19.02.2024 

Wie weiter nach dem 7. Oktober? Aktuelle Texte und Hintergrund (aktualisiert am 4.1.2024)

Der 7. Oktober 2023 ist eine Zäsur. An diesem Tag wurden im Süden Israels 1400 Menschen auf bestialische Weise ermordet, gefoltert oder als Geiseln genommen. Zu Opfern des detailliert geplanten Terrors wurden sie aus einem einzigen Grund: weil die fundamentalistische Hamas sich nach Vernichtung von jüdischen Menschen sehnt. Seitdem sollten eigentlich die „Gleichzeitigkeiten des Schmerzes und der Trauer“ (@xanax_attax) das politische Geschehen bestimmen. Stattdessen brennen Synagogen, werden Wohnungen mit Davidsternen markiert und das Massaker wird gerade auch von vielen Linken als „legitimier Befreiungskampf“ auf perfide Weise verklärt. Die Geschichte wird sich in Zukunft in ein Davor und ein Danach teilen. Wie ist ein Weiter nach den entsetzlichen Ereignissen möglich? Wir wissen es nicht.

Zwei Dinge aber sollten klar sein. Angesichts des jetzt überall aufflammenden Antisemitismus benötigen Juden und Jüdinnen auf aller Welt Israel mehr denn je als sicheren Zufluchtsort und haben jedes Recht, sich zu verteidigen. Außerdem steht außer Frage, dass es mit der Hamas und anderen islamistischen Organisationen keinen Frieden geben kann. Diese von apokalyptischen Phantasien getrieben Gruppierungen wollen den Krieg und sie wollen die Zerstörung nicht nur Israels, sondern aller Menschen und Lebensweisen, die nicht in ihr fanatisches Weltbild passen. Die Hamas verfolgt keine politischen Interessen, schon gar nicht die der Palästinenser:innen, in deren Namen sie vorgeblich spricht, sondern setzt alles daran, die ohnehin schon zerrütteten Grundlagen für eine politische Lösung endgültig zu zertrümmern. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wofür die Hamas steht, dann hat der Überfall vom 7. Oktober ihn geliefert. Dass sie nicht nur am Vorbild von Horrorfilmen orientierte Gewaltorgien zelebriert, sondern diese auch der Weltöffentlichkeit noch stolz in Videos präsentiert, zeigt, dass sie jeden Funken von Menschlichkeit verloren hat.

Die Hamas konsequent zu bekämpfen, hat rein gar nichts mit Rassismus oder Kulturalismus zu tun, wie es die postkoloniale Linke unreflektiert behauptet und damit den Terror mindestens implizit legitimiert. Deren bestialischer Nihilismus erklärt sich keineswegs aus „dem Islam“ (auch wenn er sich damit maskiert), sondern hat seine Wurzeln in der in Europa entstandenen Gegenmoderne und ist viel enger mit rechten Vordenkern wie Ernst Jünger und Carl Schmitt als mit dem Koran verwandt. So gesehen reiht sich das Massaker in Israel in den weltweiten Angriff regressiver Kräfte ein, die jede Perspektive auf menschliche Emanzipation zerstören wollen. Dagegen müsste eigentlich zuallererst die globale Linke aufstehen – wenn sie noch zu kritischem Denken bereit wäre. Auch und gerade die Menschen in Gaza haben von der Hamas nicht anderes zu erwarten als Elend, Gewalt und Unterdrückung. Das hat sie in den letzten sechzehn Jahren zu Genüge unter Beweis gestellt. Dass sie die durch ihre Gewaltherrschaft erzeugte Wut und Verzweiflung nach außen lenkt, als Haß auf Israel, gehört zu ihrer perfiden „Strategie“ dazu. Die Befreiung der Menschen in Gaza kann nur mit der Befreiung von der Hamas beginnen, die sie als menschliche Schutzschilde missbraucht und die ganz bewusst mit der Maximierung ziviler Opfer auf beiden Seiten kalkuliert.

Wir publizieren seit Jahren Texte und halten Vorträge zu (israelbezogenem) Antisemitismus und Islamismus. Eine Auswahl davon haben wir hier zusammengestellt. Es ist ein Versuch mit diesem historischen Bruch einen gesellschaftstheoretischen Umgang zu finden.

Außerdem möchten wir hier auch zur direkten Solidarität mit den Menschen in Israel aufrufen. Die zerstörten Dörfer und die zerstörten Leben brauchen jede mögliche Unterstützung. Freund:innen haben ein paar Spendenvorschläge zusammengestellt, die an konkrete Einrichtungen, Kampagnen bzw. betroffene Kibbuzim gehen. Gerne weiterleiten. Jede Spende in jeder Höhe zählt!

Und schließlich verlinken wir hier Texte zur aktuellen Lage sowie zum Hintergrund des Nahostkonflikts von verschiedenen Autor:innen.

Die Krisis-Redaktion, 29.10.2023 (aktualisiert am 4.1.2024)

Texte zur aktuellen Lage

Saba-Nur Cheema: »Der Nahost­konflikt ist eine Projektions­fläche«, Interview von Kathi King in iz3w 400, 12. Dezember 2023

Meron Mendel: Für einen universellen Humanismus. Interview von Florian Weiß, www.rosalux.de. , 6. Dezember 2023

Meron Mendel: «Ich will meine Linke wieder zurück», Interview von Anna Jikhareva in WOZ, 16. November 2023

Ingo Elbe/ Enrico Pfau: Missbrauch der Holocausterinnerung? Kritik an einem offenen Brief, Mena Watch, 28. November 2023

Amina Aziz: „Islamismus lebt vom Leid der Palästinenser*innen“, Interview in Belltower, 27. November 2023

Justus Cider: Das Original kommt aus Deutschland. Vom vergeblichen Versuch, Antisemitismus mit Rassismus auszutreiben, Disposable Times, 26. November 2023

Anastasia Tikhomirova: #MeToo unless you’re a Jew – über fehlende Solidarität mit Jüdinnen, Edition F, 23.11.2023

Ernst Lohoff: Dienstleister des transnationalen Antisemitismus. Hamas und der anhebende Weltbürgerkrieg, Jungle World 2023/47, 23.11.2023

Justus Cider: Kleine Politische Ökonomie der Hamas, Disposable Times, 15. November 2023

Unter dem Motto “Whispered in Gaza” gibt es hier eine Reihe animierter Videos, in denen Menschen aus Gaza Kritik an der Hamas üben und ihr die Schuld an der Situation geben.

Interview mit Abdul Kader Chahin: “Als Palästinenser bist du ein Niemand”
Süddeutsche Zeitung, 7. November 2023

Volker Weiß: Massaker und Message
Süddeutsche Zeitung, 2. November 2023

Jakob Blazza: Vergewaltigung als Marketingstrategie
Süddeutsche Zeitung, 2. November 2023

Avi Rybnicki: Ich klage an. Brief eines Israeli an europäische Linke / I accuse. Letter from an Israeli Leftist to Western Leftists
Der Standard, 1. November 2023

Eva Illouz: Wir, die Linken? Nicht mehr
Süddeutsche Zeitung, 28. Oktober 2023

Hintergrund des Nahost-Konflikts und seine Rezeption in der Linken

Ben-Dror Yemini: Frieden mit Israel: Eine Geschichte der palästinensischen Verweigerungshaltung. Mena Watch, 8. Juni 2023

Florian Markl : Hat die Fatah Israel anerkannt?, Mena Watch, 12. Januar 2021

Steffen Klävers: Postkoloniale Normalisierung: Anmerkungen zur Debatte um eine koloniale Qualität von Nationalsozialismus und Holocaust, Rote Ruhr-Uni

Überblick zur Israelischen Friedensdiplomatie und der Verweigerung auf arabischer Seite seit 1947 (plus Vorgeschichte seit 1919), Wkipedia-Artikel

Antisemitismus und Israelfeindschaft

Lothar Galow-Bergemann: Wegsehen oder Solidarität mit Israel? Civilization of Clash und antisemitischer Vernichtungswahn
https://www.krisis.org/2007/wegsehen-oder-solidaritaet-mit-israel/

Lothar Galow-Bergemann: Israel und die deutsche Linke (Audio) Warum es kein Rufmord ist über (linken) Antisemitismus zu sprechen
https://www.krisis.org/2015/israel-und-die-deutsche-linke-audio/

Moishe Postone: “Die mysteriöse Macht des Kapitals wird den Juden zugeschrieben
https://www.krisis.org/2010/die-mysterioese-macht-des-kapitals-wird-den-juden-zugeschrieben/

Lothar Galow-Bergemann: Was ist israelbezogener Antisemitismus? (Audio)
https://www.krisis.org/2014/was-ist-israelbezogener-antisemitismus-audio/

Ernst Lohoff: Geldkritik und Antisemitismus
https://www.krisis.org/1998/geldkritik-und-antisemitismus/

Interview mit Moishe Postone über den Zusammenhang von Weltmarkt, Kapitalismus und Antisemitismus
https://www.krisis.org/2003/moishe-postone-ueber-den-zusammenhang-von-weltmarkt-kapitalismus-und-antisemitismus/

Islamismus und Irrationalismus

Ernst Lohoff: Gott kriegt die Krise. Über falsche Kulturalisierung des Islamismus
www.krisis.org/2006/gott-kriegt-die-krise

Karl-Heinz Lewed: Erweckungserlebnis als letzter Schrei. Der Islamismus und die rational-irrationale Subjektivität der Warengesellschaft
https://www.krisis.org/2010/erweckungserlebnis-als-letzter-schrei/

Julian Bierwirth: Irrationalismus und Verschwörungswahn. Zur Verwandtschaft von Islamismus und anti-muslimischem Ressentiment
https://www.krisis.org/2015/irrationalismus-und-verschwoerungswahn/

Norbert Trenkle: Gottverdammt modern. Warum der Islamismus nicht aus der Religion erklärt werden kann
https://www.krisis.org/2015/gottverdammt-modern/

Karl-Heinz Lewed: Brüder, zum Gesetze, zur Freiheit. Über den Zusammenhang von Islamismus und westlichen Werten
https://www.krisis.org/2008/brueder-zum-gesetze-zur-freiheit/

Ernst Lohoff: Die Exhumierung Gottes. Von der heiligen Nation zum globalen Himmelsreich
https://www.krisis.org/2008/die-exhumierung-gottes/

Norbert Trenkle: Einleitung zum Sammelband: L’Exhumation des dieux.
https://www.krisis.org/2021/einleitung-fuer-den-sammelband-lexhumation-des-dieux/

Karl-Heinz Lewed: Finale des Universalismus. Der Islamismus als Fundamentalismus der modernen Form
https://www.krisis.org/2008/finale-des-universalismus/

Ernst Lohoff: Gewaltordnung und Vernichtungslogik
https://www.krisis.org/2003/gewaltordnung-und-vernichtungslogik/