10.08.2026 

Vernachlässigte Religionskritik, uneingestandene Religiosität. Beobachtungen zum Thema Linke und Religion

Interview mit Lothar Galow-Bergemann

von TKA Theorie, Kritik & Aktion | Berlin

(Zuerst erschienen am in Holy **** Linke Perspektiven auf Religion und Emanzipation, herausgegeben von TKA Theorie, Kritik & Aktion | Berlin )

Was sind deine eigenen Berührungspunkte mit Religionskritik unter Linken?

Ich „genoss“ in meiner Kindheit eine streng christliche und autoritäre Erziehung. Mein eigenes „Linkswerden“ war stark von der Marx’schen Religionskritik geprägt. Links sein ohne Religionskritik geht für mich bis heute nicht. Zur Kenntnis nehmen muss ich allerdings, dass es Menschen gibt, die das anders sehen. Sie verstehen sich als links und als religiös. Ich hatte in verschiedenen praktisch-politischen Zusammenhängen auch immer wieder mal mit solchen Menschen zu tun und mich sehr gut mit ihnen verstanden. Doch bei aller persönlichen Wertschätzung bleibt für mich eine gewisse Schwierigkeit: Ich kann nicht wirklich begreifen, wie das für sie zusammengeht. Irgendetwas, das nicht-emanzipatorisch, autoritär, auf Selbstunterwerfung ausgerichtet ist, muss es doch auch in Linken geben, solange sie noch an „Gott“ glauben. Diese Spannung zwischen persönlicher Wertschätzung und intellektueller Kritik habe ich auszuhalten gelernt. Ich glaube, das ist auch ganz zentral für jedes emanzipatorische Konzept. Religionskritik muss sein. Aber die Freiheit der Religionsausübung für ihre Anhänger*innen auch. Vermeintlich „Linke“ haben in dieser Hinsicht bekanntlich schon viel Übles angerichtet, auch schlimme Verbrechen begangen, das zeigt die Geschichte des „Realsozialismus“. Emanzipation ist nicht zu verordnen. Da kommt das Gegenteil bei raus.

Andere Berührungspunkte mit Religionskritik unter Linken hatte und habe ich z.B. in der Debatte um „den“ Islam bzw. den Islamismus, wozu ich ja auch hin und wieder was veröffentlicht habe. Oder auch innerhalb der Gruppe krisis. Dort gibt es seit längerem schon eine Debatte darum, ob die Religion heute nur noch als Moment der modernen Totalität der Warenform begriffen werden kann oder ob das uralte Gebräu aus Patriarchat und Religion eine eigenständige Herrschaftsform bleibt, die nicht aus der Totalität der Warenform abgeleitet werden kann. Ich sehe das so. Für meine Begriffe ist es beispielsweise nicht mit dem warenproduzierenden Patriarchat erklärbar, dass die gesellschaftliche Stellung der Frau auffällig dort am schwächsten ist, wo Religion den größten Einfluss hat: bei Evangelikalen und Islamisten, Katholiken und Orthodoxen. Diese spannende Debatte lässt sich übrigens sehr gut in dem Büchlein „Die Gretchenfrage neu gestellt“ verfolgen.

Warum findet Religionskritik in der Linken häufig so verkürzt bzw. so absolut statt?

Zum einen, weil manche immer noch – oder bedauerlicherweise schon wieder – der platten Vorstellung folgen, die in dem fälschlicherweise Marx zugeschriebenem Zitat zum Ausdruck kommt, Religion sei Opium fürs Volk. Es stammt, was wenige wissen, von Lenin und ist wie so vieles von ihm anfällig für Verschwörungsvorstellungen. Das Marx’sche Diktum „Religion ist das Opium des Volkes“ ist bei genauer Betrachtung das genaue Gegenteil dessen, es hebt ab auf den „Seufzer der bedrängten Kreatur“ und verweigert sich verschwörungsgläubiger Interpretation.

Damit wird aber auch ein generelles Problem des „Linksseins“ berührt. Leider heißt das nämlich nicht automatisch, reflektiert und kritisch zu sein. Der Ursprung allen „Linksseins“ ist die Empörung über Herrschaft, Ausbeutung, Unterdrückung und Unmenschlichkeit. Also eine emotionale Regung. Die ist wichtig und auch gut so und wenn sie irgendwann erstirbt, hat auch das Linkssein ein Ende. Aber damit allein ist der Hang zu einfachen Antworten, von denen man sich schnelle Orientierung und „Praxisanleitung“ in einer komplexen Welt erhofft, noch lange nicht überwunden. Das können wir in der Geschichte der Linken rauf und runter beobachten und auch in der heutigen Krisensituation erhalten oberflächliche Analysen wie „Die Reichen sind schuld“, „Der Faschismus ist die Diktatur des Finanzkapitals“ oder „Die Arbeiterklasse ist das revolutionäre Subjekt“ wieder Zulauf. Nicht nur unter ganz jungen, sozusagen „frischen“ Linken, sondern auch unter manchen, die eigentlich schon mehr Zeit zum Nachdenken hatten.

Darin manifestiert sich ein manichäisches Weltbild, das nur zu schnell bereit ist, die Welt in „gut“ und „böse“ aufzuteilen und sich selbst umstandslos „dem Guten“ zurechnet. Das ist religiösem Denken ähnlicher, als es seine Protagonistinnen selbst wahrhaben wollen. Und wie immer müssen sich feindliche Geschwister besonders heftig voneinander abgrenzen.

Alles in allem nehme ich aber überwiegend noch nicht einmal mehr verkürzte, sondern überhaupt keine Religionskritik mehr wahr. Für viele Linke ist das Thema schlichtweg nicht mehr präsent. Für die einen schrumpft Emanzipation auf die soziale Frage im engeren Sinne zusammen, die sie dann auch noch auf „Klassenpolitik“ reduzieren. Alles Trennende habe „im Klassenkampf“ zurückzustehen, Religion sei ausschließlich Privatsphäre. In diesem Punkt treffen sie sich interessanterweise mit ihren Kontrahentinnen, für die es nur noch um Identitätspolitik geht. Kritikwürdiges bleibt diesen nämlich ebenfalls unantastbar, wenn sie es erst einmal faktisch wie eine Art „Privatsphäre“ behandeln.

Wir sind bei der Beschäftigung mit linker Religionskritik auf viel Abwehr bei Genossinnen gestoßen. Was ist dein Eindruck: Woher kommt diese starke Abwehr?

Zum einen, weil eine merkwürdige Vorstellung davon, was Rassismus sei, um sich greift. Demnach gelten Kollektividentitäten wie so genannte Kulturen als unhinterfragbar, denn jede Kritik daran sei „kolonialistisch“, „eurozentristisch“ usw. So werden dann auch Religionen faktisch unter Naturschutz gestellt und die massive Unterdrückung und Entrechtung, unter der besonders Frauen weltweit leiden, ignoriert. Das aber ist selbst rassistisch und sexistisch, denn das Leiden vieler Menschen, besonders im „Globalen Süden“, wird entweder totgeschwiegen oder im schlimmsten Fall sogar bestritten.

Zum andern aber auch, weil viele Religion einfach nicht mehr für relevant halten. Interessant finde ich hier allerdings die Entwicklung der Solidaritätsbewegung mit den Menschen im Iran. Linke, auch erklärte Feministinnen, die sich immer geweigert haben, im Kopftuch eine religiös begründete patriarchale Unterdrückung von Frauen zu sehen, es mitunter sogar für den Ausdruck von „Selbstbestimmung“ hielten, stehen vor einem Dilemma. Wenn die Losung „Frau, Leben, Freiheit“ Massen im Iran in Bewegung bringt und es für das Regime gefährlich wird, dass immer mehr Frauen den Mut haben, das Kopftuch auch öffentlich abzulegen, zeigt sich, welch emanzipatorische Sprengkraft in der „Kopftuchfrage“ steckt. Schön zu sehen, dass manche, die aus falschem „Antiimperialismus“ in Sachen Iran bisher – vorsichtig formuliert – doch sehr zurückhaltend waren, sich jetzt deutlich mehr mit den Frauen im Iran solidarisieren. Aber eigentlich müsste sie die Entwicklung veranlassen, ihre eigenen Annahmen zu hinterfragen, darunter auch die von der angeblich nicht mehr so wichtigen Religionskritik. Schaunmermal…

In der Vergangenheit hast du viel zu Kapitalismuskritik veröffentlicht. Spielt hierbei Religionskritik für dich eine Rolle?

Ja, durchaus, auch wenn ich nicht in jedem Vortrag zur Kritik des Kapital-ismus religionskritische Folien einbaue. Religionskritik muss im Kern die Kritik des „Jammerthales“ sein, wie Marx das nennt, muss radikale Gesellschaftskritik sein. Die aber ist ohne Ideologiekritik nicht zu haben. Wo der Glaube an Gott dem Glauben an die Höhere Macht des Marktes Platz macht, die nun ihrerseits als quasi „naturgegeben“ akzeptiert wird, ist Religiosität nicht wirklich überwunden. Walter Benjamin hält den Kapitalismus interessanterweise ja selbst für eine Religion und charakterisiert ihn als „nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“. Dafür spricht, dass die undurchschaute abstrakte Herrschaft des Werts den Menschen nicht nur – wie Gott – als absolut gesetzt und nicht hinterfragbar erscheint. Zudem haben sie es bei ihr mit einer Höheren Macht zu tun, der sie endlos Tribut schulden und die daher prinzipiell niemals zufriedenzustellen ist. Sinnfällig wird das im immanenten Wachstumszwang des Kapitals, dem sich Mensch und Natur unterordnen müssen. Auch dass das Christentum mit seinem extremen Schuldkult die Geschichte desjenigen Kontinents maßgeblich geformt hat, der schließlich die kapitalistische Moderne gebar, macht diese Annahme nicht unplausibler. Und schließlich ist Religion wie geschaffen für das Bedürfnis der modernen vereinzelten Einzelnen der Warengesellschaft, die nach Halt in Kollektividentitäten streben.

Seit ein paar Jahren ist unserer Erachtens ein Erstarken positiver Bezüge auf nicht-christliche Religionen, wie beispielsweise den Islam, in linken Kreisen zu beobachten. Woher kommt es, dass diese Ambivalenz (Christentum ist schlecht, Islam ist gut) nicht als solche erkannt wird?

Im Laufe des letzten Jahrzehnts wurde für immer mehr Menschen mit Händen greifbar, dass sich die westlich geprägte Moderne in einer tiefen Krise befindet – selbst in den relativ wohlhabenden Zentren. Die damit einhergehende rapide nachlassende Strahlkraft von Aufklärung und liberaler Demokratie hat bisher nur wenig Emanzipatorisches hervorgebracht, das über die Verhältnisse hinausweisen würde in ein wirkliches Reich der Freiheit. Auf vielen Ebenen herrscht stattdessen Regression. In dem Maße, wie sich „westliche Werte“ als hohl und brüchig erweisen, gewinnt sowohl Autoritäres als auch alles „Nicht-Westliche“ an Attraktivität, teilweise auch die Kombination beider. Die kritische Distanz zu Zwangskollektiven bröckelt, auch in Teilen der Linken. Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus des Westens führen im Umkehrschluss zu Kritiklosigkeit gegenüber seinen Gegnern.

Die explosive Gemengelage aus Krise der Kapitalverwertung, selbstverschuldetem Abstieg des Westens und falsch verstandenem Antirassismus begünstigt verschiedene linke Wege in den Autoritarismus. Ob man nun die Wagenknecht’sche Abschottungsrhetorik gegen Flüchtende für links hält oder die Verteidigung nicht-westlicher Zwangskollektive – am Ende sympathisiert man in jedem Fall mit autoritären und patriarchalen Zuständen. Dahin kann man auch gelangen, wenn man „den“ Islam zur per se schlechteren Religion und „das“ Christentum zur per se besseren erklärt, weil dieses doch angeblich schon lange „zur Privatsache“ geworden sei. So blendet man massenhaftes Leiden unter christlicher Frauenfeindlichkeit, Homo- und Transphobie aus, nicht nur unter Evangelikalen. Religionskritik wird so amputiert und zur reinen „Islamkritik“ eingeschrumpft. Ehemalige Linke, die auf diesem Trip sind, sprechen nicht zufällig ähnlich wie AfDler.

Wenn du kritisch auf deine eigene politische Entwicklung schaust – hattest Du selbst Berührungspunkte mit Quasi-Religiosität?

Wie gesagt, mein politisches Aufwachen Ende der 60er/Anfang der 70er war von Anfang an begleitet von intellektuellen Zweifeln an der Religion, das war gar nicht voneinander zu trennen. Und doch bin ich nach einer – rückblickend kurzen – antiautoritären Phase Mitte der 70er recht schnell in einer autoritären marxistisch-leninistischen Partei gelandet, habe mich dort wohl gefühlt und war auch sehr aktiv. Erst mit dem Zusammenbruch der DDR und der Sowjetunion konnte ich wieder genügend Abstand gewinnen. Langsam wurde mir klar, wie viele Gemeinsamkeiten der Marxismus-Leninismus mit der Religion hat. Das Dogma von der zur Revolution berufenen Arbeiterklasse und dass sie von denen, die das verstanden haben, dahin geführt werden muss. Die Partei als Verwalterin der Wahrheit. Die Abstrafung und Verfolgung von Ketzern. Der Chef stirbt im Amt usw…

In „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ schreibt Lenin wörtlich: “Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschaung.“ Das ist ein religiöses Weltbild. Aus Allmachts- und Wahrheitsanspruch folgt die Überzeugung, das Gute gegen das Böse zu repräsentieren, zur Führung berufen und zur Gewalt legitimiert zu sein. Lenins Schrift „Was tun?“, in der er 1902 die Aufgabe stellt, die Arbeiterbewegung „unter die Fittiche“ seiner Partei zu bringen, markiert die eigentliche Geburtsurkunde der Sowjetunion und ihre Sterbeurkunde in einem.

Was hat dich zum Umdenken gebracht?

Letztendlich der Untergang des Realsozialismus. Die völlige Diskreditierung des „Marxismus-Leninismus“ und seines instrumentellen Politikverständnisses. Damals begann mir auch zu dämmern, dass es viel komplizierter und langwieriger ist, sich von religiösen Denkweisen und Verhaltensmustern zu verabschieden, als ich selbst lange dachte. Religiosität und Autoritäres sind eng miteinander verbandelt, beides sitzt tief in uns. Vielleicht ist es das Heimtückischste an Religion, dass sie auch in der Form von Atheismus auftreten kann.

Kapitalismuskritik und Kritik beispielsweise an evangelikalen Abtreibungsgegnerinnen gehört in der gesellschaftspolitischen Linken zum Selbstverständnis. Daraus könnte man schließen, dass Kritik an gesellschaftlich unterdrückenden Verhältnissen verstanden und praktiziert wird. Wie lässt sich dann die fehlende Kritik gegenüber quasireligösen Strömungen wie Esoterik erklären?

Mit weitgehend fehlender Religionskritik. Abtreibungsgegnerinnen werden bekämpft, weil sie Frauen ihre Selbstbestimmung verweigern und sie unter patriarchalem Joch halten wollen. Das ist natürlich richtig. Aber die Religiosität, die z.B. Evangelikale überhaupt erst zu ihrer Haltung treibt, wird nicht thematisiert und zum Gegenstand der Kritik gemacht. Die allermeisten linken „Kritikerinnen des Christentums“ kritisieren es doch gar nicht wirklich als Religion. Klar hat der schlechte Ruf der Kirchen als Verwalterinnen des Christentums auch auf dieses abgefärbt. Aber der gesellschaftlichen Diskurs, auch der linke, dreht sich doch vorwiegend um Kirchenkritik und eben nicht um Religionskritik. Wenn Abtreibungsgegnerinnen für ihre Frauenfeindlichkeit und Kirchen für ihre Mißbrauchsverbrechen verurteilt werden – ist das wirklich schon Religionskritik? Wird hier wirklich das Entscheidende thematisiert, ohne das die Kirchen überhaupt nicht funktionieren würden? Dass sich nämlich Massen von Menschen einer eingebildeten „Höheren Macht“ über sie anvertrauen und ihr wie selbstverständlich zugestehen, über das eigene Leben und das anderer Menschen zu bestimmen? Nur weil die reine Kirchenkritik eben nicht zur Religionskritik vorstößt ist es erklärbar, warum zwar die Attraktivität der Kirchen abnimmt, aber gleichzeitig die Esoterik seit Jahrzehnten immer mehr Zulauf erhält. Die Religiosität ist weitgehend ungebrochen. Sie nimmt nur neue Formen an. Die Coronaschwurbelei, an der sich auffallend viele Esoterikerinnen beteiligen, sollte linker Religionskritik wieder Auftrieb geben. Die Massenreligion Esoterik und deren emanzipationsfeindliche Rolle verdient entschieden mehr Aufmerksamkeit.

Hast du einen Wunsch wie sich eine emanzipatorische Linke gegenüber Religiosität positionieren könnte?

Versöhnlich gegenüber religiösen Menschen, unversöhnlich gegenüber Religion.