von Nick Gietinger
Andy Burnham gilt als heißer Kandidat für die Nachfolge auf den strauchelnden Premierminister Keir Starmer. Unter den Schlagworten „Manchesterism“ oder „Business-Friendly Socialism“ propagiert Burnham das angebliche Ende des Neoliberalismus. Tatsächlich könnte die Entwicklung in der Großregion Manchester aber nicht neoliberaler sein.
Er gilt als Hoffnungsträger, da er als Bürgermeister der Großregion Manchester seit 2017 Erfolge zu verzeichnen hat. Richtig ist: Unter Andy Burnham wurden die Öffentlichen Verkehrsmittel wieder unter öffentliche Kontrolle gebracht (nicht zu verwechseln mit Verstaatlichung) und unter ihm boomt die Wirtschaft. Doch ob das der Bevölkerung zugutekommt, ist fraglich. Die Gründe für den wirtschaftlichen Aufbruch sind weniger in seinem persönlichen Handeln oder einer alternativen ökonomischen Doktrin als in der spezifischen ökonomischen Situation Manchesters zu finden.
Der Boom Manchesters ging schon in den 2000ern los, als man sich dort von der Industrie loslöste, um auf die Finanz- und Dienstleistungsbranche umzuschwenken. Das wohl bekannteste Beispiel ist die 2014 beschlossene Kooperation Manchester Life der Stadt Manchester mit dem Abu Dhabi United Group Investment Fund, dessen Besitzer Sheikh Mansour 2008 unter anderem den strauchelnden Fußballclub Manchester City kaufte. Mansour und sein Fond erwarben außerdem günstig Grund und Boden in Manchester und investierten dafür im Gegenzug in die Stadt.
Der Boom findet vor allem in Manchester City sowie in den benachbarten Bezirken Salford und Trafford statt. Dort gab es einen signifikanten ökonomischen Boom. Das Problem ist allerdings, dass die restlichen Regionen vom Boom weitestgehend ausgeschlossen sind. Das Wachstum findet vor allem im Stadtzentrum von Manchester statt, wobei Salford und Trafford mitprofitieren, da sie gut an Manchester angebunden sind.
Außerdem profitieren die Menschen dort kaum vom wirtschaftlichen Boom. Eine Research Briefing der Wirtschaftsberatung Oxford Economics schreibt, dass das verfügbare Einkommen seit 2008 in der Region Groß-Manchester um nur 0,6 Prozent pro Jahr gestiegen ist, was weniger ist als der nationale Durchschnitt im Vereinigten Königreich von jährlich 0,7 Prozent. Im wirtschaftlich stark wachsenden Salford sei das verfügbare Einkommen sogar minimal geringer als im Jahr 2008. Die wirtschaftlich stagnierenden Gebiete Wigan, Bolton oder Bury, alle Teil der Greater Manchester Region, sehen ebenfalls kaum Steigerungen im Einkommen. Und das Gebiet, das in Greater Manchester am meisten wirtschaftlich profitiert, also Manchester City, ist laut der Greater Manchester Combined Authority (GMCA) eines der am meisten sozial benachteiligten Gebiete im UK und hat den viertletzten Platz auf nationaler Ebene inne. Das Wirtschaftswachstum der Stadt setzt sich also nicht in eine spürbare Verbesserung des Einkommens der Bevölkerung um.
Neben der Konzentration auf den Finanz- und Dienstleistungssektor, ist ein weiterer Grund für guten Wachstumszahlen der ehemals niedrige Boden- und Mietpreis, der Unternehmen und Arbeiter in den letzten Jahrzehnten anlockte. Der Strom vom teuren London ins günstigere Manchester, auch als „Northshoring“ bekannt, hat viel zum Boom Manchesters beigetragen. In den 90ern sollen lediglich 500 Menschen im Stadtzentrum gelebt haben – heute sind es mit 100.000 Einwohnern 200mal mehr! Vorhersagen sprechen von 250.000 im Jahr 2035. Doch inzwischen steigen die Mieten rasant. Ein wichtiger Faktor für das Wirtschaftswachstum ist also der steigende Profit mit Mieten und der Wertzuwachs von Grund und Boden. Dieser „Segen” entpuppt sich jedoch als Falle, denn der Profit kommt nicht bei der lohnarbeitenden Bevölkerung an, sondern sorgen im Gegenteil dafür, dass alle Einwohner höhere Mieten zahlen müssen.
Fünf Gebiete aus der Region Greater Manchester sind in der Top 10 der höchsten Steigerung der Hauspreise im UK, wie dem Research Briefing von Oxford Economics zu entnehmen ist. Die Universität von Sheffield kritisiert in einer Studie aus dem Jahr 2025, dass ein zentrales Merkmal des Manchesterism vor allem darin bestehe, dass die Mieteinnahmen an private Investoren aus dem Ausland gehen und eben nicht der Bevölkerung zugute kommen. Das erklärt auch den sehr lokal begrenzten Wirtschaftlichen Wachstumsschub.
Zwar hat Manchester ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz, welches die Stadt zusätzlich attraktiv macht. Das Stadtbahnnetz Metrolink, welches seit den 90er Jahren ausgebaut wird, ist das größte im Vereinigten Königreich. Aber dieser Faktor lässt sich weniger auf Andy Burnham zurückzuführen sind als vielmehr auf eine lange Entwicklung, von der Manchester profitiert.
Burnhams Erfolgsgeschichte erscheint im Kontext dieser Umstände und Zahlen in einem ganz anderen Licht. Während sich das Wirtschaftswachstum tatsächlich durch den Umschwung auf Dienstleistungs- und Finanzsektor seit den 00er Jahren signifikant steigerte, kam bei der Bevölkerung nicht viel an. Die Einkommen stagnieren dort eher, während die Mieten steigen. Zwar ist es gelungen, schneller als andere Städte auf den Wandel zu reagieren und frühzeitig Investoren und Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor anzulocken, was zu großen Teilen aber schon in den 90ern und 00er Jahren unter dem Vorsitzenden des Stadtrats von Manchester Richard Leese begann, der sein Amt von 1996 bis 2021 innehatte. Große Teile der Entwicklung sind also gar nicht auf Burnham zurückzuführen. Was in Manchester passiert ist, kann außerdem nicht für das ganze Land wiederholt werden. Schließlich kann nicht jede Stadt im Vereinigen Königreich zum Dienstleistungszentrum werden.
Alles in allem bleibt es äußerst fraglich, wie Burnham eine so spezifische Situation wie in Manchester, das von Northshoring und dem Abschied von der alten Industrie profitierte, auf das gesamte Land übertragen möchte. Noch dazu, wo das spezifische Wachstum Manchesters kaum bei der Bevölkerung ankam. Isaac Rose schreibt in einem Artikel im New Statesman, dass Manchester keine Alternative zum Neoliberalismus sei, sondern ganz im Gegenteil vielmehr ein perfektes Beispiel für diese Wirtschaftsausrichtung darstelle. Im Business-Friendly Socialism liegt der Fokus also vor allem auf „Business friendly“ und gerade nicht auf einem wie auch immer gearteten „Sozialen”.

