19.03.2022  Beitrag drucken

Arbeitsfetisch und Antisemitismus

von Lothar Galow-Bergemann

Erschienen in Jungle World vom 10.03.2022

„Arbeit macht frei“ stand über dem Tor des Vernichtungslagers Auschwitz. Wie kamen die Nazis darauf? Ist Arbeit nicht etwas Sinnvolles, Gutes? Was hat sie ausgerechnet mit Auschwitz zu tun? Sehr viel. Denn Arbeit und sinnvolle Tätigkeit sind, ganz entgegen der landläufigen Meinung, zwei Paar Stiefel.

Die Arbeitsgesellschaft

Das höchste Gesetz in unserer Gesellschaft steht nirgends geschrieben, aber jede und jeder kennt es: Wir müssen unser Leben lang arbeiten, um Geld zu verdienen, damit wir leben können. Dieses Arbeiten und der positive Bezug darauf kommt uns vor wie ein Naturgesetz. Doch schon die Herkunft des Wortes „Arbeit“ in verschiedenen Sprachen sollte stutzig machen. Das altgriechische ponein (arbeiten) kommt von ponos (Mühe, Last), die französischen und spanischen Wörter für Arbeit travail /trabajo leiten sich aus dem vulgärlateinischen tripalare ab, was nichts anders heißt als „quälen, pfählen“. Russisch heißt Arbeit rabota, das kommt von rab, „der Sklave“. Und das germanische arba heißt schlicht „der Knecht“.

In der Antike dachte man ganz anders als heute. Gesellschaftliche Anerkennung erfuhr nicht die Arbeit, sondern der, der nicht arbeiten musste. Nur dann, so die herrschende Meinung, könne man ein freies und soziales Wesen sein. Zwar konnten sich das nur sehr wenige leisten und den allermeisten ging es schlecht. Aber dass Arbeit schon immer so wie heute als Ideal galt, stimmt einfach nicht.

Dass es so weit kam, hat eine lange Vorgeschichte. Zu dieser gehört das Christentum. Martin Luther zum Beispiel war ein regelrechter Arbeitsfanatiker: „Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen“, meinte er, und: „Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot.“ („An den christlichen Adel deutscher Nation“, 1520.) Die Arbeit, die wir heutzutage für so selbstverständlich halten, hat auch viel mit Militär und Krieg zu tun. Die ersten Lohnarbeiter im modernen Sinne waren die Landsknechte der stehenden Heere, denen die absolutistischen Fürsten Sold zahlten – eben die Soldaten.

Die Geschichte der Arbeit ist eine Geschichte der Gewalt. Reichte der Lohn den ersten Fabrikarbeitern länger als einen Tag, erschienen sie verständlicherweise möglichst lange nicht mehr in der 16-Stunden-Hölle. Weil aber Kapitalismus so nicht funktionieren kann, wurden die Menschen mit brachialen Methoden unter das Regime der Arbeit gepresst. Lohnkürzungen zwangen selbst die Kinder in die Fabrik, damit die Familie überleben konnte.

Damit die Menschen „arbeiten lernen“, verhängte die Justiz für kleinste Vergehen brutale Strafen. So wurden Delinquenten in Löchern angekettet, die mit Wasser vollliefen. Um nicht zu ertrinken, mussten sie stundenlang und ohne Unterbrechung schöpfen. Andere mussten unter Peitschenhieben bis zum Zusammenbruch in Tretmühlen malochen. Sogenannte Zuchthäuser waren „Zwangsarbeitshäuser für hartnäckige Bettler und gemeinschädliche Müßiggänger, in welchen diese durch Zwang zum Fleiß angehalten werden“ („Meyers Konversationslexikon“, 4. Auflage, 1888/90). Viel Erschütterndes aus der leider weitgehend vergessenen Durchsetzungsgeschichte der Arbeit findet sich in Robert Kurz’ „Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft“ (1999).

Die Menschen, die im 19. Jahrhundert die Arbeiterbewegung schufen, hatten die Opposition gegen die Arbeit allerdings aufgegeben. Sie identifizierten sich sogar mit ihr und waren stolz auf sie. Vernünftige Stimmen wie die von Paul Lafargue standen auf verlorenem Posten: „Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht.“ (Paul Lafargue: „Das Recht auf Faulheit“, 1880.) In den folgenden beiden Jahrhunderten wurde die Arbeit regelrecht heiliggesprochen – in der ganzen Gesellschaft und quer durch alle politischen Lager. Ein Plakat mit der Aufschrift „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz“ kann heutzutage sowohl von der IG Metall als auch von der CDU sein.

Und was erwartet einen an den begehrten Arbeitsplätzen? Schlagzeilen geben wieder, was sehr viele nur zu gut aus eigener Erfahrung wissen: „Burn-out. Wenn Arbeit krank macht“; „Jeder Zweite klagt über Zeitdruck bei der Arbeit“; „Herzinfarkt durch Überstunden“; „Jeder vierte Erwerbstätige muss am Wochenende arbeiten, jeder sechste im Schichtdienst“; „Unzufriedene Mitarbeiter. Null Bock auf den Job“; „Raus aus der Mühle“; „Ältere Arbeitnehmer wollen möglichst schnell raus“; „Aus dem Alltag ausbrechen, weit weg reisen, etwas völlig Neues ausprobieren – viele träumen davon“. (Siehe dazu auch Peter Samol, Die Leistungsdiktatur. Wie der Konkurrenzdruck unser Leben zur Hölle macht, 2021)

Wenn es nach den Menschen ginge, würden lediglich zwei Prozent von ihnen erst nach dem 65. Lebensjahr in Rente gehen, die meistens wollen schon viel früher aufhören (Die Welt, 17. Mai 2014). Und was ist die Antwort? Rente mit 67, mit 68, mit 70, mit 75 – all das wird ernsthaft diskutiert. Wer heute unter 40 ist, weiß: Ich werde mit 80 noch keine Rente bekommen, von der ich leben kann. Das ist ein offenes Geheimnis.

Und es ist ein Riesenskandal. Denn die Roboter und Computer werden seit Jahrzehnten immer besser. Schon morgen werden wir im Wortsinne mit noch weniger Arbeit noch mehr Güter herstellen können. Und trotzdem sollen wir immer länger arbeiten. Was für ein Irrsinn. Daran ist aber kein Bundeskanzler und kein Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank schuld, sondern die absurde Logik „unserer Wirtschaft“.

Machen wir ein Gedankenexperiment, um diese Logik näher zu verstehen. Angenommen, wir haben uns einen Schnellkochtopf zugelegt und bereiten uns damit eine leckere Mahlzeit zu. Die schmeckt nicht nur besser als mit dem alten Kochtopf, sie hat auch mehr Vitamine und vor allem ist sie in fünf Minuten fertig statt wie früher in 20. Was machen wir vernünftigerweise mit der gewonnen Viertelstunde? Aufs Ohr legen, Blumen gießen, die Freundin anrufen – wie auch immer, wir nutzen die gewonnene Zeit für anderes.

Die Logik „unserer Wirtschaft“ macht da nicht mit. Sie befiehlt uns: „Bloß nicht aufs Ohr legen, sondern in den 20 Minuten vier leckere Mahlzeiten machen!“ – „Aber wieso denn, die brauche ich doch gar nicht, mir reicht doch eine.“ – „Aber was du brauchst, interessiert doch überhaupt nicht. Du musst Käufer suchen, Käufer suchen, Käufer suchen!“

Warum ist das so? Weil die Ware die Keimform unserer Gesellschaft ist. Hier schlägt uns das Alltagsbewusstsein das zweite Schnippchen. Denn wie es Arbeit und Tätigkeit verwechselt, so macht es auch keinen Unterschied zwischen Waren und Gütern. Doch Güter sind einfach nur Güter. In der Form der Ware dagegen steckt ein ganzes gesellschaftliches Verhältnis. Sie setzt voneinander isolierte Wareneigentümerinnen und Wareneigentümer voraus, die nicht für ihre Bedürfnisse, sondern für eine anonyme Macht arbeiten, von der ihr Wohl und Wehe abhängen: den Markt. Die meisten besitzen nur die Ware Arbeitskraft und müssen darauf hoffen, dass sich der Arbeitsmarkt dafür interessiert.

Die Wirtschaft, von der wir abhängen, heißt mit Recht Marktwirtschaft. Ein anderes Wort dafür ist Kapitalismus. Es wäre übrigens besser, bewusst und prononciert vom Kapital-Ismus zu sprechen. Denn man muss das Ding verstehen, das diesem Ismus seinen Namen gibt: das Kapital. Es hat eine ganz eigene innere Logik, die keine Wirtschaftsweise zuvor kannte. Es muss unaufhörlich wachsen. Hört es damit auf, gerät es sofort in die Krise. In der mörderischen Ellenbogenkonkurrenz des Marktes setzt sich Kapital nämlich nur dann durch, wenn es über genug Investitionsmittel verfügt, um möglichst viel rationalisieren, sprich Arbeit einsparen zu können. Nur so kann es einen Preis bieten, der die Konkurrenten aussticht.

Um die Investitionsmittel zu erwirtschaften, mit denen Kapital den Konkurrenten die entscheidende Nasenlänge voraus sein kann, muss es den höchstmöglichen Profit erzielen. Weil aber jedes Einzelkapital bei Strafe seines Untergangs genau dasselbe machen muss, gebiert das System als Ganzes zwangsläufig eine endlose Spirale der Akkumulation (Anhäufung) von Kapital. Grenzenloses Wachstum und Maximalprofit sind die DNA einer Markt-Wirtschaft. Die Märkte sind die wirklich Herrschenden im Kapitalismus.

Aber herrschen denn nicht immer irgendwelche Personen? Das war vor dem Kapital-Ismus so, aber dann wurde es anders. Ja, es gibt im Kapital-Ismus welche, die im Geld schwimmen und welche, die hungern. Es gibt „die da oben“ und „die da unten“, Mächtige und Ohnmächtige. Und doch können auch die Mächtigsten nicht die Logik des Kapitals außer Kraft setzen, sogar wenn sie das wollten. Kapital-Ismus ist eine abstrakte Herrschaftsform.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von BMW, Eberhard von Kuenheim, wurde einmal gefragt, ob er denn nicht wisse, dass es viel zu viele Autos gibt und der Planet es irgendwann nicht mehr verkraftet, wenn immer noch mehr gebaut werden. Seine Antwort: „Es mag zwar zu viele Automobile auf der Welt geben, aber noch zu wenige BMW.“ (Bayernkurier, 7. März 2016.) Ungewollt brachte er so die irre Logik des Kapital-Ismus auf den Punkt. Entsprechendes müssen natürlich auch die Manager von VW, Daimler und Toyota sagen.

Und mit ihnen auch die Arbeiterinnen und Arbeiter des jeweiligen Konzerns. Selbst wenn eine Arbeiterin ganz umweltbewusst ihr eigenes Auto abgeschafft haben sollte, muss sie daran interessiert sein, dass möglichst viele BMW gebaut und verkauft werden. Ihr Lebensunterhalt und der ihrer Familie hängen von ihrer Arbeit ab. Das wissen auch die Gewerkschaft und der Betriebsrat. Von der erfolgreichen Akkumulation von Kapital hängen nicht nur die Profite, sondern auch die Arbeitsplätze ab.

Die ganze Gesellschaft befindet sich in der Geiselhaft von ewigem Wachstum und Maximalprofit. Ohne diese wäre selbstverständlich auch der Staat handlungsunfähig, denn sein Lebenselixier Steuern kann er nur generieren, wenn die Megamaschine unaufhörlich brummt. Die Logik der kapital-istischen Gesellschaft ist absurd und selbstmörderisch: Wir rasen auf die Wand zu, aber wir können nicht aussteigen, weil wir von dieser Raserei leben. Besonders schmerzliche Erfahrungen macht damit zur Zeit die Klimaschutzbewegung, sobald es um die Arbeitsplätze geht.

Die Identifikation mit der Arbeit

Bei allen Interessengegensätzen zwischen Kapital und Arbeit – letztendlich sitzen beide im selben Boot der Kapitalverwertung. Arbeit ist weder „Tätigkeit“ noch „antagonistischer (unversöhnlicher) Widerspruch zum Kapital“.Sie ist vielmehr herrschendes Formprinzip einer Gesellschaft der Warenproduzentinnen und -verkäuferinnen. Ausgangs- und Zielpunkt dieser Warengesellschaft ist die selbstzweckhafte Akkumulation des Kapitals. In einer anderen Gesellschaft, deren Ausgangspunkt und Ziel nicht der abstrakte Reichtum der Akkumulation des Kapitals, sondern die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse wäre, wäre der stoffliche Reichtum , den wir zum Leben brauchen, alleiniger Zweck des Wirtschaftens. Wir würden also nicht arbeiten und Waren produzieren – wir wären sinnvoll tätig und würden Güter produzieren. Arbeit und Ware sind Fetische, die uns beherrschen. Dieser Fetischismus kann, anders als etwa eine Ideologie, nicht alleine durch gedankliche Reflexion überwunden werden. Aber ohne reflektierte Kapital-Ismus-Kritik ist uns noch nicht einmal der Fetischcharakter dieser Herrschaft bewusst und wir können uns nicht vorstellen, dass sie menschengemacht ist und auch wieder abgeschafft werden kann.

Doch egal, ob man diesen Fetisch durchschaut oder nicht – Leben und gesellschaftlicher Status fast aller Menschen in der kapital-istischen Gesellschaft hängen von ihrer Arbeit ab. Ohne meine Arbeit bin ich nichts. Das weiß man und das spürt man.Die Identifikation mit der Arbeit, zumal sie als eine Art Naturgesetz erscheint, liegt nahe. Sogar dann, wenn man sie insgeheim hasst. Es ist kein Zufall, dass auf die Frage „Was bist Du?“ niemand antwortet: „Ich bin Vater“, oder: „Ich bin jemand, der gerne wandert, musiziert, nachdenkt oder tanzt“, sondern: „Ich bin Verkäuferin, Lokführer, Lehrerin, Autohändler.“ Ich bin meine Arbeit.

Ihr identitärer Bezug auf die Arbeit hindert die Menschen daran, über den Tellerrand des Kapital-Ismus hinaus zu schauen. Solange sie in diesem Gedankengefängnis sitzen, ist es übrigens auch egal, wie viel „das Volk“ zu sagen hat. In der Schweiz, berühmt für ihre Volksentscheide, stimmte eine große Mehrheit gegen sechs Wochen Urlaub für alle. Das wäre nicht gerade der Übergang zur klassenlosen Gesellschaft gewesen. Aber das Argument war: „Mehr Urlaub heißt weniger Arbeitsplätze.“ Grotesk.

Die Identifikation mit der Arbeit bringt Menschen dazu, sich gegen ein besseres Leben zu entscheiden. Permanent begleitet sie die Angst, „wertlos“ für den Markt zu werden und ins Bodenlose zu stürzen. Und doch erscheinen ihnen die Verhältnisse als natürlich und alternativlos. Läuft nach ihrem Empfinden etwas schief in der Gesellschaft, machen sie individuelle „Schuldige“ und „eine schlechte Politik“ dafür verantwortlich, ohne die strukturellen Zwänge der Wirtschaft auch nur eines Gedankens zu würdigen.

Häufen sich gar Krisen, so scheint das erst recht nichts mit der Herrschaft von Arbeit, Ware, Markt und Kapital zu tun zu haben. Der Tunnelblick der Menschen kann dann schnell zu Verschwörungsweltbildern mutieren. Sie phantasieren von dunklen Mächte mit bösen Absichten, die ihnen an den Kragen wollen. Wie groß das Potential dafür in ganz verschiedenen Ecken der Gesellschaft ist und dass auch Bildung und Intelligenz nicht unbedingt davor schützen, führen derzeit die „Querdenken“-Demonstrationen vor Augen.

Die konformistische Rebellion

Man kann rebellieren und gleichzeitig konformistisch sein. Das Kapital nicht verstehen, aber gegen die Folgen des Kapital-Ismus Sturm laufen, macht das möglich. Es ist wie in einem Gefängnis sitzen, von dem man nichts weiß. Verbindet sich das mit der Vorstellung von „schuldigen Bösewichtern und Verschwörungen“, ist die Grundlage für eine konformistische Rebellion gelegt. Diese fordert autoritäre Krisenlösungen und die Ausschaltung der vermeintlich schuldigen Personen. Schlimmstenfalls versinkt sie im antisemitischen Vernichtungswahn.

Nazideutschland hat demonstriert, dass das Gedankengefängnis des Arbeitsfetischs in Krisenzeiten wahre Monster hervorbringen kann. Der Nationalsozialismus war eine Massenbewegung konformistischer Rebellinnen und Rebellen. Ihre unbewusste und uneingestandene Sehnsucht nach einem Leben ohne Arbeit, während sie sich doch gleichzeitig mit ihrer Arbeit identifizierten, entlud sich im Hass auf diejenigen, die sich ein solches Leben leisten konnten – sei es wirklich oder nur in der Einbildung der Rebellierenden. Von ihnen jedenfalls fühlten sie sich zutiefst beleidigt und betrogen.

Dass ihr Hass „die Juden“ traf, war kein Zufall. Die Geschichte des christlichen Abendlands ist durchzogen von mörderischen Judenpogromen. Seit bald zweitausend Jahren brandmarkte das Christentum die Juden als „Gottesmörder“. Sie galten als „Brunnenvergifter“ und „Kindermörder“. An der Pest waren sie selbstredend auch „schuld“. Im 12. Jahrhundert verbot die Kirche den Christen das „Geldgeschäft“ und wies es den Juden zu, denen sie gleichzeitig die Ausübung vieler Berufe untersagte. Das führte zwangsläufig dazu, dass es unter Bankiers mehr Juden gab als im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Der Boden war bereitet für die Gleichsetzung von „Jude“ und „Geld“, einem zentralen Topos des modernen Antisemitismus.

Zudem war die Heiligsprechung der Arbeit nirgends so ausgeprägt wie in Deutschland. Auch das hatte mit dem Christentum zu tun und besonders mit dem Protestantismus, der nur in wenigen Ländern ähnlich deutliche Spuren hinterließ. Martin Luther war nicht nur Arbeitsfanatiker, sondern auch glühender Judenhasser. Nicht zufällig waren die Nazis große Luther-Fans. Auch in ihren Köpfen passte beides nahtlos zusammen. Geradezu konstitutiv für das Weltbild der NSDAP war ein ausgeprägt affirmativer Bezug auf die „ehrliche Arbeit“.

Aufgrund all dieser historischen und inhaltlichen Kontinuitäten lag es auf der Hand, dass die Juden zu den Hassobjekten wurden, deren Eliminierung sich die Nazideutschen wünschten. In der Wahnvorstellung, die die meisten Deutschen ergriffen hatte – egal ob sie zu „denen da oben“ oder zu „denen da unten“ gehörten –, war Auschwitz die Entsorgung der „Raffgier“ im Namen der „ehrlichen und betrogenen Arbeit“. Das perverse Motto „Arbeit macht frei“ über dem Tor von Auschwitz hatte seine Folgerichtigkeit.

Dank der Alliierten des Zweiten Weltkriegs wurden die Nazideutschen besiegt. Heutzutage haben die meisten „nichts gegen Juden“. Trotzdem ist der Antisemitismus nicht verschwunden. Das hat auch damit zu tun, dass er nie wirklich verstanden und aufgearbeitet wurde. Er gärt unter der Oberfläche einer krisengeschüttelten Gesellschaft und traut sich zunehmend auch wieder ganz offen und unverblümt ans Tageslicht, beispielsweise auf „Querdenken“-Demonstrationen.

Doch auch wer „die Schuldigen“, von denen er sich bedrängt fühlt, nicht mit „den Juden“ gleichsetzt, kann sich in einer gefährlichen Nähe zum Antisemitismus befinden, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Seit der Finanzkrise von 2008, die bis heute nicht wirklich enden will und sich in immer neuen Formen Bahn bricht, fühlen sich viele von „gierigen Spekulanten, Bankstern, Heuschrecken“ (und so weiter) bedroht, denen sie „die Schuld“ geben. Gesellschaftskritik wird mit Wut auf „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt.

Wenn es eine Lehre aus der Geschichte gibt, dann die: antisemitischer Vernichtungswahn kann sich in Krisenzeiten rasend schnell ausbreiten. Bei der Reichstagswahl im Mai 1928 erhielt die NSDAP 2,6 Prozent der Stimmen. Keine 14 Jahre später, im Januar 1942, organisierte die Wannseekonferenz die „Endlösung der Judenfrage“. Die Monster der Vergangenheit können wiederauferstehen.

Nichts muss bleiben, wie es ist

Wir leben in einer gefährlichen Krisenzeit. Es gibt keine Gewissheit, wie das ausgeht. Aber es gibt auch Dinge, die Hoffnung machen. Dazu gehört, dass es heutzutage eine reflektierte Kapital-Ismus-Kritik gibt, die ihn wesentlich besser verstanden hat als der landläufige „Antikapitalismus“ von links und rechts. Sie ist aber leider noch zu wenig bekannt. Ihre Verbreitung ist unerlässlich für die Suche nach Wegen aus dem Kapital-Ismus. Sie beginnt mit der Kritik der Arbeit und kann deswegen einen völlig anderen Blick auf die Dinge werfen.

Der eigentliche Skandal ist nämlich nicht, dass die gewaltige Steigerung der Produktivität, die wir erleben, nicht jedem einen Arbeitsplatz verschafft, sondern umgekehrt, dass wir trotz dieser Steigerung immer mehr und immer länger arbeiten sollen. Schon längst wäre ein besseres, natur- und menschenvertägliches Leben mit viel mehr Raum zur persönlichen Entfaltung möglich – ohne Kapital-Ismus. (Siehe dazu auch Lothar Galow-Bergemann und Ernst Lohoff, Gestohlene Lebenszeit. Warum Kapitalismus zu Verzicht nötigt und wir viel weniger arbeiten könnten, in: Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg.), Shutdown. Klima, Corona und der notwendige Ausstieg aus dem Kapitalismus, 2020) Doch man kann den Kapital-Ismus nicht loswerden, solange man ihn nicht wirklich verstanden hat. Das beweisen die verschiedenen gescheiterten Versuche, ihn zu überwinden. Aber es gibt nicht nur Gescheitertes. Es gibt heute auch viele kluge und spannende praktische Initiativen und Projekte, die aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und neue Wege erproben.

Der Text erschien zuerst in der arbeitskritischen Broschüre „Nine to Five – Perspektiven auf Arbeit“, herausgegeben von der Leipziger Gruppe „Utopie und Praxis“. Er wurde redaktionell leicht bearbeitet. Die Broschüre ist online als pdf-Datei verfügbar.