31.12.1996
So manche Leser werden, wenn sie diese Ausgabe der »Krisis« aufschlagen und ihr Schwerpunktthema registrieren, erst einmal mit Skepsis reagieren. Die Kritik von »Arbeit«, Wertform und Warengesellschaft (kurz »Wertkritik«) mag ja als aparte Beschäftigung eines geschmäcklerischen Theorieclubs interessant erscheinen, und womöglich kann man sich damit interessant machen und Punkte sammeln im allgemeinen Selbstdarstellungs- und Selbstwert-Theater. Die Frage nach der Aufhebung der Warengesellschaft jedoch ernsthaft als lebenspraktische und mit Bezug auf soziale und gewerkschaftliche Bewegungen zu stellen, mutet doch reichlich utopisch und weltfremd an, und es scheint sich der Verdacht aufzudrängen, daß der Versuch, das Problem der Überwindung der herrschenden Vergesellschaftungsform im Kontext »unmittelbarer« gesellschaftlicher Probleme aufzurollen, nur eine Reise in Richtung Wolkenkuckucksheim bedeuten kann.
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31.12.1996
Überlegungen zu einer Perspektive jenseits der Warenform
Norbert Trenkle
1. Utopismus und emanzipatorische Perspektive
Im Zeitalter postmoderner Desillusionierung mag es geradezu anstößig erscheinen, Gedanken zu einer gesellschaftlichen Perspektive jenseits der Warenform vorzulegen. Handelt es sich dabei nicht um die längst schon »dekonstruierten« Allmachtsphantasien des weißen Mannes? Sind es die letzten Fiebertraume des abendländischen Subjekts, das noch im röchelnden Todeskampf die Welt unter seine universalistischen Großkonzepte zu subsumieren geneigt ist? Es wäre zu einfach, solche Verdächtigungen als bloße Abwehrhaltungen derjenigen abzutun, die sich längst schon mit dem Bestehenden arrangiert haben. Die Skepsis gegenüber Zukunftsentwürfen, die den Anspruch auf Verallgemeinerungsfähigkeit erheben, ist grundsätzlich ernst zu nehmen, auch wenn sie permanent dafür instrumentalisiert wird, jeden Gedanken an eine gesellschaftliche Transformation, die diesen Namen verdient, schon im Vorfeld abzublocken.
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31.12.1996
Ein postpolitischer Streifzug
Ernst Lohoff
1. Modernisierung und Politikemphase
Als Marx im letzten Jahrhundert die Grundstruktur der ersehnten kommunistischen Umwälzung zu umreißen suchte, machte er eine grundlegende Differenz zwischen der erhofften sozialistischen Revolution und den vorangegangenen bürgerlichen Revolutionen auf. Während er in den »Revolutionen des 18. Jahrhunderts« »bloß politische Revolutionen« sah, erwartete er von der »proletarischen Revolution des 19. Jahrhundert«, daß sie dieses Schema sprengen und zu einer ganz anders gearteten, nämlich »sozialen Revolution« werden würde. Mit dem Aufstand der Pariser Kommune schien das neue Modell einer antibürgerlichen Revolution bereits Umrisse zu gewinnen. Die kurzlebige Kommune stand laut Marx nicht für die Eroberung der Staatsgewalt, die Übernahme des politischen Mechanismus durch die Arbeiterklasse, sondern schon für die Zurücknahme des Staates in die mit dem Kapitalverhältnis brechende Gesellschaft.
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31.12.1996
Franz Schandl
Der Autor ist Historiker und Publizist in Wien. Der hier vorliegende Beitrag erschien erstmals in »Weg und Ziel« (Wien), Nr. 6/93. Für KRISIS wurde er überarbeitet und erweitert.
Die Ökologiebewegung weiß zwar oft, was sie nicht will, viel weniger aber weiß sie, was das ist, was sie nicht will. Woher es kommt und wohin es führt. Kritik nivelliert sich meist auf die Ebene des Räsonierens, auf »die Freiheit von dem Inhalt und die Eitelkeit über ihn«(1), wie Hegel es nannte. Veränderung bedarf aber mehr als der bloßen Verneinung. Von Niklas Luhmann muß sich die Ökologiebewegung daher zurecht vorhalten lassen: »Unversehens geht so eine Theoriediskussion in moralische Frageformen über, und das Theoriedefizit wird mit moralischem Eifer kompensiert. Die Absicht der Demonstration guter Absichten bestimmt die Formulierung der Probleme. So diskutiert man aufs Geratewohl über eine neue Umweltethik, ohne die Systemstrukturen zu analysieren, um die es geht.«(2)
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31.12.1996
Zum Teilzeitsozialismus des André Gorz
Heinz Weinhausen
Du spulst deine Arbeit runter,
und fragst nicht, warum und wieso.
Hauptsache, du kriegst deine Kohle
und es ist sauber auf dem Klo.
Ist es nicht so,
du Krone der Schöpfung? (1)
»Den Kapitalismus überwinden, heißt hauptsächlich und notwendig, die Vorherrschaft der Warenbeziehungen – einschließlich des Verkaufs der Arbeit – zugunsten freiwilliger Tätigkeiten und Tauschbeziehungen zu beseitigen, die ihren Zweck in sich selbst tragen.«(2) Warenbeziehungen und Lohnarbeit zurückzudrängen, ist die Kernforderung von André Gorz.
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31.12.1996
31.12.1996
Ernst Lohoff
1.
Der Endsieg von Demokratie und Markt fällt mit der Paralyse der warengesellschaftlichen Ordnung zusammen. Im selben historischen Augenblick, in dem die Diktatur der bürgerlichen Form allgegenwärtig geworden ist, büßt sie ihre integrative Kraft ein. Die kapitalistische Produktionsweise hört auf, als Prozeß “produktiver Zerstörung” (Schumpeter) zu funktionieren, und übrig bleibt die blanke Destruktion. Das Weiterprozessieren der warengesellschaftlichen Logik führt zu wachsender sozialer Entropie und kann letztlich nur im allgemeinen gesellschaftlichen Wärmetod enden.
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