31.12.2003  Beitrag drucken

Wenn der Berg kreißt und eine Maus gebiert

erschienen in: Krisis 27 (2003)

Charles Reeve [1]

Die Schriften der Gruppe Krisis, die sich um den Soziologen Robert Kurz herum gebildet hat und in Deutschland eine gleichnamige Zeitschrift herausgibt, waren bislang nur wenig in Frankreich bekannt. Diese Lücke wurde nun gefüllt mit der Veröffentlichung des Manifests gegen die Arbeit [2] .

Die Kritik der Arbeitsmoral im linken Denken verleihen einem Text, der die gegenwärtige Situation des Kapitalismus zu beschreiben versucht, Schwung und Frische. Es geht der Gruppe zunächst um eine Demontage der reformistischen Rezepte, die den Anspruch erheben, die Zumutungen des Kasinokapitalismus zu korrigieren: keynesianische Nostalgien, die Forderungen nach einem Soziallohn oder die Tobin-Attac-Steuer. Für Kurz und seine Freunde ist die Spekulation die Konsequenz der Investitionskrise und nicht das Gegenteil. [3] „Das Kriterium der Rentabilität selber samt seinen arbeitsgesellschaftlichen Grundlagen (ist) als obsolet anzugreifen“ (S. 34) [4] . Krisis grenzt sich ebenfalls von den Projekten diverser sozialistischer Strömungen ab, die quantitative Forderungen – die ökonomischen und gewerkschaftlichen Kämpfe – zum Hebel gesellschaftlicher Emanzipation machen wollen. Deren Integrationsprozess geht heute einher mit der Zersplitterung der Arbeitswelt; dem Terrain auf dem „die klassische Linke am Ende“ ist (S. 39). Deshalb tritt bei ihren Neugründungsprojekten „an die Stelle des kategorialen Bruchs die sozialdemokratische und keynesianische Nostalgie“ (S. 39). Krisis unterstreicht, wie andere Kritiken [5] , den etatistischen Charakter der Projekte von Soziallohn und Grundkommen.

Soweit nichts Neues unter der Sonne! Hinsichtlich der Kritik des modernen Reformismus wiederholt Krisis – mit prononciertem Gusto für Süffisanz – , was bereits geschrieben wurde. Liest man sie aber, gewinnt man den Eindruck, als habe die Kritik des modernen Kapitalismus an dem Tag begonnen, als Krisis anfing nachzudenken. Abgesehen von ein paar Bezügen auf die Situationisten und die Strömungen des italienischen Linksradikalismus, ein paar Sätzen und die an das (nie zitierte) Recht auf Faulheit von Paul Lafargue erinnern, wird alles unterschiedslos weggewischt und alles – Gutes wie Schlechtes – wird, bunt durcheinander, auf den Kehrrichthaufen der Geschichte geworfen. Kein Wunder also, wenn die Arbeiterbewegung auf die Gewerkschaftsbewegung reduziert wird, auf ein bloßes Element zur „Verallgemeinerung der Arbeitsgesellschaft“. Es ist bezeichnend, dass man in diesem Manifest vergeblich die leiseste Anspielung auf die großen revolutionären Brüche des 20. Jahrhunderts oder einen einzigen Bezug auf die revolutionären Strömungen des Marxismus und des Anarchismus sucht.

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Das Gerüst der Krisis-Analysen basiert auf einer zentralen Idee: der Kapitalismus ist ein System, dessen Ziel die „Arbeitsgesellschaft“ ist: „Die Geschichte der Moderne ist die Durchsetzungsgeschichte der Arbeit“ (S. 21). „Die Arbeit ist gerade insofern ein Selbstzweck, als sie die Verwertung des Geldkapitals trägt – die unendliche Vermehrung von Geld um seiner selbst willen. Arbeit ist die Tätigkeitsform dieses absurden Selbstzwecks“ (S. 15). Dieser Vektor „Arbeit“ wird allerdings weder als gesellschaftliches und historisches Verhältnis definiert, noch spezifisch als entfremdete, lohnabhängige Arbeit charakterisiert. [6] Es ist nun aber die Enteignung der eigenen Aktivität des Arbeiters; so wird ihm die Kontrolle über sein eigenes Leben raubt. Diese Trennungen sind zurückzuführen auf die zur Ware gewordene menschliche Tätigkeit. Der Begriff des Profits findet sich nicht bei Krisis, das Konzept der Ausbeutung ist irrelevant, denn die kapitalistische Maschine ist eine reine „Selbstzweckmaschine“ (S. 6).

Die bürgerliche Verwertung der Arbeit wird in den Mittelpunkt der Funktionsweise eines Systems gestellt, dessen Ziel es angeblich ist, die Menschen zum Arbeiten zu bringen! Dieser Diskurs kehrt die religiöse Moral um, die in der Arbeit die natürliche Berufung des Menschen sieht. Es wimmelt darin von moralistischen Formulierungen: „zynischer Grundsatz“ (S. 5), „Wahnsystem“ (S. 6), „Gesetz des Menschenopfers“ (S. 6), „Kreuzzug im Namen des Arbeitsgötzen“ (S. 6) oder auch „der Satz, es sei besser, „irgendeine“ Arbeit zu haben als keine, ist zum allgemein abverlangten Glaubensbekenntnis geworden“ (S. 5). Doch, wenn der Proletarier nun so hartnäckig nach Arbeit sucht, dann ja wohl, weil er nicht anders kann, denn der Verkauf seiner Ware-Arbeitskraft ist doch sein einziges Mittel zu überleben.

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Was zeichnet Krisis zufolge die Krise der Arbeitsgesellschaft aus? „Mit der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik stößt die Arbeitsgesellschaft an ihre absolute historische Schranke“ (S. 27). Genauer gesagt: „Erstmals wird mehr Arbeit wegrationalisiert als durch Ausdehnung der Märkte reabsorbiert werden kann“ (S. 28). Daraus folgt, dass in einer Gesellschaft, die noch nie „so sehr Arbeitsgesellschaft“ war wie heute „die Arbeit überflüssig gemacht wird“ und gerade in diesem Moment „sich die Arbeit als totalitäre Macht“ entpuppt (S. 5). Krisis scheint zu vergessen, dass diese Notwendigkeit fortwährend das Produktivitätsniveau der Arbeit zu erhöhen, lebendige Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, dem Produktionsprozess des Kapitals inhärent ist. In Krisenzeiten findet die Ware Arbeitskraft keinen Abnehmer auf dem Markt und, dass die Arbeit als überflüssig erscheint, ist bloß eine Folge davon. Dies „katastrophistisch“ auszulegen kommt einer Mystifikation gleich, einem Anknüpfen an den millenaristischen Ansatz. Es bedeutet, die gegenwärtigen Widersprüche des Kapitalismus als unüberwindbar darzustellen. Um den Preis der Barbarei hat der Kapitalismus es im Laufe seiner Geschichte stets vermocht, neue Bedingungen zur Profitproduktion und neue Märkte zu schaffen, um sich so zu perpetuieren. Um den Kapitalismus ist es schlecht bestellt, doch von alleine wird er nicht zusammenstürzen. Dazu bedarf es des Eingreifens sozialer Kräfte, die entschlossen sind, ein emanzipatorisches Projekt in die Tatsachen einzuschreiben. Hierin liegt die einzige „absolute“ Schranke des Systems.

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Krisis assoziiert den „Bruch mit den Kategorien der Arbeit“ mit einem „Projekt der Re-Solidarisierung“. Konkretisieren soll sich dieses in Gestalt „der Kontrolle neuer sozialer Organisationsformen (freier Assoziationen, Räte) über die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen der Reproduktion“ (S. 43). Nachdem Krisis das historische Subjekt Proletariat, den Streik und die gewerkschaftliche Integration der reformistischen Arbeiterbewegung assimiliert hat, erhebt sie nun den Anspruch, die Marksteine einer „neuen Theorie der gesellschaftlichen Transformation“  zu legen. Daraus erwächst der Vorschlag einer Selbstorganisation um einen „Kampf für einen gesellschaftlich autonomen Zeitfonds“ herum. Diesbezüglich tut man gut daran, die Lektüre des Manifests durch andere Texte der Gruppe zu ergänzen.6 Und da fällt mit einem Mal ein dichter Nebel über die Stadt nieder!

Der so genannte „Dritte Sektor“ (NGOs und Vereine) wird definiert als „Keimform eine emanzipierten und nicht-warenförmigen Reproduktion“, und es gehe  darum, „sie zu radikalisieren und mit der Perspektive einer Aufhebung des warenproduzierenden Systems zu verbinden“ (Antiökonomie und Antipolitik, S. 96).

Dem wird eine weitere Achse des Kampfes hinzugefügt: Die Lähmung des „kapitalistischen Nervensystems“ (ebd. S. 105) durch LKW-Fahrer-Streiks und die Blockaden von Umweltschützern gegen den Atomtransporte. Besetzte Häuser, Kinderläden, Verbrauchervereinigungen, Kooperativen, Landbesetzungen in armen Ländern sollen eine „autonome Reproduktion“ gewährleisten und keimförmig die Forderung nach einer nicht-kapitalistischen Produktion beinhalten. Die alternativen Nischen innerhalb der Gesellschaft, die zeitweilig autonomen Zonen, die das Manifest theoretisch ablehnt, werden in der Praxis rehabilitiert. Ist jede Insubordination subversiv? Ist Überwindung ohne Bruch möglich? Wie können diese „Keimformen“ das System überwinden? Alles Fragen, die Krisis nicht stellt. Hier wie auch anderswo werden Klassenkategorien zu Gunsten einer Art „alternativen Front“ aufgegeben, die etwas von Bürgerbewegung hat.

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Krisis vergisst nicht – Korporatismus verpflichtet – , dass „es eines neuen geistigen Freiraums (bedarf), damit das Undenkbare denkbar gemacht werden kann … Erst die ausdrücklich formulierte Kritik der Arbeit und eine entsprechende theoretische Debatte können jene neue Gegenöffentlichkeit schaffen, die unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass sich eine praktische soziale Bewegung gegen die Arbeit konstituiert“ (S. 41).

Womit wir wieder beim alten Schema von der Rolle der Intellektuellen bei der Bewusstseinsbildung wären. Wenn das bedeutet, „das Undenkbare zu denken“, dann sind die Antworten von Krisis ebenso enttäuschend und anmaßend wie die kritisierten neo-reformistischen Projekte. Schmähungen wie „Reform-Heimwerker“ und „theoretische Analphabeten“ (S. 40), mit denen die Autoren von Krisis die Verteidiger des Soziallohns belegen, könnten ebenso gut gegen sie selbst gewendet werden. Die hochlobende Vorbemerkung der französischen Herausgeber, für die das Manifest auf dem dritten Platz der Hitparade der Radikalität rangiert (hinter dem Kommunistischen Manifest und Vom Elend des Studentenmilieus) verpufft.

Der Berg hat gekreist und eine Maus geboren.


[1] Aus: Oiseau-tempête, Nr. 10, Frühjahr 2003, S. 4 f.; Übersetzung von Wolfgang Kukulies.

[2] Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Manifeste contre le travail (französische Ausgabe übersetzt von Olivier Galtier, Wolfgang Kukulies und Luc Mercier), Paris, Leo Scheer, 2002.

[3] Siehe Nummer 10 von Oiseua-tempête, „Les bulles de l’utopie communiste“ in „Les forteresses fragiles“, S.21

[4] Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die deutsche Ausgabe des Manifest gegen die Arbeit, Erlangen 1999 (d. Ü.)

[5] In Frankreich haben mehrere Texte diese Diskussion abgesteckt: „L’économie de la misère, Claude Guillon, La Digitale, 1999; „La vraie mission de l’État“, Charles Reeve, Oiseau-tempête, Nr.7, Herbst 2000, „Revenu garanti: quelques interrogations malvenues“, Nicole Thé, Les temps maudits, Nr.11, Oktober 2001; „Il faut mater le précariat!“, Laurent Guilloteau, Multitudes, Nr.8, März-April 2002. Einen Überblick gibt: „Garantir le revenu, Laurent Geffroy, La Découverte, 2002.

[6] Hier wie auch an anderer Stelle bestätigt die sorgsam geschürte Verwirrung zwischen den Begriffen „Arbeit“, „menschliche Tätigkeit“ und „Lohnarbeit“, die Waren für andere (den Kapitalisten) produziert, diejenigen, die der Meinung sind, dass menschliche Tätigkeit nur die heutige entfremdete Arbeit reproduzieren kann.