10.06.2026 

Die Germanen, eine Chimäre

Rezension zu: Karl Banghard, Die wahre Geschichte der Germanen. Propyläen: Berlin 2025, 269 S.

Zuerst erschienen in der Wiener Zeitschrift Streifzüge

von Hermann Engster

Chimäre (Χίμαιρα, Chímaira): Mischwesen der griechischen
Mythologie, bestehend aus Löwe, Ziege und Schlange.
(Wikipedia)

Unsre Kenntnisse von den Germanen stammen hauptsächlich von römischen Geschichtsschreibern. Hauptgewährsmann ist der Historiker Tacitus mit seinem ethnographischen Werk Germania, verfasst 98 n.u.Z. (den Titel erhielt es allerdings erst in der Zeit der Renaissance). Der Name „Germanen“ war nicht gebräuchlich, allgemein sprach man von Kelten, auch die Kimbern und Teutonen, die 102-101 v.u.Z. auf ihrem Zug von Jütland nach Süden ins römische Reich einbrachen, nannte man Kelten.

Tacitus selbst ist nie bei germanischen Stämmen gewesen, seine Informationen bezieht er aus Berichten von dort tätigen Offizieren und Kaufleuten. Überprüfen kann er sie nicht, auch die Römer vor Ort müssen oft schlicht glauben, was diese „Barbaren“ ihnen von sich berichten, bis hin zu dem germanischen Jägerlatein, dem der kühle Caesar aufsitzt, wenn er im 6. Buch seines De Bello Gallico berichtet, was Indigene ihm über ihre Elchjagd erzählten: Elche, so instruierten schalkhafte Germanen ihn, besäßen keine Kniegelenke, weshalb sie sich nicht hinlegen könnten, daher stehend schliefen und sich deshalb an einen Baumstamm lehnten, vorzugsweise an einen ausgesucht bequemen Schlafbaum. Diesen kundschafteten Jäger aus, sägten ihn an, und wenn der Elch sich zum Schlafenstehen anschickte, dann kippte der Baum um und der Elch mit ihm; für Lateiner: infirmas arbores pondere adfligunt atque una ipsae (scil. alces) concidunt – leichte Beute. Ein wahrer Schenkelklopfer, wenn die Spaßvögel abends bei Met und Elchbraten ihren Zechgenossen zum Besten gaben, wie sie dem großen Feldherrn einen Bären resp. Elch aufgebunden hatten.

Name ist Schall und Rauch
(Goethe, Faust I)

Soweit der Spaß, nun zum Ernst. Der beginnt schon beim Namen „Germanen“. Caesar nennt die von der oberen Weser bis zur Elbe siedelnden Stämme sämtlich Cherusker. Der Begriff Germanen ist eine Konstruktion, die wahrscheinlich auf Caesar selbst zurückgeht, wohl um seine Eroberung des gesamten Gallien triumphal hervorzuheben und den Rhein als römische Herrschaftsgrenze gegenüber den östlichen Stämmen zu etablieren. Die Stämme, die man aufgrund der Sprachgemeinschaft als „Germanen“ bezeichnet, nannten sich selbst nicht so. Der Name selbst wurde gern als „Speermänner“ gedeutet, von „Ger“ für Wurflanze. Er leitet sich aber wahrscheinlich her vom keltischen Wort gair „Nachbar“ oder gairm „die (kriegerisch) Schreienden“. Eigentlich müsste man den Namen Germanen immer in Anführungsstrichen schreiben, weil es „die Germanen“ nicht gab, aber „Dat weer en Kramp“, wie man auf Plattdeutsch im Umkreis des Denkmals für Hermann den Cherusker im Teutoburger Wald sagen würde. Von diesem gleich mehr.

Die Schilderungen über die Germanen bedienen Stereotypen und werden von den ideologischen Absichten der Autoren gelenkt. Auch bei Tacitus. Er ist ein brillanter Analytiker und Stilist, betont, sine ira et studio zu schreiben, doch meint das nicht eine neutrale Berichterstattung, sondern nur Unabhängigkeit von der Tagespolitik. Im Gegenteil kritisiert er, sich an den Idealvorstellungen der Republik orientierend, seine Zeit als vom Verfall verdorben. Mit seiner Germania hält er seinen Zeitgenossen seine Beschreibung der, wenn auch primitiven, so doch sittenstrengen Gesellschaft als Spiegel vor. Dennoch verschweigt er nicht die negativen Seiten der Germanen, schildert sie als sauflustig, spielwütig, betrügerisch, wirtschaftlich nachlässig, „edle Wilde“ sind sie also auch nicht.

Das hindert 1700 Jahre später Vaterlandsenthusiasten nicht, sie als Vorbilder zu stilisieren. „Deutsch“ und „germanisch“ werden Synonyme; selbst ein so gewissenhafter Philologe wie Jacob Grimm betitelt seine Darstellungen der germanischen Sprachen als Deutsche Grammatik (Göttingen 1819), die der Mythologie, die hauptsächlich auf nordischen Quellen beruht, als Deutsche Mythologie (Göttingen 1835), und noch im Terminus Germanistik steckt das Germanische drin, weshalb sich Fachinstitute auch heute meist „Seminar für deutsche Philologie“ nennen.

Hinter dem Germanen-Hype stecken politisch-ideologische Gründe. Der politischen und kulturellen Dominanz der (als verschlagen geltenden) Franzosen („Welschen“), wird die rechtschaffene Gesinnung der Deutschen entgegengehalten. Symbolfigur ist Hermann der Cherusker, der im Teutoburger Wald die Römer besiegte, angeblich um Germanien zu befreien, und seitdem als Vorbild für alle „echten Deutschen“ herhält. Ihm wurde bei Detmold ein Denkmal errichtet, es zeigt ihn, mit erhobenem Schwert nach Westen zum Erbfeind Frankreich blickend:

Wer ist dieser „Hermann“? Eigentlich heißt er Arminius, wird als Junge von seinem Vater, dem mit Rom verbündeten Cheruskerfürsten Segestes, als Bündnispfand nach Rom geschickt, genießt dort eine ausgezeichnete Erziehung, erhält das Bürgerrecht und wird sogar in den Ritterstand erhoben. Er macht Karriere im Militär und steigt auf zum Berater des Feldherrn Quinctilius Varus, der politisch erfahren und militärisch keineswegs ein hirnloser Haudrauf, sondern ein besonnener Stratege ist. Er vertraut Arminius vorbehaltlos, und das ist sein Fehler.

Arminius, selbst auf Macht versessen, zettelt unter den Stämmen eine Verschwörung gegen Varus an, lockt ihn unter dem Vorwand, Aufständische bekämpfen zu müssen, in den Teutoburger Wald, wo in einem asymmetrischen Krieg, wie man es heute nennt, die germanischen Guerillatruppen drei Tage lang die Legionen mit deren insgesamt 20.000 Mann unentwegt attackieren, diese jedoch in dem sumpfigen Gelände nicht ihre überlegene Taktik ausspielen können und völlig aufgerieben werden. Varus wählt danach den Freitod. Doch auch der Verräter Arminius kann sich seines Triumphs nicht lange freuen. Der Warlord strebt selbst nach Herrschaft und wird von misstrauischen Gegnern ermordet. Das Haupt des toten Varus hat er zuvor dem Markomannen-Fürsten Marbod als Bündnisangebot zum Geschenk übersandt, doch dieser will Frieden mit den Römern und schickt es, ehrenvoll einbalsamiert, der Familie des Varus nach Rom.

Die Konstruktion eigner Identität geht immer mit der Abgrenzung andrer einher, insbesondere der Franzosen, was in den Napoleonischen Kriegen bis zum Hass hochkocht, so beim Preußen-Propagandisten Kleist, der in seiner Ode Germania an ihre Kinder eine imaginäre Göttin Germania als mythische Inkarnation der Deutschen heraufbeschwört – Germania solle den Deutschen beistehen, die Franzosen zu besiegen – und er sich dabei in eine rasende Mordlust hineinsteigert: Alles Land soll mit den verbleichenden Knochen der Franzosen weiß gefärbt und der Rhein mit ihren Leichen aufgestaut werden.

Germania! In diesen Jahrzehnten werden die germanischen Mythen und Dichtungen wiederentdeckt, die allerdings hauptsächlich aus Skandinavien und Island stammen, weil deren Bewohner, nun ja, halt auch zu den Germanen zählen. Diese Mythen und Sagen werden enorm populär, und Richard Wagner bedient sich weidlich daraus in seiner Tetralogie Der Ring des Nibelungen, weil die antiken Mythen durch jahrhundertelange künstlerische Nutzung abgedroschen sind. In Deutschland mit seiner ansonsten spärlichen Heldendichtung ist es insbesondere das Nibelungenlied, das, gedichtet um 1200, weniger altgermanisch als christlich ist, dies trotz Verrat, Betrug, Rachsucht und Mordlust, alles Eigenschaften, die durchaus kein germanisches Privilegium sind, sondern sich bestens mit dem Christentum vertragen. In den Isländersagas glaubt man, echte „altgermanische Gesittung“ zu erkennen, weil sie in der paganen Zeit des 9. und 10. Jahrhunderts spielen, jedoch christlich imprägnierte literarische Kunstwerke des 13. Jahrhunderts sind.

O wandern, wandern, meine Lust!
(Müller/Schubert, Die schöne Müllerin)

Romantisch beseelte Germanisten machen als Ursache für die Völkerwanderung eine tief eingewurzelte germanische Wanderlust aus, die in der Zeit der Romantik schwärmerisch wiederbelebt wird. Doch alles andre als Wanderlust, sondern Krisen wie Überbevölkerung, Nahrungsmangel, Bedrohung von außen, seit 375 vor allem durch die Hunnen, sind die Gründe der Völkerwanderung, bei der Männer, Frauen, Kinder mit Sack und Pack sich auf die Reise in eine ungewisse Zukunft aufmachen und dabei, wohlgemerkt, sich in Feindesland begeben, denn immer sind andre schon da, und wenn sie die Grenzen zum Imperium Romanum überschreiten, geraten sie an eine militärisch hochgerüstete Großmacht.

Aber wer waren diese Germanen eigentlich? Dieser Frage geht Karl Banghard in seinem Buch nach, das auf dem neusten Stand der Germanen-Forschung ist. Der Autor ist Prähistoriker, ausgewiesen durch siebzig Fachartikel, dazu Direktor des Archäologischen Freilichtmuseums im Teutoburger Wald. Prähistorie, auch Ur- und Frühgeschichte genannt, ist eine archäologische Wissenschaft, und vor ihren empirischen Befunden und methodisch gesicherten Rekonstruktionen müssen sich die schriftlichen Überlieferungen bewähren. Diese haben zweihundert Jahre lang das Germanen-Bild geprägt, und die Überprüfung durch die Archäologie ist für sie ernüchternd. Literarische Zeugnisse sind immer interessengeleitet, archäologische Funde hingegen neutral.

Wie stellt sich die Geschichte der Germanen dar? Im 4. Jahrtausend v.u.Z. brechen Reitervölker aus den Steppen nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meeres auf, nach Süden bis nach Indien und Persien, nach Westen bis Irland und Skandinavien, und unterwerfen die dortige Bevölkerung. Die gemeinsameGrundsprache dieser Völker wird „indoeuropäisch“, früher „indogermanisch“, genannt, weil sie von Indien bis zum westlichen Rand Europas reicht. Sprachvergleichungen zeigen einen gemeinsamen Ursprung, aber schon von Beginn an ist ihre Sprache in Dialekte gegliedert und differenziert sich im Verlauf der Wanderungsbewegung rasch aus: in die Sprachen altindischer Völker (Sanskrit), der Perser, Hethiter, Slawen, Albaner, Armenier, Griechen, Italiker, Kelten (Iberer, Gallier, Britannier, Schotten, Iren), Germanen.

In Europa bilden sich in der Folgezeit zahlreiche germanische Stämme heraus, grob eingeteilt in: Ostgermanen (Goten, Vandalen, Burgunden im heutigen nördlichen Polen), Westgermanen (Sachsen, Bataver, Friesen, Franken, Alamannen in Mittel- und Westeuropa), Nordgermanen (Dänen, Gauten, Svear in Skandinavien, außer Finnland).

Auch für diese Völker hat die historische Sprachwissenschaft eine gemeinsame Ursprache rekonstruiert, das sog. Urgermanische, das natürlich auch eine Fiktion ist. Verständigt haben sich diese Germanen untereinander wohl einigermaßen, vermutlich mit ähnlichen Schwierigkeiten, wie sie Tiroler und Friesen haben, wenn sie reden, wie ihnen der mundartliche Schnabel gewachsen ist. Immerhin reicht es, um Handel zu treiben, sich zu Raubzügen zu verabreden, ja sogar dazu, weitreichende Allianzen zu installieren wie die der Sueben unter Ariovist, eine Allianz, die von der Ostsee bis nach Kärnten und zur Rhone reicht und den Römern schwer zu schaffen macht.

Der Rezensent, selbst Germanist und Nordist mit Schwerpunkt auf mittelalterlicher Literatur und germanischer Altertumskunde, kann das Buch nur loben; denn auf der Grundlage nüchterner archäologischer Forschung entfaltet es mit seinen Analysen und Interpretationen die enorme Vielfalt der germanischen Lebenswelten. Das Buch ist, so der Klappentext, ein Roadmovie quer durch die germanischen Siedlungsräume, es ist flott geschrieben und fertigt die Klischees über die Germanen mit genüsslicher Ironie ab. Banghard behandelt einen Zeitraum von der Varus-Schlacht bis zum 5. Jahrhundert. Er zeigt die erstaunliche Mobilität dieser Gesellschaften, insbesondere deren Handelsbeziehungen, die bis in die Bronzezeit zurückreichen, und vermittelt allerlei Bemerkenswertes, z.B. dass Frauen den Arztberuf ausübten, eine Dänin sogar als Hirnchirurgin praktizierte, spart auch nicht mit skurrilen Details wie den manikürten Fingernägeln von Moorleichen.

Damit soll es nun sein Bewenden haben, denn es geht in dieser Rezension nicht darum, die empirische Fülle von Banghards Buch auszubreiten, sondern zu zeigen, wie er mit den Mythen über die Germanen aufräumt. Und das wird die Leserinnen und Leser dieser Rezension vor allem interessieren.

Dazu bietet sich als Übergang das Kapitel über die Runen an. Mit ihm rennt Banghard freilich offene Türen ein. Es ist unbestritten, dass Runen auch eine magische Funktion hatten, so wie die Christophorus-Plakette am Armaturenbrett eines christlichen Autos; der Mystizismus über die Runen ist in der Runologie aber längst abgetan, denn die meiste Verwendung von Runen ist profan. Dennoch ist das Offene-Türen-Einrennen verdienstvoll, denn das Buch ist für ein breites Publikum bestimmt, und wenn man sich umschaut, was in der Esoterik-Szene mit Runenyoga, Runenorakeln bis hin zu Runenjodeln an Humbug getrieben wird, dann ist dem Autor für seinen aufklärerischen Elan zu danken. Dieser geht vor allem aufs Politisch-Ideologische. Hier sei nun das Wichtigste von des Autors ideologiekritischen Aufräumarbeiten thesenartig zusammengefasst.

Gebundenheit an die „Scholle“

Davon kann keine Rede sein. Hingegen zeichnen sich die germanischen Gesellschaften durch eine große Mobilität aus. In rechten Kreisen muss die Odal-Rune als heiliges Heimatsymbol herhalten. Sie bezeichnet ererbten Besitz, es erstaunt aber immer wieder, wenn man in den Isländersagas liest, wie nüchtern-pragmatisch Bauern ihren Hof verlassen und sich anderswo ansiedeln, weil es dort vorteilhafter ist.

Eigentum ist im Wesentlichen Gemeineigentum. Abgrenzungen wie Hof, Dorf, Gemarkung werden nicht nach „blutmäßigen“, sondern nach wirtschaftlichen Kategorien gezogen. Es herrscht der Grundsatz der Gleichheit mit gemeinschaftlichem Grundbesitz, kooperativer Weidenutzung und vielleicht auch periodischer Umverteilung von Nutzflächen. Solches gibt es in traditionellen russischen Dorfgemeinschaften, ebenso in Irland, Schottland, Indien. Deren universelle Enteignung und Verwandlung in Privateigentum geschieht erst mit dem anbrechenden Kapitalismus. Marx hat diese Produktionsformen studiert (MEW 23, 92 f.) und sie als Prototypen moderner sozialistischer Vergesellschaftung angesehen, wobei das künftige „kommunistische Eigentum“ nur „eine höhere Form des archaischen Eigentumtyps“ sein würde. (MEW 19, 398, Marx‘ Hervorhebung)

Biologische Einheit

Es gibt sie nicht, schon gar kein Germanen-Gen. Die Begriffe Stamm, Gens, Volk täuschen Blut und Vererbung vor. In den germanischen Stämmen der Völkerwanderung und ihren Heeren marschieren die unterschiedlichsten Völkchen mit, auch Slawen, Reiternomaden – buntes Multikulti, bei dem „braun“ nicht mehr als eine Farbe ist. Auf edle Abstammung legen nur die Anführer wert, um ihrem Herrschaftsanspruch eine höhere Weihe zu verleihen. Bizarr ist das Beispiel des Gotenkönigs Theoderich, der sich als Spross der Flavier geriert – einer dreihundert Jahre älteren berühmten römischen Kaiserdynastie. Das ist, als wenn die AfD-Knallcharge Höcke ihre Herkunft vom Reichsretter Kaiser Friedrich Babarossa herleitete.

Germanische Kultur

Sie gibt es nicht als homogene Einheit, sondern nur als Flickenteppich von Herrschaftsformen, Religionen, Kulten, Moralen, Stammestraditionen, Wirtschaftsweisen, Moden. Was Germanisten früher gern als „altgermanische Gesittung“ rühmten, ist destilliert aus altnordischer Heldendichtung. Und diese richtet sich weniger nach der Devise „Meine Ehre heißt Treue“, sondern verschmäht auch oft genug das Gegenteil nicht. Die Frage „Was ist ein Held?“ hat ein Nordist einmal lakonisch so beantwortet: „Ein Held ist, wer das Exorbitante tut.“ Dies auch dann, wenn er um seines persönlichen Ehrgeizes willen gegen die Interessen seines eignen Reichs handelt.

Germanischer Adel

Im dritten und vierten Jahrhundert häufen sich die Raubzüge germanischer Warlords, Raubzüge, die bis Norditalien und Südfrankreich sich erstrecken. Aus dieser Zeit stammen viele Prunkgräber, dazu Funde von enormen Waffen- und Münzenansammlungen. Der Reichtum ist zum einen durch Raub erbeutet, der schwedische Archäologe Svante Fischer spricht von einem System der Kleptokratie von Clans; zum andern besteht der Reichtum aus Entgelten für militärische Dienstleistungen, wobei die Römer so verfuhren: Sie engagierten germanische Söldner gegen ihre Feinde, und nach getaner Arbeit erledigten sie, wenn sie konnten, zur Vermeidung künftiger Risiken die geschwächten Söldner. – Bestattet wurden in den Prunkgräbern die Anführer. Die Altertumswissenschaftler des deutschen Sprachraums rühmten sie gern als Elite, was nobel klingt, gleichsam wie in fairem Wettbewerb erworben, schließlich, so bemerkt Banghard trocken, ist man selbst Wissenschaftselite. Er selbst bezeichnet sie als „Fettschicht auf der Sklavenhaltersoße“. Nicht wissenschaftlich vornehm formuliert, aber wirklichkeitsnah.

Germanische Religion

Erwiesen sind heilige Haine als Kultstätten, die gibt es jedoch in allen Kulturen und sind nichts spezifisch Germanisches. Berühmt sind germanische Seherinnen, die auch bei den Römern hohes Ansehen genossen, was immer jene weisen Frauen von sich mögen gegeben haben. Im Rheinland gedeihen Kulte um Frauengottheiten, die sog. Matronenkulte, die jedoch aus Italien und Frankreich importiert sind, ein Beispiel für, wie Banghard salopp bemerkt, das „keltisch-römisch-germanische Götter-Sharing“. Tacitus schreibt, die Germanen würden Götter wie Merkur, Mars und Herkules anbeten, doch nennt er selbst das auch interpretatio romana, um Zeitgenossen die germanische Religion nahezubringen. Altertumsforscher, insbesondere deutsche, haben im Bestreben, in Abgrenzung zu „fremdvölkischen“ Religionen eine genuine germanische Religion zu rekonstruieren, die Göttergesellschaft der Edda aus dem 13. Jahrhundert auf „die Germanen“ projiziert. Das klappt schon beim obersten Gott Odin/Wodan nicht recht; denn der trägt in der Tat zwar archaische, aber auch deutlich schamanistische Züge, welche die Migranten aus Asien mitgeschleppt haben.

Was die erhoffte „germanische Volksreligion“ betrifft, so sprechen archäologische Funde eine andre Sprache angesichts der zahlreichen römischen Götterstatuetten für den frommen Hausgebrauch; beliebt waren Merkur, Jupiter, Mars, in Odense fand sich sogar ein Apollo. Banghard konstatiert süffisant: „Auch wenn die völkische Wissenschaft das nicht wahrhaben möchte: Kultisch war damals in vielen Aspekte multikultisch.“ Es ging bei den Germanen wohl so zu, wie der Rezensent selber es in Neapel erlebt hat: Man glaubt respektvoll an Gottvater und seinen Sohn, mit dem volatilen Heiligen Geist kann man schon weniger anfangen, in der Krise wendet man sich aber lieber an die Gottesmutter Maria und an den Lokalheiligen Padre Pio oder einen andern, und wenn der einen enttäuscht, dann beschimpft man ihn sogar und sucht sich einen andern Gönner. So wie im heidnisch-katholischen Neapel ging es wohl auch in Germanien zu.

Germanische Reiche

Die Germanen als Reichsgründer – eine gern von Deutschen und Österreichern gepflegte Legende. Damit die österreichischen Leserinnen und Leser nicht vernachlässigt werden: Eine prominente Rolle spielt der Wiener Nordist Otto Höfler (1901-1987). 1921 wird Höfler Mitglied des völkischen und antisemitischen „Wiener akademischen Vereins der Germanisten“, 1922 Mitglied der „Ordnertruppe O.T.“, einer Vorläuferin der SA, in seinem Lebenslauf von 1937 bezeichnet er sich selbst als von „deutsch-arischer Abstammung und deutsch-völkischer Gesinnung“. 1935 habilitiert er sich mit seinem Buch Kultische Geheimbünde der Germanen und sieht diese Männerbünde als staatsbildende Kraftquellen. Höflers These, kurz gefasst: Immer da, wo die Germanen hinkamen, haben sie Staaten gegründet. Dadurch wird er interessant für die „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“, deren Schirmherr der Reichsführer SS Heinrich Himmler ist. Nach 1945 wird Höfler wegen seiner Nazi-Vergangenheit zunächst mit Berufsverbot belegt, dann jedoch in mehrfachen Entnazifizierungsprozessen als unbelastet eingestuft. 1957 erhält er einen Ruf an die Wiener Universität an den Lehrstuhl für deutsche Sprache und ältere deutsche Literatur, wird Mitglied der Österreichischen Akademie für Wissenschaften; 1971 emeritiert, erhält er 1979 die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold. Mehr Karriere für einen Philologen geht nicht.

Die Germanen als unentwegte Staatengründer – umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nicht die Germanen haben das Römische Reich geschluckt, sondern sind von der römischen Reichsidee geschluckt worden. Die Bezeichnung Sacrum Imperium Romanum („Heiliges Römisches Reich“) spiegelt das korrekt wider. Der Zusatz „deutscher Nation“ kommt erst im Mittelalter auf, aber keineswegs im Sinne von Nationalstaat, sondern eher als territoriale Einschränkung nach dem Schwinden des kaiserlichen Einflusses in Italien und Burgund; möglicherweise auch mit Betonung der Bedeutung der deutschen Reichsstände im Reichstag.

Den Kaisern Karl I. und Otto I., beide sehr „Große“, geht es nicht um eine germanische Reichsgründung, sondern um die Translatio Imperii, die Übertragung der römischen Reichsidee zur Legitimation ihres universalen Herrschaftsanspruchs. Die Römer selber wussten nicht, dass sie „untergegangen“ waren, es ging für sie nur anders weiter. Die folgenden „Germanenreiche“ der Ostgoten in Italien, der Westgoten in Spanien, Vandalen in Nordwestafrika, Franken in Nordgallien sind im Grunde „Nachfolgeinstitutionen der römischen Armee“, eine Art „Rom-Reenactment“, wie Banghard respektlos feststellt. So viel zu den Ursprüngen der „germanischen Reichsidee“.

Germanisches Volk

Der Volksbegriff wird in der NS-Ideologie zu einer wesenhaften Kategorie tiefgegründelt, die angeblich schon in tiefer Vorzeit bei den Ahnen wurzelt und dann zu einem überzeitlichen Transzendental erhöht wird. Banghard zeigt, wohin das geführt hat. Die wilhelminische Propaganda vom „deutschen Wesen“, an dem „die Welt genesen“ solle, brutalisiert sich wenige Jahrzehnte später zur Ideologie der Germanisierung, führt zur Versklavung der slawischen Völker und schließlich zur Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden, der Roma und Sinti und all jener Menschen, die dem völkischen Ideal nicht entsprechen.

Der schon erwähnte Faschist Höcke – man darf ihn laut Urteil des Verwaltungsgerichts Meiningen von 2019 so nennen – wird im Januar 2016 vor seiner Rede im Erfurter Dom als „Hermann der Cherusker“ angekündigt. Das mag lächerlich erscheinen, ist es aber nicht, denn von den Rechten wird es ernstgenommen. Es geht darum, so Banghard, „den Menschen in ein ursprüngliches, barbarisches, geborgenes und widerspruchsfreies Sein zurückzuversetzen“. Germanen sind in der rechten Szene omnipräsent, in Medien, Outfit, Musik, Religiosität, Symbolen, Kaderschulung. Banghard nennt als Beispiel für den Germanen-Wahn die Reihe Compact Geschichte mit dem Cover-Titel: Die Germanen. Der (sic!) Geschichte der ersten Deutschen. Beherrschung des Deutschtums und der deutschen Grammatik gehen oft nicht konform.

Eine Sumpfblütenlese der Überschriften: „Europas prägendes Volk … Gemeinsame Kultur und Abstammung … Hightech-Krieger des Nordens … Ein Führer neuen Typs … Indogermanische Urschrift … Eine vergessene Hochkultur (scil. in der Arktis!) … Einmarsch in Nordafrika.“ Compact ist längst kein Nischenmedium mehr und zeigt an, „wohin die Reise geht“ (Banghard). Aus der „entnazifizierten“ Erfolgsgemeinschaft des Wirtschaftswunders soll in der globalen Krise – Kapitalismus, Ökozid, Migrationen, KI – wieder die rettende Volksgemeinschaft erstehen.

Dem vom „Bevölkerungsaustausch“ bedrohten Deutschland kommt der identitäre Österreicher Martin Sellner zu Hilfe und prophezeit: „Wenn man Remigration umsetzt, werden die parallelen Gesellschaften verschwinden und Deutschland wird in zwanzig, dreißig Jahren deutscher sein als heute und nicht verschwunden sein.“ Und Österreich wieder anschlusswürdig.