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Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft

Krisis 13 (1993)

31.12.1993 Beitrag drucken

Krisis 13 — Editorial

Inwieweit unsere Diagnosen über die fundamentale Krise des warenförmigen Weltzusammenhangs zutreffen, darüber gehen die Meinungen in der mehr oder weniger geneigten Öffentlichkeit weit auseinander. Immerhin wird die Krisenanalyse angesichts der Tatsachen nicht mehr derart borniert und geringschätzig abgewehrt wie noch vor einigen Jahren. Daß nach dem Süden und Osten nun auch der Westen selbst in die Reproduktionskrise stürzt, kann inzwischen bei Professor Engels u. Co. in der Wirtschaftswoche nachgelesen werden, und selbst im restlinken Spektrum, dem es ganz besonders schwer fällt, sich vom Glauben an die Allmacht des Kapitals zu verabschieden, scheinen klammheimlich Krisendebatten zu beginnen.

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31.12.1993 Beitrag drucken

Zur Kernphysik des bürgerlichen Individuums

von Ernst Lohoff

Wann immer Gesellschaftstheorie scheinbare Selbstverständlichkeiten zum Ausgangspunkt nimmt und überhistorische, allen Gesellschaften gemeinsame Konstanten präsentiert, ist Vorsicht und Mißtrauen angebracht. Hinter den beschworenen ontologischen Grundtatsachen verbergen sich für gewöhnlich spezifisch bürgerliche Kategorien und Verhältnisse. Dieser apologetische Zug setzt sich regelmäßig auch unabhängig von den Intentionen der jeweiligen Theoretiker durch. Der verblichene Arbeiterbewegungsmarxismus etwa verstand sich selber als radikale Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Dennoch wurde die marxistische Doktrin als Durchsetzungsideologie der bürgerlichen Form kenntlich und wirksam, so oft sie unabänderliche, alle Gesellschaftsformationen übergreifende Wesenheiten bemühte. Das wird besonders am „Primat der Produktion“ deutlich, das die marxistische Gemeinde ihren Lebtag lang als ein Essential des “wissenschaftlichen Sozialismus“ handelte.

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Fragmente zur Selbstkritik der Männlichkeit

Norbert Trenkle

Im Gefolge der Frauenbewegung hat in den letzten zwanzig Jahren auch eine Minorität von Männern damit begonnen, die hierarchische Geschlechterstruktur der bürgerlichen Gesellschaft grundsätzlich in Frage zu stellen. Von einer »Männerbewegung« zu sprechen, wäre sicherlich übertrieben, doch läßt sich kaum leugnen, daß auch Männer zunehmend an dem Zwang und an der Gewaltsamkeit der polaren psycho-sexuellen Zuschreibungen leiden und dagegen aufbegehren. Die männliche Selbstkritik, wie sie in diesem Zusammenhang formuliert wurde, war der Linken in ihrer großen Mehrheit immer durch und durch suspekt. Bestenfalls hat sie diese Selbstkritik als eine Art Ablenkung von der »eigentlichen Aufgabe«, nämlich der Bekämpfung »des Kapitals« und seiner Repräsentanten, abgetan. So sehr dies das linke Denken in seiner Beschränktheit peinlich entlarvt, so wenig hatte doch die »männerbewegte« Strömung dem entgegenzusetzen. Im großen und ganzen war und ist sie nicht viel mehr als eine Ansammlung ziemlich isoliert arbeitender Selbsterfahrungsgruppen, die sich in falschverstandener Abkehr von Rationalismus und »Sachlichkeit« der traditionellen bürgerlichen Männerrolle jeglichem übergreifenden kritisch-theoretischen Denken gegenüber ablehnend verhalten.

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31.12.1993 Beitrag drucken

Die wundersame Renaissance des Antonio Gramsci

“Die Wahrheit ist, daß es für die Erfolgschancen einer sozialistischen Revolution keinen anderen Maßstab gibt als den Erfolg selbst”. — Antonio Gramsci (1891-1937), mit Blick auf die Oktoberrevolution

Robert Bösch

Spätestens mit dem Verschwinden der UdSSR von der politischen Weltbühne hat auch das, was gemeinhin als “marxistische Theorie” bezeichnet wird, endgültig jegliche gesellschaftliche Relevanz verloren. Galt selbst reflektierteren Varianten des Marxismus die Sowjetunion wenn nicht als sozialistische, so doch als “nach-” oder “nicht-kapitalistische” Gesellschaftsformation, besiegelt ihr katastrophaler Niedergang auch das Verdikt über die bisherige Linke und ihren Theoriebegriff.

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31.12.1993 Beitrag drucken

Auf dem Jahrmarkt der Tugenden

»Wenn die Erkenntnis ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen. Die Eule der Minerva beginnt erst in der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.« — G. W. F. Hegel

Johanna W. Stahlmann

Ein pessimistisches Wort. Ein Abgesang auf eine bereits abgelaufene Entwicklung. Ein Lob der retrospektiven Erkenntnis, die nichts verändern will. Nun: die »Eule«, die für den Elster-Verlag fliegt, möchte optimistisch klingen, sie malt ein helleres Grau und scheint sich einzubilden, sie flöge in der Morgendämmerung, sie sage etwas Neues, etwas Originelles, etwas, das der gesellschaftlichen Entwicklung voraus ist. Bisher drei Monographien über Moral, Treue und Mut sind erschienen, um »eine >minima moralia< für ein richtiges Leben hier und erste elastische Normen für eine künftige Moral probeweise« (Editorial) aufzustellen.

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Krisis 13 — Inhalt

Editorial

Robert Kurz: Subjektlose Herrschaft. Zur Aufhebung einer verkürzten Gesellschaftskritik

Norbert Trenkle: Fragmente zur Selbstkritik der Männlichkeit

Ernst Lohoff: Zur Kernphysik des bürgerlichen Individuums

Robert Bösch: Die wundersame Renaissance des Antonio Gramsci

Johanna W. Stahlmann: Auf dem Jahrmarkt der Tugenden