05.03.2026 

Die Musterknaben straucheln. Die Wirtschaftsmodelle Deutschlands und Chinas sind in der Krise

Von Ernst Lohoff

Ursprünglich erschienen in der Jungle World 2026/09 vom 26.02.2026

Lange zählten Deutschland und China mit ihren Exportindustrien zu den größten Profiteuren der Expansion des Welthandels. Nun befinden sich beider ökonomische Modelle in einer schweren Krise.

»Die Ersten werden die Letzten sein«, sagte Jesus dem Neuen Testament zufolge – eine Mahnung, die heute gleichermaßen für China und Deutschland gilt. Nach der großen Finanzkrise von 2007 bis 2009 galten beide Volkswirtschaften lange als Vorbilder und fanden rasch wieder auf Wachstumskurs. In China war es damals noch nicht einmal zu einer Rezession gekommen, die zuvor zweistellige jährliche Wachstumsrate fiel lediglich auf neun Prozent im Jahr 2008 und sechs Prozent im Folgejahr.

Nun jedoch befindet sich Chinas Wirtschaft in einer dramatischen Lage: Seit 40 Monaten steckt das Land in einer Deflationskrise. Die Preise für Industrieerzeugnisse purzeln immer weiter. Die Binnennachfrage ist eingebrochen, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit ist stark gestiegen, Unternehmen häufen Schulden an und stellen Investitionen ein, während die Überkapazitäten in der Produktion unverändert hoch bleiben.

In Deutschland sorgte zwar die Lockerung der sogenannten Schuldenbremse im vergangenen Jahr für ein Miniwachstum von 0,2 Prozent nach zwei Jahren Rezession, dennoch bleibt das Wachstum das geringste unter den Industrienationen und in der EU. Die Aussichten sind düster. Die Zeiten, in denen sich Deutschland als ökonomischer Musterknabe inszenierte und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) EU-Länder zu einer strikten Sparpolitik verpflichtete, sind vorbei.

Dass ausgerechnet die beiden Länder, die seit Jahrzehnten die größten Handelsbilanzüberschüsse aufweisen, mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben, hat tieferliegende Gründe. Ihre Erfolgsgeschichten beruhten auf einer bestimmten Struktur der Weltwirtschaft, die sich nun auflöst.

Seit den achtziger Jahren wird die Weltwirtschaft durch die exponentielle Vermehrung „fiktiven Kapitals” (Marx), also von Schuldtiteln, Finanzderivaten und immer höher bewerteten Aktienvermögen, angetrieben. Die Finanzindustrie ist der größte Wachstumsmotor der kapitalistischen Gesamtmaschine, ihr mit Abstand wichtigstes Zentrum lag in den USA. Während die USA im großen Stil Finanzmarktprodukte schufen und exportierten und sich zugleich hoch verschuldeten, konnten China und Deutschland im Gegenzug Industriegüter auf den Weltmärkten anbieten.

Für China deuteten sich die Grenzen dieses primär exportgetriebenen Wachstums bereits während der großen Finanzmarktkrise an, auch wenn eine Rezession abgewendet werden konnte. Denn das gelang nur dadurch, dass das Land selbst begann, enorme Mengen fiktiven Kapitals zu schaffen, welches vor allem in den Immobiliensektor floss. Die chinesische Immobilienblase der zehner Jahre, eine der größten der Weltgeschichte, und der staatlich finanzierte Ausbau der Infrastruktur waren zeitweise für 30 Prozent des Bruttoinlandprodukts verantwortlich.

Doch das Wachstum hat seinen Preis: Es gibt in China rund 65 Millionen unverkäufliche Wohnungen. Die Schuldenberge türmen sich weiter auf, und die ab etwa 2020 einsetzende Immobilienkrise hält bis heute an. Lag die Staatsverschuldung Chinas im Jahr 2008 noch bei 27 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), so sind es inzwischen rund 90 Prozent. Im selben Zeitraum stieg die Summe der Schulden von Unternehmen, Staat und privaten Haushalten von etwa 130 Prozent auf gut 300 Prozent des BIP.

Deutschland konnte mit seiner Exportorientierung in den zehner Jahren noch reüssieren. Solange Freihandel herrschte, profitierte die deutsche Industrie von den Konjunkturprogrammen und der Blasenbildung in anderen kapitalistischen Kernstaaten. Zu dem zweiten deutschen „Wirtschaftswunder“ trug insbesondere China bei, das im Jahr 2016 die USA als wichtigstes Abnehmerland deutscher Exporte ablöste. Inzwischen haben sich die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen jedoch dramatisch verändert. Die privilegierte Position in der internationalen Arbeitsteilung ist für Deutschland Geschichte. Unter Trump haben die USA Zollmauern errichtet, der Freihandel droht zum Auslaufmodell zu werden.

Gleichzeitig bemühen sich chinesische Unternehmen, unterstützt vom Staat, angesichts der eingebrochenen Binnenkonjunktur noch mehr als zuvor schon um den Export. Während der Handelsbilanzüberschuss Deutschlands in den zwanziger Jahren schrumpft, stellte China im Jahr 2025 mit 1,2 Billionen US-Dollar eine Höchstmarke in der Landesgeschichte auf. Doch die Grundlage des Exporterfolges ist instabil: Nur in wenigen Sektoren haben chinesische Firmen die technologische Führerschaft übernommen und arbeiten profitabel; im Großen und Ganzen beruht der Handelsbilanzüberschuss auf Währungsdumping und darauf, dass China laut Internationalem Währungsfonds (IWF) rund vier Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die Subvention von Industrieunternehmen investiert.

So erobern chinesische Firmen auf dem Weltmarkt zwar immer größere Marktanteile, oft jedoch handelt es sich dabei um Unternehmen, die nach europäischem Insolvenzrecht längst pleite wären und ihre Waren unter den Gestehungskosten auf den Weltmarkt pressen. Aufgrund der Abschottungspolitik der USA gelangen chinesische Güter in immer größerem Maß nun auch nach Europa. Dieses aus blanker Verzweiflung geborene Geschäftskonzept hat keine langfristige Perspektive. Die Dumping-Exporte erhöhen die Schuldenlasten der chinesischen Unternehmen und tragen zur Erosion des Freihandels bei, weil sie die importierenden Länder zu Schutzzöllen provozieren. Selbst chinesische Regierungsvertreter sprechen seit vielen Jahren davon, dass die Exportabhängigkeit reduziert werden müsse, ohne freilich dazu in der Lage zu sein.

Die Konkurrenz durch die chinesischen Zombie-Firmen verschärft unterdessen jedoch die Krise der deutschen Industrie. Noch gibt es keinen globalen Handelskrieg, aber der beginnende Zerfall der alten internationalen Arbeitsteilung trifft Deutschland, den ehemaligen Exportweltmeister und Hauptprofiteur des bisherigen Arrangements, mit voller Wucht.