01.06.2004  Beitrag drucken

Das große Drängen auf die Schlachtbänke der Schönheitschirurgie

aus: Lohoff, Ernst; Trenkle, Norbert; Wölflingseder Maria; Lewed, Karl-Heinz (Hg): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs, Münster 2004, S. 188 – 190

Von der Zurichtung zur Hinrichtung IV

von Maria Wölflingseder

Dass ›Push-up-Höschen‹ und ›Controle-BH‹ alleine nicht mehr reichen, ist bekannt. Die Deutschen – vor allem vertreten durch die Frankfurter Business Schickeria – pilgern schon seit ein paar Jahren nach Tschechien, Ungarn und in die Slowakei, um ihr Fett absaugen, ihre Brüste ausstopfen, ihr Eigenhaar transplantieren und ihre überzähligen Hautlappen herausschnipseln zu lassen. Nun hat der Boom auch Österreich erreicht. Vergangene Weihnachten lagen unzählige Gutscheine unterm Christbaum. Auch Hausfrauen und Schülerinnen gingen dabei nicht leer aus. In der Beilage Freizeit des Kurier vom 13. Dezember 2003 wird großzügig geworben: »50 km von Wien, … in westlicher Qualität zu Ostblockpreisen – auch für EU-Bürger.« Mir fallen unweigerlich Erich Kästners »So genannte Klassefrauen« ein, die unser zum Makabren neigender Deutsch-Lehrer am Gymnasium vorzulesen pflegte: »Wenn es gelte, Volapük zu lernen // und die Nasenlöcher zuzunähn // und die Schädeldecke entfernen // und das Bein zu heben an Laternen – morgen könnten wir’s bei ihnen sehn«, lautet eine der sechs Strophen.

Wer den Normen nicht entspricht, hat’s schwer. »Kahlköpfigkeit bei Männern ist ein Karrierekiller.« (Wie funktionieren eigentlich Eigenhaartransplantationen, die besonders begehrt zu sein scheinen? Werden da die Haare von den Beinen auf den Kopf verpflanzt oder vom Popo, falls sie dort zuhauf sprießen? Oder gar die Schamhaare? Infantile, puppenhafte Härchenlosigkeit am ganzen Körper ist ja groß im Mode.) Die Chancen, einen Job zu ergattern, wurden vielfach erhoben und berechnet. Überall gelten andere Erfolgskriterien. In Island verdienen blonde Menschen zirka 10 Prozent weniger als der Durchschnitt. Große mit hellbraunem Haar verdienen am meisten. In Deutschland sind lockige Haare und blaue Augen gefragt. Männer ab einer Größe von 1,89 Meter haben mehr Glück. Sie bekommen durchschnittlich um 12,4 Prozent mehr Gehalt als ihre Geschlechtsgenossen unter 1,80 Meter. Bewerber beiderlei Geschlechts haben mehr Chancen, wenn sie hoch gewachsen, schlank und mit tiefer Stimme ausgestattet sind. (Welche Rezepte gibt es dafür? Kreide fressen, hilft das noch? Ach, beim Bewerbungs-Impulstag hieß es, einen Sektkorken in den Mund zu nehmen – wogegen sollte der helfen? Und das Streckbett, ist das heute noch im Einsatz für die zu kurz Geratenen?) Auch der Geruch muss stimmen: Männer wie Frauen benötigen einen männlichen, um den Personalchefs Kompetenz, Führungsqualität und Durchsetzungskraft zu signalisieren. (Frank-Rainer Schurich: Der perfekte Jobkandidat, in: Neues Deutschland, 11./12. Mai 2002.)

PS: Eine Woche nach dem Verfassen dieser Zeilen, bleibt mir fast die Luft im Halse stecken, als ich im Standard auf Seite zwei die drei Beiträge zum Thema Schönheitschirurgie lese. Das Streckbett, über das ich in dichterischer Freiheit phantasierte, ist wohl wie ein sanftes Ruhekissen verglichen mit der qualvollen Realität chinesischer Frauen. Kaum von der traditionellen Fußverkrüppelung befreit, lassen sie sich die Ober- und Unterschenkelknochen brechen und in Metallgehäuse vernageln. Während die Beine in die Länge gezogen werden, wächst neue Knochenmasse nach. Wollen die kleinen Chinesinnen um zehn Zentimeter größer sein, dauert das mindestens fünf schmerzvolle Monate. Für die Verzweifelten ist dies Martyrium oft die letzte Chance, einen Job oder einen Mann zu bekommen.

Hao Lulu, ein ehemaliges »Pekinger Entlein« ist das große Vorbild für die jungen Frauen Chinas. Sie hat sich, von einer Werbeagentur gesponsert, einem Marathon von 16 Operationen unterzogen, die aus ihr »Chinas erste künstliche Schönheit« fabriziert haben. Jährlich misslingen in China allerdings 20.000 Operationen, die von Befähigteren dann korrigiert werden müssen. Militärhospitäler gelten als die besten Adressen. Sie haben auch Geschlechtsumwandlungen, Penisverlängerungen und Rückverwandlungen in Jungfrauen im Programm.

In Österreich empfehlen so genannte Praxisberater ÄrztInnen, deren Praxen nicht den erwünschten Gewinn abwerfen, Schönheitsoperationen anzubieten. Diese, von der Idee begeistert, bitten dann mitunter Chirurgen-Kollegen, ihnen »auf die Schnelle Fettabsaugen beizubringen«. (Der Standard, 31. Jänner/1. Feber 2004)