Rezension: Heinrich Detering: Die Revolte der Erde. Karl Marx und die Ökologie. Göttingen: Wallstein Verlag 2025, 221 S.
von Hermann Engster
Zuerst erschienen in der Wiener Zeitschrift Streifzüge
Vorangestellt hat Heinrich Detering, Professor für Germanistik an der Universität Göttingen, als Motto ein Zitat von Rosa Luxemburg aus ihrer Einführung in die Nationalökonomie: „Was ist Reichtum? Reichtum sind all die Geschenke der Natur an Nahrung und Stoff, womit wir alle, Könige wie Bettler, unsere Bedürfnisse befriedigen.“
Das Resümee darüber, was die konkurrierenden Systeme Kapitalismus und Sozialismus aus den „Geschenken der Natur“ gemacht haben, fällt vernichtend aus. Papst Franziskus‘ Enzyklika Laudato sì, in der er die Verwüstung der äußeren Natur und inneren Natur des Menschen in aller Drastik beschreibt, gipfelt in dem Urteil: „Haec oeconomia necat – diese Ökonomie tötet.“ Er hat sich nicht getraut zu sagen: die kapitalistische. Detering, selber zum katholischen Diakon geweiht, traut sich. Er spricht von kapitalistischer Ökonomie und nennt ihr Resultat gerade heraus: Ökozid.
Der Kapitalismus ist ein ökonomisches System, drapiert mit der sozialen Verheißung, die invisible hand, heute: der Markt, werde für den Menschen alles zum Besten regeln; ansonsten ist er metaphysisch leer. Wie aber steht es mit der Theorie des Kommunismus? 1848 entworfen von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, ist sie eine entschieden emanzipatorische Gesellschaftstheorie, welche die Menschen zu Eigentümern der Produktionsmittel erhebt und die Entfaltung der Produktivkräfte in Wissenschaft, Technik, Industrie der Befreiung der Menschen verpflichtet: Gesellschaft als freie Assoziation freier Menschen. Diese Vision vermittelt Detering mit der Tatsache, dass der Mensch Teil der Natur ist. Und liest Marx neu.
Detering: Alte Texte, neue Lektüren
Es geht ihm dabei nicht um eine kritische Analyse oder gar Re-Formulierung zentraler Marx’scher ökonomie-theoretischer Kategorien. Sein Erkenntnisinteresse gilt den bislang zumeist übersehenen Dimensionen des Marx’schen Denkens: den naturphilosophischen und ökologischen. Er fragt: Was hat der Marxismus aus den Luxemburg‘schen „Geschenken der Natur“ gemacht? Denn auch er war dem Fortschrittsoptimismus der Aufklärung verfallen, der prometheischen Naturunterwerfung, inszeniert mit den von Machbarkeitswahn getriebenen amerikanischen Großprojekten zur Ausnutzung der Naturkräfte, fortgesetzt von Stalin mit seinem „Großen Plan“ von 1949. Leitend war die von Maxim Gorki 1931 ausgerufene Parole vom „Kampf gegen die Natur“. Die Idee der Unterwerfung der Natur kann sich auf zahllose Autoritäten berufen, eben auch auf „marxistische“, nicht jedoch auf Marx selbst – in dessen Schriften ist „das Gegenteil der Fall“ (Detering, S. 11).
Schon der junge Marx erkennt: „Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muß, um nicht zu sterben.“ (Pariser Manuskripte, 1844, Marx‘ Hervorhebung) Im Prozess mit der Natur bleiben, nicht ihr ihn machen.
Die Natur will nicht der ausschließliche Besitz eines Einzigen sein.
Novalis, Heinrich von Ofterdingen (1800)
Marx‘ ökologische Sensibilität entfaltet sich im Horizont des Naturdenkens von Goethe, Alexander von Humboldt, den Romantikern und offenbart sich schon ab den 1830er-Jahren. Prägend ist für ihn vor allem das Naturdenken der Romantik mit ihrer Verbindung von Philosophie und Dichtung. Diese stellt Marx, so wie er mit Hegel in Bezug auf Ökonomie und Sozialgeschichte verfährt, mit einer kritisch-materialistischen Wendung vom Kopf auf die Füße, nun mit Hinwendung zur empirischen Naturwissenschaft. Dieses Denken gilt es, so Detering, wiederzuentdecken und von den Deformationen der Marx-Rezeption zu befreien. Und dies als Neubesinnung in einer Epochenkrise, in der „der überlebende Kapitalismus einen globalen Ökozid heraufbeschwört und die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines green capitalism oder einer ökosozialistischen Wende nicht mehr bloß akademisch diskutiert wird, sondern zu einer Überlebensfrage geworden ist“ (Detering, 14 f.).
Ökonomie, Ökologie, Poesie
In diesem Denken, konstatiert Detering, bewegt sich Marx sehr viel freier und geschmeidiger als sonst und verbindet seine wissenschaftlichen Erörterungen so eigenwillig wie produktiv mit erzählenden und poetischen Schreibweisen, Schreibweisen, in denen er Textsorten, Zitate und Bilder von der Antike über Shakespeare bis hin zu seinen Zeitgenossen mischt und dabei überraschende Einsichten aufblitzen lässt.
Es sind ökologische Einsichten. Kohei Saito hat in seinen Publikationen seit 2014, insbesondere in Systemsturz: Der Sieg der Natur über den Kapitalismus (2023) gezeigt, wie Marx sich in seinem Spätwerk ökologischen Fragen systematisch öffnet, und hat eine grundlegende Neuorientierung von Marx‘ ökonomischem Denken in ökologischen Dimensionen nachgewiesen. Ihm schließt Detering sich an, widerspricht aber dessen These, dass Marx zu Anfang „prometheisch“ gesonnen war und erst spät die ökologische Dimension der kapitalistischen Produktionsweise mit ihrer Naturzerstörung erkannt habe. Er zeigt vielmehr, dass diese Sichtweise schon in Marx‘ Frühwerk angelegt ist: Es geht dem jungen Marx um „die empathische und emphatische Proklamation eines Mitseins … einer Kontinuität von menschlicher und nichtmenschlicher Natur“ (Detering, 21).
Sind das, fragt Detering, erst Deutungsinteressen des 21. Jahrhunderts, oder hätte man schon zu Marx‘ Lebenszeit dessen Werk so lesen können? Er führt als Kronzeugen Engels auf, der 1885 in seinem großangelegten (und unvollendeten) Werk Dialektik der Natur die Gedanken seines Freundes aufgenommen und zu systematisieren unternommen hat. Es bezeugt „eindrucksvoll eine ökologische Marx-Lektüre in Marx‘ nächster Nähe“ (Detering, 23).
Urszene
Mit „Urszene“ überschreibt Detering das erste Kapitel, in dem er den Keim freilegt, aus dem Marx‘ ökologisches Denken entsprossen ist. Der erst 24-jährige Redakteur Karl Marx veröffentlicht 1842 in der Rheinischen Zeitung in fünf Fortsetzungen sarkastische Analysen zu einem Gesetzesvorschlag im rheinischen Landtag „Über das Holzdiebstahl-Gesetz“. Ein halbes Jahr darauf wird die Zeitung verboten, und er ist seinen Job los.
Protest erhoben hat, schon damals, „die Wirtschaft“. Der inkriminierte Holzdiebstahl durch die arme Landbevölkerung, wie auch das Sammeln von Totholz, zählt zum häufigsten Rechtsverstoß. Das Holzsammeln gehört zum traditionellen Recht der Landbevölkerung, was bislang von den Grundherren gnädig zugestanden wird. Holz aber wird für Bergbau und Industrialisierung ein wichtiger Rohstoff als Baustoff und Brennstoff. Nun jedoch verwandelt sich Natur in Kapital, oder, wie Marx es später ausarbeiten wird: der konkrete, praktische Gebrauchswert in abstrakten Tauschwert. Annette von Droste-Hülshoff, von Engels hochschätzt, macht das im selben Jahr zum Thema ihrer Novelle Die Judenbuche. Hier agiert ein Förster, der zwischen seinen Aufgaben aufgerieben wird: Schützer des Waldes und Taxierer von dessen Marktwert zu sein. Das arbeiten Marx so wie Droste heraus mit einem sozialpsychologischen Scharfblick, der, so Detering, „Brechts Drama vom janusköpfigen Herrn Puntila und seinem Knecht Matti in nichts nachsteht“.
Bezeichnend ist, wie Marx das Verhältnis des Waldhüters zum Wald beschreibt: „Als Schutzbeamter ist er der personifizierte Schutzgenius des Holzes. Der Schutz … erfordert ein effektvolles, thatkräftiges Liebesverhältnis des Waldhüters zu seinem Schützling, ein Verhältniß, in welchem er gleichsam mit dem Holze verwächst. Es muß ihm Alles, es muß ihm von absolutem Werthe sein. Der Taxator dagegen … sagt euch auf Heller und Pfennig, wie viel dran sei. … Ein Beschützer und ein Schätzer sind so verschiedene Dinge als ein Mineraloge und ein Mineralienhändler.“ (Detering, 28 f.)
Ebenso leidenschaftlich beschreibt Marx den Klassengegensatz zwischen den Bäumen und den armen Holzsammlern auf der einen Seite und den Grundbesitzern auf der andern. Er definiert den Begriff des Eigentums auf ungewöhnliche Weise: Der Baum lässt die abgestorbenen Äste fallen und übergibt sie dem Menschen zum freien Gebrauch. Der Baum wird zum Akteur seiner selbst und gleichberechtigt mit dem Menschen. Nicht der Grundherr ist Eigentümer des Holzes, sondern der Baum bleibt Eigentümer, aber er besitzt die Reiser nicht mehr. Daraus ergibt sich eine „gemeinsame Zugehörigkeit zur selben, umfassenden und kontinuierlichen Natur“ (Detering, 30).
Marx, Romantiker
Das ist mehr als eine sentimentale Projektion. Diese Konsequenz schließt die Ausbeutungsansprüche der menschlichen Herrschaft aus. In dieser Allegorie gewinnt die Erkenntnis des Klassengegensatzes Gestalt.
Das erweitert die Begriffe von Produktion und Arbeit. Die Menschen machen sich das Holz als Brenn- und Baustoff zunutze, aber die Produktion hat schon mit dem Wachstum der Bäume begonnen. Mit den Ressourcen der Natur eignet sich der Mensch fremdes Eigentum an. Wie geht er damit um? Was Marx hier noch in den Metaphern des romantischen Naturdenkens beschreibt, wird er, so Detering, später analytisch schärfer fassen: als Frage nach den Eigentumsrechten der Natur.
Marx bedient sich hier noch einer romantischen Bildlichkeit, wenn er die Bäume als Helfer der Armen auftreten lässt. Detering konstatiert: „Die notwendige Revolte der bis jetzt unterdrückten und fügsamen Armen, auf die jede Zeile von Marx‘ Abhandlung hinausläuft, wäre zugleich eine Revolte der Bäume.“ (Detering, 33) – eine Inspiration des Titels von Deterings Buch Die Revolte der Erde.
Einen Chorgesang der Bäume hat schon Ludwig Tieck 1797 gedichtet, einen Gesang, in dem Menschen und Bäume brüderlich vereint sind, da sie, wenn auch verschieden, von Einem nur stammen. Davon ausgehend, unternimmt Detering einen tour d’horizon durch die romantische Literatur und Naturphilosophie und legt dar, wie diese weit über bloße Schwärmerei hinausreicht. Es ist eine Sprechweise, die schon bei Goethe, dann bei Novalis, Tieck und Gründerrode ertönt. Detering zeigt, wie das Naturdenken der Romantik in seinen experimentierenden Grenzgängen zwischen Wissenschaft und Kunst vielstimmig, spannungsvoll und unerhört produktiv sich ereignet. Zur Erinnerung: Sein Erkenntnisweg ist die Literaturwissenschaft.
Alles ist Wechselwirkung.
Bettina von Arnim
Die Welt-Idee der Romantiker folgt einer geradezu mystischen Vision. Ihre Idee der „Universalpoesie“ erfasst den Zusammenhang alles Seienden als ein dynamisches Netzwerk, das leblose und lebendige Materie in sich vereint – und dies auf der Höhe der Naturwissenschaften ihrer Zeit. Dieses Konzept der universalen „Wechselwirkung“, das der Universalgelehrte Alexander von Humboldt entwirft, taucht unabhängig von ihm bei Bettina von Arnim auf, die 1840 in ihrem Briefroman Die Gründerode schreibt: „Alles hat sein Element in der Natur, was Leben hat … ich leb nur, wenn mein Geist mit der Natur in dieser Wechselwirkung steht.“
Ausgehend von Kants Ideen zu einer Philosophie der Natur entwickelt Schelling 1798 sein Konzept von der „Weltseele“, das die Natur als einen Prozess denkt. Er formuliert bündig: „Die Natur ist nicht bloß Produkt einer unbegreiflichen Schöpfung, sondern diese Schöpfung selbst.“ Diese Vorstellung findet sich in allen Weltkulturen, sie reicht in Europa bis in die Antike zurück, mit ihrem Höhepunkt in des Lukrez Lehrgedicht De rerum natura, setzt sich fort bei Spinozas Idee der natura naturans und kulminiert bei Goethe. 1827 erklärt dieser gegenüber Eckermann, seine eignen naturwissenschaftlichen Forschungen resümierend: „Ich denke mir die Erde in ihrem Dunstkreise gleichnisweise als ein großes, lebendiges Wesen, das im ewigen Ein- und Ausatmen begriffen ist.“
Schon der Gymnasiast und dann der Student Marx taucht tief in die Literatur der Klassik und Romantik ein, ist sogar ein rühriges Mitglied des Bonner „Poetenbundes“, hört 1835 Vorlesungen von August Wilhelm Schlegel, verfasst sogar Gedichte, in denen er die Erde selbst als Ursprung der Welt beschwört. Auf die Naturdichtung des jungen Marx folgt seine Naturphilosophie und mündet in die materialistischen Analysen von Natur und Gesellschaft. Aus diesem Geist der Romantik werden die ökologischen Bezüge in den ökonomischen Schriften nun entzifferbar, und dies schon in der frühen Abhandlung über den sog. Holzdiebstahl, wo eine „keineswegs mehr geschichtsferne Natur zum Schauplatz ländlicher Klassenkämpfe wird zwischen den mittellosen Holzsammlern und den Grundherren“ (Detering, 49) und die Bäume und die armen Menschen „alle Brüder“ (Marx) werden.
In der Folgezeit meidet Marx poetische Bilder, um jeglichem Anschein von Sentimentalität zu entgehen, pflegt einen schneidenden, sarkastischen Stil. Es geht da nicht mehr um naturpoetische Visionen, sondern konkret um die Nutzung von Naturressourcen und die damit verbundenen Machtverhältnisse.
Grundmetaphern: Leib – Familie – Stoffwechsel
Die Metaphern „Leib“ und „Familie“ münden in den Begriff des „Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens“ (Das Kapital, MEW 23, 198). Alles umfasst der Begriff der Erde als Gegenbegriff zu Grund- und Privateigentum: die Erde als „Lebensmittel, als Mittel der physischen Subsistenz des Arbeiters selbst.“ (Marx‘ Hervorhebung) Das ist es, was die Natur dem Menschen „darbietet“, wie Marx das Verb mit dem intensivierenden Präfix wiederholend betont, und „wer etwas darbietet, der handelt hilfsbereit, mitfühlend“ (Detering, 53).
Diesem familiären Zusammenhang mit der Natur wird der Mensch entfremdet, aber nicht durch die Arbeit, mit der die Menschen die Naturressourcen als Lebensmittel nutzen, sondern durch die Verwandlung der Arbeit in Kapital. Aus dem romantischen Konzept der All-Natur entwickelt Marx die Leitmetapher des Leibes. Dieser ist universell gedacht und umfasst nicht nur Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen, sondern auch die Hervorbringungen des menschlichen Bewusstseins wie Wissenschaft und Kunst, mit Marx‘ Worten: „Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muß, um nicht zu sterben.“ (Marx‘ Hervorhebung) Damit ist jede Dichotomie von Natur und Kultur aufgehoben, und das ist höchst folgenreich, weil dieses Konzept von Natur „kein Außerhalb kennt“, so Detering, und Marx bringt es auf den Punkt:
„Sobald der Prozess unterbrochen wird, stirbt der Mensch. Er stirbt als individuelles Wesen, und er stirbt als Spezies. Der Kapitalismus mit seiner Transformation der Arbeitsmittel, der Arbeitenden und der Arbeitsprodukte in Tauschwerte, in Waren, in Kapital – der Kapitalismus ist die tödliche Stoffwechselstörung dieses Leibes. Er ist es nicht erst in einzelnen Auswirkungen, sondern schon in seiner Konstitution selbst.“ (S. 57, Deterings Hervorhebung)
Und weiter: „Der Mensch kann in seiner Produktion nur verfahren wie die Natur selbst, d.h. nur die Formen der Stoffe verändern. Die Arbeit ist sein Vater und die Erde seine Mutter.“ Marx, Das Kapital, I,5 (Detering, 58, gekürzt)
Die mythologische Redeweise inszeniert, so Detering, die produktive Tätigkeit des Menschen als Beziehungsgeschehen, erinnernd an den antiken Mythos von der für ihre Geschöpfe sorgenden Erdmutter Gaia. Die Vision des jungen Marx ersteht neu in der „Gaia-Hypothese“ der 1970er-Jahre, damals esoterisch überhaucht, seriös wiederaufgenommen in Bruno Latours Buch Face à Gaïa von 2015 (dts. Der Kampf um Gaia, 2017).
… mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt …
Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapital, 1867
Danach kehrt Marx zurück zur nüchternen ökonomischen Analyse, doch sind das zwei Seiten derselben Medaille, und diese Familien-Metapher wird sich durch das gesamte Kapital ziehen. Die vorherrschende Marx-Rezeption, die in der Nachfolge bürgerlicher Fortschrittserzählungen die Erde nur als Objekt von Nutzbarkeit und Unterjochung betrachtete, hat diese Sichtweise unterschlagen. Die Erde ist aber niemandes Eigentum und gehört nur sich selbst. Sie liefert dem Menschen als „Proviantkammer“ (Marx) alles zum Leben Nötige, Vater Arbeit erzeugt unter „Mitarbeit der Naturkräfte“ (Marx) die Agrikultur und alles darauf Aufbauende bis hin zur hochtechnisierten Industrie. „Diese Wendung von der ‚Mitarbeit der Naturkräfte‘ enthält bereits die Personifikation, die dann im Kapital entfaltet wird.“ (Detering, 63) Marx‘ Vorstellung eines „Stoffwechsels“ zwischen Mensch und Natur hat die neuere Marx-Rezeption (Foster, Saito) wiederaufgenommen und sie als Schlüsselbegriff für eine Lektüre der Marx’schen Ökologie erkannt. Neue Studien zu den Quellen des Kapital ergeben zudem einen überraschenden Befund: Nicht erst Marx‘ Beschäftigung mit den Naturwissenschaften hat zu dem Begriff des Stoffwechsels von Mensch und Natur geführt – dessen Ursprung liegt, wie oben erwähnt, bereits in seinem Eintauchen in die Dichtung und Naturphilosophie der Romantik, kondensiert im Begriff der Universalpoesie.
Evolution des Menschentiers
Folgenreich beschreibt Marx die unterschiedlichen Weltbezüge von Tier und Mensch. Er übernimmt Franklins Definition vom Menschen als toolmaking animal und nähert sich dem Denken von Darwin, dessen Name dann im Kapital auftauchen wird. Die Hominisation begreift Marx evolutionsgeschichtlich als gemeinschaftliche Arbeit in und mit der Natur; durch sie wird, über den Instinkt hinausgehend, das Tier zum Menschen. Engels wird das fortsetzen, wenn er zu der durch den aufrechten Gang freigewordenen Hand feststellt: „So ist die Hand nicht nur Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt … die Arbeit hat den Menschen selbst geschaffen.“ (Engels’ Hervorhebung) Der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould hat dies 1984 als Beispiel für Marx‘ produktives Weiterdenken Darwins gewürdigt. (Detering, S. 183) Doch schon 1844 hat Marx in den Pariser Manuskripten vorausgedeutet: Naturwissenschaft und Wissenschaft vom Menschen – beides „wird eine Wissenschaft sein“. (Marx‘ Hervorhebung)
Beseeltes Ungeheuer – anonymes Subjekt
Im fünften Kapitel des Kapital schildert Marx die Produktion des Mehrwerts in der Weise, dass „der Kapitalist vergangne, vergegenständlichte Arbeit, tote Arbeit in Kapital, sich selbst verwertenden Wert [verwandelt], ein beseeltes Ungeheuer, das zu ‚arbeiten‘ beginnt, als hätt‘ es Lieb im Leibe“. (MEW 23, 209) Der letzte Halbsatz ist ein Vers aus dem Faust, gesungen von sauflustigen Studenten in Auerbachs Keller, in einem Spottlied auf eine vollgefressene, geile Ratte, der es „so eng wird in der Welt, / Als hätte sie Lieb‘ im Leibe“. Der Germanist Detering kann sich das natürlich nicht entgehen lassen, aber nicht, um kennerhaft auf Marx‘ witzige Anspielung hinzuweisen, sondern weil mehr dahintersteckt: Denn bis heute sei es unbemerkt geblieben, dass Marx‘ bekannteste Definition des Mehrwert-Begriffs von dieser Goethe’schen Metapher ausgeht. Das Kapital bezeichnet Marx mehrfach als „Geld heckendes Geld, Wert heckenden Wert“ – „hecken“ in der damaligen Bedeutung von „gieriger Zeugung neuen Lebens“, bezogen „auf kleinere fruchtbare säugethiere“, wie Grimms Wörterbuch erläutert. (Wieder ein Punkt für die Philologie.)
Produktionsorganismus Maschinerie
Die Natur als universeller Organismus, der den Menschen die Arbeitsmittel verschafft, mutiert in der Industrie zur Natur zweiten Grades. Marx bezeichnet sie im Kapital als „Produktionsorganismus“, der sich „in der Fabrikation von Maschinen durch Maschinen“ selbst reproduziert, in toto als „die Maschinerie“. (MEW 23, 391 ff.) Die den Herrschenden gehörende, sich selbst reproduzierende Maschinerie gebiert Ungeheuer: „Das Arbeitsmittel erschlägt den Arbeiter.“ (Marx, MEW 23, 455) Ziel der kapitalistischen Produktion ist nicht das gute Leben, sondern die Produktion von Profit – Profit, um aus Profit noch mehr Profit zu machen, um jeden Preis. Es bedeutet „Zerstörung der Natur – auch derjenigen Natur, die der Mensch selbst ist“. (Detering, 77)
Dialektik der Natur: jede gewordne Form im Flusse der Bewegung (Marx)
Darwins Evolutionstheorie, On the Origin of Species (1859), macht dem biblischen Schöpfungsmythos den Garaus und fasziniert auch Marx. Er erkennt eine Analogie zwischen den Mechanismen der kapitalistischen Produktion und der „natürlichen Auslese“ mit ihrem permanenten Selektionsdruck. Darwin historisiert aber nicht nur die Natur, sondern erweist auch die Historie als Natur. Das bestärkt Marx in seiner Auffassung einer Kontinuität von Natur- und Sozialgeschichte. Tiefer als früher sieht er die Ökonomie eingebettet in Naturzusammenhänge. Der Wechsel von Natur- in Menschengeschichte erweist sich nicht als Bruch, sondern als erweiternder Übergang: konsequente materialistische Geschichtsphilosophie.
Ob Mensch, ob Pferd ist nicht mehr so wichtig,
wenn nur die Last vom Rücken genommen ist.
Walter Benjamin
Im Mittelalter war das Tier Gehilfe des Menschen. Unter den entfremdeten Bedingungen der wertvermehrenden Effizienzlogik ändert sich das für beide. Marx beschreibt das „mit kühler Präzision“ (Detering). Das denkende, arbeitende Menschentier wird erniedrigt zum Arbeitstier, ein „auf die striktesten Leibesbedürfnisse reduciertes Vieh“ (Marx, Detering, 88). Nach vier Monaten Schinderei in den engen Minenstollen war die Lebenskraft der die Loren ziehenden und (oft nur zehnjährigen) Kinder vernutzt, so wie die der gemeinsam mit ihnen schuftenden Arbeitsponys; die Lebenserwartung proletarischer Männer und Frauen in Manchester, Liverpool, Glasgow betrug 25-27 Jahre, im Landesdurchschnitt 41 Jahre. Der zum Anhängsel der Maschine entwürdigte Mensch steht gemeinsam mit dem im Bergwerk geschundenen pit pony auf derselben Seite des Klassengegensatzes.
Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Mephisto
Von diesen Versen im Faust I (V. 1820 ff.) ausgehend, leitet Marx im Kapital seine Theorie des Geldes ab und kommt zu dem Schluss: „Das Geld ist der allgemeine, für sich selbst konstituierte Wert aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt.“ (Pariser Manuskripte, 1844) Philologie bedeutet „Liebe zum Wort“, und Detering blickt genau auf dasselbe. Auffällt wieder einmal die Zweiheit von Menschen und Tieren, hier Pferden. Warum aber sechs Pferde? Nun, die Anzahl der Pferde vor der Kutsche ist standesmäßig vorgeschrieben: Der Bürger darf nur zweispännig fahren, der Adlige vierspännig, der Potentat reist im Sechsspänner. Mephistos Verse markieren den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus: „Wer sechs Hengste kaufen darf und kaufen kann, verwandelt die alten Machtzeichen in eine neue Selbstdarstellung des Kapitals.“ (Detering, 102, seine Hervorhebung)
Detering forscht in Marx‘ Schriften nach, unter welchen ökologischen Bedingungen Marx alles Wirtschaften sieht und wie es gekommen sei, dass das Menschentier von seinen natürlichen Lebens- und Arbeitszusammenhängen getrennt wurde. Wieder ist der literaturwissenschaftliche Blick leitend, denn Marx setzt eben (ironisch?) literarisch an: bei der biblischen Erzählung vom Sündenfall. Wird hier die Grenze zwischen Gott und Mensch übertreten, so sieht Marx den Sündenfall im Bruch der ursprünglichen Beziehung zwischen dem Arbeiter und der Erde als dessen Existenzquelle. Die Scheidung des Menschen von der Natur, deren Teil er ist, die Trennung des Produzenten von seinen Produktionsmitteln ist nicht nur eine Trennung von der Erde, sondern auch von sich selbst, vergleichbar dem biblischen Sündenfall. Diese Trennung wird Marx zum Gleichnis dessen, was Adam Smith beschönigend die „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals“ nannte – Marx nennt sie ungeschönt die „Expropriation des Landvolks von Grund und Boden“ (MEW 23, 741 ff.), die Beraubung der Menschen, die ja selber dessen ursprüngliche Eigentümer sind. Begonnen haben deren Entfremdung und Ausbeutung schon im Feudalismus, deren Expropriation der Ursprung des modernen Klassengegensatzes ist. Wo Natur war, wird Ware, wo Ware ist, wird Kapital. „An sein Ende kommen kann dieser Prozess erst, wenn alle Natur in Kapital verwandelt worden ist.“ (Detering, 119) Das Landvolk, brutal vertrieben von seiner Existenzgrundlage, weil sein Ackerland für die Schafzucht und Wollproduktion als Basis der aufstrebenden Textilindustrie benötigt wird – dieses Landvolk, von Feudalzwängen „befreit“, steht fortan als Proletariat zur kapitalistischen Vernutzung bereit. Es ist ein Prozess, der „die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (Kapital, MEW 23, 530). Das „Verwachsensein“ des Menschen mit der Erde mündet in die „Verwüstung“ beider (Detering, 131).
Marx, Agrarökonom
1866 liest Marx Justus von Liebigs 1862 in siebenter Auflage erschienenes Buch Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie, in dem Liebig darlegt, wie die antiken Zivilisationen von Mesopotamien, Persien und Griechenland durch bedenkenlose Ausbeutung der Naturressourcen schwerste Schäden davongetragen haben, und er warnt, dass dies ebenso der zeitgenössischen Landwirtschaft drohe. Marx ist davon tief beeindruckt; doch wendet er sich bald von Liebig ab und schlägt sich auf die Seite von dessen Gegenspieler, den Agrarökonomen Carl Fraas, dessen Werke er, dies nach Erscheinen des ersten Kapital-Bandes, innerhalb dreier Monate mit geradezu besessenem Fleiß exzerpiert: Die MEGA-Edition umfasst davon neunzig Seiten!
Denn Fraas stellt der rein chemischen Bodenkunde Liebigs eine umfassende Sichtweise entgegen. Dessen enge „Agrikulturchemie“ kontert er mit dem Modell einer „Agrikulturphysik“ – einer Umweltphysik, welche die Naturvernutzung wie die rücksichtslose Entwaldung in europäischen Ländern mit ihren für Pflanzenwelt und Viehzucht verheerenden klimatischen Folgen in den Blick nimmt. Das hat Marx’ Verständnis für ökologische Zusammenhänge entscheidend vertieft, wie Kohei Saito, auf den Detering sich stützt, seit 2014 in mehreren Publikationen dargelegt hat. Fraas stellt schon 1847 fest, wie Engels an Marx schreibt: „Steppenboden & erhöhte Wärme und Trockenheit des Klimas seien die Folgen der Kultur. In Deutschland und Italien sei es jetzt 5-6 Grad wärmer als zur Waldzeit.“ (Detering, 146) Marx erwidert, dass Fraas nicht frage, wie diese selbstzerstörerische Eigendynamik beherrscht werden könne und dass dem „Bürger“ Fraas seine eigne „sozialistische Tendenz unbewußt“ sei. Detering zieht daraus den Umkehrschluss, dass für Marx das Denken in solchen ökologischen Zusammenhängen per se bereits sozialistisch sei, und stellt fest: „Ich wüsste keinen anderen Satz bei Marx zu nennen, der so knapp, so programmatisch und mit so lakonischer Selbstverständlichkeit die Idee eines Ökosozialismus formuliert hätte wie dieser.“ (S. 148)
Auswege: Zurück in die Zukunft
Marx rezipiert Darstellungen, wie frühere Menschheitskulturen ihre Existenz gesichert haben. Er findet hier Formen eines „naturwüchsigen Kommunismus“ (Marx) auf der Basis nachhaltiger Subsistenzwirtschaft in Gemeinwesen, diese nicht nur in der fernen Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart: in den verschiedenen Formen von Gemeineigentum in Indien und Russland, wo die Arbeit gesellschaftlich geteilt ist, ohne dass ihre Produkte zu Waren werden. Daraus erhebt er die Forderung, sich einen „Verein freier Menschen vor[zustellen], die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. … Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. (MEW 23, 92 f.) Das künftige „kommunistische Eigentum“ würde dann nur „eine höhere Form des archaischen Eigentumtyps“ sein. (MEW 19, 398, Marx‘ Hervorhebung)
Diese schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts diskutierten Konzepte von Gemeineigentum sind angesichts des drohenden Ökozids durch die kapitalistische Wirtschaftsform in den letzten Jahrzehnten ins Zentrum der Überlegungen zu ökologischen Wirtschaftsformen gerückt. Detering, geprägt von der Befreiungstheologie und der katholischen Soziallehre mit ihren Prinzipien Subsidiarität, Solidarität, Gemeinwohl, zitiert sie: Allmende-Modell in „Earth for All“, Bericht des Club of Rome 2022, Degrowth-Kommunismus, Stoffwechselpolitik.
Nicht der Mensch, sondern die Erde ist das Maß aller Dinge. Das Gothaer Programm der 1875 gegründeten „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“, der späteren SPD, hebt an mit dem feierlichen Satz: „Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur.“ Das erzürnt Marx:
„Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichthums. Die Natur ist ebenso die Quelle der Gebrauchswerthe als die Arbeit, die selbst nur die Äusserung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft.“ (Marx‘ Hervorhebung, Detering, 148 f.)
Dies vierzig Jahre nach seinen Überlegungen zur Beziehung von Mensch und Natur, als er in 1844 in den Pariser Manuskripten schrieb: „Die Natur ist sein Leib, mit dem er im Prozess bleiben muss, um zu überleben.“
Zum Schluss seines Buches spricht noch einmal Detering als Literaturwissenschaftler, indem er Marx‘ besondere Redeweise charakterisiert:
„Die Aphorismen, Szenen und Gedichte, die parodistischen, dramatischen, novellistischen Passagen bringen Redeweisen ins sozioökonomische Sprachspiel des Kapitals ein, die poetisch das Subjektive artikulieren, das in der argumentativen Rhetorik der Kälte zurückgedrängt wird. Sie bringen zur Anschauung und machen fühlbar, was die analytische Denkarbeit nicht freilegen kann. In dieser weltliterarischen und universalpoetischen Zitierarbeit werden die in ihren sozioökonomischen Funktionen erstarrten Bauern, Proletarier und Kapitalisten wieder zu menschlichen Gestalten, wird die Erde wieder zur Erde.“ (S. 170, gekürzt)
Deterings Buch bringt ein lange verkanntes Marx’sches Denken ans Licht, das heute aktueller ist als zuvor. Der Göttinger Rezensent schließt mit der Empfehlung seines Lokalheiligen Georg Christoph Lichtenberg: „Wer zwei Paar Hosen hat, versetze eines und kaufe dieses Buch.“

