01.06.2004  Beitrag drucken

Ausbruchsversuchungen

aus: Lohoff, Ernst; Trenkle, Norbert; Wölflingseder Maria; Lewed, Karl-Heinz (Hg): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs, Münster 2004, S. 268 – 282

Normales und Seltsames über eine AntiArbeitsaktion in Thüringen im Frühjahr 2003

von Christian Höner

Was passiert, wenn sich Arbeitskritiker mit Leuten konfrontieren, die über beide Ohren im herrschenden arbeitsreligiösen Diskurs stecken? Eine interessante Frage, zumal das Terrain so gut wie unberührt ist. Als wir uns zu einer arbeitskritischen Aktion entschieden, war uns durchaus klar, dass vor uns ein unbekannter Kontinent lag. Leicht hätte Forscherfreude aufkommen können, wäre sie nicht von vornherein durch die leider ziemlich traurigen gesellschaftlichen Umstände getrübt worden, unter denen unser Experiment stattfand. Wer kann sich schon in aller Gemütsruhe an der abstrusen Schönheit pathologischer Bewusstseinsformen erfreuen, wenn diese Verrücktheiten dazu führen, dass bei den überflüssigen Arbeitskraftbesitzern widerstandslos die Daumenschrauben immer weiter angezogen werden? Neugier und Kontemplation spielten für unsere arbeitskritische Aktion denn auch nur eine sekundäre Rolle. In erster Linie verstehen wir Arbeitskritik als Akt der sozialen Notwehr.

Ausbruchsversuche stehen an, auch wenn sie im Angesicht der Größe und Schwierigkeit des Unterfangens immer etwas bizarre und unbeholfene Formen annehmen werden. Das heißt zunächst, dass allerhand probiert werden kann und niemand sich schämen muss.

Dass wir mit unserer Arbeitskritik nicht gerade Eulen nach Athen tragen würden, das hatten wir uns auch ohne prophetische Gabe bereits im Vorfeld gedacht. Denn kaum ein Begriff erfreut sich solcher ideologischer Blasenund Tentakelbildung wie der Begriff der ›Arbeit‹. Das verschleierte abstrakte Wesen der Arbeit erscheint als unhintergehbare Tatsache der menschlichen Existenz und die Kritik der Arbeit als ebenso unsinnig wie die Kritik der Sonnenaufgänge oder des Stuhlgangs. Ob die Freunde der Arbeit sie von vermeintlich äußeren Zwängen befreien wollen, um sie ›zu sich zu bringen‹ oder ob die Realofraktion mit Falschheit lamentiert, es ginge nun einmal nicht ohne Arbeit – ihnen allen ist eine enorme Resistenz gegenüber analytischen Argumentationen gemein. Da Licht ins Dunkel zu bringen, scheint wie das Durchdringen der Dornenhecke bei Dornröschen. Ständig reißt man sich die Klamotten auf und zu guter Letzt bleibt man hängen. Wenn dieser Fakt von vornherein klar ist, kann man sich darauf einstellen und getrost ins Gestrüpp stürzen.

Der Plan

Das erste und wichtigste, was für eine arbeitskritische Kampagne benötigt wird, sind natürlich arbeitsunwillige Menschen. Exemplare dieser Gattung zu finden, ist nicht immer einfach. In unserem Fall kamen immerhin 10 Leute zusammen. Das macht bei einer Einwohnerzahl von 250.000 – so viele Menschen sollen angeblich in Erfurt leben – doch einen recht passablen Schnitt. Mittels einer gewagten statistischen Operation könnte man hochrechnen, dass bei 500.000 EinwohnerInnen schon eine Gruppe von 20 Leuten zusammenkäme (Tipp: In diesem Fall könnten unerhebliche Differenzen genutzt werden, um die Gruppen in zwei Kleinere zu teilen) In Städten unter 25.000 EinwohnerInnen macht die Durchführung einer arbeitskritischen Kampagne vorerst wahrscheinlich keinen großen Sinn. Wem keine fantasievolleren Ideen kommen, dem sei zweitens die Produktion von historischen Dokumenten anempfohlen, z.B. in Form eines Aufrufes (siehe historisches Dokument 1).

Die historischen Dokumente: 1. Der Aufruf

Gegen die Arbeit – für das Leben

Aufruf zur Demonstration am 6. Mai 2003

In jeder Gesellschaft werden Menschen Häuser bauen, Nahrungsund Lebensmittel produzieren. Dagegen zu protestieren, ist natürlich sinnlos. Doch wir meinen, dass Arbeit nur eine spezielle historische Form ist, wie Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen:

1. Arbeit ist eine Tätigkeit, die gegen Geld verrichtet wird.

2. Arbeit ist eine vom restlichen Lebenszusammenhang abgespalteneSphärebetriebswirtschaftlicherFunktionalität.

3. Arbeit ist ein untergeordneter Bestandteil des Kapitals.

Ziel des Kapitals – und demnach auch der Arbeit – ist nicht in die Befriedigung irgendwelcher konkreten Bedürfnisse, sondern die ständige Anhäufung von Geld. Wir kennen den Spruch zur Genüge: ›Es muss sich rechnen.‹ So werden z.B. trotz Bedarf keine Häuser gebaut, wenn kein Geld da ist, obwohl es Menschen gibt, die das notwendige Wissen und Zeit haben, und obwohl reichlich stofflichen Ressourcen zur Verfügung stehen. Arbeit hat also objektiv den Erwerb von Geld zum Ziel und nicht die Befriedigung konkreter Bedürfnisse. Arbeit und konkrete Bedürfnisse sind dem Diktat der Finanzierbarkeit unterworfen. Ein Skandal: Die menschliche Existenz muss sich rechnen! Nur wer seine Ware Arbeitskraft verkaufen kann, darf existieren. Was aber im Umkehrschluss auch heißt, dass, wer seine Arbeitskraft nicht verkauft, auch nicht existieren kann.

Mit den Rationalisierungsprozessen im Rahmen der mikroelektronischen Revolution wird der Verkauf der Ware Arbeitskraft aber zunehmend unmöglich. Das System der Arbeit gerät in die Krise. Doch je handgreiflicher diese Krise wird, umso hartnäckiger wird der bedingungslose Glaube an die Arbeit eingefordert. Jedes Kind weiß, dass es nie wieder Vollbeschäftigung geben wird, trotzdem wird diese Tatsache nicht offen ausgesprochen. Öffentlich werden tolle Konzepte zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit geheckt. Doch diese politischen Konzepte messen sich von vornherein am Kriterium des Mediums, in dem sich Arbeit darstellt: im Geld. Jedes noch so gut gewollte Konzept muss vor den Richterstuhl der Finanzierbarkeit in Demut versinken. Als wenn dies nicht schon Zumutung genug wäre, kann im Fall einer Nichtfinanzierbarkeit jede Schweinerei durchgesetzt werden. Hinter vorgehaltener Hand geben selbst die Vertreter zu, dass sie nicht an den Erfolg ihrer eigenen traurigen Konzepte glauben. Zu dem System der Heuchelei gesellt sich das System der Repression: Beide vereinen sich in den Institutionen Arbeitsamt, Sozialamt und Maßnahmen wie PSA, Arbeitsleihfirmen, Billiglohn, Ich-AG, sinnlosen Fortund Ausbildungsmaßnahmen. Alles, um die Lüge und den Zwang der Arbeit aufrecht erhalten zu können. Die Schweinerei des Hartz-Konzeptes ist nur ein weiterer Schritt in Richtung sozialer Apartheid. Dumpfe und unterschwellig angsterfüllte Ressentiments machen sich unter denen breit, die ihre Ware Arbeitskraft noch verkaufen können. Sozialdarwinistisch wird den Herausgefallenen Schmarotzertum vorgeworfen und zynisch empfohlen zu arbeiten. Irgendwie wird nur zu deutlich gespürt, dass die Arbeitsgaleere am absaufen ist und die Arbeitssklaven überflüssig werden.

Uns geht es aber nicht darum, einseitig für diejenigen Partei zu ergreifen, die keine Arbeit mehr haben. Das System der Arbeit ist nicht nur für die Ausgeschlossenen eine Zumutung, sondern auch für die Eingeschlossenen. Unter dem Diktat des Sich-Rechnen-Müssens sind die meisten Tätigkeiten eine einzige Zumutung. 8 und mehr Stunden täglich dieselben stupiden und nervtötenden Handlungen wiederholen, das ist die Realität der meisten arbeitenden Menschen. Und selbst die Wenigen, denen ihr Beruf Spaß macht, werden zugestehen, dass ohne den Zwang der finanziellen Rentabilität die Tätigkeit vollkommen anders aussehen würde.

Was ansteht ist ein Bündnis gegen die Arbeit, ein Bündnis von Arbeitenden und Nichtarbeitenden. Es muss gebrochen werden mit dem Finanzierbarkeitskriterium, mit dem Prinzip betriebswirtschaftlicher Effektivität, das zunehmend Menschen von ihrer Bedürfnisbefriedigung abschneidet, ihre Existenz gefährdet und viele Menschen zu sinnlosen Tätigkeiten zwingt. Ein erster Schritt für ein Bündnis gegen Arbeit wäre eine öffentliche Diskussion um die Unhaltbarkeit des System der Arbeit.

Wenn es das Prinzip der Arbeit ist, das die menschliche Existenz in Frage stellt, dann ist es höchste Zeit, das Prinzip der Arbeit in Frage zu stellen.

Gegen die Arbeit – für die Menschen

Ich unterstütze den Aufruf: …..

Ich unterstütze nicht den Aufruf: …..

In unserem Fall sollte der Aufruf mehrere Zwecke erfüllen: Bekanntmachung und Diskussionskatalysator. Um möglichst viele Menschen hinter dem Aufruf zu versammeln, boten wir die Möglichkeit der Unterstützung und Nicht-Unterstützung an. Es ist offensichtlich, dass wir damit so gut wie alle Menschen angesprochen hatten. Und tatsächlich sollte sich der Aufruf als ein äußerst effektives Trojanisches Pferd erweisen. Er öffnete uns Türen, die ansonsten verschlossen geblieben wären, und war Anlass für die unmöglichsten Diskussionen.

Wir bewegten uns einerseits mit dem ›Aufruf‹ zu einer ›Demonstration‹ auf klassischen politischen Aktionsfeldern und redeten somit in der Sprache der politisch Aktiven, andererseits waren wir mit höchst irritierenden Inhalten unterwegs. Aufrufe und Demonstrationen sind klassische politische Aktionsformen, bei denen halt irgendwelche zumeist staatlichen Institutionen anund aufgerufen werden, etwas zu tun oder zu lassen. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, mehr Geld, egal für was, das wären sinnvolle Inhalte für Demonstrationen, schließlich wären da Sender und Empfänger klar. Davon konnte aber bei einer Demonstration ›Gegen die Arbeit – und für das Leben‹ keine Rede sein. So schien unsere Aktion – formal betrachtet – eine normale Mobilisierungskampagne mit dem Ziel einer ›machtvollen‹ Demonstration zu sein, andererseits ging es uns eigentlich ›nur‹ um (un)mögliche Diskussionen im Vorfeld der Demonstration. Wir betrachteten diesen Anachronismus als interessante Experimentieranordnung.

Reaktion und Diskussion

Vor Wut kochende Funktionäre mit nahendem Bluthochdruckkollaps – Attac-Bewegungskommandeure – wegapplaudierende Gewerkschafter – ewig grinsende Paternalisten in PDS-Versammlungen – arbeitsmilitante Rentnerpärchen – aufgeräumte Pragmatiker – nette Menschen – überraschend Offenherziges – viel Unverbindliches: Wir hatten jede Menge Gespräche, bei denen wir – gelinde gesagt – keine offene Türen einrannten. Alles wiederzugeben, würde natürlich nicht nur den Rahmen sprengen, sondern wäre auch einfach uninteressant. Deshalb sind an dieser Stelle zwei besonders schillernde Stellungnahmen dokumentiert. Beide Verfasser stellten sich als Nicht-Unterstützer hinter unseren Aufruf. Eines unserer ersten ›Opfer‹ war der Rektor der Erfurter Fachhochschule, der Soziologie-Professor Dr. rer. pol. Habil. Wolf Wagner, ein ehemaliger (?) Vertreter des akademischen Marxismus. Wer, wenn nicht er, wäre zu einem kompetenten Statement zum Thema berufen gewesen? Die Erwartungshaltung unsererseits war also hoch und sollte noch übertroffen werden. Zwei schnoddrige E-Mails sandte uns der gute Mann zu, die wir aus Gründen der Pietät nicht in Gänze publizieren wollen. Dass uns keine Zustimmung von einem Fossil des Arbeiterbewegungsmarxismus zuteil werden würde, hatten wir zwar schon befürchtet, die Eloquenz beeindruckte uns dann aber schon: »Ich halte das Ding für ziemlich schwachsinnig.« In gebührender paternalistischer Manier wurden wir auf die eklatanten inhaltlichen Schwächen des Aufruf-Textes hingewiesen. So würden wir mit der Marxschen Verelendungstheorie hantieren, die doch hinfällig sei. Dazu habe Wagner in den 70er Jahren eine bahnbrechende Arbeit mit dem Titel »Verelendungstheorie – die hilflose Kapitalismuskritik« veröffentlicht, mit deren Lektüre er uns offenbar quälen wollte. Nach der Verelendungstheorie sollen sich die Lebensbedingungen des Proletariats durch den kapitalistischen Ausbeutungsprozess derart verschlechtern, dass es sich zu einem revolutionären Subjekt formiert – ein Umstand, an den zu denken auch ohne die Arbeiten von Herrn Wagner ernsthaft niemand mehr wagt. Nun waren wir unsererseits irritiert, denn auch nach nochmaliger Lektüre des Aufrufes fand sich keinerlei Hinweis auf ein revolutionäres oder sonstwie geartetes Subjekt. Sollte Herr Wagner seine eigene verelendungstheoretische Gedankenwelt in unsere – sicher diskutierbaren – krisentheoretischen Andeutungen hineinprojiziert haben? Wir werden es wohl nie erfahren. Sehr wohl erfahren mussten wir hingegen, dass Wagner noch ganz andere Vögel abschießen kann und damit als Vertreter der akademischen Zunft vom substanziellen Verfall des Denkens Kunde gibt: »»Auch unter sozialistischen Bedingungen müsste ein Mehrprodukt erwirtschaftet werden (siehe Kritik des Gothaer Programms).« Hier haut der Akademiker gleich zweimal daneben: Entweder meint er den real-existierenden Sozialismus, dann ginge es in diesem nicht um ein Mehrprodukt, sondern um Mehrwert – was doch ein wesentlicher Unterschied ist – und auf Letzteren bezog sich unsere Kritik im Aufruf. Oder Wagner meint einen nicht Waren produzierenden Sozialismus, dann wäre der Begriff eines Mehrproduktes bezogen auf getrennt-produzierende Privateinheiten sinnlos, weil diese Form der Produktion nicht mehr existieren würde. Oder man bezieht den Begriff auf die allgemeingesellschaftliche Ebene, dann macht der Mehrprodukt-Begriff keinen Sinn, weil die sozialistische Gesellschaft nur das produzieren wird, was sie auch verbraucht. Wie dem auch sei. Wagner demonstriert jedenfalls hier nur exemplarisch die Verwechselung von gesellschaftlicher Form und deren Inhalt. Das Ergebnis ist immer das gleiche. Die Verewigung der Kategorien der Waren produzierenden Arbeitsgesellschaft zu unhistorischen Größen. Wagner schreibt: »Selbst bei Marx ist das Kapital nur ein Ausdruck für das Gesetz der Zeit: Jede Gesellschaft muss Ökonomie betreiben, in dem Sinne, dass die aufgewendete Zeit sich rechnen muss, sonst sterben die Menschen, weil ihre Lebensbedürfnisse nicht erfüllt werden.« Was sagt dieser Satz anderes aus, als dass das Kapital schon immer existiert hat, demnach die gesamte Geschichte des Menschen Binnengeschichte des Kapitalismus ist? Dagegen heben sich sogar die Ausführungen eines Referenten der CDU-Landtagsfraktion wohltuend ab, dem wir in einem anregenden Telefonat ausdrücklich die Ernsthaftigkeit unseres Aufrufs versichern mussten. So waren nicht nur er, sondern auch wir amüsiert. Dass die Apologeten der Arbeit durchaus einen Sinn für Humor haben können, beweist auch folgender Brief, den uns Herr Wozniak zukommen ließ.

Die historischen Dokumente: 2. Der Brief Erfurt, den 10. April 2003

Sehr geehrter Herr Maier,

gerne komme ich Ihrer Bitte nach, zu dem Aufruf ›Gegen die Arbeit – für das Leben‹ Stellung zu nehmen.

Sie haben eine Arbeit verrichtet, für die Sie voraussichtlich kein Geld erhalten haben, die wahrscheinlich nicht völlig losgelöst von Ihrem restlichen Lebenszusammenhang ist und die auch nicht in erster Linie dazu dient, ›den Kapitalismus am Laufen zu halten‹.

Das heißt, Sie kommen nach meiner Ansicht zu falschen Ergebnissen, weil Sie den Begriff Arbeit zu eng definieren. Sie selbst minimieren Arbeit auf den Teil bezahlte Arbeit und im dritten Absatz noch weiter auf körperliche bezahlte Arbeit. Nicht das System der Arbeit gerät in die Krise, sondern Arbeit wandelt sich und dies übrigens seit Beginn der Menschheit. Der Unterschied zu früher besteht nur darin, dass der Wandel sich immer schneller vollzieht.

Ich möchte nicht auf jeden einzelnen Trugschluss in Ihrem Aufruf eingehen, Sie aber auf einen wesentlichen Fehler aufmerksam machen. Wir wollen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht arbeiten. In unserer Gesellschaft ist das so selbstverständlich, dass es Ihnen vielleicht gar nicht aufgefallen ist. Dies ist bei Weitem nicht in allen Ländern der Fall. Hierzu zählen z. B. Kinder, Rentner, Kranke oder Eltern, die die Erziehungszeit nehmen. Damit dies möglich ist, ist die Solidarität derjenigen, die arbeiten und mit Versicherungsbeiträgen oder Steuergeldern dafür sorgen, dass das System so funktioniert, erforderlich. Auch die meisten Arbeitslosen wollen wieder arbeiten und erhalten in der Zeit ihrer Arbeitslosigkeit ein Arbeitslosengeld, für das sie schließlich Versicherungsbeiträge eingezahlt haben, oder später eine Arbeitslosenhilfe.

Wenn es Enttäuschung ist, die Sie in diese nicht nachvollziehbare Argumentation treibt, dann möchte ich Sie dazu ermuntern, nicht aufzugeben. Wenn auch Sie wollen, dass es in Deutschland keine Kinderarbeit gibt und dass alte Menschen nicht bis zum Umfallen arbeiten müssen, möchte ich Sie daran erinnern, dass auch Ihre Hilfe hierfür gebraucht wird.

Wenn es aber nur darum geht, aus Prinzip nicht zu arbeiten, muss ich Ihnen sagen, dass dafür die Sozialsysteme nicht ausgelegt sind. Leistungen zu beziehen, ohne dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, obwohl es dafür keine gesundheitlichen oder ähnliche Hinderungsgründe gibt, ist Leistungsmissbrauch. Es ist richtig, dass dann Leistungen entzogen werden und kein Bonus dafür gezahlt wird, wenn derjenige völlig selbstlos auf Arbeit verzichtet. Ich möchte Sie ermuntern, Ihren Aufruf noch einmal zu überdenken.

Mit freundlichen Grüßen Thomas Wozniak
Referent für Bundes- und Europaangelegenheiten, Arbeitsmarkt, Gleichstellung

Wahrlich ein Dokument des gesunden Menschenverstandes, in dem die Alltagsvernunft ungeniert ausplaudert, was Sache ist. Auch hübsch: der unverblümte Schulterschluss mit dem altoder ex-marxistischen Prof. Wagner durch die Paraphrasierung der Engelschen Sentenz von der Menschwerdung des Affen durch die Arbeit. (»…Seit Anbeginn der Menschheit…«) In schlaumeierischer Manier wird denn auch eingangs die Standardabwehr gegen die Arbeitskritik in Stellung gebracht: alles sei doch irgendwie Arbeit und unser Begriff demnach viel zu eng gefasst. Auch wenn wir es geschmacklos finden, von Stellungsarbeit beim Liebesakt zu sprechen, so wollen wir uns doch einen Moment auf die Argumentations›linie‹ einlassen. Nehmen wir also spaßeshalber an, alles wäre irgendwie Arbeit. Die Trennung in bezahlte und unbezahlte Arbeit würde Sinn machen. Dann käme natürlich nicht das System der Arbeit in die Krise. Vielmehr hätten wir es bloß mit einer Verschiebung innerhalb dieses Systems zu tun. Die bezahlte Arbeit verschwände zunehmend, während die unbezahlte übrig bliebe. Würde es bei der Arbeit nur um ihre stoffliche Dimension gehen, dann wäre die Verwandlung von bezahlter in unbezahlte Arbeit gar kein Problem.

Im Unterschied zu früheren Gesellschaften, die durchaus weitgehend auf bezahlte Arbeit verzichten konnten, führt deren Verschwinden in der Waren produzierenden Arbeitsgesellschaft aber notwendig zu deren Zusammenbruch. Die Implikationen dieser Argumentation weiterzuverfolgen, war also nicht ratsam. Deshalb brach sie denn auch folgerichtig an dieser Stelle ab.

Sicher lag keine böse Absicht zugrunde, als Herr Wozniak unsere prinzipiellen theoretischen Postulate, dass nur der existieren darf, der seine Ware Arbeitskraft verkaufen könne, als unmittelbare empirische Tatsache las. Das steht ihm natürlich frei. Daher hier nochmal zum Verständnis: Dass der moderne Mensch durch den Verkauf der Ware Arbeitskraft seine Existenz bestreiten muss, ist der prinzipielle Modus, ein alle umfassendes Prinzip im Waren produzierenden System. Gelingt der Verkauf der Ware Arbeitskraft nicht, so steht die Existenz des modernen Menschen auf dem Spiel. Dass dieser Modus schon immer prekär war und deshalb in den Gewinnerregionen des globalen Verwertungszusammenhanges im Gefolge von sozialen Kämpfen Sicherungssysteme etabliert wurden, ändert am grundlegenden Prinzip gar nichts. Auch das Kind, der Rentner usw. sind indirekt abhängig vom gelingenden Verkauf der Ware Arbeitskraft. Ihre finanzielle Versorgung steht und fällt damit, dass ihre Eltern bzw. potentielle Beitragszahler ihre Arbeitskraft verhökern können. Gelingt das nicht, wird’s eng. Das Misslingen des Verkaufes der Ware Arbeitskraft hängt aber nicht von der Willigkeit der Verkäufer ab, sondern vom allen gesellschaftlichen Interessen übergeordneten Verwertungsgesetz: aus Geld mehr Geld zu machen. Für die Einzelkapitale ist damit die Steigerung der Produktivität ehernes Gesetz. Dadurch wird die Ware Arbeitskraft zunehmend überflüssig. Nur wenn die gesellschaftliche Maschine der selbstzweckhaften Geldvermehrung genügend Ware Arbeitskraft in sich einsaugt und verwertet, dann können – nach entsprechenden sozialen Kämpfen – Kinder, Kranke und Rentner finanzierungsfähig erscheinen. Das System der Arbeit hat diesen Zustand nur für eine kurze historische Phase zugelassen und das auch nur für einen kleinen Teil der globalen Bevölkerung. Heute bricht auch diese priviligierte Stellung weg.

Schon die Existenz der Sicherungssysteme verweist darauf, dass die Herrschaft des Verwertungszwangs prinzipiell den Verlust der Verwertbarkeit zu einer Existenzbedrohung macht. Aber darauf scheinen die menschenverwaltenden Demokraten nicht zu kommen. Die Sisyphusarbeit unseres Experten für Bundesund Europaangelegenheiten, Arbeitsmarkt, Gleichstellung besteht doch großenteils darin, den bedrohlichen Modus der Arbeit einzudämmen. Wer sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, er oder wir?

Kinder, Kranke, Arbeitslose und Rentner müssen durchgefüttert werden. Das sollte selbstverständlich sein. Und dies wäre – rein stofflich betrachtet – auch gar kein Problem, denn dass hohe Niveau der Produktivität könnte genug für alle abwerfen. Aber unser Experte redet nicht von einem Standpunkt der Lebensmittelversorgung im weitesten Sinn, sondern von Versicherungsbeiträgen und Steuergeldern, die in irgendwelche Kassen zu entrichten seien. Das permanente Durcheinanderwerfen der stofflichen Reproduktionsfrage mit dem abstrakten, metaphysischen Verwertungsprinzip stellt denn auch eines der größten Vermittlungsprobleme der Arbeitskritik dar. Auf Schritt und Tritt wird das Pathos der stofflichen Notwendigkeit der Arbeit bemüht – ›woher sollen die Brötchen kommen, wenn keiner mehr arbeitet?‹ – wo doch der allein der gesellschaftlichen Form geschuldete WertVerwertungszwang zu kritisieren wäre. Dieses Problem der Arbeitskritik hat natürlich einen einfachen Grund: Im Waren produzierenden System ist die Arbeit als eine mögliche Reproduktionsform mit dem

»Stoffwechselprozess des Menschen mit der Natur« (Marx) gewaltsam synchronisiert. Diese Tatsache wird vom gesunden Menschenverstand dahingehend interpretiert, dass die Arbeit ewige Seins-Bestimmung des Menschen sei. Diese Täuschung ermöglicht erst die dumpfe Rede von der stofflichen Notwendigkeit der Arbeit und ein Pathos, das die Nichtarbeitenden zu Opfern eines leicht vergrätzbaren, immer schon mit der Vernichtungsoption liebäugelnden Paternalismus macht. Wird die Arbeit aber ihrer aufgeblasenen Legitimation entkleidet, die sich auf die stoffliche Notwendigkeit beruft, so tritt uns nur das nackte Geldwesen der Arbeit entgegen.

Die Mogeleien unseres CDU-Referenten machen aber auch nicht vor Fakten halt. So ist die Behauptung, Kranke würden ›bei uns‹ nicht arbeiten, schlicht falsch. Die Zahl derjenigen, die sich trotz Erkrankung in Büros und Fabriken schleppen, ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Die Statistiken, die unser Experte eigentlich besser kennen müsste als wir, belegen das. Manchmal hilft auch die Lektüre einer Zeitung. »Die Welt« scheint in unserem Fall als Referenz geeignet. In ihrer Ausgabe vom 15. August 2003 meldete sie: »Krankenstand bleibt niedrig.« So waren 2002 in Hamburg »von 100 Arbeitnehmern drei bis vier krankgeschrieben«. »Mehr als die Hälfte habe jedoch nicht einen einzigen Tag wegen Krankheit am Arbeitsplatz gefehlt.« Aber vielleicht trifft doch der Satz meiner Ex-Psychologin zu, dass Arbeit gesund mache. So wird wieder ein Schuh daraus.

Wie wenig Herr Wozniak in Sachen Realismus beim Thema Rentner up-to-date ist, zeigt ein Blick auf seine ›Schwesterpartei‹: Die Grünen. Dort macht sich die Turbo-Realistin, Bundestagsabgeordnete und Chefin der Thüringer Grünen, Karin Göring-Eckhardt, gerade bei den Menschen zwischen 60 und 70 Jahren mit Vorschlägen zur Verlängerung des Arbeitslebens beliebt. Selbstredend löst die Umsetzung solcher Pläne keine Probleme, sondern die Menschen werden nur länger gequält. Für die Realismus-Fraktion spielen aber die Realo-Quälereien ohnehin keine Rolle. Hier heißt es also für unseren Experten von der CDU: Nachsitzen. Natürlich sei an dieser Stelle die Möglichkeit nicht ungenutzt, Herrn Wozniak zu ermuntern: Also, wenn Sie wirklich daran interessiert sind, dass Kinder nicht arbeiten müssen, Menschen gut leben und ihren kulinarischen und gesundheitlichen Bedürfnisse auch in Zukunft entfalten und verwirklichen können, wenn sie nicht wollen, dass ein Großteil der Menschen zu debilem Nichtstun verdonnert ist, während ein immer kleinerer Teil immer intensiver Arbeit verausgaben muss, wenn auch sie mal etwas sinnvolles mit ihrem Leben anfangen wollen, statt Menschen zu verwalten, dann steht es ihnen offen, sich ihrer Arbeitsidentität kritisch bewusst zu werden und gegen die Zurichtungen des Systems der Arbeit Notwehrund Ausbruchsversuche zu starten.

Davon wollen aber unsere aufgeräumten Realos natürlich nichts wissen. Werden sie durch Arbeitskritik mit den nackten Tatsachen einer unzumutbaren Realität konfrontiert, flüchten sie sich argumentativ in die metaphysische Welt des Geldes. Das ganze Herumreiten auf dem Tatsachenargument hat primär nichts mit sinnlich-konkreten Fragestellungen zu tun. Auf jedes konkrete Bedürfnis weiß der Realo abstrakt zu antworten. Werden Menschen krank, rufen die Realos nicht nach dem Arzt, sondern nach der Krankenkasse. Alte Menschen sollen nicht deswegen länger arbeiten, weil es immer mehr zu tun gäbe, sondern wegen der Rentenkasse. Fragt man, warum alle Menschen arbeiten müssen, dann lautet die Antwort des Realos nicht: ›Weil alle für konkrete Projekte gebraucht werden‹, sondern: ›Weil es sich rechnen muss‹. Fragt man nach guter Gesundheitsversorgung, so lautet die Antwort der irren Realos: ›nicht finanzierbar‹. Danach haben wir aber gar nicht gefragt. Ob Arbeitskritiker oder Realos weltfremde Spinner sind, dies ist nur noch eine rhetorische Frage.

Die Demonstration

Der Demonstration selber haben wir – wie bereits angedeutet – nie eine besondere Bedeutung beigemessen. Trotzdem war es eine Genugtuung, bei strahlendem Sonnenschein das Erfurter Sozialamt verbal zu beschmutzen (siehe Redebeitrag) und mit annähernd 100 Menschen durch die Flaniermeile der Erfurter Innenstadt zu ziehen, während aus den Lautsprechern des Demonstrationswagens Udo Jürgens jung und alt mit »Wer, wenn nicht wir« begeisterte. Obwohl viele Passanten sichtlich Probleme hatten, Bild und Ton in Einklang zu bringen, öffnete uns dieses Lied doch deren Herzen und Hände. Die überraschend vielen positiven Reaktionen verweisen sicher nicht unbedingt auf ein fundiertes arbeitskritisches Theoriegebäude, aber sehr wohl auf ein gewisses Maß an Offenheit. Wer aber ansprechbar ist, dem kann auch vermittelt werden. Quod erat demonstrandum. Nach solch schlagenden Beweisen bleibt der Arbeitskritik ein zwar skeptischer, wiewohl nicht verzweifelter Blick in die Zukunft.

Die historischen Dokumente: 3. Der Redebeitrag

Redebeitrag zum 6. Mai

Herzlich willkommen, liebe Arbeitende und Nicht-Arbeitende! Wir demonstrieren hier und heute ›Gegen die Arbeit und für das Leben‹. Wir demonstrieren gegen das System der Arbeit, das ein System der Heuchelei ist. Denn obwohl das System der Arbeit die Menschen längst nicht mehr integrieren kann, müssen alle ihm zu Kreuze kriechen. Es wird behauptet, es sei kein Geld da. Wir sind nicht dumm. Wir wissen, dass kein Geld da ist. Wir behaupten nicht – wie die Nostalgiker des Wohlfahrtsstaates –, dass Geld genug da sei. Das ist uns aber schlicht egal!

Wenn das System von Arbeit und Geld unser Leben in Frage stellt, dann ist es höchste Zeit, das System von Arbeit und Geld in Frage zu stellen. Von der Politik erwarten wir nichts mehr, zumindest nichts gutes. Politik wird im ›besten Falle‹ das Elend verwalten. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass die Politik zur sozialen Treibjagd auf die Ausgeschlossenen ansetzen wird. Die Hartzund Agenda-2010-Scheiße ist nur ein weiterer Schritt in diese Richtung. Ob dagegen eine Demonstration das geeignete Mittel ist, wissen wir nicht. Was wir heute machen können, ist mit Leuten reden. Wir können in Gesprächen versuchen, die Menschen zur Gotteslästerung gegen ihre eigene Arbeits-Identität zu ermuntern und öffentliche Orte der Erniedrigung als solche zu brandmarken.

Solche Orte der Erniedrigung sind unter anderem Arbeitsund Sozialämter. Tagtäglich werden dort Menschen in das Licht staatlicher Verhörlampen gezerrt. Dienstbeflissene Amtsdamen schnüffeln bis in die Kühlschränke und Intimsphären ihrer Delinquenten und überprüfen, ob die Bettwäsche dem normierten Elendsstandard auch tatsächlich entspricht. Wer ohne Arbeit ist, der hat sich gefälligst bis auf die Knochen zu entblößen. Bis auf die Knochen geht aber nicht nur die soziale, sondern auch die materielle Erniedrigung. Einzig die biologische Existenz wird noch in gönnerhafter Manier gewährt. Leben wird auf Überleben reduziert. Das System der Arbeit zeigt hier verräterisch, was ein Mensch ohne Arbeit sein soll: nacktes Leben – pures Fleisch.

Und wie schmachvoll sind die traurigen Jobs derer, die hier – um existieren zu können – jahrein, jahraus Menschen verwalten und die Unterwäsche ihrer Mitmenschen durchwühlen. Nicht nur sie erniedrigen also, auch sie werden erniedrigt. Die besten Jahre ihres Lebens vergeuden sie für den Arbeitsgötzen, der ihnen einredet, ihr Tun wäre mildtätig. Tagtäglich hocken sie hinter Bildschirmen und Aktenbergen. Sie reden sich ein, mit Menschen zu tun zu haben, doch sie sehen nur Masken und Zahlen. Nicht nur sie richten erfolgreich ihr Menschenmaterial zu, dass den Untertanengeist und die Zwangslogik des Arbeitssystem längst verinnerlicht hat. Auch sie werden von Vorgesetzten, konkurrierenden Mitarbeiterinnen, Vorschriften, Motivationstrainings und Kontrollen zugerichtet, bis sie mit den Strukturen identisch geworden sind und ›Leid als Chance‹ sich selbst und anderen verkaufen. Sie meinen, sie täten nur ihre Pflicht. Sie meinen, sie würden nur auf Anweisung von Oben hin die neuen Richtlinien der sozialen Drangsalierungen an ihren Opfern exekutieren. Nur noch ›Dienst nach Vorschrift‹ tun, wäre das absolute Minimum, was wir von ihnen erwarten. Doch anstatt kunstvoll die Dienstvorschriften zu sabotieren und sich auf diese Art mit ihren Opfern zu solidarisieren, entwickeln nur allzuviele einen widerwärtigen Eifer. Wie oft haben sie sich schon reden hören: »Ich tue hier nur meinen Job«, so als ob das tatsächlich eine Entschuldigung wäre.

Als Vollstrecker des Zwangssystems der Arbeit – als Charaktermasken und Funktionsträger – müssen wir Sie verachten. Als Menschen, die genauso wie wir den Zwängen des Systems der Arbeit unterworfen sind, fühlen wir mit Ihnen. Als Opfer des Zwangssystems der Arbeit gebührt Ihnen unsere Solidarität. Punktueller Widerstand gegen die unzumutbaren Zumutungen ist von jeder und jedem an jeder Stelle des Zwangssystems von Arbeit und Geld möglich. Beenden wir die Loblieder auf Arbeit und Arbeitsplatz, brechen wir mit der allgemeinen Heuchelei im Namen der Arbeit. Nennen wir es beim Namen, wenn wir Arbeit sagen und unnötiges Leid meinen.

Für ein Leben im produktiven Müßiggang – Nieder mit dem System der Arbeit.