31.12.2006
Noch vor wenigen Jahren galt es als ausgemacht: »Das Subjekt ist tot«. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus schien die Idee einer Befreiung von kapitalistischer Herrschaft nicht nur praktisch blamiert; in der postmodernen Dekonstruktion des Emanzipationssubjekts wurde sie auch theoretisch entsorgt. Mittlerweile hat sich das Szenario verändert. Mit dem Protest gegen die marktradikale Zurichtung der Gesellschaft kommt auch die traditionelle Kapitalismuskritik wieder zu Ehren. Sogar das längst tot geglaubte Klassensubjekt erlebt ein unerwartete Renaissance.
Gegen dieses Wiedergängertum wenden sich die Beiträge in krisis 30. Statt auf eine Entsorgung der Subjektkritik, zielen sie darauf, diese ernst zu nehmen und kapitalismuskritisch zu reformulieren. Sie werfen damit die Frage auf, wie sich Emanzipation als Emanzipation vom Subjekt neu bestimmen lässt.
Inhalt krisis 30
31.12.2006

Im Frühjahr 2006 kletterten die Börsenindizes auf seit dem Crash der “New Economy” nicht mehr erreichte Stände. Kaum ein transnationales Unternehmen, das im letzten Jahr keine rekordverdächtigen Gewinne ausgewiesen hätte. Sogar die deutsche Wirtschaft blickt so optimistisch in die Zukunft wie schon lange nicht mehr. Kehren die 1980er Jahre mit ihren überschäumenden Erwartungen auf einen neuen kapitalistischen Frühling wieder? Aus der Perspektive der Anlageberatung mag diese Frage berechtigt erscheinen, was die gesamtgesellschaftliche Großwetterlage angeht, mutet sie dagegen absurd an. Von einer Wiederkehr jener Don’t-worry-be-happy-Stimmung, die in den “Roaring Eighties” den Boom begleitete, kann beim besten Willen nicht die Rede sein. Nicht nur in Deutschland, auch in den anderen Metropolenländern predigt der Zeitgeist stattdessen “Blut, Schweiß und Tränen”.
Weiterlesen »
30.12.2006
< 
Warum das Proletariat im kapitalistischen Krisenprozess nicht wieder aufersteht.
Aus: Jungle World 26 vom 28. Juni 2006
Von Norbert Trenkle
Während auch in den ehemaligen Gewinnerländern des Weltmarkts die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse fortschreitet und immer größere Teile der Bevölkerung erfasst, hat die Rede von einer Rückkehr der Klassengesellschaft und des Klassenkampfes Konjunktur. Angesichts der rapide verschärften sozialen Polarisierung mag sie zunächst plausibel erscheinen. Doch wie so oft trägt der Rückgriff auf die Deutungs- und Erklärungsmuster der Vergangenheit nicht etwa zur Klärung, sondern nur zur Verwirrung bei. Entgegen dem ersten Augenschein lässt sich weder die extrem wachsende soziale Ungleichheit adäquat in den Kategorien des Klassengegensatzes fassen, noch entsprechen die daraus resultierenden Interessengegensätze und -konflikte dem, was als Klassenkampf geschichtsmächtig wurde.
Weiterlesen »
29.12.2006
Über die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberalen Metropolen zu organisieren [1]
Marco Fernandes [2]
„Ich glaube, die Piquetes haben auf ihre Weise die Apathie gesprengt. Wir haben das Land aus den süßen Träumen aufgerüttelt, die Menem und all diese Politiker verkauften; wir waren wie der Durchbruch eines neuen Lichts. Zusammen mit anderen Kämpfen haben wir das Land aus der Wunschträumen der Postmodernität aufgeweckt. Sie haben uns Piqueteros genannt, und das war unsere Art zur ganzen Gesellschaft zu sprechen , ihr zu sagen, dass es andere Kampfformen gibt, und um unserer Leidenschaft und unserer Würde Ausdruck zu verleihen.“ (Aktivist des MTD Solano) [3] Weiterlesen »
27.12.2006
Ernst Lohoff
1.
Was Anspruch und Ausgangspunkt angeht, liegen Peter Kleins „Die Schizophrenie des modernen Individuums“ und meine „Verzauberung der Welt“ nahe beieinander. Beiden in der krisis 29 publizierten Beiträgen geht es um radikale Subjektkritik, beide stellen dabei vor allem das antimetaphysische Selbstverständnis des Warensubjekts in Frage. Auch wenn sich das moderne Warensubjekt einredet, es sei ein ganz dem Diesseits zugewandtes Wesen und habe alles „Übersinnliche“ hinter sich gelassen, der Subjektform liegt eine zutiefst metaphysische Struktur zugrunde. Unerkannt bleibt diese nur, weil sie in die alltäglichen Beziehungen eingerückt und damit omnipräsent geworden ist, so die gemeinsame Grundthese. Der Triumph des positiven Denkens markiert demnach keineswegs die Befreiung von der Metaphysik, wie Auguste Comte und seine Erben unterstellte bzw. unterstellen, sondern den Eintritt in ihr höchstes Entwicklungsstadium. Weiterlesen »