03.12.2018  Beitrag drucken

AntiBa – Der Barbarei entgegentreten. Antifaschismus in Zeiten von AfD und Djihadismus.

von Lothar Galow-Bergemann

Aktualisierte Textfassung eines Folienvortrags, gehalten 4. Juni 2018 in Berlin

Erstmals veröffentlicht von Emanzipative und Antifaschistische Gruppe Berlin , Auszüge sind auch in in der Broschüre Zwischen den Stühlen. Emanzipatorische Gesellschaftskritik im Spannungsfeld linker Diskurse der EAG Berlin enthalten.


Inhalt

1. Djihadismus und Islamdebatte (Seite 1)

2. AfD und Konformistische Rebellion (Seite 2)

3. Was tun? (Seite 3)


1. Djihadismus und Islamdebatte

Zunächst zu einigen Begriffen: Den Begriff Barbarei verwende ich im umgangssprachlichen Sinne eines Zustands allgemeiner Verrohung, in dem die letzten Grenzen von Humanität und Zivilisation fallen. Voraussetzung für den Ausbruch von Barbarei ist ein von vielen geteiltes, in relevanten Teilen der Gesellschaft verankertes reaktionäres und menschenfeindliches Weltbild. Nazis fallen nicht vom Himmel, sie erwachsen aus einem großen Umfeld, das im Grunde so denkt wie sie. Sie sind eingebettet in ein Heer von Sympathisanten, von dem sie im Ernstfall nichts zu befürchten brauchen, sondern mehr oder weniger offene Unterstützung erwarten dürfen. Diesen Zusammenhang gibt es natürlich auch zwischen djihadistischen Terroristen und ihrem islamistischen Umfeld. Unter Islamismus verstehe ich die extrem reaktionäre und patriarchale, buchstabengetreue Interpretation des Islam mit dem Anspruch der Herrschaft über sämtliche Lebensbereiche. Unter Djihadismus den Heiligen Krieg des islamischen Fundamentalismus gegen die Ungläubigen mit dem Ziel der Weltherrschaft.

Frühformen des Djihadismus tauchen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf, Ende des 20. Jahrhunderts kommt es zu einer explosiven Zunahme. Kaum jemand kann sich noch all die Namen neuer und neuester Terrorbanden merken, die in schneller Abfolge entstehen – Al-Qaida, IS, Hizbollah, Hamas, Iran, Taliban, Ansar al-Sharia, Boko Haram, Al-Shabaab, Al-Nusra etc. pp. Besonderes Gewicht kommt den iranischen Revolutionsgarden zu, denn man sollte trotz mancher Flötentöne aus Teheran in jüngster Zeit nicht vergessen, das die Herrscher des Iran die mit Abstand größte Terrorbande auf der Welt sind.

Ein Blick auf seine Entstehung und Entwicklungsgeschichte offenbart, dass der Djihadismus ein Phänomen der Moderne ist. Will man ihn verstehen, muss man sich folglich mit dieser Moderne befassen. Es soll im Folgenden zunächst überhaupt nicht um „die Muslime“ oder „die arabische Welt“ gehen, sondern um den Westen, genauer gesagt um Europa, in dem diese kapitalistische Moderne das Licht der Welt erblickte. Diese Moderne ist von Beginn an zerrissen. Sie bringt einerseits Freiheit und Gleichheit, andererseits neue Formen von Inhumanität und Krise: Befreiung aus Clanherrschaft und persönlicher Abhängigkeit und gleichzeitig Unterwerfung unter die abstrakte Herrschaft des Marktes. Anspruch und Realität gehen oft weit auseinander, man kann durchaus auch von den Versprechen und den Verbrechen des Kapitalismus reden. Diese zerrissene Moderne trifft auf scheinbar intakte vormoderne Strukturen personeller Herrschaft und ihr Erscheinen wird wahnhaft ideologisch verarbeitet: „Wer ist daran schuld, dass das alles über uns kommt und wer sind eigentlich wirnoch in dieser Welt, die uns buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzieht?“ Die Krisenbewältigung findet in Identitätsstiftung und im Ressentiment statt.

Dieses antiwestliche oder antimoderne Ressentiment – es geht immer noch um den historischen Prozess in Europa – richtet sich gegen eine imaginierte „Zersetzung der Moral“, gegen einen „Materialismus des Geldes“ gegen sexuelle Befreiung und Homosexualität, gegen die Emanzipation der Frau und Säkularität, gegen die so genannte „Gotteslästerung“ (Blasphemie) und Atheismus, gegen Individualität, die „Zerstörung der Gemeinschaft“ und den „Zerfall der Familie“. Irgendwer muss daran schuld sein, dass meine Welt, die jahrhundertelang so festgefügt und für die Ewigkeit gebaut schien und in der ich meinen festen Platz hatte, aus den Fugen gerät und mir alles, an das ich glaube, weggenommen wird. In seiner extremen und wahnhaften Zuspitzung richtet sich dieses Ressentiment gegen die Juden: „Die Juden sind an all dem schuld“. Nicht zufällig trifft es sie, galten sie doch in der Tradition des christlichen Antijudaismus schon immer als „die Gottesmörder“ und somit als der böse Gegenpol der guten Christen.

Dieses Ressentiment gegen die Juden findet sich heute auch sehr ausgeprägt in islamisch geprägten Gesellschaften und Communities. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, ein über 100jähriges Machwerk der zaristischen Geheimpolizei, erscheinen in vielen dieser Länder in Massenauflage, z.T. werden sie sogar in Universitäten gelehrt. Darin wird den Juden eine Verschwörung gegen die ganze Menschheit unterstellt, angeblich hätten sie die Macht und die Absicht, die Welt in eine große Wirtschaftskrise zu stürzen. Ihren Führern werden Worte wie diese in den Mund gelegt: „ … Durch alle diese unterirdischen geheimen Mittel, die uns zugänglich sind, und mit Hilfe des Geldes, das ganz in unseren Händen ist, werden wir eine allgemeine Wirtschaftskrise verursachen. Dabei werden wir ganze Arbeitermassen auf die Straße werfen, gleichzeitig in allen Staaten Europas.“ Es wundert nicht, dass Islamisten auf antiisraelischen Demonstrationen Schilder zeigen, in denen „den Zionisten“ unterstellt wird, Anstand und Moral in der Gesellschaft zu vernichten und in einem Atemzug das Ende eines so genannten „Raubtierkapitalismus“ gefordert wird. Und es wundert auch nicht, dass der islamistische Antisemitismus besonders brutal und gewalttätig ist.

Was prägt den Islamismus? Ein patriarchales Familienbild. Homophobie. Frauenfeindlichkeit. Antiwestliches und antisemitisches Ressentiment. Ein ausgeprägter Kult um die „Gemeinschaft“. Eine verbindliche „Leitkultur“. Hass auf Intellektuelle und Intellektualität. Ein Verschwörungs-Weltbild. Die Ablehnung von Selbstbestimmung und Emanzipation. Ein personalisierender Pseudo-Antikapitalismus. Die Rekrutierung verrohter Gewalttäter. Das alles kennt man doch irgendwoher: die großen Schnittmengen zum Faschismus springen ins Auge.

Muslime und ganz besonders Musliminnen leiden mit Abstand am meisten unter dem Islamismus. Jede Verharmlosung des Islamismus schadet deswegen in erster Linie ihnen. Dies gilt auch dann, wenn diese Verharmlosung in bester antirassistischer Absicht geschieht. Ein bezeichnendes Beispiel dafür findet sich in dem Buch „Feinbild Moslem“ von Kay Sokolowski (in dem, das sei betont, auch viel Richtiges und Vernünftiges steht.) Dort lesen wir, aus der Erinnerung an den Holocaust resultiere „die moralische Verpflichtung, die andern zu akzeptieren wie sie sind“ (S.34) Das stimmt, wenn daraus Kampf gegen Menschenfeindlichkeit folgt.
Das stimmt aber ganz und gar nicht, wenn daraus ein Kritikverbot an Menschenfeindlichkeit folgt, nur weil sie von „anderen“ geteilt wird. Genau das aber ist das Problem vieler Linker. Eine Falle, in der sie schon lange stecken und aus der sie dringend herausfinden müssen.

In der so genannten Islamdebatte tauchen immer wieder Standardsätze auf: „Den Islam gibt es nicht“ – „Terror hat nichts mit Islam zu tun“ – „Man kann nicht trennen zwischen Islam und Islamismus“ – „Islamophobie ist so etwas wie Antisemitismus“ – „Islamfeindlichkeit ist rassistisch“ – „Islamkritik ist notwendig“. Klopfen wir sie auf ihren Gehalt ab.

Zunächst ein kleines Ratespiel. „Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir“ – „Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!“ – „Wer eine Seele ermordet, ohne dass er einen Mord oder eine Gewalttat im Lande begangen hat, soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.“ Welches dieser Zitate stammt aus dem Alten Testament, welches aus dem Neuen Testament und welches aus dem Koran? Das erste sagt – auch wenn es die meisten total überrascht – Jesus Christus (Lukas 19,27). Das zweite stammt aus dem Alten Testament (Psalm 139,19) und das dritte aus dem Koran (Sure 5,35). Man könnte das noch sehr lange fortsetzen, hier nur noch eines: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, ein Satz, den praktisch jedeR fraglos im Neuen Testament verortet, stammt aus dem Alten Testament (3. Mose 19,18) und Jesus beruft sich später nur darauf (Matthäus 22,34). So viel zur weit verbreiteten Vorstellung vom „Gott der Liebe des Neuen Testaments“ und vom „alttestamentarischen Rachegott“. Die allermeisten ReligionsanhängerInnen, aber auch die allermeisten nichtreligiösen Menschen kennen die so genannten „Heiligen Schriften“ überhaupt nicht. Was wir kennen, sind lediglich einige ihrer mehr oder weniger gängigen Interpretationen. Das eingebildete „Wort Gottes“ ist selbstverständlich menschliche Interpretation. „Heilige Schriften“ sind widersprüchlich und bedürfen der Auslegung. Nicht weiter überraschend ist deshalb das Phänomen der Aufspaltung sämtlicher Religionen in verschiedene Lager, die sich ständig untereinander in den Haaren liegen, wenn sie sich nicht gleich gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Die „besorgten Eltern“, die in Stuttgart demonstrieren, weil sie glauben, dass die Landesregierung ihren Kindern Pornofilme in der Schule zeigt, sind zum überwiegenden Teil evangelikale Christen. In diesen Familien sind nachgewiesenermaßen rüde Erziehungsmethoden wie Prügelstrafe etc. weit verbreitet. Wer jedoch angesichts dessen sagen würde „Schaut her, so ist das Christentum“, würde sehr vielen Christen nicht gerecht. Die türkische Radiomoderatorin Sinem Tezyapar verteidigt Israel mit dem Koran: „In Bezug auf den Zionismus ist es wiederum wichtig, dass Muslime auf das Wissen zurückgreifen, dass ihnen Gott im Koran darüber gegeben hat … nach dem Koran möchte Gott, dass das jüdische Volk im Heiligen Land lebt (Sure 5:20-21).“ (Jüdische Rundschau Oktober 2014) Für diese Auslegung des Koran wird sie von ihren islamistischen und djihadistischen Glaubensbrüdern gehasst bis aufs Blut. Wer, außer den Islamisten, will ihr eigentlich sagen, was „der Islam“ ist? „Es soll kein Zwang sein im Glauben“ (Sure 2,256) „Tötet die Ungläubigen, wo (immer) ihr sie findet“ (Sure 9,5) Diese beiden Aussagen widersprechen sich diametral. Erstaunlicherweise gibt es nicht wenige Leute, die entweder von der einen oder von der anderen behaupten, sie habe nichts mit dem Islam zu tun. Das ist mit Verlaub gesagt ziemlich gewagt. Natürlich hat beides mit dem Islam zu tun. ReligionsanhängerInnen schaffen immer wieder das erstaunliche Kunststück, große Teile ihrer „Heiligen Schriften“ zu ignorieren und sich nur deren vermeintliche oder wirkliche Rosinen herauszupicken. Wie auch immer sie das hinbekommen – Religion ist jedenfalls in hohem Maße subjektive Auslegungssache. „Den Islam“ gibt es genau sowenig wie „das Christentum“.

Ich glaube mittlerweile allerdings, dass diese Aussage, wie wohl sie richtig ist, alleine nicht genügt. Es muss zwingend noch mehr dazu gesagt werden. Denn der Satz „Den Islam gibt es nicht“ kann sich oft auch zu einem regelrechten Sprechverbot über den Islam verfestigen.Nach dem unausgesprochenen Motto „Wenn es den Islam nicht gibt, dann kann man auch nicht darüber reden“. Das ist schon seit langem ein Problem, insbesondere im linksliberalen Milieu. Wer in dieser Umgebung den Satz fallen lässt „Der Islam ist intolerant“, wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sehr schnell zu hören bekommen, dass es ja den Islam überhaupt nicht gebe. Sagt jemand allerdings „Der Islam ist tolerant“, so wird er diese Antwort kaum hören. So wird Religion sakrosankt und darf nicht mehr kritisiert werden. Sehr überzeugend entwickelt das Sama Maani in seinem kleinen, aber inhaltsschweren Büchlein „Respektverweigerung“ mit dem wunderbaren Untertitel „Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht.“ (https://www.drava.at/buch/respektverweigerung/)

„Gewalt und Terror haben nichts mit dem Islam zu tun“, so hört man immer wieder. Das ist zu hinterfragen. Die Djihad-Terroristen wachsen nun mal nicht in den Elendsgebieten von Rio de Janeiro oder im Kongo auf. Der Djihadismus entsteht in muslimisch geprägten Communities. Wer wollte den Djihadisten absprechen, Muslime zu sein? Einen Zusammenhang abzustreiten ist nicht überzeugend. Natürlich haben Gewalt und Terror mit dem Islam zu tu. Problematisch wird es allerdings, wenn aus dieser Feststellung ausgesprochen oder unausgesprochen die Behauptung wird, Gewalt und Terror hätten ausschließlich mit dem Islam zu tun, der Islam sei sozusagen das einzige Problem. Gewalt und Terror haben auch mit dem Islam zu tun, aber nicht nur mit ihm. Warum zogen denn 1970 keine djihadistischen Mordkommandos durch Bagdad, Mumbay, Paris und Brüssel? Islam war doch damals auch schon. „Hat mit dem Islam zu tun“ reicht folglich als Erklärung nicht aus. Es muss noch andere Faktoren geben. Islamismus und Djihadismus sind geprägt durch den Islam und durch die kapitalistische Moderne. Während das reaktionär-religiöse Umfeld der Fanatiker auf den Zusammenhang mit dem Islam verweist, belegt die wachsende Zahl von Konvertiten eine zunehmende Attraktivität des religiösen Fundamentalismus für „westlich geprägte Menschen“.

Ein weiterer Standardsatz in der Debatte kommt auf den ersten Blick ebenso entschieden und eindeutig daher: „Man kann nicht trennen zwischen Islam und Islamismus“ Doch was ist damit gemeint? Eine Binsenweisheit? Schließlich kann man ja auch nicht trennen zwischen Christentum und Evangelikalen. Oder ist damit gemeint: „Islam und Islamismus sind dasselbe“? Folgende beiden Sätze sind zwei vollkommen verschiedene Aussagen: „Unter MuslimInnen sind konservative, orthodoxe, patriarchale und reaktionäre Strömungen und Interpretationen weit verbreitet.“ und „Unter MuslimInnen sind aufgeklärtere und emanzipiertere Strömungen und Interpretationen prinzipiell unmöglich.“ Der erste ist eine Tatsachenbeschreibung, der zweite eine Essentialisierung. Er behauptet: „Solange jemand Muslim ist, kann er sich nicht in diese Richtung bewegen.“

Immer wieder begegnet einem die Meinung, Antisemitismus sei im wesentlichen ein Phänomen der Vergangenheit, während „die Juden von heute“ doch eigentlich die Muslime seien. Mit Verlaub gesagt – das ist einfach Unfug. Wer das sagt, offenbart, dass er nicht die Bohne vom Antisemitismus verstanden hat. Niemand unterstellt den Muslimen, sie seien die Herrscher des Geldes und regierten die Finanzsphäre. Niemand unterstellt ihnen, dass sie mittels geheimer Netzwerke im Verborgenen das Schicksal der Menschen lenken. Dass solche Vorstellungen überhaupt Verbreitung finden können, verweist darauf, dass zu völlig unbrauchbaren Schlüssen kommen muss, wer Antisemitismus lediglich für so etwas wie ein Vorurteil oder eine Unterart von Rassismus hält und deswegen seine spezifische Qualität gar nicht verstehen kann.

Auch der Begriff der „Islamophobie“, der sich mittlerweile in sehr vielen Köpfen festgesetzt hat, hilft nicht im geringsten, die Dinge zu verstehen, ganz im Gegenteil trägt er zur Verschleierung und Verschärfung des Problems bei. Im Alltagssprachgebrauch gilt ein Phobiker als „irgendwie krank“. Dass aber Kritik an einer Religion „irgendwie krank“ ist, wollen uns Fundamentalisten aller Religionen schon immer erklären. Dass ausgerechnet Linke auf einen solchen Kampfbegriff hereinfallen, verweist auf die sträfliche jahrzehntelange Entsorgung der Religionskritik vieler Linker. Die rächt sich heute bitter.

Eng damit zusammen hängt auch die von vielen AntirassistInnen geteilte These „Islamfeindlichkeit ist Rassismus“. Sie ist nicht nur wegen des darin wiederkehrenden Begriffs „Islamophobie“ unhaltbar. Nach Angaben der Bundesregierung vom April 2007 lebten damals rund 3,4 Mio. Muslime in Deutschland. Als „Muslime“ gelten in diesem Bericht allerdings unterschiedslos sämtliche MigrantInnen, die aus einem „mehrheitlich muslimischen“ Land kommen. Es wird also völlig ignoriert, dass nicht jede Iranerin eine Muslima und jeder Ägypter ein Muslim ist. Dass nicht wenige Menschen aus diesen Ländern anderen Religionen oder auch gar keiner angehören, fällt unter den Tisch. Befragt nach ihrem Verhältnis zur Religion bezeichneten sich 18 Prozent dieser 3,4 Millionen Menschen als religiös, 20 Prozent äußerten sich eher indifferent und 62 Prozent gaben an, keine religiöse Praxis zu leben (zitiert nach https://hpd.de/node/2906). Im Licht dieser Zahlen wird deutlich, dass die Aussage, Islamfeindlichkeit sei rassistisch, die Menschen auf ihre wirkliche oder zugeschriebene Religion reduziert und ihnen abspricht, sich auch vom Islam abwenden können. Sie schreibt letztlich die Zugehörigkeit zum Islam als ethnisches Merkmal fest und offenbart sich damit als das, wogegen sie sich vermeintlich stellt: als rassistisch nämlich.

„Islamkritik ist notwendig.“ Ja, und zwar dringend. “De omnibus dubitandum est” (An allem ist zu zweifeln) antwortete Karl Marx – der auch in dieser Hinsicht besser war als viele Marxisten – auf die Frage nach seinem Lieblingsmotto. Kritik kann nie Ressentiment sein. Und doch ist bei politischer Intervention das problematische gesellschaftliche Umfeld mitzudenken, in dem wir uns bewegen. Es gibt jede Menge Moslemhasser, die in ihrer Selbstwahrnehmung und -darstellung selbstredend allesamt – Islamkritiker sind. Sie behaupten, es gebe keinen gemäßigten Islam und so etwas könne es auch gar nicht geben. Also exakt das gleiche, was die Islamisten auch sagen. Daraus folgt: Man muss Islamkritik betreiben und sich gleichzeitig entschieden von einer verbreiteten Fremdenfeindlichkeit und antimuslimischem Ressentiment absetzen. Islamkritik muss deswegen keineswegs relativiert werden. Religionskritik ist kein „westlicher Rassismus“.

Eine wichtige Leitschnur durch die Wirrnisse dieser Debatte lautet: Menschen sind vor Diskriminierung zu schützen, aber Religionen nicht vor Kritik. Das wird immer wieder verwechselt. Das Diskriminierungsverbot gilt selbstredend auch für alle Menschen, die wegen ihrer Religion diskriminiert werden. Dass darf jedoch nicht dazu führen, dass ihre Religion selbst von Kritik ausgenommen ist.

Der berühmte Karl Marx’sche kategorische Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, wird ja leider fast immer nur zur Hälfte zitiert. Der Satz beginnt so: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch …“ (MEW 1, 385) Hier geht es nicht um Marx-Philologie, sondern darum, dass das inhaltlich zusammengehört. Erst wenn der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist, ist es ihm möglich, eine wirklich menschliche, humane Gesellschaft zu schaffen.

Die allermeisten Linken (ich verzichte auf die Definition von „links“ und spreche hier ganz allgemein von all denjenigen, die sich selbst „links“ verorten) betreiben heute leider kaum noch Religionskritik, bei einigen anderen ist sie auf ausschließliche Islamkritik zusammengeschrumpft. Beides sind gefährliche Holzwege, die auf ihre Art die Krise der Linken beschreiben. Doch die Wiederbelebung von Religionskritik als emanzipatorischem Projekt ist dringend notwendig.