Von Peter Samol
(Ursprünglich erschienen in der Jungle World 2026/38 vom 17.09.2026
Der Protest gegen den Bau von Rechenzentren wächst, insbesondere in den USA, wo die Bevölkerung sie über alle politischen Lager hinweg mit großer Mehrheit ablehnt. Das ist auch eine Reaktion auf befürchtete gesellschaftliche Folgen der KI-Technologie. Die Besorgnisse reichen von wachsender Arbeitslosigkeit über Klimaschäden bis hin zum Weltuntergang.
Ohne Rechenzentren kein Internet: In ihnen befinden sich die Server, die für Websites, Cloud-Dienste und vieles mehr benötigt werden. Damit sind sie seit Jahrzehnten zentraler Bestandteil der IT-Infrastruktur. Seit einigen Jahren steigt wegen des Booms der KI-Programme die Zahl der Rechenzentren jedoch weltweit – und sie fallen immer größer aus: Galt bis vor kurzem noch ein Rechenzentrum mit einer Leistung von fünf bis zehn Megawatt als groß, erreicht die aktuelle Generation bereits 200 bis 500 Megawatt, teilweise sogar schon ein Gigawatt Leistungsstärke.
In Deutschland hat Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) das Ziel ausgegeben, die Gesamtleistung eigener Rechenzentren bis 2030 zu verdoppeln. Das Ziel ist »Souveränität« und Unabhängigkeit von US-amerikanischen IT-Konzernen, auch in Hinblick auf die Unzuverlässigkeit der US-Regierung unter Präsident Donald Trump. In Deutschland gibt es derzeit etwa 2.000 Rechenzentren, darunter rund 100 besonders große. Konkret geplant sind derzeit 99 weitere, von denen sich 41 bereits im Bau befinden. An einem guten Fünftel der Projekte sind allerdings nach einer Auswertung von NDR und Süddeutscher Zeitung US-Konzerne wie Amazon oder Microsoft beteiligt, obwohl gerade das vermieden werden soll. Laut Ralph Hintemann, Experte am Borderstep-Institut, das die Bundesregierung bei der sogenannten Nationalen Rechenzentrumsstrategie berät, sollte Deutschland ausschließlich mit europäischen Unternehmen zusammenarbeiten. Das ist offenbar nicht so einfach.
Rechenzentren sind extrem hässlich. Sie bestehen in der Regel aus mehreren fensterlosen Gebäudeblöcken, jeder bis zu 25 Meter hoch, auf einer Fläche von Dutzenden Fußballfeldern. Innen befinden sich Tausende von Servern, deren Betrieb ein sehr eigentümliches und durchdringendes Summen erzeugt, was oft Anwohner stört. Außerdem verbrauchen sie enorme Mengen an Strom und Wasser. Einmal errichtet, bleiben sie mindestens zehn Jahre lang in Betrieb. Sämtliche Vorschriften für ihren Betrieb müssen von den zuständigen Gemeinden vor Baubeginn erlassen werden, denn danach bestehen nur noch wenig Möglichkeiten der Einflussnahme. Die Kommunen werden bisher mit dieser – für sie in der Regel völlig neuen – Aufgabe weitgehend alleingelassen. Das Digitalministerium hat allerdings angekündigt, noch im Laufe dieses Jahres Leitfäden für Gemeinden auszuarbeiten.
Den Orten, an denen sie stehen, bringen die Datenzentren kaum Vorteile. Sie schaffen nur wenige Arbeitsplätze, denn für den Betrieb braucht es nur einige wenige Techniker. Deshalb fallen trotz der guten Bezahlung für die betreffenden Kommunen kaum Einnahmen aus der Lohnsteuer an. Auch die Gewerbesteuern fallen eher mau aus, da Rechenzentren selbst bisher keine allzu hohen Einnahmen erzielen.
Zugleich verbrauchen sie jedoch derzeit noch enorme Mengen an Wasser. Die schiere Menge der Prozessoren erzeugt sehr viel Wärme. In der Regel wird die heiße Luft in den Serverhallen heruntergekühlt, indem Wasser versprüht wird, was die Temperaturen durch Verdunstungskälte senkt. Das Verdampfen ist sehr wasserintensiv. Es ist jedoch die billigste Kühlmethode und daher die am häufigsten verwendete. Grundsätzlich ist das Problem des hohen Wasserverbrauchs allerdings lösbar. So könnte man laut Marina Köhn, Expertin für „Green-IT“ beim Umweltbundesamt, geschlossene Kühlkreisläufe verwenden, in denen das Wasser zirkuliert und erhalten bleibt. Außerdem könnte man die Abwärme der Server für Fernwärme nutzen – auch wenn das natürlich kein Wasser spart. Damit solche Verfahren zum Einsatz kommen, bedarf es allerdings eindeutiger Auflagen und klarer gesetzlicher Regelungen. Bisher bestehen nur wenige Kommunen auf entsprechenden Verfahren, was sich aber laut Bundesdigitalministerium gerade zu ändern beginnt.
Der enorme Stromverbrauch lässt sich dagegen nicht so einfach reduzieren. Die gigantische Zahl an Berechnungen, auf deren Grundlage KI-Programme überhaupt nur funktionieren können, geht mit einem extrem hohen Energieverbrauch einher, der sich noch weiter verschärfen wird, wenn die Zentren wie geplant immer größer und zahlreicher werden. Darin liegt auch eine reale Bedrohung für die Versorgungssicherheit im Umfeld der Rechenzentren. In den USA werden für die Datenzentren daher häufig eigene Kraftwerke gebaut, meistens Gaskraftwerke. Der große CO2-Fußabdruck der Rechenzentren schadet wiederum dem Klima.
Insgesamt überwiegen hier eindeutige Nachteile für die Anwohner der Rechenzentren. Aber nicht nur aus diesem Grund wächst der weltweite Widerstand gegen Rechenzentren. Immer mehr Menschen zweifeln generell am Nutzen von Künstlicher Intelligenz.
Die bisher stärksten Proteste finden in den USA statt. Dort ist der Widerstand gegen Datenzentren innerhalb eines knappen Jahres enorm gewachsen. Und obwohl die US-Bevölkerung ansonsten politisch tief gespalten ist, ist man sich in der Ablehnung gegen Rechenzentren über alle Partei-, Schicht- und Altersgrenzen hinweg einig: Drei von vier US-Amerikanern würden den Bau eines Rechenzentrums in ihrer Umgebung ablehnen, so eine aktuelle Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Heatmap Pro und Embold Research. Mehr als die Hälfte der Befragten würde außerdem ein bundesweites Moratorium für den Ausbau von Rechenzentren unterstützen. Weder Kernkraftwerke noch Fracking-Anlagen haben jemals eine so große Ablehnung in der Bevölkerung hervorgerufen.
Nach Berechnungen der US-amerikanischen NGO Data Center Watch brachten Proteste in den USA allein im vergangenen Jahr 48 Projekte zu Fall. Im von den Demokraten regierten Bundesstaat New York wurde bereits ein einjähriges Moratorium gegen den Bau von Rechenzentren verhängt. Aber auch in Texas verhängte der republikanische Gouverneur ein faktisches Moratorium, indem er alle Genehmigungen aussetzte, bis eine anberaumte Überprüfung aller Rechenzentren, die sich an das allgemeine Stromnetz anschließen wollen, abgeschlossen ist.
Unterdessen regt sich auch in Deutschland und vielen anderen Ländern der Protest. Auch hier gilt der Widerstand laut einer Analyse der Deutschen Bank zunehmend der KI-Technologie im allgemeinen. Sie steht in den Augen vieler für künftige gesellschaftliche Umwälzungen, die mit großen Befürchtungen einher gehen. „Menschen merken: Irgend etwas stimmt hier nicht. Uns geht alles zu schnell. Wir wollen ein Leben führen, das wir wenigstens einigermaßen verstehen können”, meinte die Philosophin Rebekka Reinhard im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Eng damit zusammen hängen auch Besorgnisse, KI könnte zu Massenarbeitslosigkeit sowie zu erhöhter sozialer Ungleichheit führen.
In diesem Zusammenhang ist es eigentlich kein Wunder, dass entsprechende Befürchtungen gerade in den USA besonders groß sind. Die Entwertung der eigenen Arbeitskraft wirkt hier fataler als in manchen europäischen Ländern, weil es nur ein sehr rudimentäres Sozialsystem gibt, und selbst das wird derzeit weiter abgebaut. KI-Programme haben ein starkes Potential, menschliche Arbeit überflüssig zu machen. Hinzu kommt eine offensive Rücksichtslosigkeit der KI-betreibenden IT-Unternehmen, die offen nach dem früheren Facebook-Motto „Move fast and break things” (Bewege dich schnell und mach Dinge kaputt) vorgehen.
Eine Zukunft, in der KI-Programme Firmen helfen, unzählige Arbeitsplätze wegzurationalisieren, ist dabei noch eine der optimistischeren Prognosen, die die KI-Industrie im Angebot hat. Nicht nur KI-Skeptiker, sondern auch Entwickler selbst sprechen immer wieder von Gefahren wie Kontrollverlust durch sich selbst weiterentwickelnden Systeme, wie etwa die KI-Agenten von Anthropic, die bereits mehrmals – ohne ihre Auftraggeber zu informieren – koordinierte Hacking-Angriffe auf andere Technologiekonzerne durchgeführt haben. „Wir glauben wirklich ernsthaft, dass KI alle Menschen umbringen könnte!“, postete kürzlich Evan Hubinger, Leiter einer Forschungsabteilung bei Anthropic, auf X. „Ich persönlich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit im kommenden Jahrzehnt bei über zehn Prozent liegt.“ So wirken die Rechenzentren wie sichtbare Zeichen einer Zukunft, die den Menschen Ohnmacht verheißt.

