30.03.2012  Beitrag drucken

Die Phasen der Krisenverschiebung und ihre Grenzen (Leseprobe)

Ernst Lohoff/Norbert Trenkle
(Leseprobe aus: Die große Entwertung)

Kapitel 3.5.5

„Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint, daß die Produktion nur Produktion für das Kapital ist, und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind. Die Schranken, in denen sich die Erhaltung und Verwertung des Kapitalwerts, die auf der Enteignung und Verarmung der großen Masse der Produzenten beruht, allein bewegen kann, diese Schranken treten daher beständig in Widerspruch mit den Produktionsmethoden, die das Kapital zu seinem Zweck anwenden muß und die auf unbeschränkte Vermehrung der Produktion, auf die Produktion als Selbstzweck, auf unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit lossteuern. Das Mittel – unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte – gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandenen Kapitals. Wenn daher die kapitalistische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser ihrer historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen.“ (MEW 25, S. 260)
Als Marx Mitte des 19. Jahrhunderts diese Zeilen schrieb, lag die Schwelle noch in ferner Zukunft, an der die vom Kapital selber unermüdlich vorangetriebene Produktivkraftentwicklung die auf dem Wert beruhende Produktionsweise unhaltbar machen muss. Heute sieht das ganz anders aus. Als auf der Wertverwertung beruhendes Selbstzwecksystem hat der Kapitalismus schon mit dem Auslaufen des fordistischen Booms in den 1970er Jahren seine historische Schranke erreicht. Die klassische Quelle kapitalistischen Reichtums, die Schaffung von tatsächlichem Wert durch die produktive Vernutzung lebendiger Arbeit, sprudelte im Gefolge der Produktivkraftentwicklung immer schwächer, und mit dem Durchbruch der dritten industriellen Revolution spitzte sich diese Entwicklung katastrophisch zu. Der basale Prozess der Auszehrung lebendiger Arbeit machte sich an der Oberfläche als strukturelle Überakkumulation von fungierendem Kapital bemerkbar. Gemessen an den strukturell rückläufigen Verwertungsmöglichkeiten herrschte ein Überangebot an fungierendem Kapital, und die private Kapitalakkumulation stockte. In dieser Situation hatten sich der Staat und die Zentralbank an einer letztlich unlösbaren Aufgabe versucht: den Ausfall des privaten Sektors als Motors der Akkumulation zu kompensieren. Doch mit der neoliberalen Revolution eröffnete sich ein vorübergehender Ausweg aus diesem Dilemma.
Eigentlich war die kapitalistische Gesellschaft schon Ende der 1970er zu reich für die armselige kapitalistische Reichtumsform des Werts geworden. Trotzdem brachten die folgenden Jahrzehnte statt einer manifesten Zuspitzung der Krise eine neue Boomphase. Der Kapitalismus setzte sich über die historische Schranke hinweg, die ihm als Selbstzwecksystem der Wertverwertung gesetzt ist, indem er zu einem auf der Vorabkapitalisierung künftiger Wertproduktion gründendem Selbstzwecksystem mutierte. Die Schwäche der Kapitalakkumulation war behoben, als sich der Schwerpunkt der Kapitalvermehrung von der Realwirtschaft zur Finanzindustrie, von der Produktion von Waren 1ter Ordnung zur Produktion von Waren 2ter Ordnung verschob. In dem Maß wie die Expansion der Eigentumstitelproduktion die tatsächliche Vernutzung lebendiger Arbeit als Hauptquelle kapitalistischer Reichtumsproduktion ablöste, verschwand das Missverhältnis von bereits akkumuliertem Kapital und neuer Kapitalbildung und mit ihr die Überakkumulationskrise.
Mittelfristig betrachtet, war der Übergang vom klassischen zum inversen Kapitalismus sicherlich eine geradezu geniale Lösung zur Sicherung des Systemerhalts, eine Sicherung, die freilich ohne jedes Bewusstsein ihres Zusammenhangs in die Tat umgesetzt worden war. Längerfristig betrachtet, trug sie allerdings nur dazu bei, die Widersprüche der 1970er-Jahre-Krise auf einem um das Vielfache gesteigerten Niveau zu reproduzieren. Der Traum vom grenzenlosen Wachstum, der auf dem Höhepunkt des finanzindustriellen Booms und der neoliberalen Euphorie in den 1990er Jahren grassierte, musste platzen. Auch das neue Expansionsfeld, die Vermehrung von Kapital durch die beständig beschleunigte Eigentumstitelproduktion, hat Grenzen – und diese werden weit schneller erreicht als die des Wertverwertungssystems. In seiner klassischen Gestalt, als ein auf tatsächlicher Vernutzung lebendiger Arbeitskraft gegründetes System, brauchte der Kapitalismus rund 250 Jahre, um sich an seine historische Schranke heranzuarbeiten. Die auf der immer rasanteren Vorabkapitalisierung künftiger Wertproduktion fußende Ordnung gelangt in einem Bruchteil dieser Zeit bis zu dem Punkt, an dem es kollabieren muss.
Lässt man die Entwicklung des inversen Kapitalismus von seinen Anfängen bis zum Herbst 2008 Revue passieren, dann gliedert sie sich grob gesprochen in drei Perioden. Diese unterscheiden sich nicht zuletzt durch die Rolle, die Staat und Zentralbank jeweils für die Dynamik innerprivatwirtschaftlicher fiktiver Kapitalschöpfung spielen. In der Startphase des postfordistischen Booms übernahmen die staatlichen Instanzen den Part des Tempomachers. Die neoliberalen Installationsregimes, allen voran die Reagan-Administration, nutzten die Möglichkeiten staatlicher Macht konsequent dazu, um die transnationale Eigentumstitelproduktion auf Fahrt zu bringen. Indem sie in einem damals noch sensationell anmutenden Maß die Staatsverschuldung nach oben schraubte, stellte speziell die US-Regierung selber ein weites Anlagefeld zur Verfügung, auf dem sich brachliegendes Geldkapital in fiktives Kapital verwandeln konnte. Gleichzeitig erweiterte sie durch die breitflächigen Privatisierungen den Kreis der realwirtschaftlichen Hoffnungsträger und Eigentumstitelverkäufer, während die Deregulierung die Fertigungstiefe der Finanzindustrie veränderte. So ermöglichte sie es, dass sich künftig eine sprunghaft steigende Masse von Eigentumstiteln auf denselben realwirtschaftlichen Hoffnungsträger bezieht.
Diese Neuorganisierung des kapitalistischen Gefüges war von durchschlagendem Erfolg gekrönt, und so konnte die kurze Ära der ursprünglichen Akkumulation weltmarktunmittelbaren fiktiven Kapitals in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre in eine Phase selbsttragender beschleunigter Akkumulation von Waren 2ter Ordnung übergehen. In dieser goldenen Epoche des fiktiven Kapitals war die Dynamik innerprivatwirtschaftlicher Kapitalschöpfung stark genug, um auch ohne große zusätzliche Hilfestellung von Staat und Zentralbank die Weltwirtschaft in eine Boomphase zu treiben, während Staat und Zentralbank sich auf eine Begleitfunktion beschränken konnten.
Der neoliberalen Doktrin entsprechend blieb in dieser Phase, die mit dem New-Economy-Boom ihren Höhepunkt und Abschluss erreichte, die Hauptrolle dem freien Spiel der „Marktkräfte“ überlassen. Diese Epoche ging mit dem Crash im Frühjahr 2000 zu Ende. Seitdem hat die weitere Ausdehnung der innerprivatwirtschaftlichen finanzindustriellen Produktion ihren selbsttragenden Charakter eingebüßt. Staat und Zentralbank haben primär eine Stützfunktion übernommen, die zwar als unmittelbare Krisenintervention gedacht war, die sie aber nicht mehr los wurden. Ohne Niedrigzinspolitik und Deficit Spending war die privatwirtschaftliche Kapitalschöpfung nicht mehr auf Expansionskurs zu halten. Der letzte große Krisenschub, die Finanzmarktkrise vom Herbst 2008, leitete wiederum zu einer vierten Phase über. Angesichts des Mangels an geeigneten Hoffnungsträger wird aus der staatlichen Stützfunktion immer mehr eine Ersatzfunktion. Zentralbank und öffentliche Hand können sich nicht mehr damit begnügen, die innerprivate Bildung von Eigentumstiteln zu flankieren, vielmehr ist die Staatsblase zum wichtigsten Element der Bildung von fiktivem Kapital geworden.
Nach 30 Jahren inversem Kapitalismus befindet sich das warenproduzierende Weltsystem damit in einer Lage, die deutliche Parallelen zur Situation der 1970er Jahre aufweist. Genauso wie damals lahmt in fast allen kapitalistischen Kernländern, insbesondere in den USA, die private Kapitalakkumulation. Staat und Zentralbank versuchen zwar nach Leibeskräften, die Kapitalvernichtung zu verhindern und die Neubildung von Kapital anzuschieben, doch weil die grundlegende Problematik unlösbar ist, verändert sich unter der Hand sukzessive der Charakter der staatlichen Interventionen. Ähnlich wie in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, als das keynesianische Programm nicht mehr griff, sind staatliche Verschuldung und der bereitwillige Ankauf von Eigentumstiteln durch die Zentralbanken zu denkbar günstigen Konditionen immer weniger Starthelfer privater Kapitalakkumulation und immer mehr deren Substitut.
Dieser Neo-Spätkeynesianismus stemmt sich allerdings gegen einen noch weit mächtigeren Kapitalvernichtungsdruck als sein Vorgänger Ende der 1970er Jahre. Das warenproduzierende Weltsystem steuert nämlich heute schnurstracks in eine doppelte Überakkumulationskrise hinein, und der Krisenschub vom Herbst 2008 war nicht viel mehr als ein erstes Wetterleuchten. Zum einen herrscht angesichts fehlender realwirtschaftlicher Hoffnungsträger und Bergen aufgehäufter, nicht mehr realisierbarer Waren 2ter Ordnung eine strukturelle finanzindustrielle Überakkumulation, zu der es keine Parallele in der Geschichte gibt. Das eklatante Missverhältnis zwischen den immer knapper werdenden, halbwegs renditeträchtig erscheinenden Anlagemöglichkeiten in der Privatwirtschaft einerseits und den aufgehäuften Massen finanzindustriell entstandenen Geldkapitals andererseits setzt eine gigantische Vernichtung von Waren 2ter Ordnung auf die historische Tagesordnung. Die innerprivatwirtschaftliche Neuproduktion von Waren 2ter Ordnung bleibt derzeit deutlich hinter den Wachstumsraten zurück, die für die Aufrechterhaltung des inversen Kapitalismus nötig wären.
Wenn aber die Kapitalakkumulation durch beschleunigte Eigentumstitelvermehrung an ihre Schranken stößt, muss auch die strukturelle Überakkumulation von fungierendem Kapital stärker denn je manifest werden. Die explosionsartige Ausdehnung des fiktiven Kapitals hat die basale Krise der Wertverwertung drei Jahrzehnte lang immer nur überspielt. Die Ursache dieser Krise, die unumkehrbare Verdrängung lebendiger Arbeit aus dem unmittelbaren Produktionsprozess, ist aber nie beseitigt worden, sondern hat im Gegenteil in den letzten Jahrzehnten im Windschatten der Mirakelökonomie eine neue Qualität angenommen. Daher muss sie zusammen mit der Überakkumulationskrise, in die das fiktive Kapital gerät, mit aller Macht durchschlagen. Fällt die durch die Dynamik fiktiver Kapitalschöpfung entstandene Möglichkeit induzierter Wertverwertung weg, dann zeigt sich unweigerlich, dass der vorhandene Stock an fungierendem Kapital – gemessen an den durch die Produktivkraftentwicklung limitierten Möglichkeiten zu tatsächlicher Wertverwertung – noch nie derart heillos überdimensioniert war wie heute. Der in der Expansionsphase der Eigentumstitelproduktion aufgestaute Kapitalvernichtungsbedarf muss sich daher beim fungierenden Kapital gewaltsam Bahn brechen.
Das fundamentale Problem der modernen Gesellschaft ist die kapitalistische Reichtumsform. Die Unterwerfung unter die Herrschaft von Wert, Ware und Geld ist nicht nur zerstörerisch für die erste Natur und für die Menschen, sie führt sich darüber hinaus selber ad absurdum. Die produktiven Möglichkeiten der Gesellschaft sind für den armseligen Inhalt der kapitalistischen Produktionsweise, die Verwertung des Werts, viel zu weit entwickelt. Der Kapitalismus hat eine Fülle an stofflichem Reichtum hervorgebracht, der sich nicht mehr als vergangene tote Arbeit, als tatsächlicher Wert darstellen kann. Die fungierenden Kapitalien türmen Produktberge über Produktberge auf, aber diese repräsentieren immer weniger Wert. Das ist der wahre Grund für die kapitalistische Krise, und er verweist zugleich darauf, dass das Vergesellschaftungsprinzip des Werts auf den Müllhaufen der Geschichte gehört.
Die kapitalistische Gesellschaft hat einen Weg gefunden, um provisorisch und nur scheinbar zur Deckung zu bringen, was nicht zur Deckung zu bringen ist. Sie hat den Mangel an tatsächlicher Wertproduktion dadurch behoben, dass sie, vermittelt über eine explosionsartige Produktionssteigerung von Waren 2ter Ordnung, in großem Stil zusätzlichen künftigen Wert vorab kapitalisiert und heute schon in den kapitalistischen Kreislauf einspeist. Der derzeitige Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft beruht auf dem Vorgriff auf eine Zukunft, die sie gar nicht hat. Stößt diese Krisenlösung, die nie etwas anderes als eine Krisenverschiebung gewesen ist, an ihre Grenzen, wird sie zum Krisenverstärker. Die Gesellschaft steht daher vor der Alternative, den stofflichen Reichtum der kapitalistischen Reichtumsform zu opfern oder sich vom Diktat von Wert, Geld und Warenform zu emanzipieren.