21.11.2022 

Religion als Mythenmix. Über Harald Strohms Buch „Jesus und das Somaopfer“

Ein neues Buch zeigt, wie das Christentum aus der Neukombination alter indischer und persischer Mythen entstanden ist

Peter Samol

In seinem neuen Buch „Jesus und das Somaopfer. Zur indo-iranischen Vorgeschichte es Christentums“ weist Harald Strohm auf erstaunliche Übereinstimmungen zwischen Jesu letzten Abendmahl und dem indo-iranischen Somakult hin. Auch ansonsten wurde das Christentum bei seiner Entstehung in einem erheblichen Ausmaß durch Kulte geprägt, über die sich die Kirchenvertreter bis heute ausschweigen.

Bekanntlich soll Jesus beim letzten Abendmahl folgende Worte gesagt haben: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird … und dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“ Noch in der selben Nacht, so die Überlieferung weiter, wurde er von den Römern verhaftet und bald darauf gekreuzigt, um dann angeblich vom Tod wieder aufzuerstehen. Diese Auferstehung ist das zentrale Dogma der Kirche. Wer daran nicht glaubt, ist im Grunde kein Christ.

Was nur wenigen bekannt ist: Seinerzeit drängten indo-iranische Religionen vehement nach Westen. Der Zimmermannssohn aus Nazareth dürfte von ihnen gewusst haben und es spricht Vieles dafür, dass seine Lehren und sein Wirken sich auf entsprechende Kulte bezogen haben. Eine der ältesten indo-iranischen Traditionen war das Somaopfer, das vermutlich schon in der Jungsteinzeit entstand. Bei dieser Zeremonie wurde aus der rhabarberähnlichen Somapflanze ein rötlicher, leicht berauschender Saft gepresst, der als das Blut des Gottessohnes Soma galt. Soma wurde dabei symbolisch geopfert, um anschließend verklärt wieder aufzuerstehen. Wer hier das Gründungsdrama des Christentums wiedererkennt, liegt laut Buchautor Harald Strohm völlig richtig, denn die Berichte von Jesu Tod und seiner Auferstehung folgen genau dem selben Muster. Auch der Umstand, dass dabei Wein statt Soma-Saft benutzt wurde, spricht nicht dagegen, denn Rotwein war auch in Indien und im Iran ein üblicher Ersatz für die seltenen und schwer zu beschaffenden Soma-Stängel. Strohm vermutet, dass Jesus und seine Begleiter den Soma-Kult wiederholt als kleines Schaustück vor Publikum inszenierten. Dabei ging es nicht wirklich um Tod und Auferstehung, sondern um die symbolische Darstellung einer kindlichen Entwicklungsphase, die sich in etwa im sechsten Lebensmonat jedes Menschen ereignet. Jesus und die anderen Darsteller griffen bei ihren Aufführungen auf einen sehr alten Mythenschatz zurück, der eine Jahrtausende überspannende Evolution hinter sich hatte, bei der alte Erzählungen und Kulthandlungen immer besser darin wurden, Resonanz beim Publikum zu erzeugen. Im Laufe der Zeit entstanden auf diese Weise psychologisch stimmige Narrative und Kulttraditionen, die den Menschen Orientierungshilfen und Anleitungen für zahlreiche Lebenssituationen boten.

Was für die Massen ein interessantes und bewegendes Schaustück war, stellte für die jüdischen Priesterschaften eine Gefahr dar. Aus ihrer Sicht warb Jesus die Menschen für eine fremde Religion ab. Sie reagierten darauf bekanntlich, indem sie Jesus bei den Römern als angeblichen Aufrührer anschwärzten und erfolgreich auf seine Kreuzigung drängten. Dieser reale Tod am Kreuz hatte kein Vorbild in den alten Geschichten und stellte eine völlig unerwartete Katastrophe dar. Jesus und seine Leute hatten ihn nicht kommen sehen, denn dieser Tod war auf keinen Fall mit der Somazeremonie gemeint. Damit hätte die Geschichte um Jesus zu Ende sein können und er wäre der Vergessenheit anheim gefallen.

Es kam bekanntlich anders. Was ist damals geschehen? Eine, wenn nicht die zentrale Figur bei den folgenden Ereignissen war der Apostel Paulus. Vielleicht hat es neben ihm noch andere entscheidende Personen gegeben, aber die Geschichte von Paulus ist als einzige hinreichend bekannt und dokumentiert. Paulus und Jesus sind sich allen Berichten zufolge niemals real begegnet. Jesu Leben und seine hinterbliebene Anhängerschar weckten jedoch das Interesse von Paulus. Kurz vor der Stadt Damaskus, die er ursprünglich aufsuchen wollte, um die dortigen Jesus-Anhänger zu bekämpfen, hatte er eine Vision, durch die er sich zum letzten und eigentlichem Apostel berufen fühlte. Er wurde fortan im Sinne des Christentums, wie er es verstand, tätig.

Mit Paulus kam aber auch ein weiterer importierter Kult ins Spiel. Anders als Jesus war Paulus ein selbst- und weltverachtender Mensch, der durch und durch vom Geist des persischen Zarathushtra-Kults gefärbt war. Statt Jesu Leben zu ergründen, zielte sein Engagement vielmehr auf die Erschaffung einer Theologie, bei welcher das Kreuz im Mittelpunkt stehen sollte. Laut Paulus war Jesus dazu berufen, die irdische Welt durch den eigenen Kreuzestod einem vorgesehenen Untergang und Neubeginn zuzuführen. Diese Auffassung sollte Paulus fortan verkünden, wobei er sie mit dem Titel Evangelion – altgriechisch für Frohe Botschaft – versah. In dieser angeblich frohen Botschaft etablierte Paulus vor allem zarathushtrische Mythologeme, die fortan das Fundament und die Grundstruktur des Christentums bilden sollten.

Worin bestanden die neuen Momente? Mit dem Thema des Zarathushtrismus und seiner Wirkung auf die Welt hat sich Harald Strohm bereits in seinem sehr lesenswerten Buch „Die Geburt des Monotheismus im alten Iran“ aus dem Jahr 2014 beschäftigt. Demnach hatte der vom altiranischen Propheten Zarathushtra begründete Kult um den Einen Gott namens Ahura Mazda bereits entscheidenden Einfluss auf das Judentum; vor allem, indem er diesem den Monotheismus aufprägte. Vermittelt durch Paulus sollte der Zarathushtrismus nun auch dem Christentum seinen unverkennbaren Stempel aufdrücken. Der eine Gott Zarathushtras war kein liebevoller Vater wie der Gott Jesu, sondern ein prinzipienreitender, penibler und strafender Gott. Die Welt erschien aus der Perspektive dieses Kults als ein durch und durch verdorbener Sumpf des Niederträchtigen, der so bald wie möglich sein Ende finden sollte. Dabei würde die ganze Welt in einer Feuersbrunst entflammen, in der die Bösen und alles Böse endgültig vernichtet werden sollten; für alle Guten und alles Gute aber würde sich eine zweite, ewig heile Welt eröffnen. Um in das verheißene Paradies nach dem Tod aufgenommen zu werden, muss man sich zuvor allerdings einem finalen Gericht stellen. Statt wie der Soma-Kult lebensbejahende Hilfe und Orientierung im Diesseits anzubieten, versprachen die Anhänger Zarathushtras also eine Erlösung, die erst in der Zukunft stattfinden sollte.

Der Zarathushtrismus war damals schon lange bekannt. Auf der Ebene der puren Machtergreifung nicht sonderlich erfolgreich, wirkte er vielmehr wie ein schleichende Gift, indem er die vorgefundenen Kulturen ideologisch infiltrierte. Auf diesem Weg hatte er nicht nur das Judentum, sondern unter anderem auch den Platonismus und die damals weit verbreiteten Mysterienreligionen geprägt. Nun also sollte, vermittelt durch Paulus, auch das Christentum vom Geist des Zarathushtrismus geformt werden.

Aber auch das Wirken von Paulus wäre vermutlich in Vergessenheit geraten, wenn nicht ca. hundert Jahre nach ihm eine weitere Person auf den Plan getreten wäre. Zu jener Zeit waren zwar noch Erinnerungsspuren von Paulus vorhanden, die jedoch allmählich verwehten. Dann erschien der vermögende pontische Reeder Markion. Markion war ein glühender Paulus-Verehrer und ebenso wie dieser vom Geist des Zarathushtrismus beseelt. Zum Christentum konvertiert, nutzte Markion seine Mittel, um die noch auffindbaren Paulusbriefe zu sammeln. Außerdem ließ er sich alles noch vorhandene Material über das Leben und Wirken von Jesus zutragen; daraus konstruierte er eine Art Biographie, die er mit dem von Paulus entliehenen Begriff Evangelium versah. Die gesammelten Paulusbriefe und das Evangelium brachte er gemeinsam in einer Schrift heraus, die er als Neues Testament bezeichnete.

Mit seinem Evangelium hatte Markion eine neue literarische Gattung gegründet. Dieser Schrift verdankt die Nachwelt zwar mit Abstand die meisten Informationen über das Leben und Wirken Jesu, aber es ist zugleich ein recht späte und subjektive Konstruktion, bei der sämtliche Überlieferungen durch das Nadelöhr eines rigiden Zarathushtrismus gefiltert und überformt wurden. Auf alles andere als historische Treue bedacht, produzierte Markion ein eigentümliches und heterogenes Gemenge aus Somaopfer und Zarathushtrismus. Es sollte fortan zum Leitmotiv für die weitere Entwicklung des Christentums werden. Der Grundton war hier, genauso wie schon bei Paulus, eindeutig kreuzestheologisch und weltverneinend. Laut Strohm bestand der schwerwiegendste Eingriff Markions in einer Veränderung der Reihenfolge der geschilderten Ereignisse, die Strohm als Markions Rochade bezeichnet. Bei Paulus endete die Überlieferung noch mit Jesu Tod am Kreuz – und damit ohne Auferstehung. Markion griff dagegen die Erzählung vom Somaopfer auf und montierte die Kreuzigung, die faktisch nach der schauspielerischen Darbietung vom Somaopfer stattgefunden hatte, mitten in die Geschichte hinein. Durch diese Umstellung fingierte Markion einen scheinbar empirischen Beweis für die Auferstehung Jesu nach dem Kreuzestod, und die zuvor nur gespielte Auferstehung erschien dadurch als eine reale Tatsache. Nun stellten die damaligen Ereignisse sich so dar, als wäre Jesus nach seiner Hinrichtung ganz real wieder auferstanden. Damit schien Paulus’ Verkündigung einer Wiederauferstehung der Gläubigen nach einem prophezeiten Weltende empirisch bereits im Diesseits belegt zu sein – quasi durch eine Art Vorab-Demonstration in Form von Jesu Auferstehung.

In den christlichen Zirkeln schlug Markions Evangelium nicht nur mächtig ein, sondern veranlasste darüber hinaus etliche Kopien und Plagiate. Darunter auch jene vier Evangelien, die schließlich Eingang in die Bibel finden sollten. Strohm liefert zu Untermauerung dieser These auch Indizien, wonach diese Evangelien viel später anfertigt wurden als allgemein angenommen. Die Markionsche Rochade wurde von sämtlichen Evangelisten beibehalten. Auf ihrer Grundlage setzte sich fortan in den führenden Kreisen der Geistlichkeit allmählich jenes zarathushtrisch legierte Christentum durch, wie es bis heute offiziell vorherrscht: weltverneinend, frauenverachtend, jenseitsfixiert, erlösungsbedacht, asketisch moralisierend und trotzdem zugleich darauf angelegt, neben der kirchlichen auch die eigene weltliche Macht zu konsolidieren und zu erweitern.

Ganz in der Tradition des Zarathushtrismus steht dabei ein Gott im Zentrum, der nicht nur keine anderen Götter neben sich duldet, sondern generell keine anderen Religionen. Für diesen Ausschließlichkeitsanspruch eigneten sich Kreuz und Auferstehung hervorragend als Alleinstellungsmerkmale. Angemeldet bei Paulus, ausformuliert bei Markion, weiter vervollkommnet bei Augustinus und politisch erfolgreich umgesetzt und institutionalisiert ab dem frühen Mittelalter, bewirkte das Christentum im Abendland eine durch die Jahrhunderte fortwährende Tendenz zur leib- und weltfeindlichen Orientierung an abstrakten und jenseitigen Prinzipien, die letztlich auch eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung des Kapitalismus gestellt haben dürften.

Die Ursprünge dieser Entwicklung werden im vorliegenden Buch ausführlich dargelegt. Zuweilen muss man sich hier durch große Berge zusammengetragenen Beweismaterials wühlen, die der Autor mit der Akribie eines Strafermittlers zusammengetragen hat. Aber es lohnt sich. Der neue und erhellende Blick auf die einflussreichste aller Religionen und die westliche Kultur, die von ihr entscheidend mitgeprägt wurde, ist diese Mühe allemal wert.

Harald Strohm: Jesus und das Somaopfer. Zur indo-iranischen Vorgeschichte es Christentums. Paderborn (Brill Fink) 2022. 529 S., 49,90 €