von Marcos Barreira
Anlässlich der Wahlen in Brasilien, bei denen der Kandidat der Rechten Flávio Bolsonaro vorläufig gesiegt hat und in die Stichwahl gegen Lula da Silva einzieht, veröffentlichen wir diesen Text, der am 26.03.2026 erstmals in einer redaktionell etwas veränderten Fassung in der Jungle World erschienen ist.
Jüngste Umfragen zeigen einen deutlichen Rückgang der Zustimmung zur Regierung Lula. Ihre Ablehnungsrate hat mit 51 Prozent wieder das Niveau vom Juli des vergangenen Jahres erreicht. Die Popularität des Präsidenten ist in nahezu allen Bevölkerungsgruppen gesunken, die seinen knappen Wahlsieg mit 50,9 zu 49,1 Prozent gegen Jair Bolsonaro im Jahr 2022 ermöglicht hatten: Unter jungen Menschen, Frauen und Katholiken nahm die Ablehnung zu. Lediglich im Nordosten, Lulas wichtigster Wahlhochburg, ist die Zustimmung gestiegen.
Die Zustimmungswerte zeigen einen anhaltenden Rückgang, wenn auch mit Schwankungen. Mitte des vergangenen Jahres sahen Analysten die Opposition im Vorteil, die sich darauf vorbereitete, einen Nachfolger Bolsonaros für die diesjährige Präsidentschaftswahl zu bestimmen. Im Juni bestätigten die USA Zölle in Höhe von 50 Prozent auf Produkte aus Brasilien. Donald Trump machte den politischen Charakter dieser Maßnahme deutlich, indem er die brasilianische Regierung und die brasilianische Justiz unter Druck setzte, das Verfahren gegen Bolsonaro wegen eines Putschversuchs zu beenden. Das nutzte der Opposition nichts, die teilweise den amerikanischen Druck unterstützte und versuchte, Lula für eine angeblich schlechte Diplomatie verantwortlich zu machen. Der Präsident verzeichnete daraufhin einen leichten Anstieg seiner Popularität.
Wenige Monate später jedoch erschütterte eine groß angelegte Polizeioffensive in den Favelas von Rio – von Lula trotz breiter öffentlicher Unterstützung als „desaströs“ kritisiert – erneut das Image der Regierung. Die Aktion, die sich gegen die Fraktion „Comando Vermelho“ richtete, forderte mehr als hundert Tote und entfachte die nationale Debatte über die öffentliche Sicherheit neu. Die Opposition griff den Vorfall umfassend auf, und er zeigte einen der wichtigsten Wege für die Rückkehr der Rechtsextremen an die Regierung auf.
Krise in der Rechten
Mit der Inhaftierung und politischen Entrechtung Jair Bolsonaros gewann der Name des Gouverneurs von São Paulo, Tarcísio de Freitas, an Gewicht. Als Verbündeter Bolsonaros, dem er seine Wahl verdankt, regiert er den reichsten Bundesstaat des Landes, genießt viel Aufmerksamkeit in den Medien und hat gute Beziehungen zu wirtschaftlichen Kreisen. Die Presse begann, ihn als tragfähigen Kandidaten zu sehen und versuchte, ihn in die „Mitte“ zu ziehen, während Bolsonaro-Anhänger seine Loyalität testeten, indem sie von ihm verlangten, sich gegenüber der Justiz auf einen Konfrontationskurs zu begeben.
Da diese von den etablierten Medien als „Zentrums“-Kandidatur dargestellte Option sich nicht zwischen der traditionellen Rechten und den Extremisten entscheiden konnte, unternahm der Bolsonaro-Clan einen riskanten Schritt und verweigerte die Unterstützung für einen Kandidaten außerhalb der Familie. Jair Bolsonaro fürchtete, einen populären Kandidaten zu unterstützen, der sich nicht vollständig zur Forderung nach Amnestie für die wegen des Putschversuchs von 2023 Verurteilten bekennen würde. Da sein Sohn Eduardo Bolsonaro, zuständig für die internationalen Verbindungen der Familie, sich nach der Verhaftung des Vaters in die USA abgesetzt hatte, fiel die Wahl auf Flávio Bolsonaro, der ein zurückhaltenderes Profil hat und – zumindest dem Anschein nach – weniger radikal ist.
Die Entscheidung überraschte die politische Welt, da man davon ausgegangen war, dass keiner von Bolsonaros Söhnen wahlpolitisch aussichtsreicher wäre als der Favorit der Medien und der „Märkte“. Anfangs erhielt er selbst unter Bolsonaro-Anhängern nur verhaltene Unterstützung, während andere Teile der Rechten die Entscheidung als Versuch sahen, die Opposition den persönlichen Zielen des ehemaligen Präsidenten unterzuordnen. Gegen beide Söhne Bolsonaros sprechen unter anderem Korruptionsvorwürfe, da ihr Vater sie seit Beginn seiner politischen Laufbahn in bekannte Systeme zur Veruntreuung öffentlicher Gelder und zur Geldwäsche verwickelte.
Das Thema gewann 2020 an Bedeutung, als Jair Bolsonaro in Konflikt mit dem damaligen Justizminister Sergio Moro geriet, der für die Verurteilung Lulas verantwortlich war. Hinter den Kulissen versuchte Moro, Ermittlungen wegen Geldwäsche im Zusammenhang mit Flávio voranzutreiben. In einer später öffentlich gewordenen Ministerbesprechung erklärte Bolsonaro, er müsse die Leitung der Bundespolizei austauschen, um seinen Sohn zu schützen.
Dennoch legte der neue Kandidat einen starken Start in den Umfragen hin und erreichte mit 26 Prozent den dritten Platz. Nach dem Rückzug des Gouverneurs von São Paulo, der sich für eine Wiederwahl entschied, begann Flávio, Stimmen aus der Opposition zu bündeln, und liegt in einem möglichen zweiten Wahlgang inzwischen statistisch gleichauf mit Lula.
Wahl der Ablehnung
Der Aufstieg Flávio Bolsonaros lässt sich nicht durch persönliche Qualitäten erklären, sondern durch die Lage der Regierung. In der Wirtschaft stößt Lulas dritte Amtszeit an haushaltspolitische Grenzen, an die „Blockade“ eines Teils des Budgets durch den Kongress – die sogenannten verpflichtenden Haushaltszuweisungen – sowie an das Fehlen jener externen Bedingungen, die das Wachstum in früheren Regierungszeiten getragen hatten. Dies veranlasste den Finanzminister Fernando Haddad, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen, etwa Steuererhöhungen auf Importe und Kraftstoffe. Die Regierung nahm schließlich sogar Abstand von dem Versuch, internationale Einkäufe von geringem Wert zu besteuern, angesichts der breiten negativen Resonanz auf die Maßnahme.
Die Opposition nutzte diese Schwierigkeiten in viralen Kampagnen gegen tatsächliche oder eingebildete Steuererhöhungen, die der Regierung zugeschrieben wurden, aus. Selbst soziale Ausgleichsmaßnahmen wie die Befreiung von der Einkommensteuer für Einkommen bis zu 5.000 brasilianischen Reais (etwa 1.000 US-Dollar) konnten das negative Image nicht umkehren.
Auch in der ideologischen Auseinandersetzung um Korruption erlitt die Regierung eine Niederlage. Jüngste Fälle von Betrug im Finanz- und Rentensystem stehen zwar nicht in direktem Zusammenhang mit der Regierung, verstärken jedoch die Wahrnehmung einer Krise des „Systems“, das häufig mit der Regierung selbst identifiziert wird. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass Lula vor allem als Krisenmanager agiert, punktuelle Vergünstigungen anbietet, ohne eine breitere Perspektive gesellschaftlicher Veränderung und nicht einmal ein Bild einer solchen Alternative zu präsentieren. Auf diese Weise gelingt es ihm nicht, über jene gesellschaftlichen Gruppen hinaus Unterstützung zu gewinnen, die ohnehin zu seiner angestammten Klientel gehören.
Hinzu kommt eine dritte Schwierigkeit: Das Vordringen krimineller Organisationen und ihre Ausbreitung in Regionen, die zuvor keine organisierten Strukturen kannten, insbesondere im Nordosten sowie in den Grenzgebieten zu Paraguay und Bolivien. Während die bewaffnete Kontrolle dieser Gruppen in diesen Gebieten zunimmt, steigt auch die Gewalt in den großen Städten. Lula hatte das Problem in der Vergangenheit heruntergespielt, und bis heute liefert seine Regierung keine überzeugende Antwort – was es der extremen Rechten erleichtert, das Thema zu einem zentralen Bestandteil ihrer Strategie zu machen.
In diesem Kontext zeichnet sich auch eine internationale Annäherung ab. Die Trump-Regierung hat kürzlich gemeinsame Maßnahmen mit lateinamerikanischen Ländern gegen Kartelle und illegale Migration befürwortet – eine Initiative, von der Brasilien ausgeschlossen wurde. In seinen sozialen Netzwerken ging Flávio Bolsonaro sogar so weit, militärische Maßnahmen der USA gegen den Drogenhandel in Rio ins Spiel zu bringen. So entsteht eine neue Annäherung zwischen dem Trumpismus und der brasilianischen extremen Rechten, zusammen mit Figuren wie Javier Milei und Nayib Bukele.
In jüngsten Umfragen liegen Flávio und Lula sogar bei den Ablehnungswerten gleichauf. Die Kandidatur Flávios steht zwar weiterhin vor Schwierigkeiten, doch das ändert nichts an der Strategie der Familie Bolsonaro: Die Kontrolle über die Opposition zu behalten und eine stabile Mehrheit im Senat anzustreben, um die Justiz zu konfrontieren. Die überraschend starken Werte Flávios könnten die Opposition nun hinter seinem Namen vereinen. Obwohl er einen moderateren Ton als sein Vater anschlägt, erscheint der Bolsonarismus heute insgesamt radikaler. So wie Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit aggressiver und besser vorbereitet auftrat, scheint auch diese Bewegung einer ähnlichen Entwicklung zu folgen.

