31.12.2003
Der Epochenbruch von 1989 versprach, davon waren die westlichen Sieger fest überzeugt, den Beginn eines friedlichen Zeitalters. In einer im Zeichen von Demokratie, Menschenrechten und globalisierten Märkten geeinten Welt würden Krieg und Gewalt zu Auslaufmodellen. Diese Hoffnung griff zwei uralte Basisannahmen des Aufklärungsdenkens auf, um sie in sich zu vereinen. Zum einen wiederholte sie die seit dem 18. Jahrhundert umgehende Fama, im Herrschaftsbereich der Grundprinzipien der Moderne, Vernunft, Freiheit und Recht, sei für Blutvergießen eigentlich kein Platz. Kriege wären stets von staatlichen Akteuren losgetreten worden, die nicht auf dem Boden dieser Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stünden. Mit dem Endsieg des Westens seien solche Kräfte verschwunden, ergo verwandle sich damit die Erde in einen Hort des Friedens. Zum anderen wurde der laufende Globalisierungsprozess als Verfriedlichungsgarant verstanden, weil mit dem Triumph des totalen Marktes die potentielle Kriegsmacht Staat gegenüber der vermeintlichen Friedensmacht Markt zusehends ins Hintertreffen gerät.
Die Entwicklung der letzten Dekade hat die Erwartungen, die Welt würde mit dem Endsieg des Westens friedlicher, gründlich dementiert. Dieses Dementi ist freilich nicht so zu verstehen, dass Optimisten aus richtigen Voraussetzungen voreilige Schlüsse gezogen hätten. Unhaltbar sind vielmehr die aus dem Fundus des Aufklärungsdenkens stammenden Basisannahmen. Sie stellen die realen Zusammenhänge auf den Kopf. Zum einen reimen sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit keineswegs auf Friede und Versöhnung. Näher berochen, entströmt diesen Prinzipien vielmehr seit jeher ein unangenehm süßlicher Geruch, ein Fluidum von Tod und Mord, das heute verstärkt freigesetzt wird.
(Ernst Lohoff, Gewaltordnung und Vernichtungslogik)
KRISIS 27 Inhalt
- Editorial
- Ernst Lohoff: Gewaltordnung und Vernichtungslogik
- Karl-Heinz Wedel: Rechtsform und „nacktes Leben“ – Anmerkungen zu Giorgio Agambens „Homo Sacer”
- Robert Kurz: Tabula Rasa – Wie weit muss oder darf die Kritik der Aufklärung gehen?
- Franz Schandl: Staat und Schlepper – Scheinbar jenseits des obligaten Rassismus hat sich (nicht nur) in Österreich ein breiter Konsens in puncto ordentliche Einwanderungspolitik etabliert
- Franz Schandl: Kontinuität und Singularität – Auschwitz als authentisches Produkt der westlichen Zivilisation (Rezension Enzo Traverso)
- Jaime Semprun (Paris): Bemerkungen zum Manifest gegen die Arbeit
- Charles Reeve (Paris): Wenn der Berg kreißt und eine Maus gebiert (Kritik des Manifestes gegen die Arbeit)
- Luca Santini (Rom): Anmerkungen zum Manifest gegen die Arbeit
- Nachwort zur franko-kanadischen Ausgabe des Manifests gegen die Arbeit
31.12.2003
Gute Zeiten für Scharlatane: Jeder selbst ernannte Experte, der eine Erklärung des Inhalts abgibt, der Aufschwung sei aber nun wirklich in Sicht, kann damit rechnen, sich auf den Titelseiten deutscher Zeitungen wiederzufinden. Im Sommerloch des Jahres 2003 jedenfalls tummelten sie sich dort zuhauf. Worin eigentlich die frohe Botschaft des nahenden Aufschwungs bestehen soll, blieb dabei mehr oder weniger nebulös: Die Arbeitslosenzahlen, darin sind sich die Experten einig, werden sich nicht verringern, die EU-Stabilitätskriterien wohl weiterhin verfehlt, die staatlichen Kassen sich nicht wieder füllen, und schon gar nicht werden die brüchig gewordenen sozialen Sicherungssysteme plötzlich wieder finanzierbar. Im Gegenteil, ihre als “radikale Einschnitte zum Zwecke ihrer Erhaltung” verkaufte sukzessive Abschaffung gilt überhaupt erst als die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass es zu dem erhofften Aufschwung kommt.
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31.12.2003
Auschwitz als authentisches Produkt der westlichen Zivilisation
erschienen in: Krisis 27
Franz Schandl
Wer vom Nationalsozialismus spricht, sollte dessen historische Bezüge nicht verschweigen. So ähnlich dürfte Enzo Traversos Imperativ gelautet haben, als er daran ging, seine “europäische Genealogie des Nazi-Terrors” zu konzipieren. “Heute gibt es bei zahlreichen Historikern die Tendenz, die Verbrechen des Nationalsozialismus aus der Geschichte der westlichen Welt zu verbannen.” (S. 13) Nun hat der aus der trotzkistischen Tradition kommende Autor ein knapp gehaltenes und flüssig geschriebenes Buch, das nie langweilt, vorgelegt. Einen Band, der auch ohne große Vorkenntnisse gelesen werden kann.
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31.12.2003
erschienen in: Krisis 27 (November 2003)
Ernst Lohoff
“Ich habe”, nuschelte er wild, “immer von einer Schar von Männern geträumt, eisern entschlossen, bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel, stark genug, sich selbst rundheraus als Vernichter zu bezeichnen, frei von dem entsagungsvollen Pessimismus, der Welt vergiftet, ohne Mitleid mit irgendeinem Lebewesen, sie selbst eingeschlossen – der Tod im Dienste der Menschheit.” (Joseph Conrad, Der Geheimagent)
31.12.2003
erschienen in: Krisis 27 (2003) [1]
von Jaime Semprun
Man würde der technologischen Modernisierung noch ein allzu großes Kompliment machen, wenn man sagte, sie habe die Arbeit “überflüssig” gemacht. Ohne hier auch nur auf die Frage nach der qualitativen Bewertung der technologischen Erleichterungen einzugehen (was verlieren wir bei der “Befreiung” durch Maschinen?), ist es schon auf der quantitativen Ebene sehr zweifelhaft, ob die Modernisierung Arbeit abschafft und deren Aufrechterhaltung immer künstlicher macht (zentrale These des Manifests ).
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31.12.2003
Les Éditions Rouge et Noir
erschienen in: Krisis 27 (2003)
Nachwort zur franko-kanadischen Ausgabe des Manifest gegen die Arbeit [1]
Die Arbeit befindet sich in einer Krise! Endlich, möchte man hinzufügen. Eine Lektüre des Manifestes der Gruppe Krisis zeigt, dass alle moralischen, ökonomischen oder politischen Argumente, die die herrschenden Mächte vorbringen, um die “Tätigkeit der Unmündigen” (S. 20) [2] zu rechtfertigen, nicht standhalten. Krisis zufolge erleben wir das Ende der Arbeit. Die Folge ist ein gesellschaftlicher Sinnverlust, da alle unsere Tätigkeiten auf die Verwertung von Kapital via Lohnarbeit abzielen. Dieser Sinnverlust betrifft nicht nur den kapitalistischen und staatlichen Machtapparat, sondern auch die Linken, die die “Befreiung” der Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben haben. Das Krisis-Manifest zeigt sehr gut, dass es auf einem derartig repressiven Gebiet wie der Arbeit nichts zu befreien gibt. Jenseits der Trümmer der Arbeitsgesellschaft gilt es neue Praktiken zu erfinden, dem Sozialen einen neuen Sinn zu verleihen.
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31.12.2003
erschienen in: Krisis 27 (2003)
Charles Reeve [1]
Die Schriften der Gruppe Krisis, die sich um den Soziologen Robert Kurz herum gebildet hat und in Deutschland eine gleichnamige Zeitschrift herausgibt, waren bislang nur wenig in Frankreich bekannt. Diese Lücke wurde nun gefüllt mit der Veröffentlichung des Manifests gegen die Arbeit [2] .
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31.12.2003
Anmerkungen zu Giorgio Agambens „Homo sacer“
Karl-Heinz Wedel
Zur Situation eines Staatenlosen:
„Im Grunde … war ich ja schon lange tot. Ich war nicht geboren … konnte nie im Leben einen Pass bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell überhaupt nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermisst werden. Wenn mich jemand erschlug, so war kein Mord verübt worden. Denn ich fehlte nirgends. Ein Toter kann geschändet, beraubt werden, aber nicht ermordet.“
B. Traven
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