Gebrochene Negativität
Anmerkungen zu Adornos und Horkheimers Aufklärungskritik [PDF]
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Inhalt – krisis 25
| 5 | Editorial |
| 21 | Claus-Peter Ortlieb
Die Aufklärung und ihre Kehrseite Zur Rettung einer “banalen Einsicht” |
| 9 | Norbert Trenkle
Gebrochene Negativität Anmerkungen zu Adornos und Horkheimers Aufklärungskritik |
| 66 | Robert Kurz
Blutige Vernunft 20 Thesen gegen die sogenannte Aufklärung und die westlichen Werte |
| 98 | Ernst Lohoff
Antikapitalistisches Frühlingserwachen? Die Globalisierungskritik zwischen Krisenverwaltung und Emanzipation |
| 121 | Anselm Jappe
Des Proletariats neue Kleider Vom Empire zurück zur Zweiten Internationale |
| 138 | Udo Winkel
Unsystematische Gedanken zur Aufklärungsproblematik |
| 142 | Roger Behrens
Jeder ist sein eigenes Würstchen. Oder: Naive und Kritische Theorie |
| 150 | Ernst Lohoff
Frankenstein kann es nicht richten |
| 155 | Torsten Liesegang
Die Wiederkehr der Popliteratur als Farce |
| 163 | Ernst Lohoff
Die Geister, die sie riefen |
| 166 | Udo Winkel
Legenden vom Werden und Mythos der Nation |
Das Gesamtinhaltsverzeichnis der Krisis-Ausgaben ist im Internet abrufbar unter: www.krisis.org
Wir leben in Zeiten okzidentaler Verbrüderung. Kein Orden, der nicht Treueschwüre und Dankesbriefe ans Pentagon schickt. Darüber sollten kleinere Rangeleien (z. B. EU contra USA) nicht hinwegtäuschen. Auch nicht, dass die Treue nicht persönlich, sondern ganz sachlich verstanden wird, sie gilt nicht den werten Herren im Weißen Haus, sondern den Herrenwerten der weißen Männer. Ja, um die Zivilisation und um die Aufklärung geht es, das ist der letzte gemeinsame Nenner, für den jetzt im Namen der säkularisierten Religion des Werts Krieg geführt wird.
Michael Hardt/Antonio Negri, Empire, deutsche Übersetzung von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn, Campus Verlag, Frankfurt / New York 2002, 480 S.
Anselm Jappe
In der New York Times, bekanntlich ein Sprachrohr kritischer Gesellschaftstheorie, feierte Slavoy Zizek das im April 2000 in den USA erschienenem Empire letzten Sommer als das Kommunistische Manifest des 21. Jahrhunderts. Das Buch sei ein „epochemachendes“ Werk, das den Protest wieder in Mode gebracht habe. Ähnlich äußerten sich Time und andere große bürgerliche Organe.Zwar bekamen die Autoren nach dem 11. September in den amerikanischen Medien auch ein wenig Prügel. Aber das Feuilleton haben sie jedenfalls gründlich in Aufregung versetzt.
Ernst Lohoff
1.
Der Kontrast könnte kaum schärfer ausfallen. Seit einem Vierteljahrhundert befindet sich die Linke weltweit in der Defensive und im Niedergang. Auf den Zusammenbruch des Realsozialismus folgte die völlige Marginalisierung antikapitalistischer Vorstellungen in den 90er Jahren. Pünktlich zum Jahrtausendwechsel aber scheint sich eine Trendwende anzudeuten. Was mit den Protesten gegen das MAI-Abkommen in Seattle begonnen hatte, erreichte nach der „chilenischen Nacht“ von Genua im Juni 2001 einen ersten Höhepunkt. Eben stand der Zeitgeist noch auf Kapitalismus pur und jedes Infragestellen der Marktimperative galt ihm als so abwegig wie eine Polemik gegen die Schwerkraft und ihre Folgen; plötzlich macht sich Argwohn gegenüber der Diktatur der reinen Marktlogik breit. Der im Gefolge der neoliberalen Revolution triumphierende Sozialdarwinismus neuer, individualisierter Prägung rückt in die Schusslinie. Die Idee der Emanzipation ist gar nicht so mausetot, wie es den Anschein hatte.
Ernst Lohoff
Die Wanderprediger der totalen Marktwirtschaft beglücken die Öffentlichkeit seit Jahr und Tag mit der gleichen Botschaft: Wirtschaft bedeutet heute immer schon Weltwirtschaft. Im Zeitalter des entgrenzten Marktes gelte es, in globalen Zusammenhängen zu denken. Seltsamerweise ist diese Standardfloskel sofort vergessen, sobald die Rede auf die sich häufenden akuten Kriseneinbrüche kommt. Ob Russland, Lateinamerika oder die vielgerühmten Tigerstaaten heftige Finanzmarkt-Turbulenzen durchmachen und ökonomisch in die Bredouille geraten, die „Ursachenforschung“ kommt immer zum gleichen Ergebnis: hausgemacht, selber schuld. Selbst im Falle Japans, der einstigen – inzwischen allerdings mit einem akut einsturzgefährdeten Bankensektor und einer explodierenden Staatsverschuldung geschlagenen – Wirtschafs-Großmacht, argumentiert die Marktwirtschaftsideologie neunmalklug im Stile einer Prädestinationslehre: Dass eine Volkswirtschaft unter die Räder kommt, ist schon Beweis genug, dass sie den leuchtenden Pfad marktwirtschaftlicher Tugend verlassen hat; deshalb kassiert sie nun ihre gerechte Strafe.
Torsten Liesegang
„Popliteratur“, im Literaturbetrieb als Signum für eine neue „junge Literatur“ verwendet, ist Teil der nationalkulturellen Erneuerungsversuche, die nach 1989 verstärkt auf allen Gebieten der Kulturproduktion zu beobachten sind. Nach Ausstellungen wie deutschlandbilder. Kunst in einem geteilten Land (1997, Berlin) und der Eindeutschung der Popmusik via Viva und Viva II und beispielhaft in der mehrfach ausgestrahlten TV-Dokumentarreihe Pop2000 wird nun Literatur in eine nationale Matrix eingeordnet. Seit Ende der neunziger Jahre haben Verlage wie Kiepenheuer & Witsch, Argon und Suhrkamp unter dem Sammelbegriff einer „neuen deutschen Popliteratur“ eine überschaubare Anzahl von jüngeren Autoren mit großen Auflagenzahlen etablieren können. Damit wurden nicht neue Erzähl-, sondern neue Vermarktungsstrategien jenseits des traditionellen Literaturbetriebs erfolgreich erprobt, mit einem Autorentypus des jungen, flexiblen Medienarbeiters, der neben der Literatur noch als Gag-Schreiber bei der Harald-Schmidt-Show, Feuilleton-Schreiber bei der FAZ, DJ. etc. fungiert.
Du glaubst, du seist dem Kloster entronnen? Es muß jetzt jeder sein Leben lang ein Mönch sein — Sebastian Franck
Wenn wir die Warensubjekte kritisieren, heißt das nicht, daß wir schon keine mehr wären — Claus Peter Ortlieb
Udo Winkel
I.
Wer die Aufklärung zum notwendigen Ausgangspunkt für jedes kritische Denken und jegliche Reflexion erklärt, wie in sich widersprüchlich und dialektisch diese auch gesehen werden mag, kann sich darauf berufen, daß sie natürlich Bedingung der Möglichkeit der Reflexion in der und über die Moderne ist und insofern unhintergehbar bleibt. Jede Fetischform bringt notwendigerweise, durch die vollzogene Objektivierung ein „Subjekt-Objekt-Verhältnis” und damit Reflexion hervor, wie mystifiziert diese auch sein mag. Die Aufklärung kritisiert die Fetischformen der vorbürgerlichen Gesellschaften, wobei die Religionskritik nicht über den Priesterbetrugsvorwurf hinauskommt.