07.07.2026 

Schockierende Konkurrenz. Die Bundesregierung bremst noch bei EU-Maßnahmen gegen chinesische Exporte

Von Ernst Lohoff

(Ursprünglich erschienen in der Jungle World 2026/26 vom 25.06.2026)

Noch verhindert die Bundesregierung auf EU-Ebene eine protektionistische Politik gegen China. Doch auch deutsche Industriekonzerne fürchten die chinesischen Exporte. Ein handelspolitischer Konflikt wird wahrscheinlicher.

Beim EU-Gipfel in der vergangenen Woche zeigte sich beim Thema China ein bekanntes Muster. Einige Mitgliedsländer hatten höhere Zölle auf chinesische Importe in die EU ins Gespräch gebracht, doch unter anderem Spanien und Deutschland blockierten den Vorschlag. Wie üblich priorisierte die Bundesregierung die Geschäftsinteressen deutscher Konzerne in China und wollte deshalb Konflikte vermeiden.

Diese Haltung könnte sich allerdings bald ändern. Denn chinesische Exporte stellen für den deutschen Industrie­standort ein immer größeres Problem dar. Die Zeiten, in denen Deutschland innerhalb der weltkapitalistischen Arbeitsteilung die privilegierte Position eines Exportgroßmeisters innehatte, sind endgültig vorbei. Ein Grund dafür besteht darin, dass Schlüsselbranchen wie etwa die Automobilindustrie die technologische Führungsposition verloren haben; vor allem aber haben sich die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen entscheidend verändert.

Der Industriestandort Deutschland – versehen mit einem großen Niedriglohnsektor und einem relativ schwachen Euro – verdankte seine Erfolge jahrzehntelang einer internationalen Wirtschaftsordnung, die von offenen Marktzugängen geprägt war. Die ist aber Geschichte. Das liegt vor allem an den beiden Wirtschaftsmächten, die Anfang dieses Jahrzehnts noch am eifrigsten deutsche Waren abnahmen: die USA und China. Erstere verschanzen sich seit Beginn der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump hinter Zollmauern, mit dem Ergebnis, dass die deutschen Exporte dorthin von Januar bis November 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 9,4 Prozent zurückgingen.

China wiederum ist für die deutsche Industrie gleich in zweifacher Hinsicht zum Problem geworden. Zum einen ist das China-Geschäft eingebrochen: Die deutschen Exporte nach Chinasanken von knapp 107 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf knapp über 80 Milliarden Euro im Jahr 2025. Damit ist das Land als Abnehmer deutscher Waren von Platz zwei auf Platz sechs abgerutscht. Zum anderen exportiert die kriselnde, aber zum Teil stark subventionierte chinesische Industrie riesige Mengen billiger und immer höherwertiger Waren.

Beides hängt eng miteinander zusammen. Die Immobilienkrise lastet nach wie vor schwer auf der chinesischen Wirtschaft. Die fallenden Immobilienpreise haben die Mittelschicht erheblich ärmer gemacht, was zu einer veritablen Konsumflaute geführt hat. So gingen die Einzelhandelsumsätze im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,6 Prozent zurück, und das trotz staatlicher Bemühung zu Verbesserung der Inlandsnachfrage.

Chinesische Exportoffensive

Auf die schwächelnde Binnenkonjunktur reagieren chinesische Konzerne mit einer Exportoffensive, die sich der Staat einiges kosten lässt. Einem Anfang Juni veröffentlichten OECD-Bericht zufolge werden chinesische Firmen mit drei- bis achtmal so viel Staatsgeldern gefördert wie die Konkurrenz aus anderen OECD-Ländern. Rund 60 Prozent der globalen Marktanteilsgewinne von chinesischen Unternehmen sollen in den vergangenen 20 Jahren auf diese Subventionierung zurückzuführen sein. Gezieltes Währungsdumping rundet diese beggar-thy-neighbour-Politik ab. Sie zielt darauf, den Abbau industrieller Überkapazitäten zu externalisieren.

Weil die USA mit ihrer Zollpolitik den heimischen Markt vor chinesischen Exporten abschotten, trifft das vor allem die EU. Im vergangenen Jahr hat Deutschland im Handel mit China ein beispielloses Bilanzdefizit von 90 Milliarden Euro eingefahren. Kein Wunder, dass die Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser in ihrer für den Londoner Think Tank Centre for European Reform verfassten Studie warnen, Deutschland sei das »Epizentrum des zweiten China-Schocks«.

Im Epizentrum reagiert man auf diese Herausforderung indes bisher noch verhalten. Schon als die EU darüber stritt, wie sie Trumps Zöllen begegnen solle, plädierte die Bundesregierung für Zurückhaltung. Um der deutschen Exportwirtschaft vorerst härtere Strafmaßnahmen zu ersparen, kam die EU den USA weit entgegen.

Ein ähnliches handelspolitisches Kalkül verfolgte die Bundesregierung bislang mit Blick auf China. Die betriebswirtschaftlichen Interessen der in China tätigen deutschen Unternehmen hatten Vorrang. Weil die deutsche Automobilindustrie Restriktionen auf dem chinesischen Markt fürchtete, stimmte die Bundesregierung 2024 gegen die EU-Strafzölle auf chinesische Elektroautos – in diesem Fall allerdings vergeblich.

Für einen Wirtschaftsliberalen bemerkenswerte Schlussfolgerung

Inzwischen aber warnen immer mehr deutsche Ökonomen, dass man mit diesem Kurs zwar kurzfristig die Bilanzen mancher deutscher Konzerne schone, aber langfristig den heimischen Industriestandort gefährde. So betonte Robin Winkler vom Institut Deutsche Bank Research im April: »Wir argumentieren seit langem, dass der Handelskonflikt mit den USA von der existentielleren Bedrohung für die deutsche Industrie abgelenkt hat: dem China-Schock.«

Der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Michael Hüther argumentiert, dass Chinas Wettbewerbsvorteile nicht auf überlegener Effizienz beruhen, sondern auf staatlich erzeugten Preisvorteilen. Seine Schlussfolgerung ist für einen Wirtschaftsliberalen bemerkenswert: Selbst wenn die Bundesregierung alle Reformwünsche der Wirtschaft erfüllte – niedrigere Energiepreise, weniger Bürokratie, flexiblere Arbeitsmärkte –,würde das die drohende Deindustrialisierung Deutschlands nicht aufhalten. Er fordert deshalb von der EU einen »strategischen Markteinsatz«. Will heißen: Europa soll von China lernen, wie man Marktmacht im Kampf gegen andere Wirtschaftsgiganten gezielt einsetzt.

Selbst in der Automobilbranche scheint man umzudenken. Nach Informationen des Handelsblatts plädiert VW mittlerweile »für einen härteren Umgang mit China«. Der Grund liegt nahe: Auf dem chinesischen Markt muss VW inzwischen darum kämpfen, seinen Anteil am schrumpfenden Automarkt zu halten, an Wachstum scheint gar nicht mehr zu denken zu sein. Gleichzeitig gefährden die chinesischen Exporte die VW-Verkäufe auf dem EU-Markt.

Der EU-Gipfel in Brüssel zeigte, dass ein Umdenken begonnen hat, aber der Weg ist noch weit. Die Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedsländer mandatierten die EU-Kommission, Instrumente zu entwickeln, um das Handelsbilanzdefizit gegenüber China zu senken. Doch das stärkste der diskutierten Werkzeuge, ein »Überkapazitätsinstrument« zur sektoralen Begrenzung chinesischer Exporte, fiel auf deutschen und spanischen Druck aus dem Auftrag heraus. Stattdessen soll weiter ein »konstruktiver Dialog« gepflegt werden – der allerdings, so die vorsichtige Einschränkung, »zu Ergebnissen führen« müsse. Die EU hat keine Antwort auf den China-Schock formuliert. Sie hat lediglich beschlossen, nach einer zu suchen.