03.07.2018 

Von Jud Süß bis George Soros – der „Finanzjude“ als Konstante rechten Denkens

von Lothar Galow-Bergemann

erschienen in transmitter 07/18 Juli 2018, Programmzeitschrift des FSK – Freies Sender Kombinat Hamburg, S.9f

Dass Antisemitismus auch unter Linken, MuslimInnen und in der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft verbreitet ist, beginnt sich herumzusprechen, wenn auch noch viel zu langsam. Doch es gibt keinen Grund, deswegen den rechten Antisemitismus aus den Augen zu verlieren. Zumal in Krisenzeiten, in denen sich die Stimmungslage großer Bevölkerungskreise rasant nach rechts verschiebt und so genannte „Rechtspopulisten“ im Aufwind sind, von denen manche so tun, als hätten sie mit Antisemitismus nichts am Hut.

Ein zentraler Topos rechten Denkens ist der identitäre Bezug auf „Volk und Vaterland“. Diese ihre Liebesobjekte würden, so die rechte Phantasie, von dunklen Kräften bedroht, die sie zerstören wollten. Glücklicherweise durchschauten die Rechten jedoch die finsteren Pläne der mächtigen Strippenzieher und seien deswegen angetreten, die drohende Gefahr für Volk und Vaterland abzuwenden.

Anknüpfend an die fast 2000jährige Geschichte des christlichen Antijudaismus konnten die Vaterlandsverteidiger die Frage, wer genau denn diese eingebildeten Bösewichte sind, mit traumwandlerischer Sicherheit beantworten: „Die Juden!“ Keine Bevölkerungsgruppe wurde jemals so sehr mit all dem identifiziert, was Rechten verhasst ist: Modernität, Liberalität, Individualismus, Emanzipation, Intellektualität und Kosmopolitismus.

Vor allem aber wurden die Juden – und das nicht nur von Rechten – mit der unheimlichen „Macht des Geldes“ gleichgesetzt. Schon lange hatte die mittelalterliche Kirche den als „Gottesmördern“ Stigmatisierten die Ausübung der meisten Berufe untersagt und ihnen das „schmutzige Geldgeschäft, das eines ehrlichen Christen unwürdig war“ zugewiesen. Dass sich im 19. Jahrhundert, als der Industriekapitalismus explodierte und Banken wie Pilze aus dem Boden schossen, unter den Bankiers deutlich mehr Juden befanden als es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprach, war die logische Folge dieser jahrhundertelang vererbten Tradition. Einem historisch-kritischen Blick erschließt sich das leicht, einer Rechten, für die völkische Geschichtsmythen konstitutiv sind, weit schwerer. Es überrascht daher nicht, dass die Kombination von völkischer Ideologie und warenfetischistischem Bewusstsein der Marktwirtschaftsinsassen, die die abstrakte Herrschaft des Kapitals nicht durchschauen und „biologisieren“1 den schlimmsten antisemitischen Furor aller Zeiten entfachte.

Adolf Hitler selbst betonte, welch zentrale Bedeutung für die nationalsozialistische Ideologie die „Erkenntnis“ vom vermeintlichen Unterschied zwischen einem „guten“ und einem „schlechten“, weil spekulierenden Kapital hat: „Den Unterschied dieses reinen Kapitals als letztes Ergebnis der schaffenden Arbeit gegenüber einem Kapital, dessen Existenz und Wesen ausschließlich auf Spekulation beruhen, vermochte ich früher noch nicht mit der wünschenswerten Klarheit zu erkennen … Dieses wurde nun auf das gründlichste besorgt von … Gottfried Feder. Zum ersten Male in meinem Leben vernahm ich eine prinzipielle Auseinandersetzung mit dem internationalen Börsen- und Leihkapital. Nachdem ich den ersten Vortrag Feders angehört hatte, zuckte mir auch sofort der Gedanke durch den Kopf, nun den Weg zu einer der wesentlichsten Voraussetzungen zur Gründung einer neuen Partei gefunden zu haben.“2 Das Bild des verhassten Börsenspekulanten passte haargenau zum Phantasma des Juden, der mittels seiner Macht über das Geld das Volk der ehrlich Arbeitenden betrügt und beherrscht. Als der Spielfilm „Jud Süß“ 1940 in die Kinos kam, brach er alle Zuschauerrekorde. Über 20 Millionen strömten in die Kinos und sahen dort bestätigt, was sie dachten, fühlten und wünschten. Ein raffinierter Finanzexperte hilft dem Herzog von Württemberg immer wieder aus der Patsche und verschafft sich so wachsenden Einfluss am Hof. Er selbst und seine Kumpane – allesamt Juden – bereichern sich schamlos, indem sie dem ehrlich arbeitenden Volk immer tiefer in die Tasche greifen. Am Ende wird der Jude zur tiefen Befriedigung des Volkes erhängt. Wenige Monate nach diesem Kassenschlager beschließt die Wannseekonferenz die „Endlösung der Judenfrage“.

Nach der Schoah ist der offene Antisemitismus diskreditiert und es gibt bekanntlich „keine Antisemiten mehr“. Das gilt in der Selbstwahrnehmung auch für die meisten heutigen Rechten. Charakteristisch jedoch ist deren selektives und instrumentelles Verhältnis zu bestimmten Normen, die weitgehend hegemonial wurden: Sie sind „feministisch“, aber nur wenn es um den Islam geht. Sie sind „für Menschenrechte“, aber nur, um zu behaupten, „Angehörige fremder Kulturen“ könnten damit nichts anfangen. Und sie sind selbstverständlich auch gegen Antisemitismus, aber nur bei Arabern und Türken. Eine Karikatur von Kritik also. Aber auch ohne Biologisierung des Kapitalismus kommt rechtes Denken nicht aus. In keinem politischen Lager zeigen sich dabei so viele fließende Übergänge zum offenen Antisemitismus wie beim so genannten Rechtspopulismus. Niemand steht dessen AnhängerInnen so sehr für den neuen „Finanzjuden“ wie der jüdische Milliardär und Finanzinvestor George Soros, den Rechte weltweit abgrundtief hassen. Kein Wunder, denn Soros finanziert Projekte, die sich für offene Gesellschaften und Demokratie, für Menschenrechte und Minderheitenschutz engagieren. Viktor Orbán, von der AfD verehrter Regierungschef in Ungarn, beschreibt Soros so: „Der Feind ist bösartig und listig. Er kämpft nicht mit offenen Visier, sondern versteckt sich. Er ist nicht national, sondern international; er glaubt nicht an Arbeit, sondern spekuliert; er ist rachsüchtig und attackiert immer das Herz“. Die antisemitischen Chiffren springen ins Auge.

Eine Partei wie die AfD, deren Vorsitzender stolz auf „die Leistungen“ deutscher Soldaten beider Weltkriege ist3 und die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ bezeichnet4, schließt selbstredend keinen Landtagsfraktionsvorsitzenden aus, der mobil macht gegen „die wenigen Dunkelmänner im Hintergrund, die von Gier und Machtwillen und Machtstreben zerfressen sind“ und dem „deutschen Volk“ eine „Neue Weltordnung mit der Auflösung der Staaten, der Völker, der Kulturen, ja sogar der Geschlechter“ aufzwingen wollen.5 Wo keine vernünftige Kapitalismuskritik, sondern der Glaube an bösartige Strippenzieher herrscht, lauert der Ausbruch der Barbarei. Zumal in Krisenzeiten, wo immer mehr Menschen mit Recht befürchten, zu den Verlierern zu gehören. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass auch die deutsche Wirtschaft nicht vor dem Absturz gefeit ist. Die Krise des Euro ist schon längst zur Krise der EU geworden und dass die Tage gezählt sind, in denen der Exportweltmeister auf Kosten anderer leben konnte, pfeifen die Spatzen sowieso von den Dächern. Krisenzeiten, man könnte es spätestens seit 1929 wissen, begünstigen die explosive Verbreitung des Ressentiments. Die Kombination von völkischer Ideologie und warenfetischistischem Bewusstsein hat nichts an Bedrohlichkeit verloren. Der rasante Aufstieg der AfD, deren protofaschistischer Charakter sich immer deutlicher herausschält, lässt auch in dieser Hinsicht nichts Gutes erwarten. Deren Bundessprecher Jörg Meuthen, den manche immer noch für „gemäßigt“ halten, spricht schon ganz ähnlich wie Orbán über Soros. Der benutze nämlich seine Milliarden, um „eine neue Weltordnung“ herbeizuführen.


1 | Vgl. Moishe Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus http://www.krisis.org/1979/nationalsozialismus-und-antisemitismus

2 | Adolf Hitler, Mein Kampf, 228f