16.04.2026 

Pyrrhus am Golf. Mit dem Angriff auf den Iran haben sich die USA in eine Sackgasse manövriert

Von Ernst Lohoff

Ursprünglich veröffentlicht in der Jungle World 2026/15 vom 09.04.2026

Die Sperrung der Straße von Hormuz durch den Iran und dessen Angriffe auf die Golfstaaten bringen die US-Regierung in Bedrängnis. Die weltwirtschaftlichen Folgen der sich anbahnenden Krise könnten weit über Energiepreiserhöhungen hinausgehen.

Donald Trump kündigte in seinem jüngsten Wahlkampf an, er werde als »Friedenspräsident« in die Geschichte eingehen. Entsprechend ungehalten reagierte er, als ihm das Nobelkomitee in Oslo den Friedensnobelpreis erneut verweigerte. Mit der jüngsten Militäraktion sind seine Chancen auf den Preis faktisch auf null gesunken. Der US-Regierung schwebte offenbar ein Szenario nach dem Vorbild Venezuelas vor. Dort hatten US-Spezialkräfte Anfang Januar Präsident Nicolás Maduro entführt, woraufhin sich das Regime mit Trump arrangierte. Ähnlich sollten nun offenbar Luftangriffe die iranische Führung enthaupten, entwaffnen und zur Kapitulation zwingen. US-Militärs, allen voran Generalstabschef Dan Caine, hatten nicht zu Unrecht vor den Risiken eines Angriffs auf den Iran gewarnt.

Aus zwei Gründen konnte die Rechnung nicht aufgehen. Zum einen sitzen nicht nur in den USA Gestalten an den Schalthebeln der Macht, die wie Kriegsminister Pete Hegseth von Armageddon träumen. Auch auf iranischer Seite haben Endzeitkrieger erheblichen Einfluss. Wenn sie militärisch in die Enge getrieben werden, kapitulieren sie nicht, sondern suchen ihre Gegner und die übrige Welt mit in den Untergang zu reißen.

Zum anderen ist die US-Führung blind dafür, wie Kriege in dieser Epoche ablaufen. Sie scheitert, weil sie haushohe militärische Überlegenheit mit Unverwundbarkeit verwechselt. Natürlich ist der gigantische Militärapparat der USA der iranischen Armee und den Revolutionsgarden in puncto Feuerkraft und Präzision haushoch überlegen. Aber während die USA und Israel den Krieg mit dem Anspruch eröffneten, »chirurgisch« zu operieren und die Zahl der zivilen Opfer zu minimieren, verfolgte der Iran von Beginn an eine entgegengesetzte Strategie: Das Mullah-Regime greift vor allem »weiche Ziele« an und versucht, die globalen zivilen Kosten zu maximieren.

Billige Drohnen, teure Abwehrraketen

Diese Zielsetzung erklärt auch eine Besonderheit des Konflikts. Noch nie in der Kriegsgeschichte kam die Führung eines Landes, das einem militärisch weit überlegenen Gegner gegenübersteht, auf die Idee, mit Angriffen auf ein knappes Dutzend Drittstaaten zu reagieren. Diese Vorgehensweise wäre in der Ära klassischer zwischenstaatlicher Kriege undenkbar gewesen, ist aber unter den Bedingungen globaler Abhängigkeitsverhältnisse auf eine perverse Weise rational.

Der Iran führt den Regierungen der arabischen Golfstaaten vor Augen, wie schwer es den US-Streitkräften fällt, ihr Schutzversprechen einzulösen. Durch das Bündnis mit den USA wollten die dortigen Regierungen auch Sicherheit einkaufen. Jetzt werden diese Staaten wegen dieses Bündnisses und der US-Basen auf ihrem Staatsgebiet beschossen. Diese Lektion wird man in der Region und auch darüber hinaus nicht so schnell vergessen.

Das Mullah-Regime ist bei der eigenen Bevölkerung verhasst und verfügt über äußerst begrenzte finanzielle Mittel. Dass es die Supermacht USA dennoch derart in die Bredouille bringen kann, hängt auch mit waffentechnologischen Neuerungen zusammen. Der Übergang zum Drohnenkrieg stellt selbst die Flugabwehr hochgerüsteter Länder vor eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Die Abwehrsysteme können nicht die gesamte Golfregion abschirmen. Selbst der israelische Raketenschutzschild – nach verbreiteter Einschätzung das leistungsfähigste der Welt – erreicht bei koordinierten Angriffen mit Drohnen und Raketen seine Grenzen.
Hinzu kommt, dass der Drohneneinsatz die Angreifer auch militärökonomisch grotesk begünstigt. So liegen die Herstellungskosten einer Shahed-Drohne bei etwa 20 000 US-Dollar, während ein einziger Schuss mit dem Patriot-Abwehrsystem etwa vier Millionen US-Dollar kostet, also das 200fache. Kein Wunder, dass die unmittelbaren Kriegskosten der USA auf eine Milliarde US-Dollar pro Tag geschätzt werden. Zudem sind die Munitionsvorräte begrenzt. Bis Ende März hatten die USA und die Golfstaaten nach Schätzungen von Bloomberg insgesamt rund 2 400 Patriot-Abfangraketen verschossen – bei einem Vorkriegsbestand von knapp 2 800 und einer Jahresproduktion von lediglich 650 Raketen.

Geographischer Vorteil für den Iran

Im Krieg mit Israel und der Supermacht USA kommt dem Mullah-Regime die geographische Lage des Iran zugute. Das Land liegt an der Straße von Hormuz, durch die eine der wichtigsten Routen des globalen Güterverkehrs verläuft. Dadurch können die Machthaber in Teheran mit bescheidenen militärischen Fähigkeiten maximalen Schaden anrichten. Die unmittelbar Leidtragenden sind die Golfstaaten. Sie bezahlen für den Krieg der USA nicht nur mit Menschenleben und Infrastruktur, sondern auch mit dramatischen Einnahmeausfällen, was vom kapitalistischen Standpunkt aus weit schwerer wiegt.

Ein Rückgang der Ölexporte um 60 Prozent, der Ausfall der katarischen Flüssiggasexporte und der Zusammenbruch des Tourismus bedeuten für die Länder der Region derzeit tägliche Einbußen in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar. Die Bevölkerung der Golfstaaten bekommt die Folgen der Schließung der Straße von Hormuz vor allem an der Supermarktkasse zu spüren. Trotz staatlicher Subventionen ziehen die Preise für Grundnahrungsmittel an, und je länger der Konflikt dauert, desto mehr wird die Inflation steigen.

Die übrige Welt, allen voran Asien, leidet derzeit vor allem unter den gestiegenen Energiepreisen. Aufgrund der Schlüsselstellung von Erdgas bei der Stickstoffdüngerproduktion und des hohen Energiebedarfs in der industriellen Landwirtschaft werden die Lebensmittelpreise mit zeitlicher Verzögerung wohl weltweit erheblich anziehen. Die Preise für Düngemittel liegen im Schnitt jetzt schon 40 bis 60 Prozent höher als vor dem 28. Februar. Im Gefolge des Iran-Kriegs dürften weit mehr Menschen im Globalen Süden aufgrund von Mangelernährung sterben als in der Golfregion durch den Krieg selbst.

Im Konflikt mit den USA haben die Mullahs einen noch weit mächtigeren Verbündeten als Drohnentechnologie und Geographie: die Struktur der heutigen Weltwirtschaft. Ausgangspunkt ist deren Abhängigkeit von fossilen Ressourcen. Trotz der sich anbahnenden Klimakatastrophe wurden noch nie so viel Erdöl und Erdgas verbrannt wie heute. Entsprechend empfindlich reagiert die Weltwirtschaft, wenn der Nachschub nicht mehr reibungslos geliefert wird.

Folgenschwerer als die physische Verknappung selbst sind für die weltwirtschaftliche Entwicklung freilich die Multiplikatoreffekte. Zunächst rächt sich, dass die Preisbildung für Erdgas und Erdöl heutzutage anders vonstatten geht als in früheren Stadien kapitalistischer Entwicklung. Bis in die siebziger Jahre hinein vollzog sich der Handel mit Erdöl und Erdgas im Wesentlichen über langfristige Lieferverträge zwischen Produzenten und Abnehmern. Die Preise waren fest vereinbart und wilde Schwankungen unbekannt.

Heutzutage bilden sich die Preise an den Rohstoffbörsen, wo wie an allen Börsen Zukunftserwartungen die Preisentwicklung bestimmen. Deshalb können die Erwartungen an mögliche künftige Verknappungen die Preise bereits heute weltweit in die Höhe treiben. So geschehen 2022 im Gefolge des russischen Überfalls auf die Ukraine – ein Schauspiel, das sich nun wiederholt. Einen Tag vor dem Angriff auf den Iran lag der Preis für Nordseeöl bei knapp 73 US-Dollar, zehn Tage später waren es 119. Entsprechend ist im Zuge des Iran-Kriegs auch in Deutschland der Benzinpreis in die Höhe geschossen, obwohl das Land kaum Erdöl aus der Golfregion bezieht.

Gefahr für die Finanzmärkte

Die Einnahmeverluste der Golfstaaten sowie die Mehrbelastung von Verbrauchern und Industrie durch die gestiegenen Energiepreise lassen sich relativ leicht beziffern. Weitaus schwieriger ist es jedoch, die Folgen des wichtigsten Kampfkraftverstärkers des Mullah-Regimes einzuschätzen: die Verwundbarkeit der Weltwirtschaft durch Erschütterungen der Finanzmärkte. Sollte der Iran-Krieg die internationalen Finanzmärkte zum Absturz bringen, könnte dies Kettenreaktionen bis hin zu einer Weltwirtschaftskrise auslösen.

Auch die Aktienbörsen reagieren allergisch auf die Drohung mit einer weiteren Eskalation des Iran-Konflikts. Als Trump am 22. März tönte, er werde die iranische Energieinfrastruktur in Schutt und Asche legen lassen, sollte das Mullah-Regime die Straße von Hormuz nicht innerhalb von 48 Stunden freigeben, fiel der Dow-Jones-Index umgehend auf ein Sechsmonatstief. Auch der S&P 500, der die 500 größten börsennotierten US-Unternehmen abbildet, brach sofort ein. Es war die Angst vor den Reaktionen der Finanzmärkte, die den US-Präsidenten bewog, umgehend das Ultimatum zu verlängern und vorläufig auf eine weitere Eskalation zu verzichten.

Kuhhandel oder Eskalation

Die US-Regierung hat sich in eine Sackgasse manövriert. Mit jedem Tag, den der Krieg gegen den Iran andauert, wächst der Schaden für die Weltwirtschaft. Gleichzeitig erreicht der durch den Krieg verursachte Inflationsdruck allmählich auch die USA. Die bürgerliche Gesellschaft ist kaum irgendwo so empfindlich wie am Geldbeutel. Bisherige Trump-Wähler bilden da keine Ausnahme – und im November stehen die midterm elections, die Zwischenwahlen, an. Die US-Regierung muss daher so schnell wie möglich einen Ausweg aus dem Krieg finden.

Um den Weltmacht-Nimbus der USA nicht vollends zu demontieren, muss dieser Ausstieg jedoch gesichtswahrend sein. Das ist wohl nur möglich, wenn die iranischen Angriffe in der Region enden und die Straße von Hormuz für den internationalen Schiffsverkehr wieder geöffnet wird. Prinzipiell ist ein Kuhhandel zwischen den beiden Regimen vorstellbar. Allerdings müssten die USA dem Iran dabei wohl weit entgegenkommen und de facto das Scheitern des gesamten Unternehmens eingestehen.

Im Augenblick scheint es jedoch wahrscheinlicher, dass die USA die zusammengezogenen Truppenkontingente auch einsetzen werden. Derzeit wird gemutmaßt, dass die USA die für die iranische Ölindustrie äußerst wichtige Insel Kharg besetzen wollen, um ein Faustpfand in die Hand zu bekommen. Damit würde ein militärisches Unternehmen, das ursprünglich – wenn auch schon zu Beginn recht verhalten – mit der edlen Mission eines Regimewechsels begründet wurde, zum Raubüberfall verkommen. Der Verlust der Insel wäre ein schwerer Schlag für die ohnehin geschwächte iranische Wirtschaft und würde dem iranischen Staat seine wirtschaftliche Existenzgrundlage entziehen. Im schlimmsten Fall würde aus dem Iran ein failed state.

Schon militärisch wäre das letztlich ein Pyrrhussieg. Die USA laufen Gefahr, den Iran in eine Brutstätte genau der Sorte von Gegnern zu verwandeln, die sie trotz ihrer Übermacht nie ausschalten können – und das auf unabsehbare Zeit. Noch verheerender wäre ein Kollaps des Iran jedoch für die politische Stabilität der Region. Das wiederum würde die Weltmachtposition der USA weiter untergraben.

Abschied vom Petrodollar?

Die transatlantischen Beziehungen sind ohnehin schon lange angespannt. Der Iran-Krieg hat die Kluft zwischen den USA und ihren europäischen Verbündeten weiter vertieft. Dagegen herrschte zwischen Washington und den autokratischen Regimen am Golf bis vor kurzem eitel Sonnenschein. In seiner ersten Amtszeit konnte Trump nur einen nennenswerten außenpolitischen Erfolg verzeichnen: die Vermittlung des Abraham-Abkommens zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain einerseits sowie Israel andererseits, das später noch weitere arabische Staaten unterzeichneten. Auch nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus waren die Autokratien am Golf die einzige Region der Welt, in der Trumps Politik des Dealmaking eine Intensivierung der Beziehungen bewirkte.

Seine erste Auslandsreise führte Trump in die saudische Hauptstadt Riad, wo er ein Abkommen abschloss, in dem sich Saudi-Arabien und Katar dazu verpflichteten, in den nächsten zehn Jahren in den USA zu investieren. Im Gegenzug erhielt Katar unter anderem weitgehende Sicherheitsgarantien. Die Regierung Trump erklärte, Angriffe auf das Land als Bedrohung der USA zu behandeln. Vor Beginn des Iran-Kriegs hatten sich die Regierungen der Region noch gegen eine militärische Intervention der USA gewandt und waren vom Weißen Haus übergangen worden. Umso mehr drängt sich ihnen jetzt die Frage auf, ob der Schulterschluss mit den USA nicht ein fataler Fehler war.

Das Bündnis zwischen den Golfstaaten und den USA hat eine lange Tradition. Schon in den siebziger Jahren basierte es auf dem Tausch von Sicherheit für die Golfstaaten gegen beachtliche ökonomische Vorteile für die USA. Für die wirtschaftliche Prosperität der USA ist Allianz mit den Golfstaaten vor allem deshalb so wichtig, weil sie die Funktion der US-amerikanischen Währung als Weltgeld stützt. Nach der Abschaffung der Goldbindung des US-Dollar durch Präsident Richard Nixon 1971 kamen die Opec-Staaten auf Initiative Saudi-Arabiens 1973 und 1974 mit den USA überein, Ölverkäufe vornehmlich in US-Dollar abzuwickeln.

Diese Praxis sorgt seitdem nicht nur für Dollarnachfrage im Handel, sie zwingt darüber hinaus viele Länder, US-Dollar als Währungsreserve zu halten, um ihre Ölrechnung begleichen zu können. Der Dollarbedarf der Weltwirtschaft verschaffte den USA das Privileg, so gut wie unbegrenzt Staatsanleihen und Kredite in der eigenen Währung anzubieten. Ohne den Petrodollar hätten nie die Unmengen ausländischen Geldkapitals in die USA fließen können, auf denen die Weltmachtstellung des Landes seit Jahrzehnten gründet.

Die Position des Dollars als Leitwährung bröckelt bereits seit einiger Zeit. Während US-Dollar im Jahr 2000 noch 71 Prozent der weltweiten Währungsreserven ausmachten, sind es mittlerweile nur noch knapp 57 Prozent. In der Wirtschaftspresse wird seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien immer wieder über das mögliche Ende des Petrodollars spekuliert. Außerdem reduzieren Länder wie Saudi-Arabien seit einigen Jahren aus ökonomischen Gründen ihre Abhängigkeit vom Dollar. Bislang betrifft das den Ölhandel zwar so gut wie gar nicht – doch wird es dabei bleiben, wo sich doch das Schutzversprechen der USA als leer entpuppt hat?

Die Einnahmeausfälle durch den Iran-Krieg dürften die Golfstaaten zwingen, Auslandsvermögen aufzulösen – und das werden in erster Linie Dollarbestände sein. Wenn das der Einstieg in den Ausstieg aus dem Dollar würde, wäre das für die Weltmacht USA ein Katastrophe. Der Untergang des Römischen Reichs zog sich über Jahrhunderte, der Zerfall des Britischen Empires über Jahrzehnte. Die Auflösung der US-amerikanischen Hegemonie scheint sich dagegen im Zeitraffer zu vollziehen.