01.02.2015  Beitrag drucken

Irrationalismus und Verschwörungswahn

Zur Verwandtschaft von Islamismus und antimuslimischem Ressentiment

Julian Bierwirth

Mit dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und der blutigen Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris hat sich der islamistische Fundamentalismus ein weiteres Mal ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gebombt. Bereits zuvor hatte die Gewalt des vornehmlich im Irak und in Syrien aktiven IS mit seinen nicht unerheblichen territorialen Kriegsgewinnen für große Beunruhigung gesorgt, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass ein nicht geringer Teil der IS-Kämpfer in Europa und Nordamerika angeworben wurde. Dabei waren es gar nicht unbedingt migrantische Muslime, die sich haben anwerben lassen, sondern oft auch Konvertiten, die in einem christlichen oder gar konfessionslosen Kontext aufgewachsen sind.1
Zeitgleich jedoch halten die von rechtspopulistischen Kräften organisierte Demonstrationen und Kundgebungen gegen eine vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ die Republik in Atem. Diese Massenaufläufe stehen im Kontext neurechter Strategien wie etwa der ,identitären Bewegung‛2 und bedienen sich nicht nur des WählerInnen-Potentials der AfD, sondern schaffen eine Mobilisierung der extremistischen Mitte, die beängstigende Dimensionen annimmt.
Obwohl die PEGIDA-DemonstrantInnen sich bemühen, als die radikale Alternative nicht nur zum Mainstream der kapitalistischen Moderne, sondern auch zum religionistischen Flügel des politischen Islam zu erscheinen, so lässt sich unschwer erkennen, dass sie diesem doch ähnlicher sind, als es ihnen lieb sein dürfte. Im Folgenden möchte ich die Identitätskonstruktion und die sozialpsychologische Befindlichkeitsstruktur dieser Aufläufe untersuchen und mit dem islamischen Fundamtalismus vergleichen.

1 Wir und die Anderen

Bereits der Name ist Programm: Wer gegen die ,Islamisierung‛ des ,Abendlandes‛ demonstriert, der geht von zwei impliziten Annahmen aus Zunächst einmal davon, dass es so etwas wie ein ,Abendland‛ und ein ,Morgenland‛ als faktische, kollektive Einheiten gibt. Der Begriff ,Abendland‛ bezeichnet dabei vor allem West- und Mitteleuropa. Ihm entgegengesetzt ist das ,Morgenland‛, womit die Länder gemeint sind, die von Europa aus gesehen im Osten und Südosten liegen – also dort, wo aus Perspektive der EuropäerInnen die Sonne aufgeht. Ausgangspunkt ist also eine aus dem Blickwinkel Europas vorgenommene Kartographierung der Welt, in dem Europa das Zentrum und die oftmals auch als ,Orient‛ bezeichneten Regionen als das ,Andere‛ firmieren. Der Literaturwissenschaftler Edward Said hat diese Haltung bereits 1978 als ,Orientalismus‛ bezeichnet: von Europa aus werde das vermeintliche ,Andere‛ als ,Orient‛ konstruiert und damit abgewertet.3
Eine Ausbreitung der „islamischen Kultur“ gilt in diesem Wahrnehmungsraster als mit dem ,Abendland‛ nicht vereinbar. Die dabei mit dem Islam verbundenen Zuschreibungen (traditionell, vormodern, frauen- und schwulenfeindlich) werden als den Menschen im ,Morgenland‛ adäquat konstruiert, während das ,Abendland‛ sich angeblich durch Aufklärung und Liberalität auszeichne.4
Im Zentrum der Mobilisierungen von PEGIDA steht somit die Konstruktion eines vorgestellten ,Wir‛, dem die ,Anderen‛ entgegengestellt werden. Den Platzhalter des ,Anderen‛ übernimmt dabei der Islam. Er wird als feindliches Äußeres imaginiert, das von außen in ein schützenswertes Kollektiv eindringen will. Das ,Andere‛ gilt so stets als bedrohlich. Das in Mitteleuropa verortete ,Wir‛ wird implizit als Nabel der Welt angesehen. Hier werden Aufklärung und Zivilisation verortet, während den ,Anderen‛ alle Bösartigkeiten der Welt zugeschrieben werden: Sie seien primitiv, menschenverachtend, kriminell und unterdrückerisch. Das bei den konkreten Forderungen der PEGIDA der Islam nur noch eine untergeordnete Rolle einnimmt, ist darum auch kein Zufall, sondern Ausdruck der hier vorgenommenen Diagnose: Der Islam ist die Chiffre, über die sich die Konstruktion des ,Anderen‛ organisiert. Entsprechend äußern sich die DemonstrantInnen bei PEGIDA auch zu der Frage, warum sie an der Demonstration teilnähmen, beispielsweise mit den Worten: „Na, was will ich denn bewegen? Dass ich gegen die Ausländer bin, dass so viele hier reinkommen, das ist mein Grund warum ich hier bin. Und die kriegen einen Haufen Geld. Ich bin Rentner, ich krieg ne kleene Rente und geh noch arbeiten, dass ich einigermaßen gut über die Runden komm‘. Und die? Wie leben die? Sind alles junge Kerle, alles junges Volk, und die wollen doch gar nicht arbeiten. Und sie wollen mir doch nicht weismachen, dass das qualifizierte Fachkräfte sind.“5
Das kollektiv beschworene ,Wir‛ bezieht sich zudem auf eine ebenso herbeiphantasierte christlich-jüdische Tradition. Irreal ist diese nicht nur, weil weite Teile der jüdischen Kulturgeschichte in Deutschland zwischen 1933 und 1945 zerstört wurden, sondern auch deshalb, weil in der Hochburg der PEGIDA-Aufmärsche, in Sachsen, der Anteil der Kirchenmitglieder unter der deutschen Wohnbevölkerung so niedrig ist wie sonst kaum irgendwo in der Republik. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Konfessionslose wie in Sachsen. Wenn Leute, die allerhöchstens zu Weihnachten einmal in der Kirche vorbeischauen, ihre Befürchtung äußern, bald nicht mehr ihren liebgewonnenen christlichen Bräuchen nachgehen zu können, so entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Klar wird dadurch aber auch: Es geht hier um alles Mögliche, aber nicht um Religion.
Da diese vielbeschworene christlich-jüdische Tradition zugleich mit einer ebenso imaginierten Wertegemeinschaft des ,Abendlandes‛ diskursiv verbunden wird, ermöglicht sie den Brückenschlag vom Neonazismus zu einem nationalistisch-bornierten Liberalismus.6 Das Ansinnen, die Aufklärung gegen das ,Andere‛ zu verteidigen, kann dabei an ein entsprechendes Ressentiment anknüpfen, das bereits in der Aufklärung selbst enthalten war. Bereits Kant hat Frauen und Schwarze zu Nicht-Subjekten erklärt, und PEGIDA steht mit der Agitation gegen die „Genderisierung“ der Gesellschaft in dieser Tradition. Dass die antifeministischen PatriotInnen es gleichsam schaffen, sich als Gegenpol zu einer angeblich frauenfeindlichen Kultur zu konstruieren, verweist auf eine der wundersamen Widersprüchlichkeiten, die bei den Aufmärschen zu beobachten ist. Es kommt zu einem kaum für möglich gehaltenen Amalgam der Verteidigung der Aufklärung und der Verteidigung der ,eigenen‛ Religion durch Leute, die den Gleichheitsanspruch aller Menschen negativ im Ressentiment aufheben und zudem substanziell keinerlei Religion praktizieren.

2 Irrationale Momente

Das Weltbild der PEGIDA-DemonstrantInnen ist extrem verzerrt. Hier nur zwei Beispiele zur Illustration:
Als vermeintlichen Beleg für die Islamisierung der deutschen Gesellschaft führen die PEGIDA-Initiatoren immer wieder die Umbenennung des Kreuzberger Weihnachtsmarktes in ,Wintermarkt‛ an. Tatsächlich jedoch sucht man in Kreuzberg einen solchen Markt vergeblich. Trotz allem hat dieses Beispiel eine Geschichte. Denn tatsächlich hat die Islamische Föderation in Kreuzberg ein öffentliches Fastenbrechen zum Ende des Ramadan veranstalten wollen. Dies wurde ihr vom zuständigen Bezirksamt mit der Begründung untersagt, „Genehmigungen für Veranstaltungen von Religionsgemeinschaften zur Selbstdarstellung im öffentlichen Raum“ würden grundsätzlich nicht erteilt werden. Der CDU-Bezirksabgeordnete Timur Husein kritisierte das und äußerte die Befürchtung, nun würde schon bald der Weihnachtsmarkt auch ,Wintermarkt‛ heißen. Diverse Zeitungen griffen das Zitat auf, und es machte die Runde. Allein, es ist immer ein Wintermärchen geblieben. Kein Weihnachtsmarkt in Berlin ist bislang solcherart umbenannt worden. Es gab auch keinerlei Versuche in diese Richtung. Ganz im Gegenteil, laut Auskunft der Verwaltung seien diese Märkte ohnehin eher kommerzielle Veranstaltungen als öffentliche Manifestationen des christlichen Glaubens. Und auch Umzüge zu christlichen Feiertagen können bis heute in Kreuzberg problemlos stattfinden. Einzig die Islamische Föderation muss auf eine Repräsentation in der Öffentlichkeit verzichten. Tatsächlich ist also ein Beispiel für die Privilegierung des Christentums in der deutschen Öffentlichkeit zum schlagenden Argument für die vermeintliche Islamisierung Deutschlands geworden.7
Eine weitere immer wieder erhobene Behauptung ist, in Deutschland landeten überdurchschnittlich viele AsylbewerberInnen. Dementspechend wird im offiziellen Forderungskatalog von PEGIDA ein „gesamteuropäische[r] Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge“ gefordert. Auch hier jedoch sieht die Realität etwas anders aus. Ein Großteil der Flüchtlinge nämlich schafft es überhaupt nicht in die EU, sondern findet in den Nachbarländern der großen weltpolitischen Konflikte eine Aufnahme. Pakistan etwa beherbergt knapp 1,6 Millionen Flüchtlinge, und auch der Libanon (1,1 Millionen Flüchtlinge), der Iran (982.000), die Türkei (824.000), Jordanien (737.000), Äthiopien (588.000), Kenia (537.000) und der Tschad mit 455.000 Flüchtlingen können hier als die wirklich großen Aufnahmeländer gelten. Deutschland kommt hingegen gerade mal auf 200.000,8 wobei es dabei mit 16 Asylanträgen auf 10.000 Einwohner lediglich auf Platz 9 der EU-Staaten liegt. Und selbst bei dieser äußerst dürftigen Statistik ist noch nicht miteinberechnet, dass in einigen direkten EU-Grenzstaaten wie Griechenland die Flüchtlinge umgehend inhaftiert werden und gar keine Möglichkeit bekommen, überhaupt einen Asylantrag zu stellen.9
Trotz allem sind die PEGIDA-AnhängerInnen davon überzeugt, dass Deutschland geradezu von Flüchtlingsströmen überschwemmt würde. Die aus dieser Überzeugung folgende Forderung nach einem europaweiten Schlüssel zur Verteilung der Flüchtlinge hätte, in die Realität umgesetzt, eine Steigerung der realen Flüchtlingszahlen zur Folge; entsprechend versucht die Bundesregierung seit einigen Jahren recht erfolgreich, einen solchen Schlüssel zu verhindern.
Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig erweitern. In Interviews phantasieren TeilnehmerInnen der Demonstration davon, in Deutschland müssten bald alle Frauen eine Burka tragen,10 und es stünde ernsthaft zu erwarten, die Truppen des IS kämen hier vorbei und schnitten ihnen die Hälse durch. Eine Frau beantwortete die Frage eines Journalisten, warum sie bei der PEGIDA-Demonstration sei, mit dem Hinweis auf die bevorstehende Einführung des Islam als deutscher Staatsreligion: „Ich bin nicht christlich in dem Sinne. Aber ich möchte, dass die Kirche im Dorf bleibt. Ich möchte nicht, dass wir bald alle in die Moschee rennen müssen zu Weihnachten.“11
Wie aber kommt es zu solchen Wahrnehmungen, die nichts mit der tatsächlichen Situation zu tun haben? Mit einer rationalen Interessenvertretung deutscher StaatsbürgerInnen hat das offensichtlich wenig zu tun. Vielmehr werden auf den Demonstrationen im wesentlichen realitätsferne Wahnvorstellungen artikuliert. Es stellt sich daher die Frage nach den Ursachen dieser Realitätsverweigerung.12

3 Die Re-Vitalisierung des Narzissmus in der Krise

Im Zentrum der Aufmärsche steht, wie oben bereits ausgeführt, ein imaginiertes ,Wir‛. Dabei ist es ist allerdings weniger eine europäische als vielmehr eine ,deutsche‛ Identität, die beschworen wird und die offensichtlich Halt und Sicherheit geben soll. Die Ursache für diesen Identitätswahn liegt in der Grundkonstitution der kapitalistischen Warengesellschaft und wird verstärkt durch die krisenhafte Dynamik, die diese seit einigen Jahrzehnten prägt.13 Ganz grundsätzlich ist der Kapitalismus durch eine allgemeine gesellschaftliche Vermittlung geprägt, in der die Einzelnen sich zunächst äußerlich gegenüberstehen und sich lediglich über abstrakte Arbeit sowie Kauf- und Verkaufsbeziehungen aufeinander beziehen. Grundsätzlich stehen daher alle Gesellschaftsmitglieder in einem Verhältnis der Konkurrenz und der Fremdheit zueinander.
Ein solcher Zustand ließe sich kaum über Jahre und Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten und aushalten, gäbe es nicht eine innere Kompensation dafür: die Imagination einer verbindenden Gemeinschaftlichkeit als einer Art kollektiven Narzissmus. Grundsätzlich gilt: Je weniger die Subjekte in der Lage sind, ihre gesellschaftliche Situation auszuhalten, umso stärker wird die Notwendigkeit einer irrationalen Angleichung an die vorausgesetzte Gemeinschaft.
Nun hat sich die gesellschaftliche Situation, in der sich die Menschen (auch in Deutschland) wiederfinden, in den letzten Jahren und Jahrzehnten verschoben. Die unmittelbare Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche hat dazu geführt, dass nicht nur die Konkurrenz zwischen den vereinzelten Einzelnen härter geworden ist – auch die Wahrscheinlichkeit des Versagens innerhalb der Konkurrenz und dessen Folgen für das eigene Lebensumfeld sind deutlicher denn je im Bewusstsein präsent. Die realen Chancen, ein besseres Leben zu erreichen, sind für weite Teile der Gesellschaft in weite Ferne gerückt. Während in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Menschen noch davon ausgehen konnten, dass ihre Kinder es einmal besser haben würden als sie selber, so machen sich Eltern heute Gedanken, ob es die eigenen Kinder wohl schaffen werden, den eigenen Lebensstandard zu halten. Zwar sind alle unermüdlich am Rackern, haben aber gleichsam das Gefühl, sich auf rutschenden Abhängen zu bewegen.14 Immer mehr Energie muss aufgebracht werden, um wenigstens den Status quo erhalten zu können. Eine umfassende Zunahme von Burn out und Depressionen ist nur eine der Folgen, die auf diese Entwicklung zurückgeführt werden können.15
Mit dieser Entwicklung ist das Fortschrittsversprechen, mit dem der Kapitalismus seit seiner Durchsetzung verbunden war, prekär geworden. Die Krise des Kapitalismus hat somit auch eine subjektiv-individuelle Seite. Sie betrifft die Art und Weise, wie die Menschen die Welt um sich herum erleben und wie sie sich zu dem Erlebten verhalten. Gerade durch eine zunehmende gesellschaftliche Vereinzelung und einen immer stärker werdenden psychischen Druck, die eigene Lebenssituation auf die individuelle Leistungsfähigkeit und -bereitschaft zurückzuführen, wächst der Wunsch nach Kollektivität.
Die stärkere Zuwendung zu Formen kollektiver Vergemeinschaftung bildet daher die Rückseite der neoliberalen Vereinzelung. Das gilt sowohl für die in diversen Studien nachgewiesene Renaissance der Familie als auch für die Re-Nationalisierung identitärer Selbstwahrnehmung. Stets geht es darum, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Je weniger reale Teilhabe die Gesellschaft bietet, desto lauter muss die imaginierte Zugehörigkeit mit „Wir sind das Volk“-Rufen behauptet werden. Der deutsche Volksmob wird auf diese Weise zur verkollektivierten Subjektivität. Diese Imagination wirkt ermächtigend auf die Einzelnen und muss deshalb auch gegen Angriffe von ,außen‛ verteidigt werden. Dass es in Sachsen kaum AusländerInnen gibt, ist so in gewisser Weise eine Bedingung für die Projektion. Auf diese Weise muss nicht befürchtet werden, mit allzu viel störender Empirie konfrontiert zu werden.16
Die ,Anderen‛ werden als Objekt der eigenen Ängste und zudem als vermeintlich hegemoniale gesellschaftliche Gruppe imaginiert. Diese Projektion ist notwendiger Bestandteil des sozialpsychologischen Mechanismus und kann deshalb auch nicht einfach mit guten Argumenten überwunden werden. Jeder Hinweis darauf, dass es in Dresden kaum Menschen ohne deutschen Pass gibt, oder dass in Deutschland ohnehin nur ein kleiner Teil der Muslime dem Salafismus nahesteht muss so unverstanden verhallen. Im Zweifel ist es der Hinweis auf die Statistik, die ohnehin gefälscht sei, mit dem noch jeder gehaltvolle Einwand abgewiesen werden kann.17
Die Inkonsistenz der Argumentation wie wir sie bei den PEGIDA-Deutschen finden, konstruiert so das ,Andere‛ letztlich als bloße Verschwörung, die empirisch weder be- noch widerlegt werden kann. Zentral dafür ist der stets zur Schau getragene Gestus der Allwissenheit. Angesichts der (zunächst von Habermas konstatierten) „neuen Unübersichtlichkeit“ der Postmoderne, in der die Dinge kompliziert sind, soll hier alles ganz einfach sein. Statt minutiös zu rekonstruieren, wie die Dinge liegen, behauptet der im Größenwahn gefangene Alltagsverstand ganz einfach, selber sowieso den besten Überblick zu haben. Das Argument wird selbstbezüglich: es stimmt, weil es gefühlt, gedacht und gesagt wird. Auf diese Weise ist es nicht länger widerlegbar und aufgrund seiner mangelnden Falsifizierbarkeit wird das Verschwörungsdenken für die in ihm gefangenen maximal konsistent.
Wenn nun aber die Ideologiebildung von PEGIDA im Verschwörungsdenken verwurzelt ist, liegt die Frage nahe, inwieweit die hier vertretene Identifizierung des ,Anderen‛ mit ,dem Islam‛ eine innere Verwandtschaft mit antisemitischen Projektionen aufweist. Da hier wie dort den ,Anderen‛ die Funktion zugeschrieben wird, das eigene Kollektiv zu zersetzen, liegt diese Überlegung ja tatsächlich nahe. Auch für die ebenfalls in der neuen Rechten und bei PEGIDA beliebten Überlegungen, TrägerInnen der zersetzenden Verschwörung seien ,die Feministinnen‛ oder ,die Homo-Lobby‛, liegt dieser Gedanke auf den ersten Blick nahe.
Bei genauerer Betrachtung finden wir hier jedoch eine zentrale Differenz zum Antisemitismus. Denn dieser imaginiert ,das Judentum‛ als a priori übermächtig. Egal wie sich das eigene Kollektiv zu ihm verhält – gegen die Übermacht kann es nicht ankommen. Darum ist auch die Auslöschung des imaginierten Feindes die letzte Konsequenz, die der Antisemit in seinem Wahn sieht. Beim Islam hingegen verhält es sich mit der ideologischen Erzählung ein wenig anders. Denn die Ursache seiner Stärke soll ja nicht in seiner originären Macht zu suchen sein (er gilt schließlich als weniger ,zivilisiert‛ als der aufgeklärte Westen), sondern in präzise benennbaren Fehlern der ,Wir‛-Gemeinschaft. ,Wir‛ haben demnach einfach den Fehler gemacht und Freiheit, Gleichheit und Sozialstaat auf alle Menschen ausgedehnt, auch auf die, die das nun ausnutzen und sich gegen uns wenden. Diese Differenz verbietet es, Antisemitismus und antimuslimisches Ressentiment gleichzusetzen.

4 Feindliche Brüder

Die sozialpsychologische Logik von PEGIDA ähnelt nicht zufälligerweise gerade der, von der sie sich abgrenzen möchte. Denn auch der islamische Religionismus kann als narzisstische Projektion verstanden werden. Beiden gemeinsam ist etwa die aggressiv gegen andere geführte Werte-Debatte. Überall werden moralische Verkommenheit und Dekadenz ausgemacht. Der Salafismus findet sie sowohl bei den korrupten Eliten in den islamisch geprägten Gesellschaften als auch im politischen Establishment der westlichen Industrienationen. Und PEGIDA findet sie ebenso bei den AsylbewerberInnen, die in Deutschland vermeintlich in Saus und Braus leben, als auch bei den politischen Eliten in Deutschland, die sich abgehoben von den wirklichen Sorgen des ,Volkes‛ nur um ihr eigenes Wohlergehen kümmern würden.
Beiden gemeinsam ist darüber hinaus die Vorstellung, die ,Wir‛-Gemeinschaft stünde vor dem Abgrund (sei es nun die Gemeinschaft der Gläubigen oder das Kollektiv der Deutschen). Schuld daran sind freilich in beiden Fällen die ,Anderen‛, wobei das in einem Fall der ,dekadente Westen‛ und im anderen Fall der ethnisierte Islam sein sollen. Beide Bewegungen bilden sich zudem ein, von den bisherigen Repräsentanten ihrer Großgruppe verraten worden zu sein. Beim Salafismus kann diese Projektion in zwei Richtungen gehen. Innerhalb der islamisch geprägten Staaten richtet er sich zumeist gegen die dortigen Eliten, innerhalb europäischer und nordamerikanischer Staaten, in denen die islamische Community in der Minderheit ist, wird sie nicht selten von der jungen Generation gegen die Eltern formuliert.
Darüber hinaus verbindet beide Phänomene auch, was sie nicht sind: Beide Bewegungen berufen sich zwar auf die Religion oder deren Werte, und doch ist ihre Ursache gerade nicht in der Religion zu suchen und kann daher auch nicht mit Religionskritik bekämpft werden. Für PEGIDA liegt diese Annahme auf der Hand, nicht zuletzt weil, wie bereits erwähnt, ein Großteil der Anhänger nicht einmal christlichen Glaubens ist. Und auch für einen nicht unerheblichen Teil derer, die sich dem islamischen Religionismus anschließen, gilt, dass sie sich nicht aufgrund einer tiefen religiösen Erziehung dieser Strömung angeschlossen haben, sondern aufgrund je unterschiedlicher Erfahrungen mit den zerstörerischen Verwerfungen der krisenhaften, postfordistischen Ökonomie.18
Über diese Gemeinsamkeiten hinaus gibt es jedoch auch klare Differenzen zwischen beiden Bewegungen. Denn PEGIDA gibt sich in gewisser Weise noch immer recht klassisch. Das imaginierte Kollektiv, von dem die narzisstische Genugtuung gewonnen werden soll, ist hier die gute alte Nation. Damit setzt PEGIDA jedoch auf ein klassisches Auslaufmodell. Während der Nationalismus in der Aufstiegsphase des Kapitalismus zumindest noch die Funktion erfüllen konnte, ein für die national organisierte Ökonomie den ideologischen Bezugsrahmen zu schaffen, so ist dieser innerhalb einer globalisierten Ökonomie mehr und mehr dysfunktional geworden. Wenn sich betriebswirtschaftliche Umbuchungen volkswirtschaftlich zunehmend als Im- und Exporte darstellen lassen, dann wird deutlich, dass der traditionelle Funktionsrahmen der Nation im Schwinden begriffen ist.19
So nimmt es auch nicht wunder, dass in weiten Teilen der Peripherie der Nationalismus durch verschiedenste Versionen des Religionismus ersetzt worden ist. Insbesondere (aber nicht nur) innerhalb islamisch geprägter Staaten hat die modernisierte Interpretation der Religion den mit der nachholenden Modernisierung gescheiterten Nationalismus abgelöst.20 Dementsprechend verändert sich auch der Bezugsrahmen. National gebundene Krisenideologien wie PEGIDA verbleiben im Bezugsrahmen der Nation. Hier geht es zunehmend um die wahnhafte Idee, Deutschland zu retten. Der islamistische Religionismus hingegen hat einen viel unspezifischeren und zugleich universellen Charakter. Das wird dadurch möglich, das er auf zwei relevante Charakteristika des Nationalismus verzichtet. Gerade weil in den Ländern, in denen der militante Islamismus reüssiert, die kapitalistische Warenproduktion in einer schweren Krise ist, haben diese religionistischen Regimes dann auch eher den Status von Plünderungsökonomien.21 Das gilt etwa für die von dem IS beherrschten Teile von Syrien und dem Irak, in denen sich das Überleben der Menschen im Wesentlichen den Renteneinnahmen aus Ölexporten verdankt. Da der Religionismus so auf die kohärente nationalstaatliche Warenproduktion verzichten kann, ist auf der anderen Seite auch die Beschränkung des Herrschaftsbereichs auf regionale Teilgebiete überflüssig. Das Fernziel der narzisstischen Erhöhung kann so die Unterwerfung der Welt unter die Allgemeinheit des vorausgesetzten (göttlichen) Gesetzes sein. Und auch wenn das ein islamistischer Wunschtraum bleibt, so kann er doch als Albtraum des Terrors durchaus global werden.

Anmerkungen

1 Vgl. http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-10/islamischer-staat-irak-syrien-un; sowie den Band zur Fachtagung ,Salafismus in Deutschland‛ der Alevitischen Gemeinde Deutschland
http://alevi.com/de/wp-content/uploads/2013/12/Fachtagungsdokumentation-Salafismus-in-Deutschland.pdf
Vgl. zur Analyse dieses Phänomens insbesondere auch die Aufsätze in Krisis32 (2008). Ernst Lohoff dechiffriert in seinem Aufsatz Die Exhumierung Gottes den islamischen Fundamentalismus als modernes, warengesellschaftlichen Phänomen und versucht, es mit dem Begriff des Religionismus zu beschreiben. Auch Karl-Heinz Lewed zeigt in dem Aufsatz Das Finale des Universalismus den Zusammenhang des Islamismus nicht nur zur krisenhaften kapitalistischen Warenökonomie, sondern auch zum Scheitern des Antiimperialismus auf. Im Anschluss an diese Argumentation wäre zu zeigen, inwieweit es gerade ein auf den Islam rekurrierender Religionismus ist, der zurzeit durch eine augenscheinlich besondere Brutalität auf sich aufmerksam macht.
2 Zur ,identitären Bewegung‛ vgl. einführend Florian Steiger: Die „Identitäre Bewegung“ – Open-Source-Ideologie aus dem Internet (http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/die-%E2%80%9Eidentit%C3%A4re-bewegung%E2%80%9C-open-source-ideologie-aus-dem-internet-9343) sowie vertiefend Florian Steiger: Kulturkonstruktionen der „Neuen Rechten“ am Beispiel der „Identitären Bewegung“; online abrufbar unter
http://www.netz-gegen-nazis.de/files/Florian%20Steiger%20Identit%C3%A4re%20Bewegung.pdf
3 Vgl. Edward Said: Orientalismus, Frankfurt/M. 2009 [1978].
4 Vgl. hierzu beispielhaft für den Aspekt der Homophobie Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Hamburg 2008
5 PEGIDA: Die Interviews in voller Länge. Min. 8:30.
Online abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=Bl0KPaLPL7g
6 Vgl. auch Ernst Lohoff (2006): Gott kriegt die Krise; Online abrufbar unter:

Gott kriegt die Krise


7 Vgl. Sebastian Heiser: Ein Weihnachtsmärchen; http://www.taz.de/!151427/
Es darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Islamische Föderation tatsächlich dem islamischen Fundamentalismus, genauer, der islamistischen Organisation Milli Görüş zugerechnet werden kann.
8 http://www.unhcr.org/statistics/mid2014stats.zip
9 http://www.proasyl.de/de/home/gemeinsam-gegen-rassismus/fakten-gegen-vorurteile/
10 In ähnlicher, weniger drastischer Version findet sich diese Vision schon bei Thilo Sarrazin: „Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen.“ (Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab)
11 PEGIDA: Die Interviews in voller Länge. Min. 4:15.
Online abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=Bl0KPaLPL7g
12 Erstaunlich viele Diskurselemente, die bei PEGIDA-Demonstrationen auftauchen, finden sich bereits in den populären ,Tabubruch‛-Schriften, die in den letzten Jahren die deutschen Büchercharts erklommen haben. Allen voran kann hier Thilo Sarrazin als Stichwortgeber gelten. Bei ihm findet sich beispielsweise bereits die Annahme, Ausländer brächten Krankheiten ins Land; oder die Annahme, dass die Geburtenentwicklung dafür sorgen würde, dass die Deutschen am Ende eine Minderheit im „eigenen Land“ bilden würden. Vgl. hierzu ausgiebig die Panorama-Interviews:
Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=Bl0KPaLPL7g
Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=a7f2YOgLtco
13 Vgl. zum Folgenden auch Karl-Heinz Lewed: Erweckungserlebnis als letzter Schrei, Krisis 33 S. 19ff., wo die hier nur skizzierten Kategorien detaillierter dargestellt werden. Online abrufbar unter:

Erweckungserlebnis als letzter Schrei


14 Vgl. hierzu auch Hartmut Rosa: Beschleunigung. Frankfurt am Main 2005
15 Vgl. Hartmut Rosa: Beschleunigung und Depression. In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. 11/2011
16 Vgl. auch Byung-Chul Han: Psychologie von Pegida: Sehnsucht nach dem Feind
http://www.sueddeutsche.de/politik/psychologie-von-pegida-sehnsucht-nach-dem-feind-1.2269476
17 Vgl. Götz Eisenberg: Platonischer Ausländerhass.
http://www.sueddeutsche.de/politik/psychologie-von-pegida-sehnsucht-nach-dem-feind-1.2269476
18 Vgl. hierzu Ernst Lohoff (2006): Gott kriegt die Krise (http://www.krisis.org/2006/gott-kriegt-die-krise)
sowie Oliver Roy: Wiedergeboren, um zu töten (http://www.zeit.de/2005/30/Islamismus).
19 Das bedeutet freilich nicht, dass es nicht zunehmend zu nationalistischen Ausfällen kommt; denn auch wenn es dem Nationalismus zunehmend schwerer fällt, sich als zukunftsträchtige Weltanschauung zu verkaufen, ist doch das Bedürfnis nach imaginierter Gemeinschaft so groß wie lange nicht.
20 Vgl. Karl-Heinz Lewed: Finale des Universalismus, in Krisis 32, http://www.krisis.org/2008/finale-des-universalismus
21 Zur Logik der Plünderungsökonomie vgl. Robert Kurz: Weltordnungskrieg. Bad Honnef 2003, S. 48ff.