14.01.2019  Beitrag drucken

Religionskritik, Diskriminierung und Emanzipation. Anmerkungen zur Islamdebatte

von Lothar Galow-Bergemann

Aktualisierte Textfassung eines Vortrags vom 12. Mai 2017. Der Vortrag ist HIER auch zu hören.

Erschienen in associazione delle talpe / Rosa Luxemburg Initiative Bremen (Hrsg.): Maulwurfsarbeit IV, Bremen 2018, S. 101 – 107 Als pdf-Datei HIER herunterzuladen.


Inhalt

Seite 1

1. Wachsende Bedeutung von Religion und Religionskritik

2. Den Islam gibt es nicht !?

Seite 2

3. Islamophobie oder Islamkritik?

4. Islamismus und präfaschistischer Rechtspopulismus

Seite 3

5. Das antimuslimische Ressentiment

6. Linke Versäumnisse

Seite 4

7. AntiBa – der Barbarei entgegentreten


1. Wachsende Bedeutung von Religion und Religionskritik

Seit einigen Jahren zeichnet sich international ein wachsender Trend hin zu autoritären FührerInnen ab, die Massen von Menschen hinter sich haben. Putin, Erdogan, Orban, Duterte, Trump, LePen, Hofer, Wilders, Höcke u.v.a.m. Bei aller Unterschiedlichkeit dieser Figuren springt eine Gemeinsamkeit ins Auge: sie haben einen ganz besonderen Bezug zur Religion. Entweder sie agieren als Vertreter der einzig wahren und richtigen Religion oder sie fühlen sich als berufene Kämpfer gegen die böse und schlechte Religion oder sie stützen sich auf eine Basis von sehr religiösen Menschen und auf mächtige religiöse Organisationen. Zum Teil trifft dies auch alles miteinander zu. Die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Religionen wächst, von wenigen Ländern abgesehen, weltweit.

Keine Führer ohne Fans. Das eigentliche Problem sind ja nie die Führer. Es sind die Fans, die diese Führer brauchen, sich nach ihnen sehnen und sie so überhaupt erst erschaffen. Die verbreitete Sehnsucht nach dem starken Mann – der heute gerne auch mal eine starke Frau sein darf – und die Rückkehr des Religiösen in die Politik findet zeitgleich statt. Das ist kein Zufall. Der Glaube an den allmächtigen Chef im Himmel und der an den allmächtigen Chef auf Erden hatte schon immer viel miteinander zu tun. Beide vertragen sich meistens gut.

Es gibt allerdings auch in dieser Hinsicht keine kontinuierlichen Linien in der historischen Entwicklung. In Zeiten des aufsteigenden Kapitalismus, als seine Versprechungen noch für relativ viele Menschen attraktiv waren, ging Religiosität in manchen Weltgegenden deutlich zurück. Der aufsteigende, gewissermaßen „optimistische“ Kapitalismus trägt drei Botschaften in die Welt, die der Religion nicht schmecken können. Erstens: „Der Mensch ist allmächtig. Der Mensch kann alles“ Zweitens: „Dein Schicksal liegt in deiner Hand. Mach was aus Dir, Du kannst aufsteigen.“ Drittens: „Die Frage nach einem Leben nach dem Tod ist völlig irrelevant. Es geht um das Leben im Hier und Jetzt.“ Mit solchen, gelinde gesagt, religionsfernen Maximen kann Religiosität nichts anfangen. Im Zuge des nicht mehr ganz so neuen Kapitalismus und der Verschärfung seiner Krise, die auch von seinen wenigen noch verbliebenen Verfechtern nicht mehr geleugnet werden kann, verändern sich die Dinge. Je Mehr Krise, umso weniger Vertrauen in die Vernunft und Fähigkeit des Menschen, umso mehr Glaube an Steuerung durch vermeintliche „Höhere Mächte“, wie auch immer die im Einzelnen beschaffen sein mögen. Im Allgemeinen gilt: Je Mehr Krise, desto mehr Religiosität. Das erleben wir gerade. Dabei ist Religiosität nicht nur im engeren Sinn von „Kirche und Religion“ zu fassen. Sie kann in sehr unterschiedlichen Formen und Gewändern auftreten – klassisch gottesfürchtig, esoterisch und „spirituell“, ja sogar atheistisch. Der Marxismus-Leninismus ist z.B. so ein religiöses Weltbild, das im Gewand des Atheismus daherkommt.

Der berühmte Karl Marx’sche kategorische Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, wird ja leider fast immer nur zur Hälfte zitiert. Der Satz beginnt so: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch …“ (MEW 1, 385) Hier geht es nicht um Marx-Philologie, sondern darum, dass das inhaltlich zusammengehört. Erst wenn der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist, ist es möglich, eine wirklich menschliche, humane Gesellschaft zu schaffen.

Leider betreiben heute die allermeisten Linken (ich verzichte auf die Definition von „links“ und spreche hier ganz allgemein von all denjenigen, die sich selbst „links“ verorten) kaum noch Religionskritik, während sie bei manch anderen Linken auf ausschließliche Islamkritik zusammengeschrumpft ist. Beides sind gefährliche Holzwege, die auf ihre Art die Krise der Linken beschreiben. Doch die Wiederbelebung von Religionskritik als emanzipatorisches Projekt ist dringend notwendig.

2. Den Islam gibt es nicht !?

„Es soll kein Zwang sein im Glauben“ (Sure 2,256) „Tötet die Ungläubigen, wo (immer) ihr sie findet“ (Sure 9,5) Diese beiden Aussagen widersprechen sich diametral. Erstaunlicherweise gibt es nicht wenige Leute, die entweder von der einen oder von der anderen behaupten, sie habe nichts mit dem Islam zu tun. Das ist mit Verlaub gesagt ziemlich gewagt. Natürlich hat beides mit dem Islam zu tun.

Hätten Sie’s gewußt? „So jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein“ sagt niemand anderes als Jesus Christus (Lukas 14,26) „Sag (den Juden): Kann ich euch etwas Schlimmeres verkünden als die Vergeltung Gottes? Welche Gott verflucht hat und über welche er zürnte, hat er in Affen und Schweine verwandelt“ steht im Koran (Sure 5, 60). „Ihr (Juden) seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Derselbige ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit“ steht im Neuen Testament (Johannes 8, 44). „Und jene (Frauen), deren Widerständigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!“ empfiehlt der Koran (Sure 4, 34), während sich die Aufforderung „Ist es aber Wahrheit, dass die Dirne nicht ist Jungfrau funden, so soll man sie hinaus vor die Tür ihres Vaters Hauses führen und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen“ im Alten Testament findet (5. Mose 22,20). „Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir“ sagt – auch wenn es die meisten total überrascht – wiederum Jesus Christus (Lukas 19,27). Der Wunsch „Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!“ begegnet uns im Alten Testament (Psalm 139,19) und der Spruch „Wer eine Seele ermordet, ohne dass er einen Mord oder eine Gewalttat im Lande begangen hat, soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten“ steht im Koran (Sure 5,35). Um das Spiel auf die Spitze zu treiben: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, ein Satz, den praktisch jedeR fraglos im Neuen Testament verortet, stammt aus dem Alten Testament (3. Mose 19,18) und Jesus beruft sich später nur darauf (Matthäus 22,34). So viel zur weit verbreiteten Vorstellung vom „Gott der Liebe“ des Neuen Testaments und vom „alttestamentarischen Gott der Rache“.

Die allermeisten ReligionsanhängerInnen, aber auch die allermeisten nichtreligiösen Menschen kennen die so genannten „Heiligen Schriften“ überhaupt nicht. Was wir kennen, sind lediglich einige ihrer mehr oder weniger gängigen Interpretationen. „Heilige Schriften“ sind widersprüchlich und bedürfen der Auslegung. Das eingebildete „Wort Gottes“ ist selbstverständlich menschliche Interpretation. Nicht weiter überraschend ist deshalb das Phänomen der Aufspaltung sämtlicher Religionen in verschiedene Lager, die sich ständig untereinander in den Haaren liegen, wenn sie sich nicht gleich gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Die „besorgten Eltern“, die in Stuttgart demonstrieren, weil sie glauben, dass die Landesregierung ihren Kindern Pornofilme in der Schule zeigt, sind zum überwiegenden Teil evangelikale Christen. In diesen Familien sind nachgewiesenermaßen rüde Erziehungsmethoden wie Prügelstrafe etc. weit verbreitet. In Uganda fordern Hassprediger mit der Bibel in der Hand dazu auf, Homosexuelle zu ermorden. Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte, der sich offen damit brüstet, schon viele Menschen umgebracht zu haben und dazu auffordert, noch viel mehr zu ermorden und verkündet „Ich schere mich nicht um Menschenrechte, glaubt mir“ ist demokratisch gewählt. Und zwar in dem religiösesten Land der Welt. Nirgendwo gibt es mehr Menschen, die sich selbst als gottesgläubig (93,5%) und weniger Menschen, die sich selbst als Atheisten bezeichnen (0,7%). Von diesen Gottesgläubigen sind 95 Prozent christlichen und 5 Prozent muslimischen Glaubens (ezw-berlin.de/html/15_2557.php abgerufen am 16.05.16). Und diese Bevölkerung wählt Duterte. In Zentralafrika schlachten christliche Milizen MuslimInnen ab (SPON 27.1.2014). Wer jedoch angesichts all dessen sagen würde „Schaut her, so ist das Christentum“, würde sehr vielen Christen nicht gerecht.

Die TeilnehmerInnen der regelmäßigen Massenaufstände gegen das verbrecherische Regime im Iran sind entweder allesamt ChristInnen und AtheistInnen – oder sie teilen eine etwas andere Interpretation des Islam als die Herrscher des Gottesstaates. Die Initiative Liberaler Muslime in Österreich erklärt: „Im Koran gibt es weder Kopftuch, Hijab, Niqab, Burka, Tschador oder eine Ganzkörperverschleierung. Das sind Symbole radikaler Islamisten, um Frauen zu unterdrücken und zu versklaven.“ Die türkische Radiomoderatorin Sinem Tezyapar verteidigt Israel mit dem Koran: „In Bezug auf den Zionismus ist es wiederum wichtig, dass Muslime auf das Wissen zurückgreifen, dass ihnen Gott im Koran darüber gegeben hat … nach dem Koran möchte Gott, dass das jüdische Volk im Heiligen Land lebt (Sure 5:20-21).“ (Jüdische Rundschau Oktober 2014) Für diese Auslegung des Koran wird sie von ihren islamistischen und djihadistischen Glaubensbrüdern gehasst bis aufs Blut. „Den Islam“ gibt es genau sowenig wie „das Christentum“. ReligionsanhängerInnen schaffen immer wieder das erstaunliche Kunststück, große Teile ihrer „Heiligen Schriften“ zu ignorieren und sich nur deren vermeintliche oder wirkliche Rosinen herauszupicken. Wie auch immer sie das hinbekommen – Religion ist jedenfalls in hohem Maße subjektive Auslegungssache.

Ich glaube mittlerweile allerdings, dass diese Aussage, wie wohl sie richtig ist, alleine nicht genügt. Es muss zwingend noch mehr dazu gesagt werden. Denn der Satz „Den Islam gibt es nicht“ kann sich oft auch zu einem regelrechten Sprechverbot über den Islam verfestigen.Nach dem unausgesprochenen Motto „Wenn es den Islam nicht gibt, dann kann man auch nicht darüber reden“. Das ist schon seit langem ein Problem, insbesondere im linksliberalen Milieu. Wer in dieser Umgebung den Satz fallen lässt „Der Islam ist intolerant“, wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sehr schnell zu hören bekommen, dass es ja den Islam überhaupt nicht gebe. Sagt jemand allerdings „Der Islam ist tolerant“, so wird er diese Antwort kaum hören. So wird Religion sakrosankt und darf nicht mehr kritisiert werden. Sehr überzeugend entwickelt das Sama Maani in seinem kleinen, aber inhaltsschweren Büchlein „Respektverweigerung“ mit dem wunderbaren Untertitel „Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht.“

„Gewalt und Terror haben nichts mit dem Islam zu tun“, so hört man immer wieder. Das ist zu hinterfragen. Die Djihad-Terroristen wachsen ja nun mal nicht in den Elendsgebieten von Rio de Janeiro oder im Kongo auf. Der Djihadismus entsteht in muslimisch geprägten Communities. Wer wollte den Djihadisten absprechen, Muslime zu sein? Es ist nicht überzeugend, hier einen Zusammenhang abzustreiten. Natürlich haben Gewalt und Terror mit dem Islam zu tu. Problematisch wird es allerdings, wenn aus dieser Feststellung ausgesprochen oder unausgesprochen die Behauptung wird, Gewalt und Terror hätten ausschließlich mit dem Islam zu tun, der Islam sei sozusagen das einzige Problem.

Gewalt und Terror haben auch mit dem Islam zu tun, aber nicht nur mit ihm. Warum zogen eigentlich 1970 keine djihadistischen Mordkommandos durch Bagdad, Mumbay, Paris und Brüssel? Islam war doch damals auch schon. „Hat mit dem Islam zu tun“ reicht folglich als Erklärung nicht aus. Es muss noch andere Faktoren geben.

Unter Islamismus verstehe ich die extrem reaktionäre und patriarchale, buchstabengetreue Interpretation des Islam mit dem Anspruch der Herrschaft über sämtliche Lebensbereiche. Unter Djihadismus den Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen mit dem Ziel Weltherrschaft. Den Begriff Barbarei verwende ich im Sinne eines Zustands allgemeiner Verrohung, in dem die letzten Grenzen von Humanität und Zivilisation fallen. Die offene Barbarei braucht grundsätzlich immer ein von vielen geteiltes, in relevanten Teilen der Gesellschaften verankertes reaktionäres und menschenfeindliches Weltbild. Nazis fallen nicht vom Himmel, sie erwachsen aus einem großen reaktionären Umfeld, das im Grunde so denkt wie sie. Sie sind eingebettet in ein Heer von Sympathisanten, von dem sie im Ernstfall nichts zu befürchten brauchen, sondern mehr oder weniger offene Unterstützung erwarten dürfen. Diesen Zusammenhang gibt es natürlich auch zwischen djihadistischen Terroristen und ihrem islamistischen Umfeld.

Frühformen des Djihadismus tauchen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf, Ende des 20. Jahrhunderts kommt es zu einer explosiven Zunahme. Kaum jemand kann sich noch all die Namen neuer und neuester Terrorbanden merken, die in schneller Abfolge neu entstehen – Al-Qaida, IS, Hizbollah, Hamas, Iran, Taliban, Ansar al-Sharia, Boko Haram, Al-Shabaab, Al-Nusra etc. pp. Besonderes Gewicht kommt den iranischen Revolutionsgarden zu, denn man sollte trotz mancher Flötentöne aus Teheran in jüngster Zeit nicht vergessen, dass das iranische Regime die mit Abstand größte Terrorbande auf der Welt ist.

Ein Blick auf seine Entstehung und Entwicklungsgeschichte offenbart, dass der Djihadismus ein Phänomen der Moderne ist. Will man ihn verstehen, muss man sich folglich mit dieser Moderne befassen. Die kapitalistische Moderne kommt sehr zerrissen in die Welt. Es soll im Folgenden zunächst überhaupt nicht um „die Muslime“ oder „die arabische Welt“ gehen, sondern um den Westen, genauer gesagt um Europa, in dem diese kapitalistische Moderne das Licht der Welt erblickte. Diese Moderne brachte einerseits Freiheit und Gleichheit, andererseits neue Formen von Inhumanität und Krise: Befreiung aus Clanherrschaft und persönlicher Abhängigkeit und gleichzeitig Unterwerfung unter die abstrakte Herrschaft des Marktes. Anspruch und Realität gehen oft weit auseinander, man kann durchaus auch von den Versprechen und den Verbrechen des Kapitalismus reden. Diese zerrissene Moderne trifft auf scheinbar intakte vormoderne Strukturen personeller Herrschaft und ihr Erscheinen wird wahnhaft ideologisch verarbeitet: „Wer ist daran schuld, dass das alles über uns kommt und wer sind eigentlich wir noch in dieser Welt, die uns buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzieht?“ Die Krisenbewältigung findet in Identitätsstiftung und im Ressentiment statt.

Dieses antiwestliche oder antimoderne Ressentiment – es geht immer noch um den historischen Prozess in Europa – richtet sich gegen eine imaginierte „Zersetzung der Moral“, gegen einen „Materialismus des Geldes“ gegen sexuelle Befreiung und Homosexualität, gegen die Emanzipation der Frau und Säkularität, gegen die so genannte „Gotteslästerung (Blasphemie) und Atheismus, gegen Individualität, die „Zerstörung der Gemeinschaft“ und den „Zerfall der Familie“. Irgendwer muss daran schuld sein, dass meine Welt, die jahrhundertelang so festgefügt und für die Ewigkeit gebaut schien und in der ich meinen festen Platz hatte, aus den Fugen gerät und dass mir alles, an das ich glaube, weggenommen wird. In seiner extremen Zuspitzung richtet sich dieses Ressentiment gegen die Juden: „Die Juden sind an all dem schuld“.

Je mehr die kapitalistische Moderne ihre Versprechen verrät, umso mehr erlangt dieses Phänomen wieder weltweit wachsende Bedeutung. Wenden wir jetzt den Blick auf die muslimisch geprägten Länder. Die Vision eines „arabischen Sozialismus“ à la Gamal Abdel Nasser hat in den 50er-bis 70er-Jahren -zig Millionen Menschen bewegt und ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben gemacht. Es wurde bekanntlich nichts daraus, die Idee ist schon lange tot. Aber nicht nur das. Die allermeisten dieser Länder haben heute nicht die geringste Chance, zu konkurrenzfähigen Akteuren auf dem Weltmarkt zu werden. Die Menschen wissen das oder spüren zumindest, dass die Moderne ihre Versprechen verrät. Zwar muss niemand automatisch reaktionärer Ideologie verfallen, nur weil er „abgehängt“ ist – es gibt auch andere Beispiele – aber es ist doch wesentlich einfacher, dort zu landen als bei kritischer Reflektion der Verhältnisse. Schwarz-Weiß-Bilder gehen leider einfacher in die Köpfe als Krisenanalyse. Patriarchales oder gar antisemitisches Denken zu überwinden erfordert ein hohes Maß an Reflektionsarbeit, zu dem viele nicht willens oder auch nicht in der Lage sind.

Islamismus und Djihadismus sind geprägt durch den Islam und durch die kapitalistische Moderne. Während das reaktionär-religiöse Umfeld der Fanatiker auf den Zusammenhang mit dem Islam verweist, belegt die wachsende Zahl von Konvertiten eine zunehmende Attraktivität des religiösen Fundamentalismus für „westlich geprägte Menschen“.

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