Krisis 26 — Editorial
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Zur Kritik von Wille und Freiheit bei Kant [pdf]
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Inhalt – krisis 26
| 5 | Editorial |
| 13 | Robert Kurz
Negative Ontologie Die Dunkelmänner der Aufklärung und die Geschichtsmetaphysik der Moderne |
| 43 | Karl Heinz Lewed
Die Höllenfahrt des Selbst |
| 84 | Roger Behrens
Emanzipatorische Praxis und kritische Theorie des Glücks |
| 105 | Birgit Niemann
Die Renaissance des biologischen Menschen |
| 129 | Anselm Jappe
Waren die Situationisten die letzte Avantgarde |
| 142 | Anselm Jappe
Eine Frage des Standpunkts Anmerkungen zur Aufklärungskritik |
| 152 | Franz Schandl
Finale des Rechts Hypothesen über das Absterben eines abendländischen Formprinzips |
| 157 | Robert Kurz
Gesellschaftliche Naturkatastrophen Die synchronen Überschwemmungen und Dürren in der ganzen Welt kündigen eine neue Qualität der ökologischen Krise an |
Das Gesamtinhaltsverzeichnis der Krisis-Ausgaben ist im Internet abrufbar unter: www.krisis.org
Anselm Jappe
Es wäre recht banal, der Aufklärungskritik einfach vorzuwerfen, sie sei selber noch dem aufklärerischen Denken verhaftet. Die verschiedenen Varianten dieses Vorwurfs sind durchaus überzeugend von Kurz selber widerlegt worden. Aber in einem Punkt scheint die Aufklärungskritik tatsächlich zutiefst aufklärerisch zu bleiben, ja aufklärerischer als die Aufklärung selbst zu sein: in dem Wunsch, tabula rasa zu machen, im Ikonoklasmus, im Bruch mit allen Traditionen. Wenn man „sich nur mit Zorn und Ekel vom geistigen Gesamtmüll des Abendlands abwenden“ kann (Robert Kurz, Blutige Vernunft in: Krisis 25 [2002], S. 66; im folgenden zit. als BV), dann bleibt tatsächlich nur noch der völlige Neuanfang, ohne auf irgend etwas Überliefertem aufbauen zu können.
Für Katrin und Gerd
Roger Behrens
„Das Glück ist qualitativ unendlich vielfältig, das Unglück nur quantitativ.“ — Horkheimer, Notizen und Dämmerung, Frankfurt am Main 1974, S. 46
Dass aber Gott seinerzeit keine Patente angemeldet hat, wird ihn noch teuer zu stehen kommen, denn sein Ebenbild ist in Gefahr. — Erwin Chargaff
von Birgit Niemann
„Nirgendwo in der Biologie habe ich so etwas wie die Würde des Menschen gefunden“, begann der Bio-Mathematiker Jens Reich seinen Vortrag auf dem Symposium „Fortpflanzungsmedizin in Deutschland“1, mit dem die damalige grüne Ministerin Andrea Fischer die Diskussion, die verschiedene Interessengruppen um den Schutz von menschlichen Embryonen schon länger führten, im Mai 2000 in die Öffentlichkeit trug. Damit dieser Satz allgemeingültig wird, muss man ihn präzisieren. Er lautet dann: Lebensprozesse, die „das Genom“ organisiert, sind frei von moralisch-ethischen Kategorien wie „die Würde des Menschen“. Was weder Jens Reich, noch sonst Jemand auf dem genannten Forum erwähnte, soll hier ergänzt werden: Lebensprozesse, die „das Kapital“ organisiert, sind ebenfalls frei von moralisch-ethischen Kategorien wie „die Würde des Menschen“. Das heutige Kapital aber organisiert fast die gesamte individuelle und gesellschaftliche Reproduktion. Zu dem Wenigen, was es der menschlichen Selbstbestimmung bisher noch nicht entrissen hat, gehört die biologische Reproduktion von Menschen.
Anselm Jappe
Es ist heute Mode, sich auf die Situationisten als die „letzte Avantgarde“ zu beziehen. Das ist einerseits absurd, oder reine Selbstbeweihräucherung, wenn diese Kennzeichnung dazu dient, die Situationisten mit anderen sogenannten Avantgarden der sechziger Jahre, wie Fluxus oder dem Happening, zu verbinden, die von den Situationisten in Wirklichkeit entweder ignoriert oder verachtet wurden. Andere glauben, sie könnten diese Fackel des Avantgardismus gegenwärtigen Kunstströmungen einfach weiterreichen, oder einzelne, aus ihrem Zusammenhang losgelöste Elemente der situationistischen Produktion der ersten Jahre, wie das Détournement (die Zweckentfremdung), die Dérive (das Umherschweifen) oder die Psychogeographie als immer noch interessante Neuigkeiten verkaufen. Andererseits enthält die Charakterisierung der Situationisten als „letzte Avantgarde“ eine unfreiwillige Portion Wahrheit. Die Geschichte der Situationisten, oder jedenfalls die persönliche Guy Debords, hat die historische Verlaufsform der Avantgarden zu ihrem logischen Abschluß geführt. Sie setzt einen Schlußpunkt und beweist gleichzeitig die Unmöglichkeit einer Avantgarde heute. Sie zeigt, daß die Avantgarde keine überhistorische und ewige Kategorie ist, genausowenig wie die Kunst selbst es ist, sondern einem gewissen Moment der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft angehört.
Franz Schandl
Der Kapitalismus gibt heute ein Tempo vor, dem seine Formprinzipien nicht mehr gewachsen sind. Sie sind für diese Geschwindigkeiten nicht geschaffen. Produktivkraftentwicklung und Gesellschaftsformation kollidieren, ja sie kollabieren, sehen wir uns nur die weltweiten Zusammenbruchsökonomien in Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa an. Nicht die Universalisierung von Demokratie und Recht steht an, sondern deren Einschränkung. Das Siegende verliert an Boden, erweist sich immer mehr als das Sinkende. Der auch in den Zentren des demokratischen Kapitals grassierende Rechtspopulismus, das Abstürzen der traditionellen demokratischen Kräfte ins Nichts (gegenwärtig Italien, morgen Frankreich, übermorgen woanders) zeigt deutlich die Ermüdungserscheinungen der westlichen Demokratien und ihren bürgerlichen Formprinzipien.