschaftlichen Produktivität ja letztlich die Verdrängung lebendiger Arbeit aus dem Verwertungsprozeß bedeutet, während doch gleichzeitig die Kapitalverwertung nichts anderes ist, als die Vernutzung von Arbeitskraft. Für sich genommen resultiert daraus zwar noch keinesfalls eine sofortige Sprengung des kapitalistischen Zusammenhangs. Im Gegenteil: Solange die warenförmige Produktionsweise noch relativ unentfaltet war, also die Gesellschaft nur oberflächlich erfaßt hatte und im wesentlichen auf wenige Länder und Weltregionen begrenzt blieb, entwickelt sie gerade aus diesem Widerspruch heraus eine ungeheure Expansionsdynamik. Denn die beständige Untergrabung der Wertmasse durch das einzelkapitalistische „Einsparen“ von Arbeitskraft wurde auf gesamtkapitalistischer Ebene durch eine permanente Ausweitung der Verwertung in neue arbeitsintensive Produktionszweige und durch die kapitalistische Zurichtung zusätzlicher Weltregionen vorübergehend kompensiert.

Doch dieser Kompensationsprozeß kann nicht dauerhaft gelingen, sondern ist nichts anderes als die bestimmte Verlaufsform, in der sich der kapitalistische Selbstwiderspruch historisch entfaltet und gleichzeitig zuspitzt. Denn die „kapitalistische Produktion strebt beständig, diese ihr immanenten Schranken zu überwinden, aber sie überwindet sie nur durch Mittel, die ihr diese Schranken aufs neue und auf gewaltigerm Maßstab entgegenstellen“ (Marx, ebd.). Es liegt in der Logik der Sache, daß früher oder später durch die Produktivkraftentwicklung die absolute Anzahl der gesamtgesellschaftlich vernutzen Arbeitskräfte dauerhaft reduziert wird und damit eben auch die gesamtkapitalistisch produzierte Wertmasse schrumpft. Auf diese Weise untergräbt der Kapitalismus seine eigene Grundlage.

Der Marxismus hat diese von Marx freilich noch recht abstrakt formulierte Krisendiagnose nicht nur im Sinne der „Verfaulungsthese“ auf den Kopf gestellt, sondern darüberhinaus den „Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ gerade nicht als spezifisch kapitalistischen, sondern als transhistorischen, also für alle bisherigen Gesellschaften gültigen interpretiert. Dem „Historischen Materialismus“ zufolge galt die Produktivkraftentwicklung nämlich als Motor der menschlichen Geschichte schlechthin; da jeder „Entwicklungsphase“ stets eine bestimmte Form der „Klassenherrschaft“ sowie der Produktions- und Ausbeutungsverhältnisse entsprach, mußte der Produktivkraftfortschritt früher oder später in Konflikt mit der jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung geraten und deren revolutionäre Umwälzung produzieren. Erkennbar handelt es sich dabei um eine für das (hier nur materialistisch gewendete) Aufklärungsdenken typische Rückprojektion bürgerlicher Verhältnisse in die Vergangenheit. Denn keine andere Gesellschaft als die kapitalistische war jemals um die Produktion herum organisiert; schon deshalb konnte so etwas wie der „Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ gar nicht existieren.

Nun ist freilich Marx selbst an dieser Interpretation der Geschichte keinesfalls unbeteiligt gewesen, denn auch er stand zumindest mit einem Bein noch ganz fest auf dem Boden des bürgerlichen Fortschrittsoptimimus. Doch die Logik seiner Krisentheorie ist mit diesem geschichtsphilosophischen Konstrukt keinesfalls kompatibel(3)). Im Grunde genommen handelt es sich dabei um nichts anderes als um das konsequente Zu-Ende-Denken der bereits im ersten Abschnitt des Kapital eingeführten Fetischismuskritik. Denn der logische Selbstiderspruch des Kapitals ist bereits in der Keimform der kapitalistischen Produktionsweise, der Ware, angelegt und die Selbstzweckbewegung des „automatischen Subjekts“ (also des Werts) ist nichts anderes als Entfaltung dieses Widerspruchs. Daß sich die gesellschaftlichen Beziehungen als Beziehungen von Sachen (genauer: von Waren) herstellen und als solche den Menschen als fremde Macht gegenübertreten, bedeutet eben nicht nur, daß ihnen ihr eigener Gesellschaftszusammenhang seine irrationalen Gesetzmäßigkeiten aufzwingt, als ob es sich um Naturgesetze handelte; darin eingeschlossen ist auch dessen letztliche historische Unhaltbarkeit unabhängig von jeglichem subjektiven Wollen.

Mit „sinnstiftender Geschichtsphilosophie“ hat das übrigens auch deshalb nichts zu tun, weil jenseits der (geschichtlich ganz spezifischen) warengesellschaftlichen Logik die Determination aufhört. Fest steht nur, daß die kapitalistische Gesellschaft letztlich an ihren eigenen inneren Selbstwidersprüchen gewaltsam zerbrechen muß, keinesfalls aber, wie der Prozeß dieses Zerbrechens verläuft und vor allem nicht, was an ihre Stelle treten wird. Die Aufhebung der warenförmigen Vergesellschaftung kann selbstverständlich nur durch kollektives, bewußtes Handeln bewerkstelligt werden, denn es geht ja um nichts anderes als um die Aufhebung gesellschaftlicher Bewußtlosigkeit. Ob dies gelingt, hängt einzig und allein davon ab, ob die Menschen es schaffen, sich von den kapitalistisch konstituierten Beziehungs- und Verkehrsformen zu emanzipieren oder nicht. Jeder übertriebene Optimismus in bezug darauf wäre völlig fehl am Platze. Keinesfalls unwahrscheinlich ist, daß der Zusammenbruchsprozeß eine unkontrollierbare, katastrophische Dynamik in Gang setzt, in deren Verlauf jeglicher zivilisatorische Zusammenhang und vielleicht auch die menschlichen Lebensgrundlagen überhaupt zerstört werden. Zumindest zeichnet sich in den Zusammenbruchsregionen der heutigen Welt diese Möglichkeit bereits ebenso deutlich wie entsetzlich ab. Allerdings gibt es eben auch weiterhin eine emanzipatorische Option, auch wenn die gesellschaftskritische Opposition heute weltweit in der Defensive ist. Insofern, aber eben nur insofern, ist die Geschichte offen, um eine beliebte Floskel zu bemühen, die im allgemeinen nur dem Zweck dient, sich um eine konsequente Analyse und Kritik des objektivierten Prozesses zu drücken.

Natürlich kann und muß man sich darüber streiten, ob es zutrifft, daß der Kapitalismus tatsächlich heute an seine absolute historische Schranke stößt; ob also mit dem Ende des Fordismus und der dritten industriellen Revolution ein säkularer und unumkehrbarer Niedergang eingesetzt hat und es wirklich keinen weiteren Akkumulationsspielraum mehr gibt. Nebenbei gesagt: um einen plötzlichen „Zusammenbruch“ wie es viele Kritiker unterstellen und wie es das Wort auch nahelegt (weshalb wir es im Gegensatz zu unseren Kritikern auch eher selten verwenden), geht es ohnehin nicht, sondern um einen langen Abstiegsprozeß, der sich voraussichtlich noch über viele Jahrzehnte hinziehen wird und dessen Verlaufsformen nur schwer antizipierbar sind. Die Krisis-Gruppe hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe theoretischer Argumente und empirischer Belege für diese Krisendiagnose ins Feld geführt; im „Schwarzbuch Kapitalismus“ hat Robert Kurz außerdem den ganzen Zusammenhang noch einmal ausführlich historisch aufgerollt. Dennoch glauben wir selbstverständlich nicht, damit bereits alle Probleme gelöst zu haben. Andererseits waren die allermeisten der bisherigen Kritiken nicht gerade dazu angetan, die Diskussion darüber weiterzubringen, sondern haben viel eher den Eindruck erweckt, als sollte eine offenbar unbequeme theoretische Einsicht abgewehrt werden – vermutlich, weil sie das eigene tradierte Denk- und Begriffsraster in Frage stellt.

Nur so läßt sich erklären, weshalb auch Autoren wie Huisken und Heinrich, bei denen eine fundierte Kenntnis der Krisen- und Akkumulationstheorie sollte vorausgesetzt werden können, in Konkret 3/2000 den theoretischen Kern der Krisendiagnose auf geradezu frappierende Art und Weise systematisch verfehlen (oder ignorieren). Insbesondere gegenüber dem logischen Selbstwiderspruch des Kapitals zwischen Produktivkraftentwicklung und Verwertungsimperativ zeigen sie nicht die Spur eines Problembewußtseins; vielmehr blenden sie ihn systematisch aus, indem sie bloß den partikularen, betriebswirtschaftlichen Standpunkt betrachten und diesen dann einfach unvermittelt mit der Logik des kapitalistischen Gesamtprozesses identisch setzen. Huisken verfährt dabei besonders plump nach dem Strickmuster des Arbeiterbewegungsmarxismus: Er führt nämlich einfach das Verwertungsinteresse des Einzelkapitals ins Feld(4)) und sieht darin offenbar die Garantie, daß die Akkumulation im Prinzip ad infinitum fortgesetzt werden kann.

Heinrich argumentiert zumindest etwas differenzierter: er verweist auf die Steigerung der Mehrwertrate im Gefolge der Produktivkraftentwicklung (Marx nennt das die „Produktion des relativen Mehrwerts“) und meint damit allen Ernstes bewiesen zu haben, daß „die Masse des im Gesamtprodukt steckenden Mehrwerts“ gerade „aufgrund der Steigerung der Produktivität“ steigt (S. 41). Dummerweise ist aber die rücksichtslose Verfolgung der privaten Verwertungsinteressen und die Steigerung des relativen Mehrwerts nur die eine Seite des kapitalistischen Selbstwiderspruchs;(5)) gerade sie ist es, die letztlich die Grundlage der Verwertung überhaupt untergräbt, nämlich die gesamtkapitalistische Wert- und Profitmasse absolut vermindert (also nicht bloß den Wertausdruck jeder einzelnen Ware oder den relativen Anteil des Mehrwerts bzw. des Profits pro eingesetztem Kapital).(6)) Denn in der Konkurrenz werden zunächst diejenigen Kapitalien belohnt, die am konsequentesten rationalisieren (also am meisten lebendige Arbeit überflüssig machen); sie erhalten den größten Anteil an der gesamtkapitalistischen Mehrwertmasse, obwohl und indem sie am meisten dazu beitragen, eben diese zu verkleinern. Daß dieser Widerspruch historisch bisher immer noch durch eine rasante Flucht nach vorne, also durch die Erschließung neuer arbeitsintensiver Produktionszweige, entschärft werden konnte (wenn auch mit gewaltigen Friktionen), scheint für Huisken und Heinrich Grund genug zu sein, ihn gleich ganz zu entsorgen.

Und während so ganz positivistisch eine unbegriffene empirische Scheinevidenz in den Rang einer theoretischen Einsicht erhoben wird, erscheint dann umgekehrt der Verweis auf die absoluten Grenzen der Verwertungsdynamik (also die Zuspitzung des ignorierten Widerspruchs) als bloß äußerlich an die kapitalistische Produktionsweise herangetragener moralischer Anspruch. Wenn Heinrich und Huisken meinen, die Autoren des Manifests und des Schwarzbuchs fast gleichlautend darüber belehren zu müssen, daß der „immanente Zweck der kapitalistischen Produktion … nicht die Beseitigung von Arbeitslosigkeit und Elend, sondern die Verwertung von Wert“ sei (Heinrich, S. 40; vgl. analog Huisken, S. 34), dann wirkt das einigermaßen peinlich, weil sie offenbar „vergessen“ haben, was sie sonst doch immer betonen, daß sich das Kapital nun einmal nur verwerten kann, indem es Arbeitskraft vernutzt und zwar auf ständig wachsender Stufenleiter. Daß dies einmal nicht mehr funktionieren könnte, liegt offenbar so sehr außerhalb des Vorstellungsvermögens der beiden Rezensenten, daß sie nicht einmal die Frage danach zulassen wollen.

Noch weniger nachvollziehbar scheint für die meisten Kritiker offenbar der Zusammenhang zwischen dem Krisenprozeß auf der Ebene der realen Akkumulation und dem kreditär und spekulativ aufgeblähten Finanzüberbau zu sein. Auch hier erhebt sich freilich der Verdacht, daß dies weniger an der Kompliziertheit der Materie, als vielmehr an einer internalisierten Abwehrhaltung liegt. Denn so verwirrend die Bewegungen an der Oberfläche der transnationalen Finanzmärkte auch sind, der Grundmechanismus des fiktiven Kapitals, wie ihn Marx im wesentlichen bereits entschlüsselt hat, ist prinzipiell nicht schwer zu verstehen. Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine Doppelbewegung: Zunächst dienen Kredit und Spekulation dazu, den Kriseneinbruch aufzuschieben, weil sie fiktive (d.h. realökonomisch nicht gedeckte) Anlagemöglichkeiten für überakkumuliertes Kapital schaffen und gleichzeitig ebenso ungedeckte Kaufkraft schöpfen; letztlich führt das jedoch zu einer Krisenverschärfung, weil mit dem Platzen der Finanzblase das gesamte aufgeschobene Entwertungspotential auf einen Schlag realisiert wird.

Dieser Mechanismus, der im übrigen den Schein erzeugt, als sei die Spekulation Ursache der Krise und nicht bereits deren Verlaufsform, und deshalb mit dazu beiträgt, die bekannten antisemitischen Projektionen auszulösen – dieser Mechanismus also wird prinzipiell in jedem kapitalistischen Krisenprozeß wirksam, selbstverständlich auch im derzeitigen. Historisch neu ist nur, daß durch die vollständige Entkopplung des Geldes von seiner Goldbasis und die Deregulierung der Finanzmärkte ein ungeheuer großer Spielraum für die relative Verselbständigung des fiktiven Kapitals gegenüber der Realakkumulation geschaffen wurde; daraus erklärt sich die ungewöhnlich lange Zeitdauer des Krisenaufschubs, der nun schon über 20 Jahre währt, und die exorbitante Höhe der „aufgehäuften“ fiktiven „Wertmasse“. Ich muß zugeben, daß wir den zeitlichen Horizont dieses Prozesses zunächst nicht ganz richtig eingeschätzt haben. Strukturell gesehen erschien es etwa Anfang der Neunziger kaum denkbar, daß sich das kreditäre und spekulative Kettenbriefsystem noch einmal zehn oder sogar noch ein paar Jahre länger würde halten können. Freilich haben die seither stattgefundenden Entwicklungen die strukturelle Diagnose in keiner Weise widerlegt, sondern viel eher noch bestätigt. Denn der fiktive Vorgriff auf zukünftige Wertschöpfung ist nicht etwa realökonomisch eingelöst worden, vielmehr hat sich der Finanzüberbau in einer exponentiellen Bewegung immer weiter von der Realakkumulation entfernt und die dort stattfindenden Rationalisierungsprozesse sogar noch beschleunigt. Weil sich aber die Kapitalverwertung nie von der Vernutzung lebendiger Arbeit emanzipieren kann, muß sich der Zusammenhang zwischen beiden Sphären letztlich wiederherstellen – und zwar gewaltsam, das heißt im Crash.

Selbst der stinknormalen Wirtschaftspresse ist es mittlerweile aufgegangen (wenn sie es auch nicht erklären kann), daß beispielsweise die Steigerung des Dow-Jones-Index um den Faktor 11 seit 1980 sich ja wohl kaum aus einem Wachstum des realen Bruttosozialprodukts von 60 – 70 Prozent erklären läßt. Da mutet es doch reichlich amüsant an, wenn Heinrich hierin nichts weiter als die ganz normale Funktion des Kreditwesens erkennen will, „brachliegendes Geldkapital“ zu sammeln, um es wieder in die Sphäre der Realakkumlation zu schleusen. Äußerst ärgerlich ist es freilich, wenn er dann noch meint, von diesem theoretisch wie empirisch völlig unhaltbaren Standpunkt aus Robert Kurz vorwerfen zu können, er würde die „beiden immer schon zusammengehörigen Seiten“ (reale Verwertung und Finanzsektor) auseinanderreißen und bereite so antisemitischen Projektionen den Boden (S. 41). Sollte dies keine bewußte Diffamierung sein, dann ist doch zumindest bemerkenswert, wie das ganz offensichtliche „brutale Interesse am Stoff“ (Marx) den Rezensenten Heinrich davon abhält, die ausführlichen und historisch-empirisch unterfütterten Erläuterungen zum inneren Zusammenhang zwischen fiktivem Kapital und Realakkumulation im „Schwarzbuch Kapitalismus“ (und nicht nur dort) wenigstens sinnerfassend zu lesen(7)).

Ziemlich billig ist es schließlich auch, die Vorhersage des letztlich unvermeidlichen (wenn auch nicht zeitlich genau prognostizierbaren) Finanzmarktkrachs mit „der Zusammenbruchsdiagnose“ einfach identisch zu setzen und sich dann schenkelklopfend darüber zu freuen, daß die „Krisenpropheten“ immer noch vergeblich auf die lange erwartete „Apokalypse“ warten. Es drängt sich der Eindruck auf, als sollte damit umgekehrt davon abgelenkt werden, daß der Krisenprozeß auf allen Ebenen ja bereits seit über zwei Jahrzehnten im vollen Gange ist, daß große Teile der Welt für die Verwertung des Werts längst als unbrauchbar erklärt und negativ entkoppelt wurden (mit brutalsten Konsequenzen für die dort lebenden Menschen) und auch in den Metropolen wachsende Bevölkerungsteile von diesem Entwertungsprozeß betroffen sind. Ein Crash würde diesen Prozeß in einem gewaltigen Schub beschleunigen, doch wäre er natürlich nicht „der Zusammenbruch“, sondern eine Zäsur in dem Niedergangsprozeß, der sich wie gesagt noch über viele Jahrzehnte hinziehen kann und vermutlich immer scheußlichere Verlaufsformen finden wird, wenn sich keine sozial-emanzipatorische Bewegung konstituiert, die den entscheidenen Bruch mit der warenförmigen Gesellschaft zu vollziehen wagt. Vielleicht tragen ja nicht zuletzt diese wenig erfreulichen Aussichten dazu bei, den Gedanken an ein irreversibles Ausbrennen der kapitalistischen Verwertungslogik insbesondere in den Noch-Gewinner-Ländern des Weltmarkts zu tabuisieren. Offenbar verschafft der Glaube daran, der Kapitalismus kehre nach dem Fordismus lediglich zu einer offenbar unhistorisch prozessierenden und deshalb ewig verlängerbaren „Normalität“ zurück, so etwas wie eine trügerische Scheinsicherheit, weil er es erlaubt, sich weiterhin im abgerüsteten aber immerhin altgewohnten marxistischen Koordinatensystem zu bewegen.

Nur von diesem Koordinatensystem aus kann es dann so erscheinen, als ginge es uns umgekehrt darum, den Kapitalismus deshalb zu kritisieren, weil er in der Krise steckt oder gar, die vergangenen historischen kapitalistischen Entwicklungsstadien von hier aus zu verharmlosen. Wer das aus dem Manifest oder dem Schwarzbuch herausliest, will es mit aller Gewalt rauslesen. Soweit im Krisenprozeß die Abscheulichkeiten der kapitalistischen Logik noch einmal mit besonderer Schärfe hervortreten, wirft dies gerade im Gegenteil ein Schlaglicht auf den vergangenen „Normalbetrieb“ und delegitimiert ihn erneut im nachhinein. Es sollte eigentlich eine Banalität sein, daß jeder Versuch, die Warengesellschaft aufzuheben, nur von dem jeweils gegebenen historischen Standpunkt ausgehen kann und daß zu den Aufgaben einer radikalen Gesellschaftskritik nicht zuletzt gehört, diesen Standpunkt zu bestimmen. Die Diskussion darüber darf sich nicht durch Tabus einschränken lassen.

1) Etwa: „… aber nach der Sündflut kommen wir und nur wir.“, so der Titel einer historischen Abhandlung zu diesem Thema von Rudolf Walter (Frankfurt/M. 1981).

2) Den Unterschied zwischen positiv verstandener Geschichtsphilosophie im Marxismus und deren analytisch nachvollziehender Kritik (im Unterschied zum bloßen Relativismus) hat Moishe Postone sehr klar in seinem Buch „Time, labor and social domination“ (1993) aufgezeigt (eine deutsche Ausgabe dieses theoretisch eminent wichtigen Buchs kündigt der ca irá Verlag bereits seit einigen Jahren an).

3) Das Marxsche Denken ist ein in sich durchaus widersprüchliches, in dem sich Momente einer bürgerlichen Modernisierungstheorie mit der radikalen Kritik des warenförmigen Fetischzusammenhangs immer wieder verquicken und durchkreuzen. Es kann in diesem Sinne von einem „doppelten Marx“ gesprochen werden (vg. dazu u.a. Robert Kurz: Postmarxismus und Arbeitsfetisch, in Krisis 15, Bad Honnef 1995).

4) Huisken: „Als ob der Kapitalist nicht Arbeit ausbeuten, also die Mehrarbeitszeit immer weiter über die notwendige Arbeitszeit hinaus ausdehnen, sondern Arbeiter loswerden will“ (S. 34).

5) Vgl. ausführlicher dazu und zu dem folgenden meine Kritik an Heinrichs Buch „Die Wissenschaft vom Wert“ in Streifzüge 1/2000 (Bezug gegen 5 DM über: Kritischer Kreis, Margaretenstr. 71-73/23, A-1050 Wien).

6) Nicht der in einem bestimmten Strang des Marxismus viel diskutierte „tendezielle Fall der Profitrate“ ist also der Grund für die fundamentale Verwertungskrise des Kapitals, sondern das irreversible Abschmelzen der gesamtkapitalistischen Wert- und Profitmasse.

7) Robert Kurz, Ernst Lohoff und ich haben diesen Zusammenhang in sehr vielen anderen Publikationen immer wieder erörtet. Vgl. u.a. die Artikel in Krisis 16/17 (1995), meinen Aufsatz „Es rettet Euch kein Billiglohn“ in „Feierabend!“ (1999) sowie zur Kritik an den Vorwürfen, jede Thematisierung des fiktiven Kapitals sei bereits tendenziell antisemitisch Robert Kurz: Das Leben als Wille und Design (Berlin 1999).