01.06.2004  Beitrag drucken

›Kinderfleisch-Ausschank‹ durchs Autofenster

us: Lohoff, Ernst; Trenkle, Norbert; Wölflingseder Maria; Lewed, Karl-Heinz (Hg): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs, Münster 2004, S. 212 – 213

Von der Zurichtung zur Hinrichtung V

von Maria Wölflingseder

Ein typischer deutscher oder österreichischer Familienausflug ins nahe Tschechien: Die Frau lässt sich eine Dauerwelle machen, der Mann konsumiert Kinderfleisch (sexuell, nicht kannibalisch); dinieren geht das Paar hernach gemeinsam. Im Spätherbst 2003 ging er durch alle Medien, der UNICEF-Bericht über die tschechischen Kleinkinder, die Österreichern und Deutschen durch das Autofenster zum sexuellen Amüsement gereicht werden – von bitterer Armut gedrängt. So pervers wie voraussehbar!

Der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch schreibt in seinem hervorragenden Artikel »Die Trümmer der sexuellen Revolution« in der Zeit vom 4. Oktober 1996: »Alle alten Perversionen sind inzwischen elektronisch zerstreut und partiell entdämonisiert worden – mit Ausnahme der nach wie vor tabuisierten Pädosexualität. Doch auch die Pädosexualität pluralisiert sich nach marktwirtschaftlicher Logik. Immer mehr sexuelle Fragmente und Nöte werden in die Warenförmigkeit gepresst. Flirtschulen, Partnervermittlungen oder Hersteller von Sadomasochisten-Möbeln bieten ihre Dienste an. Embryonen, Tiere oder Jungfrauen werden auf dem Markt angeboten. Warum nicht auch Kinderfleisch, wenn alles käuflich ist? Neben dem alten, vereinzelten Pädophilen, der ein Kind ernster nahm, als es ein Fernsehapparat zustande bringt, ist massenhaft der Biedermann getreten. Er macht damit einen Verdacht wahr, den die Sexualwissenschaft seit ihren Anfängen hegt, dass er nur dann ›potent‹ ist, wenn er das Sexualobjekt erniedrigt und beherrscht.« (Der gesamte Artikel von Sigusch auf www.streifzuege.org)

Als pervers sind nicht nur die Kindersexkonsumenten zu bezeichnen, sondern alle, die den Grund dieses Treibens nicht ursächlich in den wahnsinnigen gesellschaftlichen Verhältnissen verorten und stattdessen scheinheilig von neuer Weltethik und vom ›Zurück zur Politik‹ quasseln.