11.06.2020  Beitrag drucken

Der Kritiker als Nationalökonom. Rezension eines Tagungsbandes zur Marxschen Theorie

Rezension zu: Hans-Michael Trautwein (Hg.): Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XXXIV. Neue Perspektiven auf die Politische Ökonomie von Karl Marx und Friedrich Engels, Duncker & Humblot, Berlin, 2019

von Norbert Trenkle

Zuerst veröffentlicht auf Soziopolis am 5.2.2020: www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/der-kritiker-als-nationaloekonom/

Das große Interesse an Karl Marx anlässlich des Doppeljubiläums von 2017/18 hat eine Reihe von Publikationen zu seiner Theorie hervorgebracht, die außerhalb des üblichen marxistischen und marxologischen Diskurses verortet sind. So auch den vorliegenden Sammelband, der aus einer Tagung des Ausschusses für die Geschichte der Wissenschaften im Mai 2013 hervorgegangen und nun mit einiger Verzögerung erschienen ist. Er versammelt Beiträge von sechs verschiedenen Autoren, die ein relativ breites thematisches Spektrum abdecken. Das reicht von einem sehr detailreichen Aufsatz über die Geschichte der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) und deren politische Instrumentalisierung im 20. Jahrhundert über drei eher fachökonomische Beiträge (zum Verhältnis von Werten und Preisen bzw. Mehrwert und Profit, zur Krisentheorie und zum Konzept der unproduktiven Arbeit) bis hin zu zwei Texten, die sich mit der Diskussion über die Armut vor Karl Marx einerseits und der Marxschen Konzeption des Kommunismus andererseits auseinandersetzen.

Bei allen Unterschieden in der Thematik und der Akzentsetzung , fällt zunächst einmal auf, dass alle Autoren eine gemeinsame, grundsätzliche Perspektive teilen: Marx wird durchgängig als Wissenschaftler rezipiert, der in der Tradition der ökonomischen Klassik steht und daher auch daraufhin befragt, welchen Beitrag er zur Entwicklung der ökonomischen Theorie geleistet hat. Deutlich wird das schon am Titel des Buches , der von der „Politische(n) Ökonomie von Karl Marx und Friedrich Engels“ spricht und damit darüber hinweg geht, dass Marx selbst immer großen Wert darauf gelegt hat, eine Kritik der Politischen Ökonomie zu formulieren. Dieses Detail ist nicht nebensächlich, denn es verweist zum Einen auf den Impetus der Marxschen Theorie, die auf nichts weniger als auf die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise zielt; zum Anderen ist die Kritik aber auch wesentlicher Teil der „Methode“, die Marx‘ Selbstverständnis zufolge als „Kritik durch Darstellung“ des Systems „der bürgerlichen Ökonomie“ zu verstehen ist1.

Dass die Autoren des Tagungsbandes dem entgegen Marx durchgängig als positiven Wissenschaftler lesen, macht, trotz der interessanten Erkenntnisse in ihren Beiträgen, eine grundsätzliche Schwäche aller hier versammelten Aufsätze aus. Nicht nur bleibt das kritische Potential der Marxschen Theorie weitgehend unausgeschöpft , vor allem gehen auch bestimmte grundlegende Einsichten verloren, die nur aus der Perspektive der Kritik gewonnen werden können. So werden insbesondere die inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise, die für Marx zu deren Wesenskern gehören, entweder nicht gesehen oder sie erscheinen als Widersprüche oder Ungereimtheiten in seiner Theorie. Für Marx sind diese Widersprüche jedoch insofern zentral, als sie auf die grundlegende Irrationalität jener Produktions-und Lebensweise verweisen. So ist etwa der Widerspruch in der Ware, zwischen Gebrauchswert und Tauschwert, nicht nur eine Präzisierung der bereits von Aristoteles getroffenen Unterscheidung , wie Bertram Schefold anmerkt (S. 46), sondern verweist bereits auf einer ganz grundsätzlichen Ebene auf zwei zentrale Aspekte . Erstens darauf, dass sich die gesellschaftlichen Beziehungen in Beziehungen von Sachen verwandeln, die den Menschen wie eine „zweite Natur“ gegenübertreten und eine verselbstständigte Dynamik entwickeln. Sowie zweitens auf den historisch-spezifischen Doppelcharakter des kapitalistisch produzierten Reichtums, der in eine abstrakte und eine stoffliche Seite auseinanderfällt, was seinerseits im Kern bereits auf die grundsätzliche Unhaltbarkeit der kapitalistischen Gesellschaft verweist. Denn die Verselbstständigung der abstrakten gegenüber der stofflichen Seite des Reichtums, ist nicht nur die erste Ursache für den krisenhaften Charakter des Kapitalismus, sondern führt letztlich auch zur Untergrabung der ökonomischen, sozialen und ökologischen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens.

Diese Sichtweise des Kapitalismus als einem irrationalen System, das sich einer bewussten Steuerung entzieht und an seinen eigenen Widersprüchen zerbrechen muss, sperrt sich aber einer positiven Darstellung, wie sie die ökonomische Theorie anstrebt. Besonders deutlich wird das beim Versuch einer Mathematisierung Marxscher Theoreme, wie ihn Schefold in Anlehnung an Piero Sraffa in seinem Aufsatz zum sogenannten „Wert-Preis-Transformations-Problem“ unternimmt. Wenn er unterstellt, es sei Marxens Intention gewesen, durch mathematische Berechnungen „den transzendentalen Unglücken ihren Schrecken zu nehmen“ (S. 77), dann verfehlt er genau den Kernpunkt der Marxsche Kritik. Zwar mühte sich Marx tatsächlich in seinen Skizzen zum Kapital mit dem Problem ab, wie seine analytisch gewonnenen Einsichten über den Wert als „Elementarform“ des kapitalistischen Reichtums mit den Bewegungen auf den Märkten in Beziehung zu bringen sind und stellte dazu eine ganze Reihe von Rechenexempeln an. Doch wenn er dabei an seine Grenzen stieß lag das nicht daran, dass ihm die „moderne Preistheorie … nicht zur Verfügung“ stand (S. 47). Vielmehr verweist es darauf, dass eine verdinglichte gesellschaftliche Beziehung, die hinter dem Rücken der Menschen ihre eigene unkontrollierbare Dynamik entfaltet, nicht nachgerechnet werden kann – auch wenn sie sich analytisch durchaus nachvollziehen lässt. So gesehen geht Schefold in seinem Versuch, die Beziehung zwischen Preisen und Werten bzw. Profit und Mehrwert mathematisch nachzuweisen, von einer theoretischen Annahme aus, die nicht mit der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie übereinstimmt. Im Grunde sagt Schefold das auch selbst, wenn er darauf hinweist, dass bei seinen Berechnungen „die Preise … freilich nicht aus den Werten abgeleitet“ werden (S. 57) und zugleich von „der formalen Redundanz der Mehrwerttheorie“ spricht (S. 57). Was bleibt dann aber – so fragt man sich – noch von der Fragestellung übrig, mit der sich Marx herumgeschlagen hat?

Auch in Hagen Krämers sehr lesenswertem, fachkundigem Aufsatz über das „klassische Konzept der unproduktiven Arbeit“ in der ökonomischen Theorie, in dem er die Linie dieser Diskussion von den Physiokraten bis in die moderne „Dienstleistungsgesellschaft“ nachzeichnet, geht leider grundsätzliche kritische Dimension der Marxchen Theorie verloren. Marx wird als positiver Wissenschaftler behandelt, der sich ziemlich ungebrochen in die ökonomische Theorietradition einreiht. Zwar stellt Krämer richtig fest, dass „Marx das Konzept der produktiven Arbeit in einem anderen Sinn benutzt hat als die übrige ökonomische Klassik“ (S. 154), doch nur um dann diese Perspektive als wenig fruchtbar und in sich widersprüchlich zu verwerfen. Nun kann sicherlich nicht behauptet werden, Marx habe die Frage danach, warum bestimmte Arbeiten „unproduktiv“ im Sinne der kapitalistischen Logik sein sollen, befriedigend beantwortet. Doch Krämer trägt wenig zur Klärung dieser Frage bei, weil er die Marxschen Kategorien von vorneherein im Lichte der modernen ökonomischen Theorie interpretiert. Aus diesem Grund sieht er Widersprüche im theoretischen Denkgebäude, wo Marx tatsächlich die Widersprüche in der kapitalistischen Wirklichkeit analytisch zu fassen versucht. So fragt Krämer beispielsweise, warum für Marx die Arbeit eines Schauspielers dann produktiv sein soll, wenn sie im Auftrag eines privaten Unternehmers verrichtet wird, jedoch unproduktiv, wenn der Schauspieler seine Leistung direkt an das Publikum verkauft. Für Krämer ist das ein „offensichtlicher Widerspruch“ (S. 148), weil die Tätigkeit ja immer die gleiche sei.

Als theoretischer Widerspruch kann das aber nur erscheinen, wenn man den unproduktiven oder produktiven Charakter einer Tätigkeit an deren Inhalt festzumachen will (also in der Marxschen Terminologie: am Gebrauchswert), ganz so, wie es in der ökonomischen Theorie üblich ist, die primär immer nur „Güter“ sieht und damit den warenförmigen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise verwischt. Für Marx hingegen steht fest, dass die Reichtumsproduktion in der kapitalistischen Gesellschaft sich immer nur auf den Wert zentriert und daher die Frage lauten muss, ob eine Tätigkeit zur Vermehrung dieses Reichtums beiträgt oder nicht. In dieser Perspektive löst sich der scheinbare Widerspruch aber sehr schnell auf: Im Fall des Theaterunternehmers kauft dieser die Arbeitskraft an, um sein Kapital zu vermehren, sie ist also „produktiv“ im Sinne der Akkumulation von abstraktem Reichtum; im Fall des selbstständigen Schauspielers verkauft dieser seine Arbeit an zahlende Kunden und „vernichtet“ deren Wert sogleich wieder, indem er davon Konsumgüter kauft (ist also „unproduktiv“ im Sinne der Vermehrung von abstraktem Reichtum).2 Man mag die Marxsche Analyse kritisieren, doch ist sie in sich stimmig und kann nicht widerlegt werden, indem man ihre Kategorien im Sinne eines ganz anderen theoretischen Paradigmas uminterpretiert, wie es Krämer leider tut.

Der spannendste Aufsatz in dem Sammelband ist der von Birger Priddat über „Marx‘ elitäre Konzeption des ‚Kommunismus‘“, nicht nur weil er sich mit grundlegenden sozialphilosophischen Fragen auseinandersetzt, sondern vor allem, weil er entgegen dem Zeitgeist für eine Rehabilitierung der Marxschen Kommunismus-Konzeption plädiert. Zuallererst verteidigt er diese gegen den üblichen Verdacht, sie bereite den Boden für ein autoritäres Staatsregime, wie es mit dem „Realsozialismus“ untergegangen ist. Mit einer Fülle von Zitaten vor allem aus den Grundrissen und den Frühschriften belegt er, dass Marx nicht anderes als die „universale Entwicklung des Individuums“ (S. 208) im Sinn hatte. Bemerkenswert ist auch, dass Priddat, die kritische Einstellung von Marx gegenüber der Arbeit betont, deren Zurückdrängung den Zugang zum „wahren Reichtum“ (S. 208) , der verfügbaren Zeit, eröffne. Der „Kommunismus“ verspreche „folglich … nicht die Befreiung der Arbeit, sondern die Befreiung von der Arbeit“ (S. 215; Hervorheb. im Orig.). Priddat liest hier Marx auf eine erfreuliche Weise gegen den Strich des traditionellen Marxismus, der sich immer positiv auf die Arbeit und den damit verbundenen „Klassenstandpunkt“ bezogen hat. Schade nur, dass er hierbei keinen Bezug auf andere heterodoxe Interpretationen der Marxschen Theorie nimmt, die zu ähnlichen Schlüssen kommen. Insbesondere ein Rückgriff Moishe Postone3 hätte es erlaubt, den Arbeitsbegriff sowie die eng damit verbundene Kategorie der Zeit präziser zu fassen.

Insgesamt versucht sich aber Priddat anders als etwa Postone nicht so sehr an einer Neu-Interpretation der Marxschen Kategorien im Rahmen von dessen eigener Theorie, sondern liest diese vor allem im Lichte einer humanistischen Philosophie . Das eröffnet zwar interessante Perspektiven, führt aber leider auch dazu, dass er Marx teilweise Positionen zuschreibt, die eher diesem Kontext entspringen als dem Marxschen Denken selbst. Insbesondere gilt das für die These, Marx‘ Konzeption des Kommunismus sei ein der Philosophie des 19. Jahrhunderts verhaftetes „Bildungskonzept“ (S. 207) und trage einen elitären Charakter: „frei und politisch sein können im Kommunismus nur die, die sich voll entwickelt haben im Ernst der Anstrengung der Bildung zur ‚höheren Tätigkeit‘. Das ist ein Elitekonzept“ (S. 218; Hervorheb. im Orig.).

Für diese doch recht gewagte Interpretation kann Priddat keine überzeugenden Belege anführen. Alle zitierten Stellen, weisen vielmehr darauf hin, dass die Marxsche Vorstellung einer allseitigen Entfaltung der Individualität universellen Charakter hat und auf eine Gesellschaft frei assoziierter Menschen zielt. Dass erst ein bestimmter Grad der Bildung die umfassende Partizipation an der gesellschaftlichen und politischen Selbstorganisation erlauben solle, davon ist bei Marx nirgendwo die Rede. Hier interpretiert Priddat den „Kommunismus“ auf eine Weise, die wohl eher dem eigenen als dem Marxschen Weltverständnis entspricht. In der Konsequenz führt ihn das – entgegen seiner eingangs geäußerten Ansicht – sogar dazu, die Kompatibilität der Marxschen Vorstellungen mit dem leninistischen Avantgardekonzept und seinen diktatorischen Konsequenzen zu behaupten (S. 221). Wo die anderen Autoren des Sammelbandes Marx als mehr oder weniger interessanten Ökonomen rezipieren, gerät dieser bei Priddat so zu einem humanistischen Philosophen mit einer „bildungsaristokratischen Haltung“ (S. 221). Auf diese Weise trägt auch er leider dazu bei, das emanzipatorische Potential der Marxschen Theorie zu entschärfen.

Fußnoten

1 Marx in einem Brief an Ferdinand Lasalle vom 22. Februar 1858, in: Marx-Engels-Werke (MEW) Bd. 29, Berlin 1978, S.550

2 Vgl. genauer dazu: Peter Samol: Arbeit ohne Wert. Über das Scheitern der „Dienstleistungsgesellschaft“ und wie es mit der Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit zusammenhängt, in: Krisis. Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft 31 (2007), S. 90 – 123.

3 Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg 2003